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Ich mag die Buchstaben meines Alphabets. Nachts, wenn ich im Dunkeln liege und die einzige Spur von Leben ein kleiner roter Punkt ist, das Kontrollicht des Fernsehapparats, tanzen Vokale und Konsonanten für mich nach einer Farandole von Charles Trenet:De Venise, ville exquise, j'ai gardé le doux souvenir... Hand in Hand schweben sie durchs Zimmer, kreisen um mein Bett, flattern am Fenster entlang, schlängeln sich über die Wand bis zur Tür und heben zu einer neuen Runde an.
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Das scheinbar Ungeordnete dieses lustigen Defilees ist nicht das Ergebnis eines Zufalls, sondern gelehrter Berechnungen.
Eher als ein Alphabet ist es eine Hitparade, in der jeder Buchstabe seinen Platz nach der Häufigkeit seines Vorkommens in der französischen Sprache bekommen hat. So tummelt sich das E an der Spitze, und das W klammert sich fest, um nicht von der Schar fallen gelassen zu werden. Das B schmollt vor dem V, mit dem es dauernd verwechselt wird. Das stolze J, mit dem so viele Sätze anfangen, wundert sich, daß es so weit hinten steht. Gekränkt, daß es vom H um einen Platz geschlagen wurde, zieht das G ein Gesicht, und immer auf du und du (wie im französischen tu), genießen das T und das U die Freude, nicht getrennt worden zu sein. All diese Umstellungen haben einen Grund: die Aufgabe all derer zu erleichtern, die versuchen wollen, direkt mit mir zu kommunizieren.
Das Verfahren ist ziemlich rudimentär. Man buchstabiert mir das ABC in der ESA-Version, bis ich meinen Gesprächspartner mit einem Blinzeln bei dem Buchstaben anhalte, den er sich notieren soll. So geht es mit den folgenden Buchstaben weiter, und wenn kein Fehler passiert, erhält man ziemlich schnell ein ganzes Wort, dann mehr oder weniger verständliche Satzteile.
Das ist die Theorie, die Gebrauchsanweisung, die Erläuterung.
Nicht alle kommen gleich gut mit dem Code zurecht, wie man diese Art, meine Gedanken zu übersetzen, auch nennt.
Kreuzworträtsellöser und Scrabble-Spieler haben eine ganze Länge Vorsprung. Mädchen sind besser als Jungen. Durch viel
Übung kennen einige das Spiel auswendig und benutzen nicht einmal mehr das hochheilige Heft, halb Gedächtnisstütze, um die Buchstabenreihenfolge in Erinnerung zu bringen, halb Notizblock, auf dem alle meine Äußerungen verzeichnet werden wie die Orakel einer Pythia.
Ich frage mich, zu welchen Schlüssen die Ethnologen im Jahr 5000 kommen werden, wenn sie in diesen Heften blättern sollten, in denen sich auf ein und derselben Seite Sätze finden, wie: »Die Heilgymnastin ist schwanger«, »Vor allem an den Beinen«, »Von Arthur Rimbaud« und »Die Franzosen haben wirklich gespielt wie die Schweine«. Das Ganze unterbrochen von unverständlichem Gekritzel, falsch zusammengesetzten Wörtern, verlorenen Buchstaben und alleinstehenden Silben.
DieEmpfindsamenverlierenamschnellstendie Orientierung. Mit tonloser Stimme rasseln sie das Alphabet herunter, notieren auf gut Glück ein paar Buchstaben und rufen angesichts des Resultats ohne Hand und Fuß tapfer aus: »Ich bin einfach unfähig!« Das ist letztlich ganz erholsam, denn sie
übernehmen am Ende die ganze Unterhaltung, stellen die Fragen und geben die Antworten, ohne daß man sie anzukurbeln braucht. Mehr fürchte ich die Ausweichenden.
Wenn ich sie frage: »Wie geht's?«, antworten sie: »Gut« und schieben mir den Schwarzen Peter gleich wieder zu. Mit ihnen wird das Alphabet ein Sperrfeuer, und man muß zwei oder drei Fragen auf Vorrat haben, um nicht unterzugehen. Die Bedürftigen dagegen machen nie Fehler. Sie notieren gewissenhaft jeden Buchstaben und versuchen nie das Geheimnis eines Satzes herauszufinden, bevor er fertig ist.
Nicht einmal das kürzeste Wort wagen sie zu vervollständigen.
Nie würden sie von sich aus das »gnon« zu »Champi«, das auf
»Atomkraft« folgende »werk« oder das »lich« ergänzen, ohne das es kein »unend« und kein »unerträg« gäbe. Diese Umstandskrämer machen den Prozeß ziemlich langwierig, aber zumindest werden Sinnwidrigkeiten vermieden, in die sich die Impulsiven verstricken, wenn sie ihre Intuitionen nicht
überprüfen. Die Poesie dieser intellektuellen Spiele habe ich an dem Tag begriffen, als ich dazu ansetzte, um meine Sonnenbrille zu bitten, und man mich höflich fragte, was ich denn mit der Sonne wolle ...