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SECHSUNDZWANZIG
Ich schrecke aus dem Schlaf. Soweit ich mich erinnere, bin ich im Traum eine dunkle Treppe hinuntergefallen. Einen Moment lang sitze ich kerzengerade im Bett und habe keine Ahnung, wo ich bin. Etwas hat mich geweckt, irgendein Gedanke, der mir keine Ruhe lässt. Ich werfe einen Blick auf den Wecker auf seinem Nachttisch. Es ist fünf Uhr morgens, trotzdem fühle ich mich frisch und ausgeruht. Wie ist das möglich? Ach ja – der Zeitunterschied. In Georgia ist es acht Uhr morgens. Verdammt … ich muss meine Pille nehmen. Ich kann froh sein, dass mich etwas aus dem Schlaf gerissen hat, was auch immer es gewesen sein mag. Leise Musik weht heran. Christian spielt offenbar Klavier. Das darf ich mir nicht entgehen lassen. Ich liebe es, ihm beim Spielen zuzusehen. Ich stehe auf, schnappe meinen Bademantel und folge leise den traurigen, melodischen Klängen ins Wohnzimmer.
Christian sitzt inmitten einer Blase aus Licht in dem ansonsten stockdunklen Raum. Einzelne Strähnen seines dichten Haars schimmern in einem leuchtenden Kupferrot. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wäre er nackt, aber ich weiß, dass er seine Pyjamahose trägt. Er wirkt konzentriert, vollkommen versunken in der Schönheit der melancholischen Musik. Zögernd bleibe ich stehen und sehe ihm aus der Ferne zu, will ihn nicht stören. Wie gern würde ich ihn jetzt in den Armen halten. Er sieht so verloren aus, regelrecht traurig und unsäglich einsam – aber vielleicht liegt es auch nur an der kummervollen Musik. Er kommt zum Ende, hält für den Bruchteil einer Sekunde inne, dann fängt er noch einmal von vorn an. Vorsichtig trete ich auf ihn zu, angezogen wie eine Motte vom Licht … bei dem Gedanken muss ich lächeln. Er sieht auf und runzelt die Stirn, dann heftet sich sein Blick wieder auf seine Hände.
Mist. Ist er sauer, weil ich ihn störe?
»Du solltest doch schlafen«, sagt er mit mildem Tadel.
Ich sehe ihm an, dass ihn irgendetwas beschäftigt.
»Du auch«, gebe ich, nicht ganz so milde, zurück.
Wieder hebt er den Kopf. Ein leises Lächeln spielt um seine Mundwinkel. »Schimpfen Sie etwa mit mir, Miss Steele?«
»Ja, Mr. Grey, genau das tue ich.«
»Tja, ich kann nicht schlafen.« Wieder schleicht sich ein Anflug von Verärgerung oder Frustration auf seine Züge. Hat es etwas mit mir zu tun? Wohl kaum.
Ich beschließe, seinen Unmut nicht zu beachten, und setze mich tapfer neben ihn auf den Klavierstuhl, lege meinen Kopf auf seine nackte Schulter und sehe zu, wie seine langen Finger über die Tasten gleiten.
»Was war das?«, frage ich ihn leise.
»Chopin. Prelude, Opus 28. In E-Dur, falls es dich interessieren sollte.«
»Mich interessiert alles, was du tust.«
Er wendet sich mir zu und drückt mir einen Kuss aufs Haar. »Ich wollte dich nicht wecken.«
»Das hast du nicht. Spiel noch einmal das andere.«
»Welches?«
»Das Bach-Stück, das du gespielt hast, als ich das erste Mal über Nacht hiergeblieben bin.«
»Oh, der Marcello.«
Er beginnt zu spielen, langsam und voller Hingabe. Ich spüre die Bewegung seiner Finger in seinen Schultern und schließe die Augen. Die beseelten Noten schweben durch den Raum, langsam und voller Trauer hallen sie von den Wänden wider. Es ist ein Stück von qualvoller Schönheit, noch trauriger als der Chopin, und ich verliere mich in den klagenden Tönen. In gewisser Weise spiegelt das Stück meine eigene Verfassung wider, meine Empfindungen – die tiefe, brennende Sehnsucht, diesen außergewöhnlichen Mann besser kennen zu lernen, seine Traurigkeit besser zu verstehen. Viel zu schnell endet das Stück.
»Wieso spielst du immer nur so traurige Sachen?«
Ich setze mich auf und sehe ihn an, doch er zuckt nur mit den Schultern. Auf seinem Gesicht liegt ein argwöhnischer Ausdruck.
»Du hast also mit sechs Jahren angefangen, Klavier zu spielen, ja?«, sage ich.
Er nickt, während sich der Argwohn in seinem Blick verstärkt. »Ich wollte unbedingt Klavierspielen lernen, um meiner neuen Mutter eine Freude zu machen.«
»Um in diese perfekte Familie zu passen?«
»Ja, gewissermaßen«, antwortet er ausweichend. »Wieso bist du aufgewacht? Musst du dich nicht von den gestrigen Strapazen erholen?«
»Für mich ist es acht Uhr früh. Außerdem muss ich meine Pille nehmen.«
Er hebt erstaunt die Brauen. »Gut, dass du daran gedacht hast«, sagt er, sichtlich beeindruckt. »Typisch für dich, ausgerechnet dann mit der Pille anzufangen, wenn du in einer anderen Zeitzone bist. Vielleicht solltest du einfach heute und morgen eine halbe Stunde warten, damit du zu einer halbwegs annehmbaren Uhrzeit gelangst.«
»Gute Idee. Und was machen wir in dieser halben Stunde?«, frage ich unschuldig.
»Mir würde da so einiges einfallen.« Er grinst lüstern.
Ich bemühe mich um eine ausdruckslose Miene, doch ich spüre, wie sich die Muskeln in meinem Unterleib zusammenziehen und ich unter seinem wissenden Blick zerfließe.
»Wir könnten uns natürlich auch unterhalten«, schlage ich vor.
Er runzelt die Stirn. »Das, was ich im Sinn habe, wäre mir lieber.« Er zieht mich auf seinen Schoß.
»Du würdest Sex grundsätzlich einem Gespräch vorziehen.« Ich muss lachen und lege Halt suchend die Hände um seine Oberarme.
