39573.fb2 Schwarzer Valentinstag - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 13

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DER STEIN

Was hielt Christoph noch in Straßburg? Er könnte schon längst wieder in Stuttgart sein, in seinem väterlichen Erbe. Er hatte alles erreich? was sein Vater und er sich erträumt hatten.

Aber der Vater war tot.

Er träumte oft von Esther, als wäre sie noch bei ihm. Er hörte, wie sie sagte: ›Mein weißer Elefant!‹, wenn sie ihm durch die Haare strich und einzelne Büschel seiner schwarzen Haare betrachtete. Sie lachte dann so hell, dass er davon erwachte und nicht mehr einschlafen konnte.

Die alte Esther hatte einmal ein Märchen erzählt, das er nicht verstanden hatte.

»Ein Mann ging auf seinen Acker, um zu säen. Das Saatgut trug er in einem Sack auf der Schulter. Der Weg zum Acker war weit. Als er schon ein großes Stück gegangen war, stürzten sich Krähen auf seinen Sack. Ihr Krächzen war so laut und das Schlagen ihrer Fittiche so heftig, dass er betäubt zu Boden stürzte. Als er wieder zu sich kam, hatten die Krähen das ganze Saatgut aufgefressen. So ging er wieder nach Hause, um anderes zu holen. Als er aber zu seinem Acker kam, war da ein Wald gewachsen. Ein dichter Wald mit vielen Blumen und Schmetterlingen. So dicht war der Wald, dass kein Plätzchen blieb, auf das er hätte säen können. Was soll ich mit Schmetterlingen und Blumen!, sagte der Mann. Ich will nach Hause gehen, meine Axt holen und den Wald fällen. Als er aber wieder an seinen Acker kam, war der Wald verschwunden. Stattdessen war da eine Wüste, in der es nur Steine gab und Staub und Sand und keinen Tropfen Wasser. So konnte er auch jetzt nicht säen.«

Die alte Esther hatte das Märchen erklären wollen. Aber etwas war dazwischengekommen, später hatte man nicht daran gedacht, und jetzt –

Christoph glaubte jetzt das Märchen besser zu verstehen, aber er hätte es nicht sagen können.

Es war die Angst vor der Pest, die ihn in Straßburg festhielt. Er müsste sich nach Stuttgart durchbetteln und er sah sich, wie er nach wenigen Tagen in irgendeinem Graben lag, mit Beulen unter den Armen, glühend vor Fieber.

Nie wusste man ja, ob man die Pest nicht schon in sich trug.

Also blieb er und wartete einsam auf das Ende der Seuche. Er hatte aber das Gefühl, als könne der Gewichtsstein seines Vaters, den er immer bei sich trug, die Pest verhindern.

Mit den ersten Frösten erlösche die Seuche. Die Leute sagten es mit zunehmender Spannung, weil es jetzt, Anfang Oktober, nicht mehr lange war bis dahin. Niemand wollte zum Schluss, kurz vor der Rettung, doch noch von der Pest geholt werden. Ein erstes Zeichen für die aufkeimende Hoffnung war, dass sich die Gassen der Stadt langsam wieder zu beleben begannen.

Aber die Krankheit dauerte an. Noch starben jeden Tag viele Menschen, es hieß sogar, die Zahl der Toten nehme wieder zu. Die Friedhöfe reichten längst nicht mehr aus, Gruben wurden ausgehoben und die Toten einfach hineingeworfen.

Gleichzeitig hörte man immer mehr Gerüchte über Heilungen und unverhoffte Rettungen: Wie Kranke, die man aufgegeben hatte, morgens plötzlich sehr schwach, aber fieberfrei nach Essen und Trinken verlangt hätten und in der Folge wirklich gesund geworden seien. Niemand wisse, warum. Sie bräuchten aber manchmal Wochen, um wieder einigermaßen zu Kräften zu kommen.

Das Betteln war immer leichter geworden. Nur sehr wenige Bettler gab es noch in Straßburg – kein Stand sei von der Pest so sehr heimgesucht worden wie die Bettler, hieß es. Der Stelzenklaus sei tot, wurde gesagt. Und die Angst vor der Krankheit machte die Menschen immer noch freigebig.

