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NEUNZEHN
Weiche Lippen streichen über meine Schläfe, gefolgt von einer Spur zärtlicher Küsse. Ein Teil von mir würde sich am liebsten umdrehen und sie erwidern, doch mein Bedürfnis nach Schlaf ist zu übermächtig.
»Wach auf, Anastasia«, höre ich Christians samtweiche Stimme.
»Nein«, stöhne ich.
»In einer halben Stunde müssen wir zum Abendessen aufbrechen.« Belustigung schwingt in seiner Stimme mit.
Widerstrebend öffne ich die Augen. Draußen dämmert es. Christian hat sich über mich gebeugt und sieht mich eindringlich an.
»Los, Schlafmütze, aufstehen.« Noch einmal küsst er mich. »Hier ist etwas zu trinken. Ich warte unten auf dich. Nicht wieder einschlafen, sonst gibt’s Ärger«, warnt er, wenn auch milde. Mit einem letzten, flüchtigen Kuss verlässt er das kühle, schlicht eingerichtete Zimmer, während ich mir blinzelnd den Schlaf aus den Augen reibe.
Das Nickerchen hat mich zwar erfrischt, trotzdem bin ich nervös. Ich lerne seine Familie kennen! Heilige Scheiße, gerade noch hat er mich mit einer Reitgerte gevögelt und mit einem Kabelbinder gefesselt, den ich ihm persönlich verkauft habe, und gleich werde ich seinen Eltern die Hand schütteln. Wenigstens habe ich Kate zur Unterstützung an meiner Seite. Ich bewege meine Schultern. Sie sind stocksteif. Die Anweisung, mit einem Personal Trainer zu trainieren, erscheint mir plötzlich nicht mehr ganz so abwegig; vielmehr ist es ein absolutes Muss, wenn ich auch nur annähernd mit ihm mithalten will.
Im Zeitlupentempo stehe ich auf. Mein Kleid hängt an der Tür des Kleiderschranks, mein BH liegt daneben auf einem Stuhl. Aber wo ist mein Höschen? Ich sehe unter dem Stuhl nach. Nichts. Dann fällt es mir wieder ein – er hat es zusammengeknüllt und in seine Hosentasche gestopft. Die Erinnerung treibt mir die Schamesröte ins Gesicht … Ich kann mich nicht einmal überwinden, daran zu denken. Er war regelrecht … barbarisch. Aber wieso hat er mir mein Höschen nicht zurückgegeben?
Ich gehe ins Badezimmer. Die Vorstellung, ohne Unterwäsche herumlaufen zu müssen, macht mich ganz nervös. Als ich mich nach einer herrlichen, wenn auch viel zu kurzen Dusche abtrockne, kapiere ich es endlich – das hat er mit Absicht getan. Er will, dass ich mich schäme und ihn bitte, es mir zurückzugeben, damit er die Macht hat, Ja oder Nein zu sagen. Meine innere Göttin grinst. Tja, zu diesem Spielchen gehören aber zwei. Ich beschließe, ihm diese Befriedigung nicht zu verschaffen. Dann trete ich seinen Eltern eben ohne Unterwäsche gegenüber. Anastasia Steele!, schimpft mein Unterbewusstsein, aber ich bin nicht bereit, ihm zuzuhören. Stattdessen reibe ich mir im Geiste bereits die Hände. Damit werde ich ihn um den Verstand bringen.
Ich kehre ins Schlafzimmer zurück, ziehe meinen BH an, schlüpfe in mein Kleid und streife meine Schuhe über. Dann löse ich meinen Zopf und bürste eilig mein Haar. Mein Blick fällt auf das Glas mit der hellrosa Flüssigkeit. Was mag das sein? Cranberrysaft mit Mineralwasser. Hm. Es schmeckt köstlich.
Ich flitze noch einmal ins Bad, um mich im Spiegel anzusehen – strahlende Augen, die Wangen von einem rosigen Hauch überzogen und ein selbstgefälliges Lächeln, das beim Gedanken an meinen Höschen-Plan um meine Lippen spielt. Ich gehe nach unten. Ich habe gerade mal eine Viertelstunde gebraucht. Nicht übel, Ana.
Christian steht in der grauen Flanellhose, die ich so gern mag, weil sie sich so sexy um seine Hüften schmiegt, und dem obligatorischen weißen Leinenhemd vor dem Panoramafenster. Gibt es in seinem Schrank eigentlich noch andere Farben? Aus den Surround-Boxen dringt leise Frank Sinatra.
Als ich hereinkomme, dreht er sich um und lächelt mich erwartungsvoll an.
»Hi«, sage ich leise und zaubere ein sphinxgleiches Lächeln auf mein Gesicht.
»Hi, wie fühlst du dich?« Seine Augen funkeln belustigt.
»Gut. Danke. Und du?«
»Mir geht es ausgesprochen gut, Miss Steele.«
Er kann es offenkundig kaum erwarten, dass ich endlich etwas sage.
»Ich hätte nicht gedacht, dass du Sinatra-Fan bist.«
Er hebt die Brauen und mustert mich abschätzend. »Ich habe nun mal einen vielseitigen Geschmack, Miss Steele«, erwidert er und geht wie ein Panther auf und ab, bis er schließlich vor mir stehen bleibt. Sein Blick ist so eindringlich, dass mir die Luft wegbleibt.