»Das stimmt. Vor allem mit dir.« Er beginnt, sich mit einer Reihe von Küssen von meinem Ohr zu meinem Hals vorzuarbeiten. »Vielleicht ja sogar auf dem Klavier.«
O Mann. Allein beim Gedanken daran wird mir ganz anders. Auf dem Klavier. Wow.
»Nur eines muss ich wissen«, flüstere ich, als mein Puls sich beschleunigt und meine innere Göttin die Augen schließt und sich seinen Küssen hingibt.
Er hält für einen kurzen Moment inne, ehe er zur nächsten Runde seines sinnlichen Angriffs übergeht.
»Immer auf der Jagd nach Informationen, Miss Steele. Was ist es denn diesmal?«
Ich spüre seine Lippen an meinem Hals, die sanften Küsse, mit denen er ihn liebkost.
»Es geht um uns.«
»Hm. Und was ist mit uns?« Er unterbricht seine Wanderschaft.
»Der Vertrag.«
Ich sehe die Belustigung in seinen Augen, als er den Kopf hebt. Seufzend streicht er mit der Fingerspitze über meine Wange.
»Also, ich finde, der Vertrag ist irrelevant, du nicht auch?« Seine Stimme ist ganz leise und rauchig, seine Augen sanft.
»Irrelevant?«
»Irrelevant.« Er lächelt.
Ich sehe ihn fragend an. »Aber du warst doch so versessen darauf, dass wir ihn abschließen.«
»Das war vorher. Außerdem gilt das ja nicht für die Regeln an sich. Die bleiben bestehen.« Seine Züge verhärten sich kaum merklich.
»Vorher? Vor was?«
»Vor …« Er hält inne. Wieder erkenne ich den Argwohn auf seiner Miene. »Vor dem Mehr.« Er zuckt mit den Schultern.
»Oh.«
»Außerdem waren wir inzwischen zweimal in meinem Spielzimmer, und du bist immer noch nicht schreiend davongelaufen.«
»Hast du denn damit gerechnet, dass ich es tun würde?«
»Du bist die Unberechenbarkeit in Person, Anastasia«, gibt er trocken zurück.
»Okay, nur damit ich es richtig verstehe – du willst, dass ich mich die ganze Zeit über an die Regeln halte, die im Vertrag stehen, aber der Rest hat keine Gültigkeit?«
»Nur im Spielzimmer. Ich will, dass du dich dort im Sinne des Vertrags verhältst. Und du siehst es völlig richtig: Ich will auch, dass du die Regeln befolgst – und zwar ständig. Auf diese Weise kann ich sicher sein, dass dir nichts passiert. Und ich kann dich jederzeit haben, wenn mir der Sinn danach steht.«
»Und wenn ich gegen eine der Regeln verstoße?«
»Dann werde ich dich bestrafen.«
»Aber dafür brauchst du meine Erlaubnis nicht?«
»Doch.«
»Und wenn ich Nein sage?«
Er sieht mich einen Moment lang verwirrt an. »Wenn du Nein sagst, sagst du Nein. Dann muss ich mir eben Mittel und Wege überlegen, wie ich dich überzeugen kann.«
Ich löse mich von ihm und stehe auf. Ich brauche etwas Abstand.
Wieder liegt dieser argwöhnische Ausdruck in seinen Augen.
»Die Bestrafung bleibt also.«
»Ja, aber nur, wenn du gegen die Regeln verstößt.«
»Ich muss sie mir noch einmal durchlesen«, sage ich und versuche, mir die Details in Erinnerung zu rufen.
»Ich werde sie dir holen«, erwidert er in geschäftsmäßigem Tonfall.
Hoppla. Im Handumdrehen ist aus unserem harmlosen Geplänkel eine todernste Sache geworden. Er steht auf und verschwindet in seinem Arbeitszimmer. Meine Kopfhaut prickelt. Ich brauche dringend eine Tasse Tee. Du liebe Güte, es ist Viertel vor sechs Uhr morgens, und wir diskutieren über die Zukunft unserer sogenannten Beziehung, obwohl er augenscheinlich völlig andere Sorgen hat. Ist das wirklich klug? Ich gehe in die Küche, mache das Licht an und setze den Wasserkessel auf. Meine Pille! Eilig krame ich das Päckchen aus meiner Handtasche, die immer noch auf der Frühstückstheke steht, und schlucke eine davon. Christian kehrt zurück, setzt sich auf einen der Barhocker und mustert mich eindringlich.
»Hier, bitte.« Er schiebt mir ein bedrucktes Blatt Papier zu. Mir fällt auf, dass einige Passagen durchgestrichen sind.
REGELN
Gehorsam:
Die Sub befolgt sämtliche Anweisungen des Dom, ohne zu zögern, vorbehaltlos und umgehend. Die Sub stimmt allen sexuellen Aktivitäten, die der Dom als angemessen und angenehm erachtet, ausgenommen die in Abschnitt »Hard Limits« aufgeführten (Anhang 2), zu. Sie tut dies bereitwillig und ohne Zögern.
Schlaf:
Die Sub stellt sicher, dass sie pro Nacht mindestens acht Stunden schläft, wenn sie nicht mit dem Dom zusammen ist.
Kleidung:
Innerhalb der Vertragsdauer trägt die Sub ausschließlich vom Dom genehmigte Kleidung. Der Dom stellt der Sub ein Budget für Kleidung zur Verfügung, das die Sub nutzt. Der Dom begleitet die Sub ad hoc beim Kleiderkauf. Wenn der Dom das wünscht, trägt die Sub während der Vertragsdauer von ihm ausgewählten Schmuck, in Gegenwart des Dom und zu allen anderen Zeiten, die der Dom für angemessen hält.
Körperliche Ertüchtigung:
Der Dom stellt der Sub einen Personal Trainer dreimal die Woche für jeweils eine Stunde zu Zeiten zur Verfügung, die zwischen dem Personal Trainer und der Sub zu vereinbaren sind. Der Personal Trainer informiert den Dom über die Fortschritte der Sub.
Hygiene/Schönheit:
Die Sub ist zu allen Zeiten sauber und rasiert und/oder gewaxt. Die Sub sucht zu Zeiten, die der Dom bestimmt, einen Kosmetiksalon auf, den der Dom auswählt, um sich Behandlungen zu unterziehen, die der Dom für angemessen hält. Sämtliche Kosten übernimmt der Dom.