Brot und Fleisch waren freilich sehr teuer geworden, weil viel mehr Bäcker, Metzger und Müller starben als zum Beispiel Schmiede oder Gerber, hörte Christoph einmal sagen. Niemand konnte es erklären.

In den Kirchen lag das Abendmahl öffentlich aus. Jeder konnte es sich nehmen, weil keine Geistlichen mehr da waren, um es auszuteilen – sie waren entweder geflohen, die meisten aber bereits gestorben, weil sie einem Kranken die Beichte gehört oder mit ihm gebetet hatten. Der Bischof hatte alle Menschen in Straßburg auch ohne Beichte im Augenblick ihres Sterbens von ihren Sünden losgesprochen.

Einmal noch war Christoph im Viertel der Juden gewesen. Mit leerem Blick war er durch die Gassen gegangen. Es hatte sich kaum etwas geändert seit dem Valentinstag. Einige der reicheren Steinhäuser hatten neue Türen bekommen, offenbar hatten neue Besitzer begonnen die Häuser wieder herzurichten, auch das Haus Löbs. Aber jetzt standen die Arbeiten still, die Häuser waren alle leer.

Die Cheder, die Mikwe, der öde Brunnen mit den Eimern, die zu rosten begannen, die Synagoge – hier war es noch viel einsamer als auf den leeren Gassen und Plätzen der übrigen Stadt.

Christoph ging langsam zurück in die Christenstadt und beschloss nun nicht mehr hierher zu gehen.

Einmal ging er auf den Friedhof der Juden, auf dem er mit Esther gewesen war. Unkraut wucherte, Grabsteine waren umgestürzt. Christoph versuchte einen der kleineren wieder aufzurichten, aber er war zu schwach.

Dann sah er die große, neu aufgefüllte schwarze Fläche, auf der schon Wildblumen wuchsen. Tränen stiegen auf: Der Rat habe, so wurde gesagt, die Asche der verbrannten Juden aus Rotenkirchen überführen, hier einfüllen und mit Erde zudecken lassen. Schlechtes Gewissen? – Oder sollte es heißen, die Juden seien auf ihrem Friedhof verbrannt worden?

Trostlos nahm er einen großen Stein und legte ihn darauf.

Der Nebel lag über dem Strom, als Christoph auf der Fähre über den Rhein setzte. Wie Mehltau lag der Reif auf dem Strauchwerk, das sich aus dem Ufer löste, weiß verlor sich die Ebene um ihn, als er von der Fähre stieg. Weiß traten die Bäume aus dem Nebel, als er auf der Straße von Kehl aus abwärts wanderte. Gegen Mittag hellte der Nebel auf und zeigte rechts die dunkle Mauer des Schwarzwalds, dessen oberste Kante schon weiß war.

Der mächtige weiße Rücken ist die Grinde, dachte Christoph und schaute im Gehen lange hinauf.

Die Pest war, wie vorhergesagt worden war, mit den ersten Frösten zu Ende gegangen. Die letzten Toten waren begraben worden und Christoph musste nicht mehr damit rechnen, am Morgen irgendwo mit Pestbeulen aufzuwachen. Er war nicht allein auf der Straße. So viele Fuhrwerke, Bauern und Wanderer waren unterwegs, dass man meinen konnte, alles Versäumte sollte jetzt im Spätherbst noch nachgeholt werden.

Freilich, auf sehr vielen Äckern stand das Getreide jetzt noch im Oktober auf dem Halm, schwarz und verschimmelt. Obstbäume brachen beinahe unter der Last des ungeerntet faulenden Obstes.

Häuser sah er, an denen Fenster und Türen vernagelt waren. Oft sah er auch noch das weiße Pestkreuz an den Türen.

Bei jeder Rast schaute er den kleinen Gewichtsstein mit der Handelsmarke seines Vaters an: das wohl vertraute glänzende Messingrund mit der großen Vier und dem springenden Pferd darüber.

Die Pest hatte ihn verschont. Das musste ein gutes Zeichen sein!