Im Hintergrund singt Frank mit samtweicher Stimme Witchcraft. Es ist ein alter Song, eines von Rays Lieblingsliedern. Müßig streicht Christian mit den Fingerspitzen über meine Wange. Die Berührung jagt wohlige Schauder durch meinen ganzen Körper, bis in mein Innerstes.
»Tanz mit mir«, raunt er mit Reibeisenstimme.
Er zieht die Fernbedienung aus der Tasche, dreht die Lautstärke hoch und streckt einladend die Arme aus. Ich sehe in seine grauen Augen, die vor Verheißung, Sehnsucht und Belustigung funkeln. Dieser Mann ist atemberaubend, und ich bin restlos verzaubert von ihm. Ich lege meine Hand in seine. Mit einem lässigen Grinsen zieht er mich an sich und legt den Arm um meine Taille.
Angesteckt von seiner Lockerheit und seiner guten Laune, lege ich meine freie Hand auf seine Schulter und lächle ihn an. Er neigt sich leicht zur Seite, und schon beginnen wir uns zu bewegen. Lieber Gott, dieser Mann kann vielleicht tanzen! Wir belegen den ganzen Raum mit Beschlag, wirbeln über den glatten Fußboden, von der Fensterfront bis zur Küche und wieder zurück. Christian führt auf eine Art und Weise, die es mir leicht macht, mich im Takt der Musik zu wiegen.
Wir schweben um den Esstisch herum, hinüber zum Klavier, vor dem Panoramafenster vorbei, hinter dem sich das magisch funkelnde Lichtermeer von Seattle ausbreitet. Ich lache ausgelassen, während die letzten Klänge des Songs ertönen.
»’cause there is no nicer witch than you«, summt er und küsst mich zärtlich. »Das hat ein bisschen Farbe in Ihre Wangen gebracht, Miss Steele. Danke für den Tanz. Sollen wir aufbrechen, damit Sie meine Eltern kennen lernen?«
»Das Vergnügen ist ganz meinerseits, und ja, ich kann es kaum erwarten«, antworte ich atemlos.
»Hast du auch alles, was du brauchst?«
»O ja«, erwidere ich mit einem zuckersüßen Lächeln.
Ich nicke so lässig, wie ich es unter seinem eindringlichen Blick nur kann. Ein breites Grinsen erscheint auf seinem Gesicht, und er schüttelt den Kopf.
»Na gut. Wenn Sie es so haben wollen, Miss Steele.«
Er ergreift meine Hand, nimmt sein Jackett von einem Barhocker und führt mich durch die Diele zum Aufzug. Die vielen Gesichter des Christian Grey. Ob ich diesen launenhaften Mann jemals verstehen werde?
Ich trete neben ihn in den Aufzug und sehe ihn an. Er lächelt in sich hinein, als würde er sich insgeheim über irgendetwas amüsieren, allerdings fürchte ich, dass es irgendetwas mit mir zu tun hat. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Ich werde gleich seinen Eltern gegenübertreten und trage keinen Slip. Ich hab’s dir ja gleich gesagt, meldet sich mein Unterbewusstsein überflüssigerweise zu Wort. In der relativen Sicherheit seines Apartments mag das Ganze eine kesse, witzige Idee gewesen sein, doch nun bewege ich mich praktisch in aller Öffentlichkeit ohne Unterwäsche! Er sieht mich an, und da ist es wieder – dieses unglaubliche Knistern zwischen uns. Das belustigte Funkeln in seinen Augen erlischt. Seine Miene verdüstert sich, und seine Augen …
In diesem Augenblick öffnen sich die Aufzugtüren, und wir stehen im Erdgeschoss. Christian schüttelt den Kopf, als müsse er sich sammeln, und lässt mir mit einer Gentleman-Geste den Vortritt. Aber wem will er etwas vormachen? Christian ist kein Gentleman. Er hat meinen Slip in der Hosentasche.
Taylor fährt den großen schwarzen Audi vor. Christian öffnet mir die Tür. So elegant, wie es in Anbetracht der Tatsache, dass ich keine Unterwäsche trage, möglich ist, rutsche ich auf den Rücksitz. Nur gut, dass Kates Kleid so eng geschnitten ist, dass es mir nicht weiter über die Schenkel nach oben rutschen kann.
Wir fahren die Interstate 5 entlang. Keiner von uns sagt etwas, was zweifellos an Taylors Anwesenheit hinterm Steuer liegt. Christians Stimmung scheint sich mit jedem Kilometer zu verdüstern, den wir weiter nach Norden kommen. Inzwischen ist von seiner Ausgelassenheit nichts mehr zu spüren. Grübelnd starrt er aus dem Fenster, und ich merke, wie er mir immer mehr entgleitet. Was geht in ihm vor? Aber natürlich kann ich ihn jetzt nicht danach fragen. Worüber könnte ich mich in Taylors Gegenwart mit ihm unterhalten?
»Wo hast du so gut tanzen gelernt?«, erkundige ich mich vorsichtig. Er wendet sich mir zu. Ich habe Mühe, im Halbdunkel der vorbeifliegenden Straßenlampen den Ausdruck in seinen Augen zu erkennen.
