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DREIZEHN
Am nächsten Tag, als ich von der Arbeit nach Hause komme, rufe ich meine Mutter an. Es war ziemlich ruhig bei Clayton’s, deshalb hatte ich viel zu viel Zeit zum Nachdenken. Die Aussicht auf meinen Showdown mit Mr. Kontrollfreak macht mich nervös. Außerdem mache ich mir Sorgen, dass ich vielleicht ein klein wenig zu negativ auf den Vertrag reagiert habe. Aber vielleicht bläst er die Sache ja ohnehin ab.
Meine Mutter ist völlig zerknirscht und entschuldigt sich tausend Mal, weil sie nicht zu meiner Abschlussfeier kommen kann. Bob hat sich eine Bänderdehnung zugezogen und kann deshalb nur humpeln. Ehrlich gesagt, ist er ein ähnlich linkischer Pechvogel wie ich. Die Verletzung wird zwar wieder vollständig heilen, für den Augenblick ist jedoch Ruhe oberstes Gebot, und meine Mutter muss sich um ihn kümmern.
»Oh, Ana, Schatz, es tut mir so leid«, jammert sie.
»Kein Problem, Mom. Ray kommt ja.«
»Ana, du klingst, als hättest du etwas auf dem Herzen – geht es dir gut, mein Schatz?«
»Ja, Mom.« Wenn du wüsstest. Ich habe einen geradezu obszön reichen Mann kennen gelernt, der mich zu einer perversen Beziehung verführen will, in der ich absolut gefügig sein muss und kein Wort zu sagen habe.
»Hast du etwa jemanden kennen gelernt?«
»Nein, Mom.« Ich werde mich unter keinen Umständen auf dieses Gespräch einlassen.
»Na gut, Schatz. Ich werde am Donnerstag jedenfalls an dich denken. Ich hab dich lieb … das weißt du, oder, meine Süße?«
Ich schließe die Augen. Ihre liebevollen Worte sind Balsam für meine Seele.
»Ich hab dich auch lieb, Mom. Grüß Bob schön von mir und wünsch ihm Gute Besserung.«
»Das mache ich. Bis dann, Schatz.«
»Bis dann.«
Ich gehe in mein Zimmer, fahre den Computer hoch und öffne das Mailprogramm. Christian hat mir am späten Abend noch – oder sehr früh heute Morgen, je nachdem, wie man es sieht – eine Mail geschickt. Mein Herzschlag beschleunigt sich, und ich höre das Blut in meinen Ohren rauschen. O Mann … vielleicht macht er ja einen Rückzieher. Ja, genau, bestimmt sagt er ab. Der Gedanke schmerzt mich. Eilig verwerfe ich ihn und öffne die Mail.
Von: Christian Grey
Betreff: Ihre Probleme
Datum: 24. Mai 2011, 01:27 Uhr
An: Anastasia Steele
Sehr geehrte Miss Steele,
nach eingehender Lektüre Ihrer Vorbehalte möchte ich Ihnen nachstehend den Begriff »devot« näherbringen:
devot – Adj.
) geneigt oder bereit, sich einem anderen zu unterwerfen; widerspruchslos oder demütig unterwürfig; z.B.: ein devoter Diener.
) demütiges Verhalten zeigend; z.B.: eine devote Haltung. Wortursprung: 1580-90.
Synonyme: demütig, ergeben, gefügig, servil, unterwürfig, willfährig, ehrerbietig.
Antonyme: selbstbewusst, aufsässig.
Dies sollten Sie für unser Treffen am Mittwoch im Hinterkopf behalten.
CHRISTIAN GREY
CEO, Grey Enterprises Holdings, Inc.
Erleichterung durchströmt mich. Er ist also zumindest bereit, über meine Vorbehalte zu sprechen. Und unser Date für morgen steht ebenfalls noch. Ich denke kurz nach und tippe meine Antwort.
Von: Anastasia Steele
Betreff: Meine Probleme … was ist mit Ihren?
Datum: 24. Mai 2011, 18:29 Uhr
An: Christian Grey
Sehr geehrter Mr. Grey,
und ich möchte Ihren Blick auf den Wortursprung lenken: 1580-90. Bei allem Respekt, aber inzwischen schreiben wir das Jahr 2011, sprich, es ist eine Menge Zeit vergangen.
Dürfte ich eine Definition in den Raum stellen, die Sie für unser Abendessen im Hinterkopf behalten sollten?
Kompromiss, der; Subst.
) Lösung eines Konflikts durch gegenseitige freiwillige Übereinkunft, unter beiderseitigem Verzicht auf Teile der jeweils gestellten Forderungen;
) Resultat einer solchen Übereinkunft;
) ein Zwischending – Ein Split-Level-Haus ist ein Kompromiss zwischen einem Bungalow und einem mehrstöckigen Einfamilienhaus.
kompromittieren – Verb
Jemanden in Verlegenheit bringen, einer Gefahr oder einem Verdacht aussetzen; jemandes Integrität kompromittieren.
Ana
Von: Christian Grey
Betreff: Was soll mit meinen Problemen sein?
Datum: 24. Mai 2011, 18:32 Uhr
An: Anastasia Steele
Ein berechtigtes Argument, Miss Steele. Ich werde Sie um 19 Uhr zuhause abholen.
CHRISTIAN GREY
CEO, Grey Enterprises Holdings, Inc.
Von: Anastasia Steele
Betreff: 2011 – Frauen dürfen Auto fahren
Datum: 24. Mai 2011, 18:40 Uhr
An: Christian Grey
Sehr geehrter Mr. Grey, ich besitze einen Wagen. Und einen Führerschein.
Ich würde mich lieber irgendwo mit Ihnen treffen.
Was schlagen Sie vor?
Um 19 Uhr in Ihrem Hotel?
Ana
Von: Christian Grey
Betreff: Sturköpfige junge Damen
Datum: 24. Mai 2011, 18:43 Uhr
An: Anastasia Steele
Sehr geehrte Miss Steele,
Bezug nehmend auf meine Mail vom 24. Mai 2011 um 01:27 Uhr und die darin aufgeführte Definition, muss ich Ihnen eine Frage stellen: Sehen Sie sich in der Lage, jemals zu tun, was man Ihnen sagt?
CHRISTIAN GREY
CEO, Grey Enterprises Holdings, Inc.
Von: Anastasia Steele
Betreff: Eigensinnige Männer
Datum: 24. Mai 2011, 18:49 Uhr
An: Christian Grey
Sehr geehrter Mr. Grey,
ich würde gern selbst fahren.
Bitte
Ana
Von: Christian Grey
Betreff: Genervte Männer
Datum: 24. Mai 2011, 18:52 Uhr
An: Anastasia Steele
Gut. Um sieben in meinem Hotel.
Ich erwarte Sie in der Marble Bar.
CHRISTIAN GREY
CEO, Grey Enterprises Holdings, Inc.