Persönliche Sicherheit:
Die Sub unterlässt übermäßigen Alkoholkonsum, raucht nicht, nimmt keine Partydrogen und begibt sich nicht in unnötige Gefahr.
Persönliches Verhalten:
Die Sub lässt sich auf keine sexuellen Aktivitäten mit anderen als dem Dom ein. Das Verhalten der Sub ist zu allen Zeiten respektvoll und züchtig. Ihr muss klar sein, dass ihr Benehmen auf den Dom zurückfällt. Sie muss sich für sämtliche Missetaten und Verfehlungen verantworten, derer sie sich in Abwesenheit des Dom schuldig macht.
Ein Verstoß gegen irgendeine der oben aufgeführten Vereinbarungen hat sofortige Bestrafung zur Folge, deren Art durch den Dom festgelegt wird.
»Also gilt der Punkt Gehorsam nach wie vor?«
»Allerdings.« Er grinst.
Amüsiert schüttle ich den Kopf und verdrehe unwillkürlich die Augen.
»Hast du etwa gerade die Augen verdreht, Anastasia?«, stößt er hervor.
Verdammt.
»Könnte sein. Das hängt von deiner Reaktion ab.«
»Es ist dieselbe wie sonst auch.« Er schüttelt den Kopf, und ich sehe bereits die Vorfreude in seinen Augen funkeln.
Ich schlucke. Ein Schauder der Erregung überläuft mich. »Also …« Mist. Was mache ich jetzt bloß?
»Ja?« Er befeuchtet seine Unterlippe mit der Zunge.
»Also willst du mich jetzt versohlen.«
»Ja. Und ich werde es auch tun.«
»Tatsächlich, Mr. Grey?«, necke ich grinsend. Dieses Spielchen kann ich auch.
»Willst du mich etwa daran hindern?«
»Dafür musst du mich aber erst mal kriegen.«
Seine Augen weiten sich, dann breitet sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus, und ganz langsam steht er auf.
»Ach ja, Miss Steele?«
Die Frühstückstheke befindet sich zwischen uns. Noch nie war ich dankbarer für ihre Existenz als in diesem Moment.
»Und du kaust auf deiner Unterlippe.« Langsam geht er nach links.
Ich tue dasselbe.
»Vergiss es«, foppe ich ihn. »Außerdem verdrehst du ständig die Augen.« Ich versuche es mit der Beschwichtigungstaktik.
Er macht noch einen Schritt. Ich ebenfalls.
»Das stimmt, aber du hast die Latte gerade selber höher gelegt. Damit wird das Spiel erst richtig interessant.« Seine Augen funkeln vor unverhohlener Vorfreude.
»Ich bin ziemlich flink, musst du wissen«, warne ich mit gespielter Lässigkeit.
»Ich auch.«
Er jagt mich. In seiner eigenen Küche.
»Kommst du freiwillig?«
»Hm. Tue ich das überhaupt jemals?«
»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen, Miss Steele.« Er grinst. »Wenn ich Sie erst fangen muss, wird es umso schlimmer.«
»Aber nur, wenn du mich erwischst, Christian. Und ich habe ganz bestimmt nicht die Absicht, mich erwischen zu lassen.«
»Du könntest hinfallen und dir wehtun. Was einen klaren Verstoß gegen Regel Nummer sieben, jetzt Nummer sechs, darstellen würde.«
»Ich schwebe schon in Gefahr, seit ich dir das erste Mal begegnet bin, Mr. Grey, ob mit deinen Regeln oder ohne.«
»Das ist wahr.« Er bleibt stehen und runzelt die Stirn.
Ohne Vorwarnung macht er einen Satz nach vorn. Kreischend weiche ich zurück und stürze zum Esszimmertisch. Es gelingt mir, ihn zu umrunden, so dass er sich zwischen uns befindet. Mein Herz hämmert, und das Adrenalin pulsiert durch meinen Körper … Wahnsinn … Mit einem Mal bin ich wieder Kind. Aber, nein, das stimmt nicht. Misstrauisch verfolge ich, wie er sich Zentimeter um Zentimeter nähert, und weiche weiter zurück.
»Du verstehst es, einem Mann Zerstreuung zu schenken, Anastasia.«
»Wir wollen doch, dass Sie zufrieden sind, Mr. Grey. Zerstreuung wovon?«
»Vom Leben. Vom Universum.« Er winkt mit einer vagen Geste ab.
»Vorhin, am Klavier, hatte ich das Gefühl, dich beschäftigt etwas.«
Er bleibt stehen und verschränkt amüsiert die Arme vor der Brust. »Von mir aus können wir dieses Spielchen den ganzen Tag spielen, Baby. Am Ende kriege ich dich sowieso. Und dann wird es nur umso schlimmer für dich.«
»Nein, wirst du nicht.« Nicht zu siegesgewiss, sage ich mir immer wieder. Mittlerweile hat mein Unterbewusstsein die Nike-Turnschuhe herausgekramt und steht in den Startlöchern.
»Man könnte glatt glauben, du willst gar nicht, dass ich dich schnappe.«
»Tue ich auch nicht. Genau das ist der springende Punkt. Ich will genauso wenig bestraft werden, wie du dich von mir anfassen lassen willst.«
Innerhalb von Sekundenbruchteilen ist der ausgelassene Christian verschwunden; stattdessen steht ein Mann vor mir, der aussieht, als hätte ich ihm eine schallende Ohrfeige verpasst. Sein Gesicht ist aschfahl.
»So empfindest du also?«, stößt er kaum hörbar hervor. Diese vier Worte – die Art, wie er sie sagt – sprechen Bände. O nein. Sie verraten mir viel mehr über ihn und darüber, wie er empfindet. Über seine Ängste. Ich runzle die Stirn. Na ja, so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Oder? Empfinde ich es als so schlimm?
»Nein, so tragisch ist es nicht, aber es gibt dir zumindest einen Anhaltspunkt, wie es mir dabei geht.« Ich sehe ihn beklommen an.
»Oh.«
Mist. Er scheint wie vor den Kopf geschlagen. Es ist, als hätte ich ihm mit meiner Erklärung den Boden unter den Füßen weggerissen.
Ich hole tief Luft, gehe um den Tisch herum und trete vor ihn.
»So sehr hasst du das alles?«, fragt er. Das blanke Entsetzen spiegelt sich in seinen Augen wider.