»Willst du das wirklich wissen?«, fragt er leise.
Mein Mut sinkt. Nein, will ich nicht, weil ich es mir denken kann.
»Ja«, antworte ich widerstrebend.
»Mrs. Robinson hat sehr gern getanzt.«
Meine schlimmsten Befürchtungen bestätigen sich. Und augenscheinlich hat sie ihre Sache gut gemacht. Der Gedanke deprimiert mich, denn es gibt nichts, was ich ihm beibringen könnte. Ich habe keine besonderen Fähigkeiten. »Sie muss eine gute Lehrerin gewesen sein.«
»Das war sie.«
Meine Kopfhaut prickelt. Hat sie ihn verführt? Wurde er danach so verschlossen und unzugänglich? Oder hat sie diese Seite überhaupt erst in ihm geweckt? Christian kann so witzig und ausgelassen sein. Beim Gedanken daran, wie er mich ohne jede Vorwarnung gepackt und durch sein Wohnzimmer gewirbelt hat, muss ich grinsen. Außerdem hat er irgendwo meinen Slip versteckt.
Und was ist mit seiner Kammer der Qualen? Reflexartig massiere ich meine Handgelenke. Auch das hat sie ihm alles beigebracht. Man könnte auch sagen, sie hat ihn versaut; je nachdem, wie man es betrachtet. Andererseits hätte er seine Neigungen vielleicht auch ohne ihr Zutun entdeckt. In diesem Augenblick wird mir bewusst, dass ich Mrs. Robinson hasse. Ich hoffe, dass ich ihr niemals über den Weg laufen werde, weil ich sonst für nichts garantieren kann. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so leidenschaftliche Empfindungen für jemanden gehegt zu haben, den ich noch nicht einmal kenne. Ich starre aus dem Fenster, während mich erneut diese sinnlose Wut und Eifersucht überkommt.
Ich muss wieder daran denken, was sich heute Nachmittag abgespielt hat. Nach allem, was ich über ihn weiß, ist er noch einigermaßen schonend mit mir umgegangen. Würde ich es wiederholen? Ich kann noch nicht einmal so tun, als hätte ich etwas dagegen. Natürlich würde ich es noch einmal tun, wenn er mich darum bitten würde – zumindest solange er mir keine echten Schmerzen zufügt. Und unter der Voraussetzung, dass dies die einzige Form der Beziehung ist, die ich mit ihm führen kann.
Das ist der springende Punkt: Ich will mit ihm zusammen sein. Meine innere Göttin stößt einen erleichterten Seufzer aus. Das lässt nur einen Schluss zu – offenbar benutzt sie nur selten ihren Verstand, sondern denkt viel lieber mit einem anderen lebensnotwendigen Teil ihres Körpers: mit jenem, der im Augenblick schamlos entblößt ist.
»Nicht«, sagt er leise.
Ich runzle die Stirn und sehe ihn an. »Nicht was?« Ich habe ihn doch gar nicht angefasst.
»Nicht zu viel nachdenken, Anastasia.« Er nimmt meine Hand, hebt sie an seine Lippen und küsst zärtlich meine Fingerknöchel. »Es war ein wunderbarer Nachmittag. Ich danke dir.«
Er ist wieder bei mir. Ich sehe ihn mit einem schüchternen Lächeln an. Ich weiß einfach nie, woran ich mit ihm bin.
»Wieso ausgerechnet Kabelbinder?«, frage ich.
Er grinst. »Es geht schnell und einfach, außerdem wollte ich, dass du die Erfahrung machst, wie es sich anfühlt. Mir ist klar, dass es ein bisschen brutal ist, und ich benutze sie auch nicht zum Fesseln.« Er lächelt milde. »Aber sie sind perfekt, wenn man gewährleisten will, dass du dich nicht bewegst.«
Ich werde rot und sehe nervös nach vorn zu Taylor, der mit unbewegter Miene am Steuer sitzt, den Blick stur auf die Straße geheftet. Was soll ich darauf erwidern?
Christian zuckt unschuldig mit den Schultern. »All das gehört nun mal zu meiner Welt, Anastasia.« Er drückt meine Hand, dann lässt er sie los und sieht wieder aus dem Fenster.
Seine Welt. Eine Welt, in die ich unbedingt gehören möchte. Aber auch zu seinen Bedingungen? Ich weiß es nicht. Den ganzen Tag hat er diesen verdammten Vertrag mit keiner Silbe erwähnt. Meine Grübeleien tragen nicht gerade zur Verbesserung meiner Laune bei. Ich starre aus dem Fenster und stelle fest, dass sich die Landschaft verändert hat. Wir fahren über eine der Brücken, hinter der sich die tintenschwarze Dunkelheit erstreckt. Die abendliche Finsternis spiegelt meine bedrückte Stimmung wider, legt sich wie eine dunkle Wolke über mich und droht mich zu ersticken.
Ich werfe Christian einen Blick zu und ertappe ihn dabei, dass er mich ansieht.
»Meine Gedanken? Ist es das?«, fragt er.
Seufzend nicke ich.
»So schlimm?«
»Ich wünschte nur, ich wüsste, was in deinem Kopf vorgegangen ist.«
Er grinst. »Geht mir auch so, Baby«, sagt er, während wir uns Bellevue nähern.