Er machte Pläne: Er war alt genug, das Geschäft seines Vaters wieder aufzubauen. Er hatte viel gelernt, solange er noch im Kontor des Vaters gearbeitet hatte, bei Löb hatte er noch einiges dazugelernt. Vielleicht nahm er auch einen zuverlässigen und erfahrenen Geschäftspartner auf. Wenn er vorsichtig genug war, konnte er den unvorstellbar wertvollen Diamanten beleihen, es genügte ein winziger Bruchteil seines wirklichen Wertes – freilich durfte er kein großes Risiko eingehen, denn der kostbare Stein, eingeschlagen in Esthers seidenes Tuch, gehörte nicht ihm.

War das Geschäft wieder in Fluss – er kannte die Geschäftsverbindungen seines Vaters –, dann würde im Osten die Suche nach Esther und Nachum beginnen. Er wollte nicht daran denken, dass ihnen die Flucht nicht geglückt sein könnte. Wenn es keinen Herrn Dopfschütz und keinen Herrn Wangenbaum mehr gab, dann konnten Esther und er ohne Schwierigkeiten heiraten. Der Gedanke war süß im Gehen, so schritt er schneller aus.

Er versuchte sich das Gesicht Esthers vorzustellen, aber es wollte nicht immer richtig gelingen, auch ihre Stimme, die er meist hören konnte, wann er wollte, stellte sich nicht immer sofort ein.

Er musste nicht mehr heimliche Wege über den Schwarzwald gehen. Die meisten seiner Feinde waren tot. Von dem geflohenen Herrn Dopfschütz hatte er nichts mehr gehört. Und wenn es schlimm kam: Mit den Beweisen, die er in der Tasche trug, brauchte er jetzt weder die Gegner in Straßburg noch die in Stuttgart zu fürchten.

Und – verfolgte Herr Dopfschütz seine Pläne noch weiter? Wenn nicht er, so werden es andere tun. Aber denen bin ich gleichgültig.

Oft nahmen ihn Fuhrwerke mit, aber die Fuhrleute hatten wenig Freude an dem wortkargen Jungen, der bleich und mit einer steilen Falte in der Stirn auf ihrem Wagen saß und kaum ein Wort sprach.

In Pforzheim fragte er nach den Juden – er wusste, dass es hier eine Gemeinde gegeben hatte. Es seien nicht viele Juden gewesen, aber sehr reiche, wurde ihm gesagt. Sie seien aber alle geflohen, als im Reich die Maßnahmen der Behörden gegen die Juden losgegangen seien.

Maßnahmen der Behörden gegen die Juden!

Ein paar, die nicht rechtzeitig fortgingen, seien umgekommen. Ein Jude, ein uralter, sei aber noch in der Zeit der Pest wieder zurückgekehrt, der alte Löw, er hause jetzt in einem winzigen Hüttchen an der Stadtmauer, nachdem er vorher in einem wahren Palast gewohnt hatte. Der Mann, den Christoph gefragt hatte, grinste schief. Was er denn von dem alten Juden wolle?

Christoph war bei dem Namen Löw zusammengezuckt.

Als er sich auf den Weg zu dem Häuschen machte, ging eine ältere Frau ein Stück weit mit ihm und sagte leise zu ihm: »Es ist eine Schande, wie sie mit den Leuten umgehen. Der alte Löw hat niemals einer Fliege etwas zu Leide getan. Aber sie haben ihm alles weggenommen, alles! Sodass er nicht mehr richtig im Kopf ist. In seinem Haus, das er schon vor vielen Jahren hat bauen lassen und in dem seine Frau und seine Kinder nach und nach gestorben sind, wohnt jetzt ein anderer, der bei ihm hoch verschuldet war. Dabei stehen sehr viele Häuser leer jetzt nach der Pest. Ihm haben sie ein Häuschen an der Stadtmauer gegeben. Ich frage: Ist das recht?«

»Nicht mehr richtig im Kopf?«

»Sonst wäre er ja nicht ausgerechnet während der Pest wieder zurückgekehrt! Hier musst du weiter, dann links und erst die dritte Gasse rechts, du siehst es dann schon.«

Eine baufällige Hütte lehnte sich an die Stadtmauer. Christoph klopfte mehrfach, bis er ein hüstelndes Geräusch hörte. Ein Riegel wurde umgelegt, ein zweiter zurückgeschoben. Kurzsichtige Äuglein über einem weißen Bart wurden sichtbar.