Dieser Mann schafft es, selbst in seinen Mails mürrisch zu wirken. Begreift er denn nicht, dass ich notfalls ganz schnell die Kurve kratzen können muss? Nicht, dass mein Käfer eine Rakete wäre … aber trotzdem. Ich brauche ein Fluchtfahrzeug.
Von: Anastasia Steele
Betreff: Doch nicht so eigensinnige Männer
Datum: 24. Mai 2011, 18:55 Uhr
An: Christian Grey
Danke.
Ana X
Von: Christian Grey
Betreff: Nervtötende Frauen
Datum: 24. Mai 2011, 18:59 Uhr
An: Anastasia Steele
Gern geschehen.
CHRISTIAN GREY
CEO, Grey Enterprises Holdings, Inc.
Ich rufe Ray an. Er will sich gerade das Spiel der Sounders gegen irgendeine Fußballmannschaft aus Salt Lake City ansehen, deshalb fällt unser Gespräch recht kurz aus. Er möchte am Donnerstag zur Abschlussfeier kommen und mich danach zum Essen einladen. Es tut so gut, mit ihm zu reden. Ich spüre, wie sich ein dicker Kloß in meiner Kehle bildet. Im unsteten Liebesleben meiner Mutter ist er meine einzige Konstante. Obwohl er »nur« mein Stiefvater ist, haben wir eine sehr enge Bindung zueinander, und er hat mich immer wie seine leibliche Tochter behandelt. Ich kann es kaum erwarten, ihn endlich wiederzusehen. Seine Stärke und Gelassenheit sind genau das, was ich jetzt brauche. Und was mir fehlt. Vielleicht gelingt es mir ja, für meine morgige Verabredung den Ray in mir zum Leben erwachen zu lassen.
Kate und ich machen uns mit einer billigen Flasche Rotwein wieder ans Packen. Als ich endlich ins Bett falle, sind fast alle meine Sachen in Kisten und Kartons verstaut, und ich bin wesentlich ruhiger. Die körperliche Anstrengung war eine willkommene Ablenkung, und ich bin hundemüde. Ich kuschle mich ins Bett und schlafe im Nu ein.
Paul ist noch einmal aus Princeton nach Hause gekommen, bevor er sein Praktikum bei einer New Yorker Finanzverwaltungsfirma antritt. Er hängt den ganzen Tag wie eine Klette an mir und versucht, mich zu einer Verabredung zu überreden. Es nervt mich.
»Paul, zum hundertsten Mal – ich bin heute Abend schon verabredet.«
»Nein, bist du nicht. Das sagst du nur, weil du eine Ausrede brauchst, um nicht mit mir ausgehen zu müssen. Das machst du immer so.«
Ja, ganz genau … und eigentlich sollte man annehmen, dass du es endlich kapiert hast.
»Paul, du weißt, dass ich die Idee, mit dem Bruder des Chefs auszugehen, noch nie gut fand.«
»Aber am Freitag ist dein letzter Tag hier. Und morgen hast du frei.«
»Und ab Samstag bin ich in Seattle und du in New York. Weiter könnten wir wohl kaum voneinander getrennt sein. Außerdem habe ich heute Abend ein Date.«
»Mit José?«
»Nein.«
»Mit wem dann?«
»Paul!« Ich stoße einen genervten Seufzer aus. Er lässt einfach nicht locker. »Mit Christian Grey«, antworte ich unüberhörbar verärgert. Es funktioniert. Paul fällt die Kinnlade herunter. Verdammt – selbst sein Name genügt, und den Leuten verschlägt es die Sprache.
»Du hast ein Date mit Christian Grey?«, stößt er ungläubig hervor.
»Ja.«
»Verstehe.« Paul ist völlig perplex, geradezu überwältigt. Ein ganz klein wenig ärgere ich mich darüber, weil die Vorstellung, dass ich mit Christian Grey ausgehe, so absurd für ihn zu sein scheint. Meine innere Göttin sieht es ebenfalls so, denn sie macht eine höchst obszöne Geste mit dem Finger.
Danach lässt er mich endlich zufrieden, und um Punkt fünf verlasse ich den Baumarkt.
Kate hat mir zwei Kleider und zwei Paar Schuhe für heute Abend und die morgige Abschlussfeier geliehen. Ich wünschte, ich könnte mich mehr für Klamotten begeistern und mir ein bisschen mehr Mühe geben, aber Mode ist nun mal nicht mein Ding. Was ist denn dann Ihr Ding, Anastasia? Christians Frage kommt mir wieder in den Sinn. Ich schüttle den Kopf und versuche, meine flatternden Nerven zu beruhigen. Am Ende entscheide ich mich für das pflaumenblaue Etuikleid; es wirkt dezent und ein bisschen businessmäßig – immerhin verhandle ich heute Abend die Modalitäten eines Vertrags.
Ich dusche, rasiere mir die Beine und Achselhöhlen, wasche mir die Haare und verwende eine gute halbe Stunde darauf, sie zu föhnen, so dass sie mir in weichen Wellen über Schultern und Rücken fallen. Dann schiebe ich die eine Seite mit einem Kamm aus dem Gesicht und trage Wimperntusche und einen Hauch Lipgloss auf. Ich schminke mich so gut wie nie. Keine meiner literarischen Heldinnen musste sich mit Make-up herumschlagen, vielleicht würde ich mich sonst besser damit auskennen. Schließlich schlüpfe ich in die pflaumenblauen Stilettos, die perfekt zu Kates Kleid passen. Um halb sieben bin ich fertig.
»Und?«, frage ich Kate.
Sie grinst. »Junge, Junge, du hast dich ja mächtig in Schale geworfen, Ana.« Sie nickt anerkennend. »Du siehst echt heiß aus.«
»Heiß? Ich wollte dezent und geschäftsmäßig wirken!«
»Das auch, aber in erster Linie bist du heiß. Das Kleid sieht toll aus, genau deine Farbe. Vor allem sitzt es perfekt, wie eine zweite Haut.«
»Kate!«
»Ich sage nur die Wahrheit, Ana, hammermäßig. Du darfst das Kleid gern behalten. Wenn er dich darin sieht, frisst er dir garantiert aus der Hand.«
Ich presse die Lippen zusammen. Wenn du wüsstest … Außerdem sollte ich vielleicht besser noch einen Keuschheitsgürtel umlegen.
»Wünsch mir Glück.«
»Du brauchst Glück für ein Date?« Kate mustert mich verwirrt.
»Ja, Kate.«
»Na dann – viel Glück.« Sie umarmt mich kurz, dann mache ich mich auf den Weg.
Ich muss mich barfuß hinters Steuer setzen – Wanda, mein hellblauer Käfer, ist nicht dafür geschaffen, mit hochhackigen Schuhen gefahren zu werden. Um exakt zwei Minuten vor sieben fahre ich vor dem Heathman vor und überreiche die Schlüssel dem Hoteldiener. Er wirft Wanda einen verächtlichen Blick zu, aber ich beachte ihn nicht weiter. Ich hole tief Luft, ziehe den imaginären Keuschheitsgürtel enger und betrete das Hotel.