Es ist kurz vor acht, als der Audi in die Einfahrt des Herrenhauses im Kolonialstil biegt. Das Haus ist ein absoluter Traum, perfekt bis hin zu den Rosen, die sich um die Tür ranken. Wie aus dem Bilderbuch.
»Bist du bereit?«, fragt Christian, während Taylor vor der eindrucksvollen Eingangstür anhält.
Ich nicke. Er drückt erneut beruhigend meine Hand.
»Für mich ist es auch eine Premiere«, sagt er, ehe er das Gesicht zu einem anzüglichen Grinsen verzieht. »Ich wette, du wünschst dir, du hättest jetzt ein Höschen an.«
Ich werde rot. Das hatte ich inzwischen völlig vergessen. Zum Glück ist Taylor bereits ausgestiegen und öffnet mir die Tür, so dass er nichts davon mitbekommen hat. Ich werfe Christian einen vernichtenden Blick zu, der breit grinst, während ich mich abwende und aus dem Wagen steige.
Dr. Grace Trevelyan-Grey steht auf der Türschwelle und erwartet uns. Sie sieht sehr elegant aus in ihrem hellblauen Seidenkleid. Hinter ihr steht Mr. Grey, hochgewachsen, blond und auf seine Art ebenso gut aussehend wie Christian.
»Anastasia, meiner Mutter bist du ja schon einmal begegnet. Und das ist mein Dad, Carrick.«
»Mr. Grey, wie schön, Sie kennen zu lernen.« Lächelnd ergreife ich seine ausgestreckte Hand.
»Das Vergnügen ist ganz meinerseits, Anastasia.«
»Bitte nennen Sie mich doch Ana.«
Seine blauen Augen sind gutmütig und sanft.
»Ana, wie nett, Sie wiederzusehen.« Grace schließt mich in die Arme. »Kommen Sie doch herein, meine Liebe.«
»Ist sie da?«, höre ich eine laute Stimme aus dem Haus dringen. Nervös sehe ich zu Christian hinüber.
»Und das wäre dann Mia, meine kleine Schwester«, sagt er mit einem Anflug von Gereiztheit, doch die Zuneigung in seinem Tonfall ist unüberhörbar, und ich registriere, wie seine Stimme weich wird und sich feine Lachfältchen um seine Augen zeigen, als er ihren Namen ausspricht. Allem Anschein nach liebt Christian seine Schwester heiß und innig. Damit hatte ich nicht gerechnet. Und dann kommt sie durch die Diele gelaufen, groß und kurvig, mit rabenschwarzem Haar. Ich schätze, dass sie in meinem Alter ist.
»Anastasia! Ich habe schon so viel von dir gehört!« Sie schlingt die Arme um mich und zieht mich an sich.
Junge, Junge, ihre Begeisterung ist so überschwänglich, dass ich grinsen muss.
»Ana, bitte«, sage ich, während sie mich in die weitläufige Diele mit dem dunklen Holzboden, alten Perserteppichen und einer gewaltigen, geschwungenen Treppe zieht.
»Er hat noch nie ein Mädchen mit nach Hause gebracht«, erklärt Mia, deren dunkle Augen vor Aufregung glühen.
Ich sehe, dass Christian die Augen verdreht, und hebe eine Braue, woraufhin er sie zusammenkneift.
»Mia, beruhige dich wieder«, tadelt Grace gütig. »Hallo, mein Schatz.« Sie küsst Christian auf beide Wangen. Er lächelt sie liebevoll an, dann schüttelt er seinem Vater die Hand.
Wir gehen ins Wohnzimmer. Mia macht keine Anstalten, meine Hand loszulassen. Der Raum ist ebenfalls weitläufig und sehr geschmackvoll in Creme-, Braun- und zarten Blautönen eingerichtet. Behaglich, unprätentiös und sehr stilvoll. Kate und Elliot sitzen mit Champagnerflöten in der Hand auf einem der Sofas. Als wir hereinkommen, springt Kate auf und umarmt mich. Endlich lässt Mia meine Hand los.
»Hi, Ana!« Kate strahlt. »Christian.« Sie nickt ihm knapp zu.
»Kate«, begrüßt er sie mit derselben Förmlichkeit.
Ich verfolge die Begegnung stirnrunzelnd. Elliot zieht mich in eine herzliche Umarmung. Was ist das hier? Die Alle-nehmen-Ana-in-den-Arm-Begrüßungswochen? Ich bin an diese freimütigen Zuneigungsbekundungen nicht gewöhnt. Christian legt den Arm um meine Hüfte und zieht mich eng an sich. Genervt bemerke ich, dass sämtliche Blicke auf uns gerichtet sind.
»Etwas zu trinken?«, erkundigt sich Mr. Grey. »Prosecco?«
»Gern«, antworten Christian und ich gleichzeitig.
Geht es noch schlimmer?
Mia klatscht begeistert in die Hände. »Ihr sprecht ja schon wie aus einem Munde. Ich hole euch zwei Gläser.« Sie verschwindet in die Küche.