»Was willst du, verschwinde!«

»Seid Ihr der Jude Löw?«

»Verschwinde!«

»Ich habe eine wichtige Frage, bitte lasst mich hinein.«

Eine Kette klirrte, der Türspalt ging ein wenig weiter auf: »Wer bist du? Was willst du?«

»Ich komme aus Straßburg und möchte nach zwei Kindern fragen.«

»Was für Kinder?«

»Juden, ein Junge und ein Mädchen, Freunde von mir.«

»Bist du ein Jude?« Der Blick war freundlicher geworden.

Christoph schlüpfte hinein: »Nein, ich bin kein Jude, aber ich habe in Straßburg bei Juden gelebt, bei Löb Baruch, den müsst Ihr kennen, wenn Ihr Kaufmann wart. Und ich möchte – «

Der Alte unterbrach ihn, indem er sich vorbeugte und ihm ganz nah in das Gesicht blickte: »Dann bist du Christoph Schimmelfeldt. Ich habe deinen Vater gut gekannt. Er ist tot, nicht wahr?«

»Woher wisst Ihr?«

»Man hat in den Judengemeinden von dem Christenjungen gesprochen, den die Familie Löb Baruchs aufgenommen hat. Ich habe auch von der Verfolgung deines Vaters gehört. Genaueres aber weiß ich nicht.«

Er fuhr Christoph über das Haar: »Du hast den Mord an den Juden in Straßburg überlebt – lebt auch Löb noch? Und lebt seine Familie? Wohl nein, sonst wärst du nicht hier.« Er wiegte den Kopf und strich sich mit beiden Händen durch den Bart, der ihm weit über die Brust reichte.

»Deshalb bin ich hier. Löb und der alte Abraham, von dem Ihr wohl auch wisst, haben mir das Leben gerettet. Ich weiß, dass sie umgebracht worden sind und die Frau Abrahams, aber ich weiß nichts von den Kindern Nachum und Esther. Es gibt Zeichen, dass sie gerettet wurden. Wisst Ihr etwas – sind sie auf der Flucht durch Pforzheim gekommen? Habt Ihr sonst von ihnen gehört?« Christoph hatte die Hände verkrallt.

Der alte Löw wiegte bedauernd das Haupt: »Nichts weiß ich, nichts. Über Pforzheim konnten sie nicht kommen, weil hier die Juden ebenfalls umgebracht worden sind. Ich und wenige andere konnten rechtzeitig fliehen. Aber wo sollte ich bleiben? Mein Leben war hier in Pforzheim, hier sind die Gräber meiner Frau und meiner fünf Kinder.«

Christoph starrte ihn entsetzt an.

»Nein, sie sind nicht ermordet worden. Der Tod war gnädiger als die Menschen und hat sie viele Jahre vorher geholt.«

Christoph fühlte die Hand des Alten auf seiner.

»Ich habe damals gemeint, ich müsse sterben vor Schmerz. Aber es war ein Segen, wenn man weiß, was vergangenen Winter geschehen ist.«

Er sprach sehr leise: »Hunderte von Judengemeinden sind im Winter ausgerottet worden im ganzen Reich wie in Pforzheim, Stuttgart und Straßburg. Wer nicht fliehen konnte, und das konnten nur wenige, wurde bei lebendigem Leib verbrannt, zu Tausenden. Viele von den Geflohenen wurden von den Bauern ausgeraubt und totgeschlagen. In Speyer haben sich die Juden in ihrer Verzweiflung in ihren eigenen Häusern selbst verbrannt, so wird gesagt.«

Der alte Mann hatte beide Hände auf sein Käppchen gelegt und wiegte den Oberkörper vor und zurück.

»Und Ihr?«

»Wo sollte ich hin mit meinen dreiundachtzig Jahren? In den Ostens Nein, als die Pest kam, bin ich zurückgekehrt, sollten sie oder die Pest mich auch umbringen. Aber sie haben ein schlechtes Gewissen und haben mir dieses Häuschen gegeben, mein großes Haus bewohnen andere. Es macht mir nichts aus.«

Ein trockenes Hüsteln unterbrach ihn.