Christian lehnt mit einem Glas Weißwein in der Hand lässig an der Bar. Er trägt sein gewohntes Outfit – schwarze Jeans, ein weißes Leinenhemd, dazu eine schwarze Krawatte und ein schwarzes Jackett. Sein Haar ist wie üblich leicht zerzaust. Seufzend bleibe ich einen Moment lang im Türrahmen stehen und lasse den Blick bewundernd über ihn gleiten. In diesem Moment dreht er sich um – auch er wirkt ein bisschen nervös – und entdeckt mich. Er blinzelt ein paar Mal, dann breitet sich dieses lässige sexy Lächeln auf seinem Gesicht aus, bei dem ich jedes Mal das Gefühl habe, als würde ich gleich dahinschmelzen. Ich gebe mir alle Mühe, nicht auf meiner Lippe herumzukauen, und mache einen vorsichtigen Schritt nach vorn, wohl wissend, dass ich, Anastasia, die Königin der Tollpatschigkeit, ja heute in High Heels unterwegs bin. Mit wenigen eleganten Schritten hat er den Raum durchquert und steht vor mir.
»Absolut atemberaubend«, raunt er, beugt sich vor und drückt mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Ein Kleid, Miss Steele. Sehr schön.« Er nimmt mich beim Ellbogen, führt mich in eine ruhige Ecke und gibt dem Kellner ein Zeichen.
»Was möchtest du trinken?«
Ich kann mir ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. Wenigstens fragt er mich, was ich trinken möchte.
»Ich nehme dasselbe wie du, bitte.« Siehe da! Ich kann auch nett sein und mich benehmen.
Amüsiert bestellt er ein Glas Sancerre für mich und setzt sich mir gegenüber.
»Die haben einen hervorragenden Weinkeller hier.« Er stützt die Ellbogen auf der Tischplatte auf und legt die Finger vor dem Mund zusammen.
Ich sehe ein Flackern in seinen Augen, das ich jedoch nicht recht zuordnen kann. Und schon spüre ich es wieder … dieses vertraute Knistern zwischen uns, den Sog, dem ich mich nicht entziehen kann. Unbehaglich rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Immer schön cool bleiben!
»Bist du nervös?«, fragt er sanft.
»Ja.«
Er beugt sich vor. »Ich auch«, flüstert er verschwörerisch.
Ich sehe ihn verblüfft an. Er? Nervös? Nie im Leben. Ich blinzle ungläubig. Wieder erscheint dieses hinreißende Lächeln auf seinem Gesicht. Der Kellner kommt mit meinem Wein, einem Schälchen mit gemischten Nüssen und einem zweiten mit Oliven.
»Und jetzt?«, frage ich. »Gehen wir einen Punkt nach dem anderen durch?«
»Wie immer die Ungeduld in Person, Miss Steele.«
»Na ja, ich könnte dich natürlich auch fragen, wie du das Wetter heute fandest.«
Lächelnd nimmt er mit seinen langen Fingern eine Olive aus dem Schälchen und schiebt sie sich in den Mund. Meine Augen hängen an seinen Lippen, diesen Lippen, die mich berührt haben … überall, am ganzen Körper. Ich werde rot.
»Ich fand das Wetter heute ganz besonders unspektakulär.« Er grinst.
»Lachen Sie mich etwa aus, Mr. Grey?«
»Ja, tue ich, Miss Steele.«
»Dir ist schon klar, dass dieser Vertrag nicht rechtswirksam ist?«
»Ja, darüber bin ich mir im Klaren, Miss Steele.«
»Und hattest du auch vor, es mir zu sagen?«
Er runzelt die Stirn. »Glaubst du ernsthaft, ich würde dich zuerst zu etwas überreden, was du nicht tun willst, und es später so aussehen lassen, als hätte ich dich juristisch in der Hand?«
»Na ja … irgendwie schon.«
»Du scheinst keine allzu hohe Meinung von mir zu haben.«
»Du hast meine Frage nicht beantwortet.«
»Anastasia, es ist völlig egal, ob der Vertrag rechtskräftig ist oder nicht. Er stellt lediglich eine Vereinbarung dar, die ich gern mit dir treffen würde – darüber, was ich mir von dir wünsche und was du von mir erwarten kannst. Wenn es dir nicht gefällt, dann brauchst du nicht zu unterschreiben. Und wenn du unterschreibst und später merkst, dass du doch nicht damit einverstanden bist, gibt es mehr als genug Klauseln, aus dem Vertrag auszusteigen. Selbst wenn er rechtsverbindlich wäre, glaubst du doch nicht wirklich, dass ich dich durch sämtliche Instanzen verklagen würde, nur weil du nicht mehr mitmachen willst.«
Ich nehme einen großen Schluck aus meinem Weinglas. Mein Unterbewusstsein stößt mich unsanft an. Trink nicht so viel. Du brauchst einen klaren Kopf.
»Beziehungen wie diese beruhen auf Ehrlichkeit und Vertrauen«, fährt er fort. »Wenn du mir nicht vertraust, dass ich genau weiß, wie weit ich mit dir gehen und was ich dir zumuten kann, und du mir gegenüber nicht ehrlich bist, hat das Ganze keinen Zweck.«
Oje, damit wären wir also bereits beim Kern des Ganzen. Wie weit er mit mir gehen kann. Was zum Teufel soll das denn heißen?
»Deshalb läuft es im Grunde auf eine ganz einfache Frage hinaus, Anastasia. Vertraust du mir, oder vertraust du mir nicht?«
Ich sehe das leidenschaftliche Flackern in seinen Augen. »Hattest du mit … äh … meinen fünfzehn Vorgängerinnen eine ähnliche Diskussion?«
»Nein.«
»Wieso nicht?«
»Weil sie alle erfahrene Subs waren. Sie wussten schon vorher, welche Erwartungen sie an eine Beziehung mit mir haben und was ich im Großen und Ganzen von ihnen erwarte. Bei ihnen ging es nur darum, die Soft Limits und derlei Details genauer zu definieren.«
»Gibt es einen Laden, wo ihr hingeht? Subs’Я’Us?«
Er lacht. »Nein, das nicht.«
»Wie muss ich mir das dann vorstellen?«
»Willst du dich wirklich darüber mit mir unterhalten? Oder sollten wir lieber zur Sache kommen und die Probleme besprechen, die du mit dem Vertrag hast?«
Ich schlucke. Vertraue ich ihm? Läuft es einzig und allein darauf hinaus – auf Vertrauen? Meiner Ansicht nach sollte das auf Gegenseitigkeit beruhen. Ich muss daran denken, wie er ausgeflippt ist, nur weil ich mit José telefoniert habe.
»Hast du Hunger?«, fragt er und reißt mich aus meinen Überlegungen.
Oje … Essen.
»Nein.«
»Hast du heute überhaupt schon etwas gegessen?«
Ich starre ihn an. Ehrlichkeit … Mist. Meine Antwort wird ihm nicht gefallen.
»Nein«, gestehe ich kleinlaut.