»Na ja … nein«, wiegle ich beschwichtigend ab. O Gott – so empfindet er also, wenn ihn jemand berührt. »Nein, ich bin hin-und hergerissen. Es gefällt mir nicht, aber hassen tue ich es nun auch wieder nicht.«
»Aber gestern Abend, im Spielzimmer, hast du doch …«
»Ich tue all das für dich, Christian. Weil du es brauchst. Ich nicht. Du hast mir gestern Abend nicht wehgetan. Die Umstände waren völlig anders. Damit komme ich klar. Und ich vertraue dir. Aber wenn du mich bestrafst, habe ich Angst, dass du mir wehtust.«
Seine Augen verdüstern sich, als ziehe ein regelrechter Sturm in ihnen auf. Eine scheinbare Ewigkeit stehen wir einander schweigend gegenüber.
»Ich will dir auch wehtun«, sagt er schließlich leise. »Aber nicht mehr, als du ertragen kannst.«
Scheiße!
»Wieso?«
Er fährt sich mit der Hand durchs Haar und zuckt mit den Achseln. »Ich brauche es eben.« Er wirft mir einen gequälten Blick zu, dann schließt er die Augen und schüttelt den Kopf. »Warum, kann ich dir nicht sagen.«
»Du kannst nicht oder willst nicht?«
»Ich will nicht.«
»Also kennst du den Grund.«
»Ja.«
»Aber du willst ihn mir nicht verraten.«
»Wenn ich es täte, würdest du schreiend davonlaufen und nie wieder zurückkehren.« Er sieht mich argwöhnisch an. »Das kann ich nicht riskieren, Anastasia.«
»Du wünschst dir also, dass ich bleibe.«
»Mehr als du ahnst. Ich könnte es nicht ertragen, dich zu verlieren.«
Junge, Junge.
Er sieht mich an. Unvermittelt zieht er mich an sich und küsst mich, innig, hingebungsvoll. Seine Leidenschaft trifft mich völlig unvorbereitet. Ich spüre die Panik und die Verzweiflung, die in seinem Kuss mitschwingen.
»Verlass mich nicht. Du hast gesagt, dass du mich nicht verlässt, und du hast mich angefleht, dich nicht zu verlassen. Im Schlaf«, murmelt er, ohne den Mund von meinen Lippen zu lösen.
O Gott … meine nächtlichen Bekenntnisse.
»Ich will ja gar nicht weg.« Mein Herz zieht sich zusammen. Vor mir steht ein Mann, der dringend Hilfe braucht. Was aus ihm spricht, ist die nackte Angst, doch er ist verloren … irgendwo in der Dunkelheit, die in seinem Innersten herrscht. Er sieht mich aus weit aufgerissenen Augen an, in denen die blanke Qual steht. Aber kann ich ihm helfen, kann ich zu ihm hinabsteigen, in seine Dunkelheit, und ihn ins Licht holen.
»Zeig es mir«, flüstere ich.
»Dir zeigen?«
»Zeig mir, wie sehr es wehtun kann.«
»Was?«
»Bestraf mich. Und zeig mir, wie schlimm es werden kann.«
Christian löst sich von mir und sieht mich völlig perplex an. »Du würdest es tatsächlich probieren?«
»Ja. Das habe ich doch gerade gesagt.« Aber meine Bereitschaft, es zu versuchen, hat noch einen anderen Grund: Wenn ich das hier für ihn tue, erlaubt er mir vielleicht, ihn anzufassen.
Er blinzelt ungläubig. »Du verwirrst mich, Ana.«
»Ich bin auch verwirrt. Ich bemühe mich darum, eine Lösung für uns zu finden. Damit du und ich ein für alle Mal wissen, ob ich es schaffen kann. Wenn ich damit klarkomme, kannst du vielleicht …« Ich halte inne.
Seine Augen weiten sich. Er weiß genau, worauf ich anspiele. Einen Moment lang scheint er Zweifel zu haben, doch dann tritt ein entschlossener Ausdruck auf seine Züge, und er sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an, als müsse er die Alternativen abwägen.
Unvermittelt ergreift er meinen Arm, macht kehrt und zieht mich hinter sich her quer durchs Wohnzimmer, die Treppe hinauf und in sein Spielzimmer. Lust und Schmerz, Belohnung und Strafe – all das, wovon er gesprochen hat, kommt mir wieder in den Sinn.
»Ich werde dir zeigen, wie schlimm es sein kann, dann kannst du dir selbst ein Urteil bilden.« Vor der Tür bleibt er stehen. »Bist du bereit?«
Ich nicke. Ich habe mir mein Urteil bereits gebildet. Ein leichtes Schwindelgefühl erfasst mich, und ich spüre, wie sämtliche Farbe aus meinem Gesicht weicht.
Er öffnet die Tür und nimmt etwas – ein Gürtel, wie es aussieht – aus dem Regal neben der Tür, ohne mich loszulassen, dann führt er mich zu der roten Lederbank in der hinteren Ecke des Zimmers.
»Leg dich über die Bank«, sagt er leise.
Okay. Ich kann das. Ich lege mich über das weiche Lederpolster. Bisher hat er mich nicht gezwungen, meinen Bademantel auszuziehen – ein winziger, tief verborgener Teil meines Bewusstseins registriert diese Tatsache mit leiser Überraschung. Scheiße, das wird mächtig wehtun. Ganz bestimmt.
»Wir sind hier, weil du es wolltest, Anastasia. Außerdem bist du vor mir davongelaufen. Ich werde dich sechs Mal schlagen, und du wirst mitzählen.«
Was soll das? Wieso fängt er nicht einfach an? Wieso muss er jedes Mal diesen Heidentanz um die Bestrafung veranstalten? Ich verdrehe die Augen, in der Gewissheit, dass er es nicht mitbekommt.
Er hebt den Saum meines Bademantels an. Aus irgendeinem Grund empfinde ich diese Geste als intimer, als wenn ich splitternackt vor ihm stehen würde. Zärtlich streicht er mit seinen warmen Händen über meine Hinterbacken und die Rückseiten meiner Schenkel.
»Ich werde dich bestrafen, damit du nicht vergisst, dass du nicht vor mir weglaufen sollst. So aufregend es auch sein mag, aber ich will nicht, dass du vor mir wegläufst. Niemals«, flüstert er.
Die Ironie seiner Worte entgeht mir nicht. Ich bin weggelaufen, um all dem hier zu entgehen. Hätte er die Arme ausgebreitet, wäre ich zu ihm gelaufen und hätte mich hineingeworfen.