Ich laufe rot an. Als ich Kate mit Elliot auf dem Sofa sitzen sehe, wird mir plötzlich bewusst, dass Christian mich nur eingeladen hat, weil sein Bruder Kate mitgebracht hat. Ich vermute, Elliot hatte keinerlei Hemmungen oder Vorbehalte, Kate zu diesem Abendessen mitzunehmen. Und damit saß Christian in der Falle, weil er wusste, dass Kate mir davon erzählen würde. Ich runzle die Stirn. Er wurde also zu der Einladung genötigt. Die Erkenntnis ernüchtert und deprimiert mich. Mein Unterbewusstsein nickt nur. Hast du’s also auch endlich gemerkt, ja?
»Das Essen ist gleich fertig«, verkündet Grace und folgt Mia.
Christian sieht mich mit gerunzelter Stirn an. »Setz dich«, sagt er streng und deutet auf die üppig gepolsterte Couch.
Ich gehorche und schlage vorsichtig die Beine übereinander. Er nimmt neben mir Platz, ohne mich jedoch zu berühren.
»Wir haben uns gerade über das Thema Urlaub unterhalten, Ana«, sagt Mr. Grey. »Elliot hat beschlossen, Kate und ihrer Familie für eine Woche nach Barbados nachzufliegen.«
Ich werfe Kate einen Blick zu. Ihre Augen leuchten vor Glück. Sie ist völlig aus dem Häuschen. Lieber Gott, zeig wenigstens ein Minimum an Würde, Katherine Kavanagh!
»Haben Sie auch vor, sich eine kleine Pause zu gönnen, jetzt, da Sie Ihren Abschluss in der Tasche haben?«, fragt Mr. Grey.
»Ich überlege, ob ich ein paar Tage nach Georgia fliegen soll«, antworte ich.
Christian sieht mich verblüfft an.
Verdammt. Ich habe ihm noch gar nichts davon erzählt.
»Georgia?«, wiederholt er leise.
»Ja, meine Mutter lebt dort, und ich habe sie eine ganze Weile nicht gesehen.«
»Und wann wolltest du fliegen?«, will er mit kaum hörbarer Stimme wissen.
»Morgen. Am späten Abend.«
In diesem Moment kehrt Mia mit zwei Gläsern roséfarbenem Prosecco zurück.
»Auf eure Gesundheit.« Mr. Grey hebt sein Glas. Was für ein passender Toast für den Ehemann einer Ärztin. Ich muss lächeln.
»Und für wie lange?«, hakt Christian mit trügerischer Freundlichkeit nach.
Verdammt. Er ist wütend auf mich.
»Ich weiß es noch nicht. Das hängt davon ab, wie meine Vorstellungsgespräche morgen laufen.«
Sein Kiefer spannt sich an. Ich sehe, wie dieser verräterische Ausdruck auf Kates Gesicht erscheint, wie immer, wenn sie drauf und dran ist, sich einzumischen. Sie lächelt zuckersüß.
»Ana hat eine kleine Pause verdient«, erklärt sie spitz und wirft Christian einen scharfen Blick zu. Wieso ist sie ihm gegenüber so feindselig? Was ist ihr Problem?
»Sie haben also Vorstellungsgespräche?«, mischt sich Mr. Grey ein.
»Ja, morgen. Bei zwei Verlagen für ein Praktikum.«
»Da halte ich natürlich die Daumen.«
»Das Essen ist fertig«, ruft Grace.
Alle erheben sich. Kate und Elliot folgen Mr. Grey und Mia aus dem Zimmer. Ich wende mich zum Gehen, doch Christian hält mich am Ellbogen fest und zwingt mich, stehen zu bleiben.
»Wann wolltest du mir sagen, dass du weggehst?«, fragt er. Trotz seines sanften Tonfalls ist seine Wut unüberhörbar.
»Ich gehe nicht weg, sondern habe mir nur überlegt, für ein paar Tage meine Mutter zu besuchen.«
»Was ist mit unserem Arrangement?«
»Wir haben noch kein Arrangement.«
Er kneift die Augen zusammen, doch dann scheint er sich plötzlich zu besinnen, lässt meine Hand los, nimmt mich beim Ellbogen und führt mich hinaus.
»Dieses Gespräch ist noch nicht beendet«, flüstert er drohend, als wir das Esszimmer betreten.
Verdammt, mach doch nicht so ein Riesentheater … Und gib mir endlich mein Höschen zurück. Ich werfe ihm einen verärgerten Blick zu.
Beim Anblick des Esszimmers muss ich an unser privates Abendessen im Heathman denken. Ein Kristalllüster hängt über dem dunklen Holztisch mit einer weißen Leinentischdecke, und ein gewaltiger Spiegel mit einem reich verzierten Rahmen ziert die hintere Wand. In der Mitte steht eine Schale mit hellrosa Pfingstrosen. Die Tafel sieht atemberaubend aus.
Wir setzen uns. Mr. Grey nimmt am Kopfende Platz, ich rechts neben ihm und Christian auf meiner anderen Seite. Mr. Grey bietet Kate ein Glas Rotwein an. Mia lässt sich neben Christian nieder, während er sie liebevoll anlächelt.
»Wo hast du Ana überhaupt kennen gelernt?« Ihre Stimme ist voller Neugier.