»Es reicht zum Sterben. Sie halten mich für verrückt, weil ich zurückgekommen bin. Ich weiß. Sie fühlen nichts und sie denken nichts. Aber sie haben ein schlechtes Gewissen.«

Er drückte Christoph die Hand und sagte singend: »Nichts weiß ich von Nachum und Esther, den Kindern Löb Baruchs. Nichts weiß ich. Armes Kind, du hast den Weg umsonst gemacht.«

»Seid Ihr jetzt der einzige Jude in Pforzheim?«

»Die Welt hat sich verändert und sie wird sich nun nach der Pest noch mehr verändern. Ob es wieder Juden in Pforzheim geben wird?«

Seine Augen gingen über Christoph hinweg.

»Sie haben im Jahre 1260, am Freitag nach Johannes dem Täufer, wie ihr Christen sagt, in Pforzheim ein kleines Mädchen gesucht, das nicht nach Hause gekommen ist. Das Mädchen hieß Margarete. Als es nicht mehr gefunden wurde, haben sie gesagt: Die Juden haben es umgebracht, sie haben ihm das Blut ausgesaugt, obwohl sie wissen, dass kein Jude Blut zu sich nehmen darf.«

Christoph nickte. Die Geschichte war nicht neu.

»Dann haben sie einige Juden verhaftet und gefoltert, bis sie gestanden haben. Diese Juden wurden umgebracht und die anderen ausgewiesen. Für das angeblich ermordete Kind hat man eine Kapelle gebaut. Du kannst die Margaretenkapelle heute noch sehen.«

»Und dann sind wieder Juden nach Pforzheim gekommen?«

»Ja, mein Großvater und mein Vater und andere. Die Christen haben die Juden geholt, weil sie die Juden brauchten. Siehst du, es werden wieder Juden kommen nach Pforzheim. Auch nach Straßburg werden wieder Juden kommen. Aber es wird alles anders sein«, er sprach weiter mit singender Stimme, »wir Juden sind jetzt arm und die Juden, die in den Osten gegangen sind, werden noch ärmer sein. Die Verbote des Papstes anno 1215: keine Juden als Bauern, Handwerker, Kaufleute, nur noch Kleinhändler oder Geldverleiher – die werden jetzt viel strenger durchgesetzt: Arm werden die Juden sein. Und wenn einer reich wird durch den Geldverleih gegen Zinsen, dem Einzigen, was ihm geblieben ist, so wird der Neid kommen und sagen: Wucherer, Geizhals, Leuteschinder! Alles wird sich ändern bei den Juden, und auch bei den Christen.«

»Bei den Christen?«

»Du musst nur rechnen«, er sagte es mit Bestimmtheit, »sehr viele Menschen sind an der Pest gestorben. Sie lassen viel Geld zurück, das die Überlebenden bekommen. Geld wird künftig eine ganz andere Rolle spielen als früher. Wer Geld hat, wird künftig die Macht haben, nicht mehr, wer das Land hat.«

Christoph dachte an den alten Abraham: Alles wird anders. Wer Geld hat, kann sich die neuen Waffen kaufen –

»Es wird sich noch viel mehr ändern bei allen: Die Pest hat es gezeigt. Vieles, was Jahrhunderte galt, hat versagt. Die Guten sind gestorben wie die Bösen. Frauen haben ihre kranken Männer, Männer ihre Frauen verlassen, Eltern ihre Kinder, Kinder ihre Eltern. Die ärztliche Kunst hat ebenso versagt wie die der Priester und Rabbiner. Alles wird anders werden. Ich aber werde tot sein.«

Am Abend, als Löw ein Talglicht angezündet hatte, fasste Christoph Mut, er entfaltete Esthers seidenes Tuch und zeigte dem alten Juden den Diamanten.

Der alte Mann schwieg und beugte sich lange darüber, er hielt ihn vor das Licht und brachte ihn nahe an sein Auge, das andere war geschlossen. Lange blieb er stumm. Dann flüsterte er, dass es kaum zu verstehen war: »Adamas, der Unbezwingbare. Ich kenne diesen Stein sehr gut. Unzählige Diamanten habe ich gesehen in meinem langen Leben. Der hier ist der Schönste. Ganz rein ist er, ohne Makel.«

Wieder schwieg er und brachte dann sein Gesicht und den Stein ganz nah an das Gesicht von Christoph: »Ich bin dir dankbar, dass ich ihn noch einmal sehen durfte. Weißt du, es gibt nichts Vollkommenes auf der Erde, aber dieser Stein ist ein Bild der Vollkommenheit Gottes.«

Sie schwiegen über den Stein gebeugt.