»Und du hast schon wieder die Augen verdreht. Du weißt, was ich davon halte.« Mit einem Mal ist die angespannte Angst aus seiner Stimme verschwunden. In welcher inneren Finsternis er auch immer während der vergangenen Minuten gewesen sein mag – er hat sie hinter sich gelassen. Ich höre es an seinem Tonfall, spüre es an der Art und Weise, wie sich seine Finger auf meinen Rücken legen und mich festhalten. Die Atmosphäre im Raum hat sich vollkommen verändert.
Ich schließe die Augen und wappne mich für den Schlag. Und er kommt. Direkt auf mein Hinterteil. Und er ist genauso schmerzhaft, wie ich es mir ausgemalt habe. Unwillkürlich schreie ich auf und schnappe nach Luft.
»Zähl, Anastasia!«, befiehlt er.
»Eins!«, schreie ich, und es klingt wie ein Schimpfwort.
Er schlägt das zweite Mal zu.
Der Schmerz pulsiert auf meiner Haut, hallt auf dem ledernen Gürtel wider. Es brennt wie die Hölle, verdammte Scheiße nochmal!
»Zwei!«, brülle ich. Es tut gut, so zu schreien.
Ich höre seinen schweren, abgehackten Atem hinter mir. Mein eigener Atem ist fast vollständig erstorben – ich bin viel zu beschäftigt damit, in meinem Innern verzweifelt nach irgendeiner Kraft zu suchen, die mich die Qual noch länger ertragen lässt.
Erneut schneidet sich das Leder in meine Haut.
»Drei!« Die Tränen schießen mir in die Augen. O Gott, es ist schlimmer, als ich dachte. Viel schlimmer als das Versohlen, wie ich es bisher kannte. Und er schlägt mit aller Härte und Gnadenlosigkeit zu.
»Vier!«, brülle ich, als der Gürtel zum wiederholten Male auf meine Backen schnellt. Inzwischen laufen mir die Tränen ungehindert übers Gesicht. Ich will nicht weinen. Es macht mich wütend, dass ich die Tränen nicht zurückhalten kann.
Der nächste Schlag.
»Fünf.« Mein Schrei ist nur noch ein ersticktes, gequältes Schluchzen. In diesem Moment glaube ich ihn zu hassen. Noch ein Hieb. Ich kann es schaffen. Mein Hinterteil fühlt sich an, als stünde es in Flammen.
»Sechs«, flüstere ich, als mich der brennende Schmerz ein letztes Mal durchfährt. Ich höre, wie er den Gürtel fallen lässt. Er will mich in seine Arme ziehen, atemlos und voller Mitgefühl … aber ich will es nicht. Nichts von alldem.
»Lass mich … los … nein!« Ich wehre mich gegen seine Umarmung, stoße ihn wütend von mir, kämpfe gegen ihn an.
»Fass mich nicht an!«, fauche ich ihn an und richte mich auf. Er sieht mich mit weit aufgerissenen Augen an, als fürchte er, ich könnte die Flucht ergreifen. Wütend wische ich mir mit dem Handrücken die Tränen ab und starre ihn finster an.
»So gefällt es dir also? Ich? So?« Mit dem Ärmel meines Bademantels wische ich mir die Nase ab. »Du bist ein komplett abgefuckter Dreckskerl!«
»Ana«, fleht er schockiert.
»Komm mir bloß nicht mit dieser Ana-Scheiße. Sieh zu, dass du deine Scheiße in den Griff kriegst, Grey.« Ich wende mich steifbeinig um, verlasse den Raum und schließe die Tür hinter mir. Eine Hand noch um den Knauf gelegt, lasse ich mich für einen kurzen Moment gegen sie sinken. Wohin soll ich gehen? Soll ich weglaufen? Hierbleiben? Ich bin so unglaublich wütend. Die Tränen strömen mir immer noch über die Wangen. Zornig reibe ich sie weg. Am liebsten würde ich mich irgendwo verstecken. Mich zusammenrollen, mich erholen, wieder zu Kräften kommen. Mein erschüttertes Vertrauen wieder aufbauen. Wie konnte ich nur so dumm sein? Natürlich musste es wehtun.
Vorsichtig streiche ich über meine Gesäßbacken. Au! Sie sind wund. Wohin soll ich gehen? In sein Zimmer jedenfalls nicht! In mein eigenes? Mein Zimmer oder das Zimmer, das einmal meines werden sollte, mein Zimmer ist … nein, war. Deshalb wollte er, dass ich es behalte. Er wusste, dass ich Abstand von ihm brauchen würde.
Mit steifen Schritten mache ich mich auf den Weg, wohl wissend, dass Christian mir folgen könnte. Es ist noch dunkel, die Dämmerung kaum mehr als ein erster heller Streifen am Horizont. Umständlich klettere ich ins Bett, sorgsam darauf bedacht, mich nicht auf meine schmerzende Kehrseite zu setzen. Ich ziehe den Bademantel enger um mich, rolle mich zusammen und lasse endlich los – haltlos schluchze ich in die Kissen.
Was habe ich mir nur dabei gedacht? Wieso habe ich zugelassen, dass er mir das antut? Ich wollte diese dunkle Seite unbedingt kennen lernen, wollte wissen, wie schlimm sie sein könnte – aber diese Dunkelheit ist zu viel für mich. Ich kann das nicht. Er schon. Genau das ist es, was ihm einen Kick verpasst.
Endlich bin ich aufgewacht. Der Traum ist ausgeträumt. Und fairerweise muss ich zugeben, dass er mich gewarnt hat, wieder und wieder. Er ist nicht normal. Er hat Bedürfnisse, die ich nicht befriedigen kann. Das ist mir inzwischen klar. Ich will nicht, dass er mich noch einmal so schlägt. Auf keinen Fall. Ich denke an die anderen Gelegenheiten zurück, daran, wie behutsam er im Vergleich dazu mit mir umgegangen ist. Genügt ihm das? Mein Schluchzen wird immer verzweifelter. Ich werde ihn verlieren. Wenn ich ihm das nicht geben kann, wird er nicht mehr mit mir zusammen sein wollen. Wieso, wieso, wieso musste ich mich in ihn verlieben? Wieso konnte es nicht José, Paul Clayton oder sonst wer sein? Jemand, der so ist wie ich?