Er sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an. »Du musst regelmäßig essen, Anastasia. Wir können entweder hier unten etwas essen oder oben in meiner Suite. Was ist dir lieber?«
»Ich finde, wir sollten lieber auf neutralem Terrain bleiben, in der Öffentlichkeit.«
Er lächelt süffisant. »Glaubst du, das würde mich abhalten?«, fragt er leise – eine unmissverständliche, wenn auch überaus sinnliche Warnung.
Ich reiße die Augen auf und schlucke. »Das hoffe ich doch.«
»Komm, ich habe einen privaten Raum zum Essen für uns reserviert. Keine Öffentlichkeit.« Er lächelt geheimnisvoll, steht auf und streckt mir die Hand entgegen. »Nimm deinen Wein mit.«
Ich ergreife seine Hand und erhebe mich ebenfalls. Er führt mich durch die Bar und eine breite Treppe hinauf in ein Zwischengeschoss, wo uns ein junger Mann in Hoteluniform in Empfang nimmt.
»Bitte hier entlang, Mr. Grey.«
Wir folgen ihm durch eine vornehme Lounge in einen kleinen Speiseraum mit einem einzelnen Tisch darin. Das holzgetäfelte Zimmer ist nicht groß, aber sehr luxuriös ausgestattet – prächtiger Kronleuchter, weiße Leinentischdecke, Kristallgläser, Silberbesteck und ein Bukett aus weißen Rosen auf dem Tisch – und verströmt eine Atmosphäre altmodischer, feudaler Eleganz. Der Kellner zieht meinen Stuhl hervor und wartet, bis ich mich gesetzt habe, dann breitet er eine Serviette auf meinem Schoß aus. Christian nimmt mir gegenüber Platz. Ich sehe ihn an.
»Nicht auf der Lippe kauen«, mahnt er leise.
Verdammt, ich merke es noch nicht einmal, wenn ich es tue.
»Ich hoffe, es macht dir nichts aus, aber ich habe schon für uns bestellt.«
Offen gestanden, bin ich sogar erleichtert darüber, weil ich nicht sicher bin, ob ich heute noch mehr Entscheidungen treffen kann.
»Nein, das ist wunderbar.«
»Schön, zu sehen, dass du so fügsam sein kannst. Also, wo waren wir stehen geblieben?«
»Dass wir zur Sache kommen wollten.« Ich nehme noch einen großen Schluck Wein. Er schmeckt köstlich. Christian scheint ein echter Weinkenner zu sein. Ich erinnere mich noch an den letzten Schluck, den ich gemeinsam mit ihm genossen habe. In meinem Bett. Ich werde rot.
»Ach ja, deine Probleme.« Er kramt ein Blatt Papier aus der Innentasche seines Jacketts. Meine Mail.
»Ziffer 2. Einverstanden. Wir haben beide etwas davon. Ich werde den Passus entsprechend ändern.«
Ich bin völlig von den Socken. Wir gehen also tatsächlich sämtliche Punkte nacheinander durch. Nun, da ich ihm gegenübersitze, spüre ich, wie mich der Mut verlässt. Er ist mit so großem Ernst bei der Sache. Ich trinke noch einen Schluck zur Stärkung. Christian fährt fort.
»Okay, meine Gesundheit. All meine vorherigen Partnerinnen haben eine Blutuntersuchung machen lassen, und ich lasse mich ebenfalls alle sechs Monate auf ansteckende Geschlechtskrankheiten überprüfen. Die Ergebnisse waren allesamt negativ. Drogen habe ich nie genommen; im Gegenteil, ich bin sogar ein expliziter Gegner. Ich dulde keinerlei Drogenkonsum unter meinen Angestellten und lasse sie regelmäßig unangemeldet untersuchen.«
Wow … der Kontrollfreak in absoluter Höchstform. Schockiert starre ich ihn an.
»Eine Bluttransfusion habe ich auch noch nie bekommen. Beantwortet das deine Frage?«
Ich nicke leidenschaftslos.
»Den nächsten Punkt haben wir ja bereits besprochen. Du kannst jederzeit aussteigen, Anastasia. Ich werde dich nicht daran hindern. Wenn du allerdings gehst, war’s das. Nur damit das klar ist.«
»Okay«, sage ich leise. Wenn ich gehe, war’s das. Der Gedanke ist verblüffend schmerzlich.
Der Kellner serviert den ersten Gang. Sieh mal einer an – Christian hat Austern bestellt.
»Ich hoffe, du magst Austern.« Christians Stimme ist samtweich.
»Ich habe noch nie welche gegessen.«
»Ehrlich? Na, dann.« Er nimmt eine von dem Eisbett. »Du musst nur den Kopf in den Nacken legen und schlucken. Das kriegst du doch bestimmt hin.«
Es besteht kein Zweifel, worauf er anspielt. Ich spüre, wie ich feuerrot werde. Grinsend drückt er einen Zitronenschnitz über seiner Auster aus und schiebt sie sich in den Mund.
»Hm. Köstlich. Schmeckt nach Meer.« Er grinst. »Los«, fordert er mich auf.
»Ich muss nicht kauen?«
»Nein, Anastasia. Nicht kauen.« Seine Augen funkeln vor Belustigung – er sieht so jung aus, wenn er das macht.
Ich kaue auf meiner Lippe herum. Für den Bruchteil einer Sekunde erscheint wieder der strenge Ausdruck auf seinem Gesicht. Ich greife über den Tisch hinweg nach einer Auster. Okay … wird schon schiefgehen. Ich träufle ein wenig Zitronensaft darüber und schiebe sie mir in den Mund. Sie flutscht meine Kehle hinunter, und ich schmecke Meerwasser, Salz, die brennende Säure der Zitrone und etwas Fischiges … oh. Ich lecke mir über die Lippen, während er mich mit verschleiertem Blick mustert.
»Und?«
»Ich probiere noch eine«, sage ich trocken.
»Braves Mädchen«, lobt er.
»Hast du die absichtlich bestellt? Die Dinger sollen doch eine aphrodisierende Wirkung haben.«
»Nein, ich habe sie bestellt, weil sie ganz oben auf der Karte standen. In deiner Nähe brauche ich kein Aphrodisiakum. Ich dachte, du wüsstest das. Und ich glaube, dass es dir mit mir auch so geht. Also, wo waren wir?« Er wendet sich wieder meiner E-Mail zu, während ich mir eine weitere Auster nehme.
Ihm geht es so wie mir. Er kann sich meiner Wirkung nicht entziehen … Wow.
»›Mir in allen Dingen zu Willen sein.‹ Ja, ich will, dass du das tust. Es ist ein Muss. Stell dir das Ganze als eine Art Rollenspiel vor, Anastasia.«
»Aber ich habe Angst, dass du mir wehtust.«
»Inwiefern?«
»Körperlich.« Und emotional.