Später erzählte Christoph. Er schloss: »Ganz verstehe ich es nicht, warum sie den Stein mir gegeben haben. Ich verstehe nur, dass er nicht mir gehört.«

»Es lässt sich vieles denken. Das Einfachste ist, dass er nur bei dir sicher war. Sie haben großes, großes Vertrauen zu dir.« Der alte Mann legte seine Greisenhand auf die Christophs.

Er durfte über Nacht bleiben und lag lange in der Dunkelheit und hörte den alten Mann beten.

Es geschah mit einem Ruck: Esther! Er verstand plötzlich alles. Es war so deutlich: Esther war für ihn verloren! Man musste die Zähne zusammenbeißen und die Fäuste ballen, um es zu ertragen.

Er sah sie klar vor sich. Er hörte ihre Stimme.

Es war schwarz und bitter. Auch wenn sie noch lebte mit ihrem Bruder Nachum, auch wenn sie im Osten gerettet war – vielleicht bei Elieser und Hannah, auch wenn er sie dort fand: Sie waren nicht zusammengekommen! – Die Zeit und die Menschen waren gegen sie gewesen. Der Stein hatte nichts damit zu tun.

Er hätte es längst sehen müssen: Der alte Abraham hatte sie nicht gemeinsam gerettet!

Er hatte auch keine Nachricht von Esther mitgegeben, nicht einmal einen Gruß. Er hatte sie beide mit einem scharfen Schnitt getrennt, weil ein kurzer Schnitt am wenigsten wehtat.

Esther war mit diesem schmerzhaften Schnitt einverstanden gewesen. Das war ganz deutlich. Wenn sie gewollt hätte, dann hätte ihr Seidele, wie sie ihn nannte, jeden Wunsch erfüllt. Sie war viel gescheiter gewesen als Christoph.

Es hatte ihr aber genauso wehgetan wie ihm. Das wusste er – ihr Tuch! Abraham hatte den Stein in ihr Tuch eingeschlagen. Ein stummes Zeichen hatte sie ihm zum Abschied geben dürfen.

Am Morgen war die Erkenntnis noch so schmerzhaft wie in der Nacht. Aber er war ein wenig stolz darauf, dass der alte Abraham ihm nichts erklärt hatte. Er hatte ihm vertraut es selbst zu finden. Freilich – sehr lange hatte er dazu gebraucht.

Alles war vor dem Gericht in Stuttgart anders. Er wurde sofort vom Schultheiß empfangen. Einer der Stuttgarter Kaufleute, die an dem Betrug beteiligt gewesen waren, hatte pestkrank im Sterben ausgesagt, dass die Gewichte des Herrn Schimmelfeldt vertauscht worden waren. Auch der andere Kaufmann war an der Pest gestorben. Christoph hätte seine Gewichte und die Briefe nicht vorzulegen brauchen: Es war alles längst entschieden.

Er hätte sogar ohne dies alles zurückkehren können und der Kaufmann hätte kein Geständnis machen müssen: Die Stadt hatte gleich nach dem Ende der Seuche eine allgemeine Begnadigung ausgesprochen. Die Stadt brauchte Menschen.

»Dass dein Vater tot ist, haben wir schon erfahren. Aber jetzt müssen wir dich zuerst ehrlich machen.«

Es geschah kurzerhand und ganz unfeierlich, indem ihm der Schultheiß die Hand auf die Schulter legte, dorthin, wo die Hand des Henkers geruht hatte: »Wir werden es noch heute öffentlich bekannt machen.«

»Wisst Ihr«, sagte der Schultheiß, »Ihr seid sehr willkommen, wir brauchen jeden Mann. Stuttgart ist entvölkert, wie Ihr es Euch gar nicht vorstellen könnt. Fast die Hälfte der Häuser steht leer!«

Mit Ihr und Euch redete ihn der Schultheiß jetzt an!