Ich muss an seinen verstörten Blick denken, als ich ihn einfach stehen gelassen habe. Ich war so grausam zu ihm, weil mich seine Brutalität so schockiert hat. Wird er mir jemals verzeihen. Werde ich ihm jemals verzeihen? Meine Gedanken, wirr und konfus, hallen in meinem Kopf wider. Mein Unterbewusstsein schüttelt traurig den Kopf. Und von meiner inneren Göttin ist weit und breit nichts zu sehen. Was für ein entsetzlicher Morgen. Ich fühle mich so einsam. Ich will zu meiner Mom. Ihre Worte vom Flughafen kommen mir wieder in den Sinn:
»Hör auf dein Herz, Schatz, und bitte, bitte versuch, nicht alles zu Tode zu analysieren. Sei locker und hab Spaß. Du bist noch so jung, meine Süße. Dein ganzes Leben liegt noch vor dir. Wehr dich nicht dagegen, sondern lebe einfach. Du verdienst nur das Beste.«
Ich habe auf mein Herz gehört. Und was habe ich davon? Einen wunden Arsch und eine zerbrochene Seele, die Höllenqualen leidet. Ich muss hier weg. Genau … Ich muss gehen. Er tut mir nicht gut, und ich tue ihm nicht gut. Wie soll das jemals mit uns funktionieren? Aber allein bei der Vorstellung, ihn nie wiederzusehen, schnürt es mir die Luft ab … Christian und seine fünfzig Facetten.
Ich höre, wie die Tür aufgeht. O nein – er ist hier. Er legt etwas auf den Nachttisch, dann spüre ich, wie das Bett unter seinem Gewicht nachgibt.
»Shhh«, haucht er.
Am liebsten würde ich von ihm abrücken, mich auf die andere Seite des Bettes legen, aber ich bin wie gelähmt. Ich kann mich nicht bewegen.
»Stoß mich nicht weg, Ana. Bitte.« Behutsam zieht er mich in seine Arme und küsst meinen Nacken. »Bitte, hass mich nicht.« Sein Atem streicht sanft über meine Haut. Seine Stimme ist von einer unerträglichen Traurigkeit erfüllt. Wieder zieht sich mein Herz zusammen, während eine neuerliche Tränenflut in mir aufsteigt. Er küsst mich, weich, sanft, doch meine Distanziertheit und mein Misstrauen lassen sich nicht vertreiben.
So liegen wir eine scheinbare Ewigkeit da. Keiner von uns sagt etwas. Er hält mich fest, und ganz allmählich entspanne ich mich. Meine Tränen versiegen. Die Dämmerung zieht auf, das weiche Licht des Morgens wird heller, während die Stunden vergehen. Und wir liegen da, reglos nebeneinander.
»Ich habe dir ein paar Schmerztabletten und Arnikasalbe mitgebracht«, sagt er schließlich.
Ich drehe mich ganz langsam zu ihm um und lege meinen Kopf auf seinen Arm.
Ein reservierter Ausdruck liegt in seinen grauen Augen.
Ich betrachte sein wunderschönes Gesicht. Seine Miene verrät nichts, doch sein Blick ist auf mich geheftet. Er ist so atemberaubend attraktiv. Wieder einmal kann ich nur staunen, wie schnell er mir so sehr ans Herz gewachsen ist. Ich hebe die Hand und streiche mit den Fingerspitzen über sein Gesicht, seine Bartstoppeln. Er schließt die Augen und lässt den Atem entweichen.
»Es tut mir leid«, flüstere ich.
Er schlägt die Augen wieder auf und sieht mich verwirrt an. »Was tut dir leid?«
»Was ich gesagt habe.«
»Du hast nichts gesagt, was ich nicht längst weiß.« Die Erleichterung ist ihm ins Gesicht geschrieben. »Mir tut es leid, dass ich dir wehgetan habe.«
Ich zucke mit den Schultern. »Ich wollte es schließlich so.« Und jetzt weiß ich es. Ich schlucke. Es ist so weit. Ich muss es aussprechen. »Ich glaube nicht, dass ich dir alles sein kann, was du dir wünschst«, flüstere ich.
Der verängstigte Ausdruck tritt wieder in seine Augen. »Du bist alles, was ich mir wünsche.«
Was?
»Das verstehe ich nicht. Ich bin nicht gehorsam, und ich werde ganz bestimmt nicht zulassen, dass du das noch einmal tust, das kann ich dir verdammt nochmal sagen. Aber genau das brauchst du. Das hast du selbst gesagt.«
Erneut schließt er die Augen. Zahllose Gefühlsregungen zeichnen sich auf seinen Zügen ab. Doch als er sie wieder aufschlägt, ist seine Miene ausdruckslos.
Mist.
»Du hast Recht. Ich sollte dich gehen lassen. Ich bin nicht gut für dich.«
Meine Kopfhaut prickelt, und die Härchen auf meinem Körper richten sich auf. Mit einem Mal ist es, als falle meine Welt auseinander, und ein gähnender Abgrund tut sich vor mir auf.
Oje.
»Ich will nicht gehen«, flüstere ich. Scheiße – das war’s. Friss oder stirb. Wieder kommen mir die Tränen.
»Ich will auch nicht, dass du gehst«, sagt er mit heiserer Stimme. Er hebt die Hand und streicht zärtlich über meine Wange, wischt mit dem Daumen eine Träne ab. »Seit ich dich kenne, fühle ich mich, als würde ich zum ersten Mal wirklich leben.« Sein Daumen fährt die Kontur meiner Unterlippe nach.
»Ich auch«, wispere ich. »Ich habe mich in dich verliebt, Christian.«
Wieder weiten sich seine Augen, doch nun steht die blanke Angst darin.
»Nein«, stößt er erstickt hervor. »Aber du darfst mich nicht lieben, Ana. Nein … das ist falsch.«
»Falsch? Wieso falsch?«
»Sieh dich doch an. Ich kann dich nicht glücklich machen«, erwidert er mit unüberhörbarer Qual.
»Aber du machst mich doch glücklich.«
»Im Augenblick nicht. Und nicht mit dem, was ich tue.«
Verdammt! Das ist es also. Darauf läuft alles hinaus – Inkompatibilität. Ich muss an all die anderen Subs denken.
»Wir kriegen es nicht in den Griff, stimmt’s?« Wieder prickelt meine Kopfhaut aus Angst vor seiner Antwort.