»Glaubst du wirklich, ich würde das tun? Mich über jegliche Grenzen dessen hinwegsetzen, was du erträgst?«
»Du sagtest doch, du hättest schon mal jemandem wehgetan.«
»Ja, das habe ich auch. Allerdings ist es lange her.«
»Und was hast du mit ihr angestellt?«
»Ich habe sie an der Decke meines Spielzimmers aufgehängt. Suspension – dafür sind die Karabinerhaken gedacht. Fesselspiele. Und eines der Seile war zu straff.«
Ich hebe die Hand, um ihm Einhalt zu gebieten. »Mehr will ich gar nicht hören. Mich würdest du also nicht an der Suspensionsstange aufhängen?«
»Nur wenn du es wirklich willst. Du kannst es aber auch auf die Liste der Hard Limits setzen.«
»Okay.«
»Was ist mit dem Gehorsam? Glaubst du, dass du das hinbekommst?« Er starrt mich eindringlich an. Die Sekunden verstreichen.
»Ich könnte es versuchen«, flüstere ich.
»Gut.« Er lächelt. »Jetzt zum Zeitrahmen. Ein Monat anstelle von drei ist ziemlich wenig, vor allem, wenn du noch dazu ein Wochenende ohne mich verbringen willst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich es so lange ohne dich aushalte. Ich schaffe es ja jetzt schon kaum.« Er hält inne.
Er hält es nicht ohne mich aus? Wie bitte?
»Wie wäre es damit – ein Tag im Monat an einem Wochenende, dafür bekomme ich in dieser Woche einen zusätzlichen Abend an einem Wochentag.«
»Okay.«
»Und lass es uns bitte über drei Monate versuchen. Wenn es dir nicht gefällt, kannst du immer noch aussteigen.«
»Drei Monate?« Ich fühle mich ein wenig überfahren. Ich trinke einen Schluck Wein und nehme noch eine Auster. An die Dinger könnte ich mich gewöhnen, glaube ich.
»Als Nächstes kommt der Punkt mit dem Besitzen. Das ist nur ein Fachbegriff, der etwas mit dem Prinzip des Gehorsams zu tun hat. Dieser Punkt dient dazu, dir zu zeigen, worum es hier geht und welche Rolle ich dabei spiele. Dir muss klar sein, dass ich, sobald du als meine Sub meine Wohnung betrittst, alles mit dir anstellen werde, wonach mir der Sinn steht. Das musst du akzeptieren. Und du musst bereit sein mitzumachen. Das ist auch der Grund, weshalb es so wichtig ist, dass du mir vertraust. Ich werde dich ficken, wann, wie und wo ich gerade will. Ich werde dich disziplinieren, weil du Fehler machen wirst. Und ich werde dir beibringen, mir Vergnügen zu bereiten. Aber natürlich weiß ich, dass all das Neuland für dich ist. Deshalb werden wir es langsam angehen, und ich werde dir dabei helfen. Wir werden es mit verschiedenen Rollenszenarien versuchen. Ich will, dass du mir vertraust, aber mir ist auch klar, dass ich dein Vertrauen erst gewinnen muss, und genau das werde ich tun. Mit dem Punkt ›oder anderweitig‹ wollte ich dich nur entsprechend auf das einstimmen, was auf dich zukommen kann. Es bedeutet, dass alles möglich ist.«
Ich bin völlig fasziniert von der Leidenschaft, mit der er spricht. Genau das ist sein Leben, seine Besessenheit … Ich kann kaum den Blick von ihm wenden. Er will es. Unbedingt.
»Hörst du mir noch zu?«, flüstert er mit warmer, verführerischer Stimme und nippt an seinem Wein, ohne den Blick von mir zu wenden.
In diesem Moment erscheint der Kellner an der Tür. Christian nickt kaum merklich, woraufhin er an den Tisch tritt und unsere Teller abräumt.
»Möchtest du noch etwas Wein?«, fragt Christian.
»Ich muss noch fahren.«
»Dann vielleicht lieber Wasser?«
Ich nicke.
»Mit oder ohne Kohlensäure?«
»Mit, bitte.«
Der Kellner verschwindet wieder.
»Du bist so still«, wendet Christian ein.
»Und du redest umso mehr.«
Er lächelt. »Also, zum Punkt Disziplin. Der Grat zwischen Lust und Schmerz ist sehr schmal, Anastasia. Es gibt immer zwei Seiten der Medaille, und eine kann ohne die andere nicht existieren. Ich kann dir zeigen, wie lustvoll Schmerz sein kann. Mag sein, dass du mir das jetzt noch nicht glaubst, aber genau das meine ich damit, wenn ich sage, dass du mir vertrauen musst. Ohne Schmerzen wird es nicht gehen, aber sie sind nicht so schlimm, als dass du sie nicht aushalten könntest. Ich sage es noch einmal – Vertrauen ist das A und O. Vertraust du mir, Ana?«
Ana! »Ja«, erwidere ich spontan. Und es ist die Wahrheit – ich vertraue ihm.
»Tja, dann.« Er sieht erleichtert aus. »Alles andere sind nur Details.«
»Aber wichtige Details.«
»Gut. Dann lass sie uns durchgehen.«
Mir schwirrt der Kopf von all dem Gerede. Ich hätte Kates Digitalrekorder mitnehmen sollen, damit ich es mir später noch einmal anhören kann. So viele Informationen; so vieles, worüber ich nachdenken muss. Der Kellner erscheint mit unseren Vorspeisen: Köhlerfisch mit Spargel auf im Ofen gebackenen Stampfkartoffeln und Sauce Hollandaise. Mein Appetit könnte nicht geringer sein.
»Ich hoffe, du magst Fisch«, sagt Christian.
Ich stochere in meinem Essen herum und trinke einen großen Schluck Mineralwasser. Ich wünschte, es wäre Wein.
»Und jetzt zu den Regeln. Lass uns darüber reden. Der Punkt mit dem Essen ist also ein Deal Breaker für dich?«
»Ja.«
»Könnten wir den Punkt dahin gehend ändern, dass du dich verpflichtest, zumindest drei Mahlzeiten am Tag zu dir zu nehmen?«
»Nein.« In diesem Punkt werde ich nicht nachgeben. Niemand schreibt mir vor, was ich esse. Wie ich vögle, ja, okay, aber was ich esse, kommt überhaupt nicht infrage.
Er schürzt die Lippen. »Ich muss sicher sein können, dass du nicht hungrig bist.«
Ich runzle die Stirn. Wieso? »In diesem Punkt wirst du mir eben vertrauen müssen.«
Er mustert mich einen Moment lang, dann entspannt er sich sichtlich.
»Touché, Miss Steele«, sagt er leise. »Essen und der Schlaf sind damit vom Tisch.«
»Wieso darf ich dich nicht ansehen?«
»Das hat etwas mit der speziellen Beziehung zu tun. Du gewöhnst dich daran.«
Werde ich das?
»Und wieso darf ich dich nicht berühren?«
»Weil es nicht geht.« Er presst die Lippen aufeinander.