Der Schultheiß gab ihm die Schlüssel zu seinem Haus, lud ihn dann zum Sitzen ein und sagte noch viel Lobendes über seinen Vater.

»Euch konnten wir während der Pest nicht suchen. Wir hätten in Straßburg Nachforschungen angestellt, wenn Ihr jetzt nicht gekommen wärt. Es deutete einiges darauf hin, dass Ihr nach Straßburg gegangen wart.«

Als Christoph von sich und den Juden erzählte, hörte er kaum zu. »Die Juden. Sie wurden auch bei uns vertrieben, leider einige auch umgebracht«, sagte er. »Es war natürlich ein Fehler. Es war die Angst vor der Pest, man muss das in diesem Zusammenhang sehen. Wir brauchen sie. Wir werden einige zurückholen müssen.«

Über Benfeld wollte der Schultheiß nicht reden.

»Ihr habt jede Unterstützung der Stadt, wenn ihr das Geschäft Eures verewigten Vaters, Gott hab ihn selig, wieder aufbaut, wie Ihr sagt«, verabschiedete ihn der Schultheiß.

Ein seltsames Gefühl der Leere empfand Christoph, als er aus dem Rathaus trat. Dennoch klopfte ihm das Herz, als er mit den schweren Schlüsseln die Gassen aufwärts schritt.

Die schwarze Gestalt einer Aussätzigen, die er früher oft in Stuttgart gesehen hatte, kam ihm entgegen. Er schüttelte den Kopf: Halb Stuttgart ist tot, aber du klapperst noch immer mit deinem Holzteller, als wärst du unsterblich!

Hier war er aufgewachsen. Er ging wie im Schlaf.

Aber dort. Das Bunte auf der Treppe seines Hauses.

Es war keine Täuschung. Es war ein Traum!

Da saß Philo in der Sonne und spielte mit seinen Bällen. Er war bleicher als sonst und viel dünner.

»Ich bin kein Gespenst. Du darfst mir die Hand geben.«

Christoph liefen die Tränen über die Wangen, als er Philo umarmte.

»Nicht jeder stirbt an der Pest. Auch wenn er zum ersten Mal in einem Bett liegt.«

Er war sehr schwach gewesen, als er eines Morgens erwacht war. Die Beulen hatten sich über Nacht geöffnet und taten höllisch weh, das Fieber war vergangen. Taumelnd vor Schwäche hatte er Christoph gesucht, aber das schiefe Haus war leer.

Als er ein wenig bei Kräften war, ging er sehr mühsam in den Schwarzwald zu Balthas und Regine.

Dieses Versteck hatte die Pest nicht gefunden.

»Ich hatte geglaubt, dass du längst nach Stuttgart zurückgekehrt bist. Dass dich die Pest geholt hat, das konnte ich nicht glauben, nachdem sie sogar mich hat laufen lassen.«

Christoph schaute und schaute.

»Kaum war die Pest vorbei und ich von Regine wieder aufgepäppelt – weißt du, es ist noch nicht ganz so geworden wie vorher –, da bin ich dir nachgereist. Aber ich war vor dir in Stuttgart! Es war wunderbar zu erfahren, dass du längst wieder zu Ehre und Ansehen gekommen warst. Und unsere Einbruchpläne waren für die Katz. Ich habe mich halb totgelacht.«

Christoph konnte endlich wieder reden, er setzte sich zu ihm auf die Treppe vor die verschlossene Haustüre: »Es wird schwer werden, dich im Hause unterzubringen, ohne dass du wieder in einem Bett liegst.«

»Keine Angst. Das erste Bett habe ich überlebt. Und der Tod will auch eine Chance.«

Philo wollte noch auf der Treppe bleiben: »Es ist so schön, mit dir in der warmen Sonne zu sitzen.«

Christoph erzählte lange. Er schloss wehmütig, wie er über sein Verhältnis zu Esther dachte – er werde sie suchen im Osten: »Der Diamant gehört nicht mir! Und wenn ich Esther und Nachum nicht finde: Wir sind es den Juden schuldig.«

Philo nickte, er saß da in der Sonne und spielte mit den bunten Bällen.