Er schüttelt niedergeschlagen den Kopf.
Ich schließe die Augen, weil ich es nicht ertrage, ihn anzusehen. »Tja … dann sollte ich jetzt wohl besser gehen.« Ich zucke vor Schmerz zusammen, als ich mich aufsetze.
»Nein, geh nicht.« Ich höre die Panik in seiner Stimme.
»Zu bleiben würde nichts bringen.« Mit einem Mal bin ich so müde, unendlich müde. Ich will gehen. Ich stehe auf.
Christian erhebt sich ebenfalls.
»Ich werde mich jetzt anziehen und hätte gern ein bisschen Privatsphäre«, sage ich mit tonloser Stimme und verlasse den Raum.
Ich gehe nach unten, lasse den Blick durchs Wohnzimmer schweifen. Vor wenigen Stunden habe ich noch hier gesessen und meinen Kopf an Christians Schulter gelehnt, während er Klavier gespielt hat. So viel ist seitdem passiert. Es hat mir die Augen geöffnet und einen Blick auf das Ausmaß seiner Verderbtheit gestattet. Ich weiß jetzt, dass Liebe etwas Unmögliches für ihn ist – er kann sie weder geben, noch kann er sie annehmen. Meine schlimmsten Befürchtungen haben sich bewahrheitet. Aber merkwürdigerweise hat diese Erkenntnis etwas Befreiendes.
Der Schmerz ist so gewaltig, dass ich mich weigere, ihn an die Oberfläche kommen zu lassen. Ich bin wie betäubt. Es ist, als hätte ich meinen Körper verlassen und würde die Tragödie aus der Perspektive eines neutralen Betrachters beobachten. Ich dusche, schnell und methodisch, die Gedanken stur auf das gerichtet, was ich als Nächstes tun werde. Duschgel aus der Flasche drücken. Flasche zurückstellen. Duschgel auf dem Gesicht verteilen, auf den Schultern … immer weiter; einfache, mechanische Handbewegungen, die einfache, mechanische Gedanken erfordern.
Ich trete aus der Dusche – da ich mein Haar nicht gewaschen habe, bin ich im Handumdrehen fertig. Ich nehme eine frische Jeans und ein T-Shirt aus meinem Köfferchen. Der Stoff scheuert auf meiner wunden Haut, aber ich heiße den Schmerz willkommen, weil er mich von dem Schmerz meines gebrochenen Herzens ablenkt.
Ich klappe den Koffer zu, als mein Blick auf das Geschenk für Christian fällt – das Modell einer Blanik L-23. Wieder spüre ich Tränen in meinen Augen aufsteigen. O nein … Glücklichere Zeiten, als noch Hoffnung auf mehr zwischen uns bestand. Ich nehme das Modellflugzeug heraus. Ich muss es ihm geben. Ich reiße ein Blatt aus meinem Notizbuch, kritzle ein paar Worte darauf und lege den Zettel auf die Verpackung.
Das hier hat mich an eine glückliche Zeit erinnert.
Danke
Ana
Ich sehe in den Spiegel, sehe das bleiche Gespenst mit dem gehetzten Blick darin. Ich schlinge mein Haar zu einem Knoten zusammen. Meine Augen sind rot und verquollen vom Weinen. Mein Unterbewusstsein nickt – selbst ihm geht meine Misere nahe genug, um sich nicht zu einer bissigen Bemerkung hinreißen zu lassen. Noch immer kann ich nicht fassen, dass meine Welt tatsächlich zusammenfällt, zu einem Häuflein Asche, unter dem all meine Hoffnungen und Sehnsüchte begraben liegen. Nein, nein, nicht daran denken. Nicht jetzt. Ich hole tief Luft, hebe mein Köfferchen auf und gehe ins Wohnzimmer, nachdem ich ihm das Segelflugzeugmodell und meine Nachricht aufs Kopfkissen gelegt habe.
Christian telefoniert. Er trägt schwarze Jeans und ein T-Shirt und ist barfuß.
»Was hat er gesagt?«, schreit er so laut, dass ich zusammenzucke. »Er hätte uns verdammt nochmal die Scheißwahrheit sagen können. Wie ist seine Nummer? Ich muss ihn anrufen. Welch, das Ganze ist eine einzige riesige Katastrophe. Findet sie.« Er hebt den Kopf und mustert mich mit düsterem Blick.
Ich gehe zur Couch, sorgsam darauf bedacht, ihn nicht zu beachten. Ich nehme den Mac aus meinem Rucksack, trage ihn in die Küche und stelle ihn vorsichtig auf dem Tresen ab, gemeinsam mit dem BlackBerry und den Wagenschlüsseln. Als ich mich umdrehe, sehe ich, dass er mich mit entsetzter Miene anstarrt.
»Ich brauche das Geld, das Taylor für Wanda bekommen hat.« Meine Stimme ist ruhig und klar und völlig emotionslos … ziemlich ungewöhnlich für mich.
»Ana, ich will die Sachen nicht. Sie gehören dir.« Er sieht mich ungläubig an. »Nimm sie.«
»Nein, Christian. Ich habe sie nur angenommen, weil du darauf bestanden hast. Und ich will sie nicht mehr.«
»Ana, sei doch vernünftig.« Selbst jetzt besitzt er noch die Stirn, mich zu tadeln.
»Ich will nichts, was mich an dich erinnert. Ich brauche nur das Geld, das Taylor für meinen Wagen bekommen hat.« Meine Stimme ist monoton.
»Willst du mich so sehr kränken?«, fragt er.
»Nein.« Ich runzle die Stirn. Natürlich nicht … ich liebe dich. »Das will ich nicht. Ich versuche nur, mich selbst zu schützen«, flüstere ich. Weil du mich nicht in derselben Art und Weise willst wie ich dich.
»Bitte, Ana, nimm die Sachen.«
»Christian, ich will mich nicht streiten. Ich brauche nur das Geld.«
Er sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an, aber davon lasse ich mich nicht länger einschüchtern. Na ja, ein kleines bisschen vielleicht. Ich erwidere seinen Blick mit ausdrucksloser Miene.
»Nimmst du auch einen Scheck?«, fragt er bissig.