»Sie hat mich für die Studentenzeitung der WSU interviewt.«
»Im Auftrag von Kate, die die Chefredakteurin war«, füge ich hinzu, in der Hoffnung, das Gespräch von mir abzulenken.
Mia strahlt Kate an, die gegenüber von ihr neben Elliot sitzt. Eine Unterhaltung über das Studentenblatt entspinnt sich.
»Wein, Ana?«, fragt Mr. Grey.
»Ja, bitte«, sage ich lächelnd.
Mr. Grey erhebt sich, um mir einzuschenken.
Ich werfe Christian einen Blick zu, woraufhin er den Kopf neigt.
»Was ist?«
»Bitte sei nicht sauer auf mich«, wispere ich.
»Ich bin nicht sauer auf dich.«
Ich sehe ihn unverwandt an.
Er seufzt. »Na gut, ich bin sauer auf dich.« Für den Bruchteil einer Sekunde schließt er die Augen.
»So sauer, dass es dich in den Fingern juckt?«, frage ich nervös.
»Was habt ihr beide denn zu tuscheln?«, schaltet Kate sich ein.
Ich werde rot.
Christian wirft ihr einen warnenden Blick zu, unter dem selbst sie zu schrumpfen scheint.
»Wir reden nur über meinen Trip nach Georgia«, antworte ich freundlich und hoffe, der Feindseligkeit zwischen ihnen damit ein Ende zu setzen.
Kate lächelt, doch das boshafte Glitzern in ihren Augen entgeht mir nicht.
»Wie war’s eigentlich am Freitag mit José in der Bar?«
Verdammte Scheiße, Kate! Ich reiße genervt die Augen auf. Was soll das? Sie erwidert meinen Blick. In diesem Moment dämmert mir, was sie vorhat – sie will Christian eifersüchtig machen. Wenn sie wüsste! Und ich dachte schon, ich wäre mit einem blauen Auge davongekommen.
»Es war sehr nett«, antworte ich leise.
Christian beugt sich zu mir herüber. »So sauer, dass es mich in den Fingern juckt«, flüstert er. »Spätestens jetzt«, fügt er hinzu. Sein Tonfall ist eisig.
Mein Gott.
Grace betritt mit zwei Servierplatten das Esszimmer, gefolgt von einer hübschen jungen Blondine mit Zöpfen in einem adretten hellblauen Kleid, die ein Tablett in der Hand hält. Das Mädchen lässt den Blick durch den Raum schweifen, bis es Christian entdeckt hat. Errötend sieht es ihn zwischen seinen langen, dick getuschten Wimpern hindurch an. Was ist das denn?
In diesem Augenblick läutet irgendwo im Haus ein Telefon. »Bitte entschuldigt mich.« Mr. Grey erhebt sich und geht hinaus.
»Danke, Gretchen«, sagt Grace freundlich und sieht ihrem Mann stirnrunzelnd nach. »Stellen Sie das Tablett einfach auf der Anrichte dort drüben ab.«
Gretchen nickt, ehe sie mit einem weiteren verstohlenen Blick auf Christian den Raum verlässt.
Die Greys haben also Personal. Und dieses Personal macht meinem künftigen Herrn und Meister schöne Augen. Kann dieser Abend noch schlimmer werden? Ich lasse den Kopf sinken und starre finster auf meine Hände im Schoß.
Mr. Grey kehrt zurück. »Für dich, Liebling. Das Krankenhaus«, sagt er zu Grace.
»Bitte, fangt doch schon mal ohne mich an.« Lächelnd reicht Grace mir eine der Platten und verschwindet.
Das Essen riecht köstlich – Chorizo und Jakobsmuscheln mit gebratenem rotem Paprika und Schalotten, bestreut mit glatter Petersilie. Obwohl mir Christians verschleierte Drohungen, die wiederholten Blicke von Miss Kleinmädchenzöpfe und das Debakel um meine fehlende Unterwäsche auf den Magen schlagen, stelle ich fest, dass ich Hunger habe. Errötend muss ich mir eingestehen, dass mir die körperliche Anstrengung des Nachmittags einen enormen Appetit beschert hat.
Kurz darauf kehrt Grace mit sorgenvoller Miene zurück. Mr. Grey mustert sie mit geneigtem Kopf – dieselbe Geste, wie ich sie von Christian kenne.
»Alles in Ordnung?«
»Nein. Schon wieder ein Masern-Fall.« Grace seufzt.
»O nein.«
»Doch, bei einem Kind. Schon der vierte in diesem Monat. Würden die Leute ihre Kinder doch nur impfen lassen.« Betrübt schüttelt sie den Kopf, doch dann lächelt sie. »Ich bin heilfroh, dass meine Kinder das nie durchmachen mussten. Das Schlimmste, was sie jemals hatten, waren die Windpocken. Armer Elliot.« Sie lächelt ihren Sohn nachsichtig an. Elliot hält mitten im Kauen inne und rutscht auf seinem Stuhl herum. »Christian und Mia hatten größeres Glück. Bei ihnen waren die Symptome so schwach, dass sie so gut wie keine Pusteln hatten.«
Mia kichert, und Christian verdreht die Augen.
»Hast du das Spiel der Mariners gesehen, Dad?«, wechselt Elliot das Thema.
