39600.fb2 Shades of Grey - Geheimes Verlangen - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 8

Shades of Grey - Geheimes Verlangen - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 8

FÜNF

Es ist sehr still, das Licht gedämpft. Ich fühle mich behaglich in diesem Bett. Hm … Ich schlage die Augen auf und genieße einen Moment die Ruhe der mir ungewohnten Umgebung. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin. Das Kopfteil des Betts hat die Form einer riesigen Sonne. Es kommt mir merkwürdig bekannt vor. Der Raum ist groß und luftig und feudal in Braun-, Gold- und Beigetönen gehalten. Irgendwoher kenne ich ihn. Woher? Mein Gehirn kämpft sich durch die aktuellsten Erinnerungen. Himmel! Ich bin im Heathman Hotel… in einer Suite. Mit Kate war ich in einem ähnlichen Zimmer, nur das hier sieht größer aus. Scheiße. Ich bin in Christian Greys Suite. Wie bin ich hier gelandet?

Erinnerungssplitter aus der vergangenen Nacht: der Alkohol – o nein –, der Anruf – o nein –, das Kotzen – o nein. José und dann Christian. O nein. Mich schaudert. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich hierhergekommen bin. Ein schneller Check: Okay, ich trage T-Shirt, BH und Slip. Keine Socken. Keine Jeans. Junge, Junge.

Ich werfe einen Blick auf das Nachtkästchen. Darauf steht ein Glas Orangensaft mit zwei Tabletten. Aspirin. Er denkt wirklich an alles. Ich setze mich auf und schlucke die Tabletten. Eigentlich fühle ich mich gar nicht so schlecht. Deutlich besser als ich nach einem solchen Exzess erwartet hätte. Der Orangensaft ist köstlich und erfrischend.

Es klopft an der Tür. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Obwohl ich nichts gesagt habe, spaziert Grey herein.

Teufel, er war im Fitness-Studio! Er trägt eine graue Jogginghose, die auf diese spezielle Art auf seinen Hüften sitzt, und ein graues, ärmelloses T-Shirt, das wie seine Haare dunkel von Schweiß ist. Christian Greys Schweiß – der Gedanke daran stellt seltsame Dinge mit mir an. Ich atme tief durch und schließe die Augen wie eine Zweijährige: Wenn ich ihn nicht sehe, sieht er mich auch nicht. »Guten Morgen, Anastasia. Wie fühlst du dich?« »Besser als verdient«, antworte ich kleinlaut.

Er stellt eine große Einkaufstüte auf einen Stuhl und packt die beiden Enden des Handtuchs, das um seinen Hals hängt. Er blickt mich mit seinen grauen Augen an, und wie üblich habe ich keine Ahnung, was er denkt oder fühlt.

»Wie bin ich hierhergekommen?«, frage ich.

Er setzt sich auf die Bettkante, so nahe, dass ich ihn rieche und berühren könnte. Wow … Schweiß und Duschgel und Christian. Ein berauschender Cocktail – so viel besser als Margarita, das weiß ich jetzt.

»Als du ohnmächtig geworden bist, wollte ich nicht riskieren, dich auf dem Ledersitz meines Wagens bis zu deiner Wohnung zu fahren. Also hab ich dich hierher gebracht«, erklärt er.

»Hast du mich ins Bett gelegt?«

»Ja.« Sein Gesichtsausdruck verrät nichts.

»Hab ich mich nochmal übergeben müssen?«, frage ich verlegen.

»Nein.«

»Hast du mich ausgezogen?«, flüstere ich.

»Ja.«

Ich werde tiefrot.

»Wir haben nicht …?«, flüstere ich mit trockenem Mund und starre meine Hände an.

»Anastasia, du warst praktisch komatös. Ich steh nicht auf Nekrophilie. Ich mag’s, wenn Frauen sinnlich und empfänglich sind«, erklärt er.

»Sorry.«

Seine Mundwinkel verziehen sich zu einem spöttischen Grinsen. »Es war ein sehr amüsanter Abend, der mir in Erinnerung bleiben wird.«

Mir auch – ach, er lacht mich aus, der Mistkerl. Herrgott, ich habe ihn nicht gebeten, mich zu holen. Ich komme mir wie eine Verbrecherin vor.