»Ja. Er wird schon nicht platzen.«
Er lächelt nicht, sondern macht auf dem Absatz kehrt und geht in sein Arbeitszimmer. Ich lasse ein letztes Mal den Blick durchs Wohnzimmer schweifen – über die Kunstwerke an den Wänden, allesamt abstrakt, von heiterer Gelassenheit, kühl … ja, regelrecht kalt. Wie passend, denke ich. Mein Blick bleibt am Klavier hängen. O Gott, hätte ich vorhin den Mund gehalten, hätten wir uns auf diesem Klavier geliebt. Nein, wir hätten gevögelt. Wir hätten auf dem Klavier gevögelt. Nur für mich wäre es mit einem Gefühl der Liebe verbunden gewesen. Der traurige Gedanke legt sich schwer auf meine Seele und das, was von meinem Herz noch übrig ist. Er hat nie mit mir geschlafen. Für ihn war es immer nur Ficken.
Christian kehrt zurück und reicht mir einen Umschlag.
»Taylor hat einen guten Preis dafür bekommen. Der Wagen ist ein Klassiker. Du kannst ihn gern fragen. Er wird dich nach Hause fahren«, sagt er und nickt in Richtung Diele.
Ich drehe mich um. Taylor steht, wie immer makellos in seinem Anzug, im Türrahmen.
»Nicht nötig. Ich komme schon allein nach Hause, danke.«
Als ich mich wieder Christian zuwende, sehe ich die mühsam gezügelte Wut in seinen Augen flackern.
»Musst du mir bei allem widersprechen?«
»Weshalb ausgerechnet jetzt mit einer lebenslangen Gewohnheit brechen?«, gebe ich mit einem angedeuteten entschuldigenden Achselzucken zurück.
Frustriert schließt er die Augen und fährt sich mit der Hand durchs Haar. »Bitte, Ana, lass dich von Taylor nach Hause bringen.«
»Ich hole den Wagen, Miss Steele«, erklärt Taylor bestimmt.
Christian nickt ihm zu, und ich höre Taylor gehen.
Christian und mich trennen nicht einmal anderthalb Meter. Er tritt vor. Instinktiv weiche ich zurück. Er bleibt stehen. Seine Qual ist förmlich mit Händen greifbar. Seine grauen Augen glühen.
»Ich will nicht, dass du gehst«, sagt er mit sehnsuchtsvoller Stimme.
»Ich kann aber nicht bleiben. Ich weiß, was ich brauche, und du kannst es mir nicht geben. Und ich kann dir nicht geben, was du brauchst.«
Er tritt noch einen Schritt vor.
Ich hebe abwehrend die Hände. »Nicht. Bitte.« Ich weiche abermals zurück. Ich kann unmöglich zulassen, dass er mich jetzt berührt. Es würde mich umbringen. »Ich kann das nicht.«
Ich nehme meinen Koffer und meinen Rucksack und gehe hinaus. Er folgt mir, wenn auch mit einigem Abstand. Er drückt den Aufzugknopf, und als die Türen aufgleiten, steige ich ein.
»Auf Wiedersehen, Christian«, sage ich leise.
»Ana, auf Wiedersehen.« Seine Stimme ist nur noch ein leises Flüstern. Er ist am Boden zerstört, voll unbeschreiblichem Schmerz und Qualen – ein perfektes Spiegelbild dessen, wie ich mich fühle.
Ich zwinge mich, den Blick abzuwenden und wegzusehen, bevor ich es mir anders überlegen kann und versuchen würde, ihn zu trösten.
Die Türen schließen sich, und der Aufzug setzt sich in Bewegung und bringt mich hinab in die Eingeweide des Gebäudes und in meine eigene Hölle.
Taylor hält mir die Tür auf. Ich setze mich auf den Rücksitz, sorgsam darauf bedacht, ihm nicht in die Augen zu sehen. Eine Woge der Verlegenheit und der Scham erfasst mich. Ich habe versagt. Auf der ganzen Linie. Ich hatte gehofft, Christian auf die helle Seite des Lebens ziehen zu können, doch ich muss mir eingestehen, dass diese Aufgabe meine dürftigen Fähigkeiten übersteigt. Verzweifelt ringe ich darum, nicht von meinen Gefühlen übermannt zu werden. Als wir die Fourth Avenue entlangfahren, starre ich aus dem Fenster, ohne etwas zu erkennen, während mir das Ausmaß dessen, was ich gerade getan habe, allmählich bewusst wird. Ich habe ihn verlassen. Scheiße! Den einzigen Mann, den ich je geliebt habe. Den einzigen Mann, mit dem ich je geschlafen habe. Ich schnappe nach Luft, als sich der Schmerz durch mein Inneres bohrt und sämtliche Dämme brechen. Tränen strömen mir ungehindert übers Gesicht, die ich zornig mit der Hand fortwische. Ich krame meine Sonnenbrille aus der Handtasche. Als wir an einer Ampel anhalten, reicht Taylor mir ein weißes Leinentaschentuch. Er sagt nichts, sieht noch nicht einmal in meine Richtung. Dankbar nehme ich es entgegen.
»Danke«, murmle ich. Diese winzige diskrete Geste gibt mir endgültig den Rest. Ich lasse mich auf dem luxuriösen Sitz zurücksinken und weine hemmungslos.
Das Apartment ist leer und fremd. Ich wohne noch nicht lange genug hier, als dass es ein echtes Zuhause wäre. Ich gehe geradewegs in mein Zimmer. Über dem Bettpfosten schwebt, schlaff und traurig, der Luftballon. Charlie Tango. Er sieht so aus, wie ich mich fühle. Wütend zerre ich an der Schnur, reiße ihn ab und drücke ihn an mich. Was habe ich nur getan?
Ich lasse mich aufs Bett fallen, vollständig bekleidet und mit Schuhen. Der Schmerz ist unbeschreiblich – körperlich, psychisch … metaphysisch … Er ist überall, breitet sich in jeder Zelle meines Körpers aus und dringt bis ins Mark. Kummer. Unsägliche Seelenqual. Und ich bin selbst schuld daran. Ganz tief in meinem Innern formt sich ein hässlicher Gedanke, von meiner inneren Göttin, deren Mund zu einem hämischen Grinsen verzogen ist: Der körperliche Schmerz vom Hieb eines Gürtels ist nichts im Vergleich zu der Seelenqual, die ich gerade durchleide. Ich rolle mich zusammen, den halb leeren Luftballon und Taylors Taschentuch an meine Brust gepresst, und gebe mich ungeniert meinem Schmerz hin.