»Ist es wegen Mrs. Robinson?«
Er sieht mich fragend an. »Wie kommst du denn darauf?« Aber dann fällt der Groschen. »Du glaubst, ich sei ihretwegen traumatisiert?«
Ich nicke.
»Nein, Anastasia. Sie ist nicht der Grund. Außerdem würde sie sich ganz bestimmt nichts von mir gefallen lassen.«
Oh, aber ich soll genau das tun. Ich ziehe einen Schmollmund. »Also hat es nichts mit ihr zu tun.«
»Nein. Und ich will auch nicht, dass du dich selbst berührst.«
Was? Ach ja, die Masturbationsklausel.
»Rein aus Neugier gefragt … wieso nicht?«
»Weil ich deine Lust ganz für mich allein haben will.« Seine Stimme ist heiser, doch sein Tonfall lässt keinen Widerspruch zu.
Oh, ich habe keine Ahnung, was ich darauf erwidern soll. Einerseits ist es genauso romantisch wie sein »Am liebsten würde ich an dieser Lippe knabbern«, andererseits finde ich es reichlich egoistisch. Stirnrunzelnd schiebe ich mir einen Bissen Fisch in den Mund und gehe im Geiste durch, welche Zugeständnisse ich für mich herausgeschlagen habe: Essen und Schlafen. Er sagt, dass er es langsam angehen will, und über die Soft Limits haben wir noch nicht gesprochen. Allerdings bin ich nicht sicher, ob ich mich überwinden kann, mich mit einem vollen Teller vor der Nase über solche Dinge zu unterhalten.
»Ich habe dir eine Menge Stoff zum Nachdenken gegeben, stimmt’s?«
»Ja.«
»Willst du auch jetzt gleich die Soft Limits besprechen?«
»Nicht beim Essen.«
Er lächelt. »Zart besaitet?«
»So in der Art.«
»Du hast ja kaum etwas gegessen.«
»Mir reicht es.«
»Drei Austern, vier Bissen Fisch und eine Spargelstange, keine Kartoffeln, keine Nüsse, keine Oliven. Und das, obwohl du den ganzen Tag nichts gegessen hast. Du sagtest doch, ich könnte dir vertrauen.«
Großer Gott. Er führt sogar Buch.
»Christian, bitte, schließlich führe ich nicht jeden Tag Gespräche wie dieses hier.«
»Du musst gesund und fit für mich sein, Anastasia.«
»Das weiß ich.«
»Und im Augenblick würde ich dir am liebsten dieses Kleid vom Leib reißen.«
Ich schlucke. Mir Kates Kleid vom Leib reißen. Wieder spüre ich dieses Ziehen im Unterleib. Muskeln, mit denen ich erst jetzt Bekanntschaft gemacht habe, weil sie sich zusammenziehen, wann immer er solche Dinge zu mir sagt. Aber es geht nicht. Der Sex ist seine schärfste Waffe, und er setzt sie gegen mich ein. In diesem Punkt ist er absolut unschlagbar – selbst ich weiß das inzwischen.
»Ich halte das für keine gute Idee«, murmle ich. »Wir hatten ja noch nicht mal ein Dessert.«
»Du willst ein Dessert?«, schnaubt er.
»Ja.«
»Du könntest das Dessert sein.«
»Ich weiß nicht recht, ob ich süß genug bin.«
»Du bist von einer unglaublich köstlichen Süße, Anastasia. Das weiß ich.«
»Christian, du setzt Sex als Waffe ein. Das ist nicht fair«, flüstere ich und blicke zuerst auf meine Hände, dann in sein Gesicht.
Erstaunt hebt er die Brauen und streicht sich nachdenklich übers Kinn. »Du hast Recht. Das tue ich tatsächlich. Wenn man etwas erreichen will, muss man seine Fähigkeiten eben nutzen, Anastasia. Das ändert aber nichts daran, wie sehr ich dich will. Hier. Jetzt.«
Wie schafft er es, mich allein mit seiner Stimme zu verführen? Ich bekomme schon jetzt keine Luft mehr – mein Blut strömt heiß durch meine Venen, und meine Nerven vibrieren vor Erregung.
»Ich würde gern etwas probieren«, raunt er.
Ich runzle die Stirn.
Gerade hat er mir eine ganze Wagenladung an Informationen vor die Füße gekippt, die ich erst einmal verarbeiten muss, und jetzt das.
»Wärst du meine Sub, bräuchtest du nicht darüber nachdenken. Es wäre alles ganz einfach.« Seine Stimme ist honigweich und verführerisch. »All die Entscheidungen, die ermüdenden Überlegungen und Grübeleien, die damit verbunden sind. Diese Frage, ob es auch wirklich das Richtige ist. Ob es wirklich jetzt passieren soll. Und hier. Über all das müsstest du dir keine Gedanken mehr machen, weil ich als dein Dom das für dich übernehmen würde. Und ich weiß, dass du mich willst, Anastasia.«
Woher weiß er das?
»Ich weiß das, weil …«
Verdammt, jetzt beantwortet er auch noch meine Frage, obwohl ich sie nicht einmal gestellt habe. Kann er hellsehen, oder was?
»… dein Körper dich verrät. Du presst die Schenkel zusammen, wirst rot, und deine Atmung hat sich verändert.«
Okay, das geht eindeutig zu weit.
»Woher weißt du, was ich mit meinen Schenkeln mache?« , frage ich mit ungläubiger Stimme. Sie sind doch unterm Tisch.
»Ich habe gespürt, wie sich die Tischdecke bewegt hat. Meine Vermutung basiert auf jahrelanger Erfahrung. Und ich habe Recht, stimmt’s?«
Abermals laufe ich rot an und starre auf meine Hände. Genau das ist der Grund, weshalb ich ihm bei dieser Verführungsmasche hoffnungslos unterlegen bin: Er ist der Einzige von uns, der die Regeln kennt und versteht. Ich bin viel zu naiv und unerfahren dafür. Der einzige Mensch, an dem ich mich orientieren kann, ist Kate, und sie lässt sich von Männern nichts gefallen. Alle anderen Bezugspersonen in meinem Leben sind Romanfiguren: Elizabeth Bennet wäre außer sich vor Wut, Jane Eyre hätte viel zu große Angst davor, und Tess würde nachgeben, so wie ich es getan habe.
»Ich habe meinen Fisch noch nicht aufgegessen.«
»Kalter Fisch ist dir also wichtiger als ich?«
Ich hebe abrupt den Kopf und sehe ihn an. Das Verlangen glitzert wie flüssiges Silber in seinen Augen.
»Ich dachte, ich soll meinen Teller leer essen.«
»Im Augenblick, Miss Steele, ist mir scheißegal, ob der Teller voll oder leer ist.«
»Du kämpfst mit unfairen Mitteln, Christian.«
»Ich weiß. Das habe ich schon immer getan.«
Meine innere Göttin runzelt die Stirn. Du kannst das, sagt sie. Du schaffst es, diesen Sexgott mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Ach, tatsächlich? Okay. Was soll ich tun? Meine Unerfahrenheit hängt wie ein Mühlstein um meinen Hals. Ich spieße eine Spargelstange auf, sehe ihn an und kaue auf meiner Lippe. Dann schiebe ich mir die Spargelspitze in den Mund und sauge sie ganz langsam zwischen meine Lippen.