»Du hättest mich nicht mit einem James-Bond-Spielzeug aus deinem Unternehmen aufspüren müssen«, herrsche ich ihn an.

Er sieht mich überrascht an, und wenn ich mich nicht täusche, auch ein wenig eingeschnappt.

»Erstens: Die technischen Hilfsmittel zum Zurückverfolgen von Handy-Anrufen sind im Internet erhältlich. Zweitens: Mein Unternehmen stellt keine Überwachungsgeräte her. Und drittens: Wenn ich dich nicht geholt hätte, wärst du wahrscheinlich im Bett des Fotografen aufgewacht, und soweit ich mich erinnere, warst du nicht sonderlich erpicht auf seine Avancen«, bemerkt er in beißendem Tonfall.

Seine Avancen! Ich sehe Christian an. Er bedenkt mich mit einem finsteren Blick. Ich versuche, mir auf die Lippe zu beißen, muss aber kichern.

»Aus was für einer mittelalterlichen Chronik bist du denn entsprungen? Du hörst dich wie ein galanter Ritter an.«

Seine Stimmung verändert sich. Sein Blick wird weicher, seine Miene freundlicher.

»Eher ein schwarzer Ritter.« Er lächelt anzüglich. »Hast du gestern Abend etwas gegessen?«, fragt er dann vorwurfsvoll.

Ich schüttle den Kopf. Was habe ich jetzt wieder verbrochen?

Seine Kiefer mahlen, doch seine Miene bleibt ausdruckslos. »Trinkregel Nummer eins: Essen nicht vergessen. Deswegen war dir so übel.«

»Willst du mich weiterhin beschimpfen?«

»Tue ich das denn?«

»Ich denke schon.«

»Du hast Glück, dass ich dich nur beschimpfe.«

»Was soll das heißen?«

»Wenn du mir gehören würdest, könntest du nach dem, was du dir gestern geleistet hast, eine Woche lang nicht sitzen. Du hast nichts gegessen, dich betrunken und dich in Gefahr gebracht.« Er schließt die Augen. Kurz scheint so etwas wie Furcht in seiner Miene aufzuflackern. Als er die Augen öffnet, wirkt er wütend. »Nicht auszudenken, was dir hätte passieren können.«

Ich erwidere seinen finsteren Blick. Was hat er jetzt wieder für ein Problem? Was zur Hölle geht ihn das an? Wenn ich ihm gehören würde … Tu ich aber nicht. Obwohl es einem Teil von mir gar nicht so unrecht wäre. Ich erröte angesichts meines Unterbewusstseins  – es führt bei der Vorstellung, ihm zu gehören, einen Freudentanz auf.

»Mir wär schon nichts passiert. Schließlich war Kate dabei.«

»Und der Fotograf ?«, knurrt er.

Der gute José. Mit dem habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen.

»José hat die Kontrolle verloren.« Ich zucke mit den Achseln.

»Wenn er das nächste Mal die Kontrolle verliert, sollte ihm jemand Manieren beibringen.«

»Du führst dich auf wie ein Tyrann«, zische ich.

»Anastasia, du hast keine Ahnung …« Seine Augen verengen sich, und er grinst wölfisch.

Das macht mich total an. In der einen Minute bin ich verwirrt und wütend, in der nächsten gaffe ich mit offenem Mund sein Wahnsinnslächeln an. Wow! … Ich bin völlig hin und weg, hauptsächlich deshalb, weil dieses Lächeln so selten auf seinem Gesicht zu sehen ist. Ich bekomme nicht mehr mit, was er sagt.

»Ich gehe jetzt duschen. Es sei denn, du möchtest zuerst?« Er legt den Kopf, nach wie vor lächelnd, schief. Mein Puls beschleunigt sich, und meine Medulla oblongata vergisst, die Synapsen zu aktivieren, die zum Atmen nötig sind. Sein Grinsen wird breiter, und er streckt die Hand aus, um seinen Daumen über meine Wange und meine Unterlippe gleiten zu lassen.

