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Den lärmenden Ultraleichtflugzeugen, die die Côte d'Opale in einer Höhe von hundert Metern überfliegen, bietet das Hôpital maritime einen fesselnden Anblick. Mit seinen massiven, überladenen Formen, seinen hohen braunen Klinkermauern im Stil der Häuser des Nordens wirkt es, als sei es inmitten der Sandflächen zwischen der Stadt Berck und den grauen Wassern des Ärmelkanals gestrandet. Am Giebel der schönsten Fassade steht wie an den öffentlichen Bädern und Gemeindeschulen in der Hauptstadt »Ville de Paris«. Im Zweiten Kaiserreich für kranke Kinder erbaut, denen das Klima in den Pariser Krankenhäusern keine Heilung bot, hat diese Außenstelle ihren extraterritorialen Status bewahrt.
In Wirklichkeit befinden wir uns zwar im Pas-de-Calais, doch für die öffentliche Fürsorge sind wir am Ufer der Seine.
Durch endlose Gänge miteinander verbunden, bilden die Gebäude ein wahres Labyrinth, und nicht selten begegnet man im Sorrel einem verirrten Patienten aus dem Ménard, nach den berühmten Chirurgen, deren Namen die Hauptgebäude tragen.
Die Unglücklichen haben den Blick von Kindern, die man gerade ihrer Mutter entrissen hat, und rufen, auf ihren Krücken zitternd, pathetisch: »Ich bin verloren!« Ich selbst bin ein Sorrel, wie die Krankenträger sagen, und finde mich ganz gut zurecht; aber bei den Freunden, die mich herumkutschieren, ist das nicht immer der Fall, und ich habe mir angewöhnt, angesichts der tastenden Versuche der Neulinge stoisch zu bleiben, wenn wir auf dem Holzweg sind. Es kann ja dazu führen, daß ich einen unbekannten Winkel entdecke, neue Gesichter erblicke, im Vorbeifahren einen Küchengeruch erwische. So bin ich bei einem der ersten Male, als man mich in meinem Rollstuhl umherschob, während ich gerade aus den Nebeln des Komas aufstieg, auf den Leuchtturm gestoßen. Er tauchte hinter der Biegung eines Treppenhauses auf, in das wir uns verirrt hatten: schlank, kräftig und beruhigend mit seiner rot-weiß gestreiften Livree, die einem Rugbytrikot ähnelte. Ich habe mich sofort unter den Schutz dieses brüderlichen Symbols begeben, das über die Seeleute wacht wie über die Kranken, diese Schiffbrüchigen der Einsamkeit.
Wir sind in ständiger Verbindung, und ich besuche ihn oft, wenn ich mich nach Cinecittà fahren lasse, eine der wichtigsten GegendeninmeinerimaginärenGeographiedes Krankenhauses. Cinecittà, das sind die immer menschenleeren Terrassen von Haus Sorrel. Nach Süden gelegen, bieten diese weiten Balkone ein Panorama, dem der poetische und windschiefe Charme von Filmkulissen entströmt. Die Vororte von Berck sehen aus wie Modellbauten für die elektrische Eisenbahn. Am Fuß der Dünen erwecken einige Baracken die Illusion einer Geisterstadt im Wilden Westen. Und was das Meer betrifft, so ist sein Schaum so weiß, daß er aus der Abteilung special effects zu stammen scheint.
Ich könnte ganze Tage in Cinecittà verweilen. Dort bin ich der größte Filmregisseur aller Zeiten. In der Stadt drehe ich noch einmal die erste Einstellung von Im Zeichen des Bösen.
Am Strand wiederhole ich noch einmal die Kamerafahrten in Ringo, und auf hoher See erschaffe ich noch einmal den Sturm, in den die Schmuggler in Moonfleet geraten. Oder ich löse mich einfach in der Landschaft auf, und nichts verbindet mich mehr mit der Welt als eine Freundeshand, die meine tauben Finger streichelt. Ich bin Pierrot le fou,[2] mit blauverschmiertem Gesicht und einem Kranz Dynamit um den Kopf. Die Versuchung, ein Streichholz anzuzünden, zieht schnell wie eine Wolke vorüber. Und dann kommt die Stunde, da der Tag zur Neige geht, der letzte Zug nach Paris zurückfährt und ich wieder in mein Zimmer muß. Ich warte auf den Winter. Warm eingemummelt können wir uns dann Zeit lassen, bis es dunkel wird, zuschauen, wie die Sonne untergeht und der Leuchtturm an ihre Stelle tritt, indem er Hoffnungsstrahlen in alle Richtungen wirft.
Pierrot le fou: Figur aus dem gleichnamigen Film von Jean-Luc Godard.