Christians Augen weiten sich; zwar kaum merklich, aber mir entgeht es trotzdem nicht.
»Was tust du da, Anastasia?«
Ich beiße die Spitze ab.
»Ich esse meinen Spargel.«
Christian verlagert sein Gewicht auf dem Stuhl. »Ich glaube eher, Sie spielen mit mir, Miss Steele.«
Ich mache ein unschuldiges Gesicht. »Ich esse nur auf, Mr. Grey.«
Genau in diesem Augenblick klopft der Kellner an die Tür und kommt herein. Er wirft Christian einen kurzen Blick zu, woraufhin dieser die Stirn runzelt, aber nickt. Der Kellner räumt die Teller ab. Doch sein unangekündigtes Auftauchen hat die Magie des Augenblicks jäh zerstört. Und ich nutze diesen kurzen, kostbaren Moment, in dem ich wieder klar denken kann: Ich muss gehen. Es gibt keinen Zweifel daran, wie dieser Abend enden wird, wenn ich bleibe, deshalb muss ich ein klares Zeichen setzen. So sehr sich mein Körper auch nach seiner Berührung sehnen mag – mein Verstand rebelliert nach wie vor. Ich brauche Abstand, um in Ruhe über alles nachzudenken. Bislang habe ich noch keine Entscheidung getroffen, und seine sexuelle Anziehungskraft und seine Überzeugungskunst machen es mir nicht gerade einfacher.
»Möchtest du noch ein Dessert?«, fragt er, stets der Gentleman, trotzdem spricht das Glühen in seinen Augen Bände.
»Nein, danke. Ich glaube, ich sollte jetzt gehen«, antworte ich, ohne den Blick von meinen Händen zu lösen.
»Gehen?«, wiederholt er mit unverhohlener Verblüffung.
Der Kellner tritt eilig den Rückzug an.
»Ja.« Es ist die richtige Entscheidung. Wenn ich bleibe, hier in diesem Raum, mit ihm, wird er mich ficken. Entschlossen stehe ich auf. »Morgen ist die Abschlussfeier, für die wir beide fit sein müssen.«
Christian erhebt sich reflexartig – ein untrüglicher Beweis für seine tadellosen Manieren. »Ich will nicht, dass du gehst.«
»Bitte … ich muss.«
»Wieso?«
»Weil ich über so viele Dinge nachdenken muss. Und ich brauche etwas Abstand.«
»Ich könnte dich dazu bringen, dass du bleibst«, droht er.
»Ja, das könntest du ohne Weiteres, aber ich will nicht, dass du es tust.«
Er fährt sich mit der Hand durchs Haar und beäugt mich misstrauisch. »Als du zum Interview in meinem Büro aufgetaucht bist, hast du einen völlig verunsicherten, ja geradezu unterwürfigen Eindruck auf mich gemacht. Deshalb dachte ich, du wärst die geborene Sklavin. Aber wenn ich ehrlich sein soll, bin ich nicht sicher, ob auch nur ansatzweise etwas Devotes in deinem herrlichen Körper schlummert, Anastasia.« Er tritt langsam auf mich zu. Seine Stimme ist angespannt.
»Da könntest du Recht haben«, erwidere ich leise. »Ich will aber die Chance haben herauszufinden, ob da nicht doch etwas ist«, raunt er, hebt die Hand und streicht mir übers Gesicht, zeichnet mit dem Daumen meine Unterlippe nach. »Ich kann nichts dafür. So bin ich, Anastasia.«
»Ich weiß.«
Er beugt sich vor, um mich zu küssen, hält jedoch inne und sieht mich einen Moment lang fragend an, als bitte er um Erlaubnis. Ich hebe den Kopf kaum merklich, woraufhin sich unsere Lippen berühren. Er küsst mich, und weil ich nicht weiß, ob ich ihn jemals wieder küssen werde, lasse ich mich einfach mitreißen. Ich vergrabe die Hände in seinem Haar und ziehe ihn an mich, während sich meine Lippen teilen und meine Zunge die seine umschmeichelt. Seine Hand legt sich um meinen Nacken, und er vertieft seinen Kuss. Seine andere Hand wandert an meinem Rückgrat entlang, legt sich in die Kuhle, wo es in mein Hinterteil übergeht, und zieht mich enger an sich.
»Ich kann dich also nicht zum Bleiben überreden?«, stößt er zwischen zwei Küssen hervor.
»Nein.«
»Und die Nacht mit mir zu verbringen.«
»Und dich dabei nicht anfassen dürfen? Nein.«
Er stöhnt. »Du schreckliches Mädchen.« Er löst sich von mir und sieht mich an. »Wieso habe ich das Gefühl, dass du mir gerade Lebewohl sagst?«
»Weil ich jetzt nach Hause fahren werde.«
»Das meine ich nicht damit, das weißt du ganz genau.«
»Christian, ich muss über all das nachdenken. Ich habe keine Ahnung, ob ich die Art von Beziehung mit dir führen kann, die du dir wünschst.«
Er schließt die Augen und legt seine Stirn gegen meine, so dass wir beide Gelegenheit haben, uns ein wenig zu sammeln. Nach einem Moment drückt er mir einen Kuss auf die Stirn, dann lässt er mich los und tritt einen Schritt zurück.
»Wie Sie wünschen, Miss Steele«, sagt er mit ausdrucksloser Miene. »Ich begleite dich in die Lobby.« Er streckt mir die Hand entgegen.
Ich ergreife sie und nehme meine Tasche. Verdammt, das könnte das Ende sein. Niedergeschlagen folge ich ihm die breite Treppe hinunter und in die Lobby. Meine Kopfhaut prickelt. Ich höre das Blut in meinen Ohren rauschen. Wenn ich mich gegen dieses Arrangement entscheide, könnte dies unsere letzte Begegnung gewesen sein. Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen. Wer hätte gedacht, dass dieser Abend so enden würde, welche Auswirkungen ein kurzer Moment der Klarheit haben könnte …
»Hast du dein Parkticket?«
Ich krame es aus der Handtasche und gebe es ihm, woraufhin er es an den Hoteldiener weiterreicht. Schweigend stehen wir nebeneinander und warten darauf, dass mein Wagen vorgefahren wird.
»Danke für das Abendessen«, sage ich leise.
»Es war mir wie immer ein Vergnügen, Miss Steele«, erwidert er höflich, doch er scheint mit den Gedanken ganz woanders zu sein.
Ich sehe ihn an, betrachte sein wunderschönes Profil, in der Hoffnung, dass es sich für immer in mein Gedächtnis brennt. Die Vorstellung, dass ich ihn vielleicht nie wiedersehen werde, ist entsetzlich. Und zu schmerzlich, um länger darüber nachzudenken. Unvermittelt wendet er sich mir zu und sieht mich eindringlich an.