Die Horsd ’œuvres sind ein Traum. Ich konzentriere mich auf mein Essen, während Elliot, Mr. Grey und Christian sich über Baseball unterhalten. Christian wirkt sehr entspannt und gelassen im Kreis seiner Familie, wohingegen mein Gehirn auf Hochtouren arbeitet. Welches Spielchen spielt Kate da, verdammt nochmal? Wird er mich bestrafen? Allein bei der Vorstellung verzage ich. Noch habe ich den Vertrag nicht unterschrieben. Vielleicht werde ich es auch gar nicht tun, sondern flüchte stattdessen nach Georgia und bleibe dort, wo er mich nicht finden kann.
»Und wie leben Sie sich in Ihrer neuen Wohnung ein, meine Liebe?«, erkundigt sich Grace höflich.
Dankbar für die Frage, weil sie mich aus meinen wirren Gedanken reißt, erzähle ich von unserem Umzug.
Nach der Vorspeise erscheint Gretchen, um die Teller abzuräumen. Nicht zum ersten Mal wünsche ich mir, Christian ungeniert anfassen zu können, damit sie merkt, wie der Hase läuft – er mag komplett abgefuckt sein, trotzdem gehört er mir. Sie räumt den Tisch ab, wobei sie ihm für meinen Geschmack eindeutig zu nahe kommt. Zum Glück beachtet er sie nicht. Trotzdem schäumt meine innere Göttin vor Eifersucht.
Kate und Mia schwärmen indessen in den höchsten Tönen von Paris.
»Warst du auch schon mal in Paris, Ana?«, will Mia wissen.
»Nein, aber ich würde gern mal hinfliegen.« Mir ist bewusst, dass ich die Einzige am Tisch bin, die noch nie aus den Staaten herausgekommen ist.
»Wir haben unsere Flitterwochen dort verbracht.« Grace lächelt Mr. Grey an, der das Lächeln voller Wärme erwidert.
Es ist fast peinlich, den beiden zuzusehen. Sie lieben sich offensichtlich sehr, und für den Bruchteil einer Sekunde frage ich mich, wie es sein mag, in einer intakten Familie aufzuwachsen, in der beide Elternteile noch zusammen sind.
»Es ist eine wunderbare Stadt«, stimmt Mia zu. »Trotz der Pariser. Du solltest mit Ana mal hinfliegen, Christian.«
»Ich glaube, London wäre die bessere Wahl für sie«, erwidert Christian mit weicher Stimme.
Oh, er hat es also nicht vergessen. Er legt mir die Hand aufs Knie und lässt sie nach oben wandern. Augenblicklich spannt sich mein gesamter Körper an. Nein, nicht hier, nicht jetzt. Ich spüre, wie ich rot werde, und verlagere das Gewicht auf dem Stuhl, doch seine Hand legt sich um meinen Schenkel und zwingt mich stillzuhalten. In meiner Verzweiflung greife ich zu meinem Weinglas.
Miss Kleinmädchenzöpfe erscheint wieder auf der Bildfläche und serviert – erneut unter verstohlenen Blicken in Christians Richtung und mit wiegenden Hüften – den Hauptgang: Filet Wellington. Zum Glück stellt sie bloß die Teller hin und verschwindet gleich wieder. Nur als sie Christian seinen Teller reicht, verharren ihre Finger einen Moment länger als unbedingt nötig. Er wirft mir einen fragenden Blick zu, als ich zusehe, wie sie die Tür hinter sich schließt.
»Und was war das Problem mit den Parisern?«, wendet sich Elliot an seine Schwester. »Konnten sie dich nicht mit ihrem berühmten Charme verzaubern?«
»Igitt, nein. Und Monsieur Floubert, dieser hässliche Knilch, für den ich gearbeitet habe, war ein fürchterlicher Tyrann, der alles und jeden dominieren musste.«
Ich verschlucke mich an meinem Wein.
»Alles in Ordnung, Anastasia?«, fragt Christian besorgt und nimmt seine Hand von meinem Schenkel.
Sein Tonfall verrät mir, dass er seine gute Laune wiedergefunden hat. Gott sei Dank. Als ich nicke, tätschelt er mir behutsam den Rücken und nimmt seine Hand erst wieder weg, als mein Hustenanfall verebbt ist.
Auch das Rindfleisch ist köstlich. Dazu gibt es gebratene Süßkartoffeln, Karotten, Pastinaken und grüne Bohnen. Als ich feststelle, dass Christians Fröhlichkeit während des gesamten Essens anzuhalten scheint, schmeckt es mir gleich noch viel besser. Vermutlich ist mein Appetit sogar der Grund, weshalb er so guter Dinge ist. Die Unterhaltung am Tisch plätschert entspannt und locker dahin, gewürzt mit liebevollen Neckereien. Beim Dessert, einer leckeren Zitronencreme, schildert Mia uns in aller Ausführlichkeit ihre Abenteuer in Paris, wobei sie irgendwann ins Französische wechselt, ohne es zu bemerken. Wir sehen sie verwirrt an, sie sieht uns verwirrt an, bis Christian ihr in ebenso fließendem Französisch erklärt, was passiert ist, woraufhin sie belustigt kichert. Ihr Lachen ist so ansteckend, dass alle Beteiligten einstimmen und in schallendes Gelächter ausbrechen.
Als Nächstes erläutert Elliot uns sein jüngstes Bauprojekt, eine nach neuesten ökologischen Standards gestaltete Siedlung im Norden von Seattle. Ich sehe zu Kate hinüber, deren Augen vor Verliebtheit oder Verlangen – ich bin mir nicht ganz sicher, welches davon – leuchten. Völlig hingerissen lauscht sie ihm. Er lächelt sie an – es ist, als tauschten sie ein unausgesprochenes Versprechen. Später, Baby, scheint er zu ihr zu sagen. Das Knistern ist beinahe mit Händen zu greifen. Mir treibt es allein vom Zusehen die Röte ins Gesicht.
Seufzend werfe ich Christian einen Blick zu. Ich könnte ihn stundenlang ansehen. Beim Anblick des Bartschattens auf seinem Kinn juckt es mich in den Fingern, darüberzustreichen. Ich sehne mich danach, ihn an meinen Wangen zu spüren, an meinen Brüsten … zwischen meinen Schenkeln. Ich werde rot. Er schaut mich an und legt die Finger um mein Kinn.
»Nicht auf der Lippe kauen«, warnt er mit rauer Stimme. »Das ist mein Part.«
Grace und Mia räumen die Dessertschälchen ab und verschwinden in der Küche, während Mr. Grey, Kate und Elliot über die Vorzüge von Solaranlagen diskutieren, die neuerdings immer häufiger in der Gegend gebaut werden. Christian heuchelt Interesse, legt mir währenddessen erneut die Hand aufs Knie und lässt sie ein weiteres Mal auf meinem Schenkel nach oben gleiten. Mir stockt der Atem. Ich kneife die Beine zusammen, um dem Ganzen ein Ende zu bereiten.
»Soll ich dich ein bisschen herumführen?«, fragt er unverblümt.
Natürlich ist mir klar, dass ich Ja sagen muss, aber ich traue ihm nicht über den Weg. Doch bevor ich Gelegenheit habe, darüber nachzudenken, ist er bereits aufgestanden und streckt mir die Hand entgegen. Ich ergreife sie und spüre, wie sich sämtliche Muskeln in meinem Unterleib zusammenziehen, als ich den hungrigen Ausdruck in seinen grauen Augen sehe.
»Entschuldigt uns«, sage ich zu den anderen und folge Christian nach draußen.
Er geht vor mir her durch die Diele und in die Küche, wo Grace und Mia das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine räumen. Von Miss Kleinmädchenzöpfen ist weit und breit nichts zu sehen.
»Ich will Anastasia den Garten zeigen«, sagt er zu seiner Mutter, die uns mit einem Lächeln entlässt, während Mia ins Esszimmer zurückkehrt.
Wir treten auf die mit grauen Steinplatten ausgelegte Terrasse, die von in den Stein eingelassenen Spots erhellt wird. Überall blühen Pflanzen in grauen Steinkübeln, und in der Ecke steht ein eleganter grauer Metalltisch mit mehreren Stühlen. Christian geht daran vorbei und betritt eine weitläufige Rasenfläche, die sich bis zur Bucht erstreckt. Was für ein Anblick! In der Ferne funkeln die Lichter von Seattle. Der silbrige Maimond glitzert auf dem Wasser und erhellt einen schmalen Steg, an dem zwei Boote festgemacht sind. Daneben befindet sich ein kleines Bootshaus. Es ist wie aus dem Bilderbuch. Ich stehe einen Moment lang reglos da und betrachte staunend die Szenerie.
Christian zieht mich hinter sich her. Meine Absätze versinken im weichen Gras.
»Bleib stehen. Bitte«, sage ich und taumle hinter ihm her.
Er bleibt stehen und mustert mich mit ausdrucksloser Miene.
»Meine Schuhe. Ich muss sie ausziehen.«
»Nicht nötig.« Er bückt sich, hebt mich hoch und schwingt mich über die Schulter. Vor Schreck stoße ich einen quiekenden Schrei aus. Er verpasst mir einen kräftigen Schlag auf die Pobacke.
»Still«, knurrt er.
Verdammt, das klingt gar nicht gut. Meinem Unterbewusstsein schlottern bereits die Knie. Er ist wegen irgendetwas sauer – wegen José. Oder wegen Georgia. Weil ich ohne Höschen herumlaufe. Oder weil ich auf meinen Lippen gekaut habe. Ich habe keine Ahnung. Diesen Mann bringt jede Kleinigkeit auf die Palme.
»Wohin gehen wir?«, stoße ich atemlos hervor.
»Ins Bootshaus«, herrscht er mich an.
Ich hänge kopfüber auf seiner Schulter, während er mit entschlossenen Schritten über den Rasen marschiert.
»Wieso?«, presse ich hervor. Mein Kopf baumelt im Rhythmus seiner Schritte hin und her.
»Ich muss mit dir allein sein.«
»Warum?«
»Weil ich dich zuerst übers Knie legen und dich dann ficken werde.«
»Aber wieso?«, winsele ich.
»Das weißt du ganz genau«, zischt er.
»Ich dachte, du bist der spontane Typ.« Ein flehender Unterton liegt in meiner Stimme.
»Spontaner kann es kaum sein, das kannst du mir glauben.«
Großer Gott.