»Du ziehst doch am kommenden Wochenende nach Seattle. Wenn du die richtige Entscheidung triffst, kann ich dich dann am Sonntag sehen?«, fragt er zögerlich.
»Wir werden sehen. Vielleicht.«
Für einen kurzen Moment scheint er erleichtert zu sein, dann runzelt er die Stirn. »Es ist kühler geworden. Hast du keine Jacke dabei?«
»Nein.«
Er schüttelt ärgerlich den Kopf und zieht sein Jackett aus. »Hier. Ich will nicht, dass du dir eine Erkältung holst.«
Er hält mir die Jacke hin. Als ich hineinschlüpfe, muss ich an den Tag in seinem Büro denken, als er mir in die Jacke geholfen hat – an diesem Tag sind wir uns das erste Mal begegnet –, und an die Wirkung, die er auf mich hatte. Nichts daran hat sich geändert; im Gegenteil – sie hat sich sogar noch verstärkt. Sein Jackett ist warm und viel zu groß, und es riecht nach ihm …
Mein Wagen fährt vor. Christian bleibt der Mund offen stehen.
»Damit fährst du herum?« Er ist völlig schockiert. Der Hoteldiener steigt aus und reicht mir die Schlüssel, während Christian ihm beiläufig ein Trinkgeld in die Hand drückt.
»Ist diese Kiste überhaupt straßentauglich?«, fragt er mit finsterer Miene.
»Ja.«
»Und du schaffst es, damit nach Seattle zu fahren?«
»Ja. Wanda schafft das.«
»Ohne dass etwas passiert?«
»Ja«, schnauze ich ihn genervt an. »Okay, sie ist alt, aber sie gehört mir, und sie ist straßentauglich. Mein Stiefvater hat sie mir gekauft.«
»Oh, Anastasia, aber da finden wir bestimmt etwas Besseres.«
»Wie meinst du das?« In diesem Moment dämmert es mir. »O nein. Du wirst mir definitiv kein Auto kaufen.«
»Wir werden sehen«, presst er mit zusammengebissenen Zähnen hervor.
Er schneidet eine Grimasse, als er mir die Fahrertür aufhält. Ich ziehe mir die Schuhe aus und kurble das Fenster herunter.
»Fahr vorsichtig«, sagt er leise. Seine Miene ist undurchdringlich, seine Augen dunkel.
»Auf Wiedersehen, Christian.« Meine Stimme ist rau vor mühsam unterdrückten Tränen – o Gott, jetzt bloß nicht weinen. Ich ringe mir ein kurzes Lächeln ab.
Ich gebe Gas. Meine Brust zieht sich zusammen. Ich kann die Tränen nicht länger zurückhalten. Ein Schluchzen dringt aus meiner Kehle. Augenblicke später strömen mir die Tränen ungehindert übers Gesicht. Ich weiß überhaupt nicht, wieso ich weine. Ich habe mich doch gegen ihn behauptet. Er hat mir alles erklärt, klipp und klar. Er will mich. Aber die Wahrheit ist, dass mir das nicht genügt. Ich brauche mehr. Er muss mich genauso wollen wie ich ihn, und tief in meinem Innern weiß ich, dass das unmöglich ist. Ich bin nur völlig überwältigt von der ganzen Situation.
Ich weiß ja noch nicht einmal, welche Bezeichnung ich ihm geben sollte. Wenn ich mich auf diese Sache einlasse … ist er dann mein fester Freund? Kann ich ihn meinen Eltern vorstellen? Mit ihm ausgehen, in Bars, ins Kino oder sogar zum Bowling? Ich glaube nicht, dass ich das tun werde. Er will nicht, dass ich ihn berühre, und er will nicht mit mir im selben Bett schlafen. Natürlich ist mir klar, dass ich all das bisher auch nicht hatte, aber zumindest für die Zukunft wünsche ich es mir. Und was er im Sinn hat, ist definitiv keine Zukunft.
Was passiert, wenn ich jetzt Ja sage und er in drei Monaten feststellt, dass er es leid ist, etwas aus mir machen zu wollen, was ich nicht bin? Was passiert dann mit mir? Dann habe ich drei Monate lang emotional in eine Beziehung investiert und mich zu Dingen überreden lassen, von denen ich nicht sicher bin, ob ich sie wirklich tun will. Wie sollte ich mit der Zurückweisung klarkommen, wenn er mich einfach abserviert? Womöglich ist es das Klügste, lieber gleich Schluss zu machen und die ganze Angelegenheit mit einem halbwegs unversehrten Selbstwertgefühl abzuhaken.
Aber die Vorstellung, ihn nie wiederzusehen, ist grauenhaft. Wie kann er mir in so kurzer Zeit so sehr ans Herz gewachsen sein? Am Sex allein kann es nicht liegen … oder etwa doch? Ich wische mir die Tränen ab. Ich will meine Gefühle für ihn gar nicht genauer hinterfragen – aus Angst, zu welchem Ergebnis ich gelange, wenn ich es mache. Was soll ich nur tun?
Ich stelle den Wagen vor dem Haus ab. Erleichtert stelle ich fest, dass alles stockdunkel ist. Kate ist offenbar ausgegangen. Ich will nicht, dass sie mich schon wieder beim Weinen erwischt. Während ich mich ausziehe, fahre ich den Computer hoch. Eine Mail von Christian ist im Posteingang.
Von: Christian Grey
Betreff: Heute Abend
Datum: 25. Mai 2011, 22:01 Uhr
An: Anastasia Steele
Ich verstehe nicht ganz, wieso du heute Abend vor mir davongelaufen bist. Ich hoffe sehr, dass ich all deine Fragen zufriedenstellend beantwortet habe. Ich weiß, dass du über vieles nachdenken musst, und wünsche mir von Herzen, dass du meinen Vorschlag ernsthaft überdenkst. Ich will, dass das Ganze funktioniert. Wir werden es auch ganz langsam angehen. Vertrau mir.
CHRISTIAN GREY
CEO, Grey Enterprises Holdings, Inc.
Jetzt muss ich erst recht weinen. Ich bin kein Fusionierungs-oder Übernahmeprojekt. Aber wenn ich das hier lese, könnte man es beinahe glauben. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ich schlüpfe in meinen Pyjama und klettere ins Bett, sein Jackett fest um mich geschlungen. Ich liege da, starre in die Dunkelheit und denke an die vielen Male, als er mich gewarnt hat, mich von ihm fernzuhalten.
Du solltest dich von mir fernhalten. Ich bin nicht der Richtige für dich.
Eine feste Freundin ist nichts für mich.
Ich bin kein Mann für Herzchen und Blümchen.
Ich schlafe nicht mit jemandem.
Das ist das Einzige, was ich kenne.
Und als ich lautlos ins Kissen weine, kreisen meine Gedanken um diesen letzten Satz. Auch für mich ist es das Einzige, was ich kenne. Vielleicht können wir ja gemeinsam einen neuen Weg einschlagen.