»Vergiss das Atmen nicht, Anastasia«, flüstert er. »Frühstück in fünfzehn Minuten hier. Du hast sicher einen Bärenhunger.« Er geht ins Bad und schließt die Tür.

Ich stoße die Luft aus, die ich angehalten habe. Warum sieht er so unverschämt gut aus? Am liebsten ginge ich zu ihm unter die Dusche. So sexy habe ich noch nie jemanden gefunden. Meine Hormone schlagen Purzelbäume, und meine Haut prickelt, wo sein Daumen mein Gesicht und meine Unterlippe nachgezeichnet hat. Ich winde mich vor Verlangen, nein Begierde. So also fühlt sich Begierde an.

Ich lehne mich in die weichen Daunenkissen zurück. Wenn du mir gehören würdest. Gott, was würde ich alles anstellen, um die Seine zu werden. Aber er ist kompliziert und verwirrend. In der einen Minute weist er mich zurück, in der nächsten schickt er mir sauteure Bücher und verfolgt mich wie ein Stalker. Die Nacht habe ich in seiner Hotelsuite verbracht und mich sicher und beschützt gefühlt. Er macht sich genug aus mir, um mich aus einer vermeintlichen Gefahr zu retten. Er ist kein schwarzer Ritter, sondern ein weißer in glänzender Rüstung – ein klassischer romantischer Held –, ein Sir Gawain oder Sir Lancelot.

Ich wälze mich aus seinem Bett und suche hektisch nach meiner Jeans. Er tritt, feucht und glänzend vom Duschen, aus dem Bad, unrasiert, nur ein Handtuch um die Hüfte. Ich stehe mit nackten Beinen da, unbeholfen wie immer. Es scheint ihn zu überraschen, dass ich aufgestanden bin.

»Falls du nach deiner Jeans suchst, die habe ich in die Reinigung gegeben.« Sein Blick wird dunkel. »Sie war voll mit deinem Erbrochenen.«

»Oje.« Ich werde tiefrot. Warum, warum nur erwischt er mich immer in peinlichen Situationen?

»Ich habe Taylor losgeschickt, eine neue kaufen, und ein Paar Schuhe. Ist alles in der Tüte auf dem Stuhl.«

Wie bitte?

»Ich glaube, ich möchte jetzt duschen«, murmle ich. »Danke.« Was soll ich sonst sagen? Ich nehme die Tüte und husche ins Bad, weg von dem fast nackten Christian. Michelangelos David ist ein Dreck gegen ihn.

Im Bad ist es warm und dampfig. Ich ziehe mich aus und klettere voller Vorfreude auf das reinigende Wasser in die Dusche. Als es sich in Kaskaden über mich ergießt, halte ich das Gesicht hinein. Ich will Christian Grey. Dringend. So einfach ist das. Zum ersten Mal im Leben möchte ich mit einem Mann ins Bett. Ich will seine Hände und seinen Mund auf meinem Körper spüren.

Er hat gesagt, er mag es, wenn seine Frauen sinnlich und empfänglich sind. Dann lebt er vermutlich nicht sexuell enthaltsam. Aber er hat mich, anders als Paul oder José, nicht angemacht. Ich verstehe das nicht. Begehrt er mich? Letzte Woche wollte er mich nicht küssen. Bin ich ihm zuwider? Doch er hat sich um mich gekümmert und mich hierher gebracht. Ich durchschaue ihn einfach nicht. Du hast die Nacht in seinem Bett geschlafen, und er hat dich nicht angerührt, Ana. Was das bedeutet, dürfte klar sein. Mein Unterbewusstsein reckt seinen hässlichen Kopf. Ich schenke ihm keine Beachtung.

Das Wasser ist warm und entspannend. Hm … Ich könnte bis in alle Ewigkeit unter dieser Dusche, in seinem Bad, stehen. Das Duschgel riecht nach ihm. Ein himmlischer Duft. Ich verteile es auf meinem Körper und stelle mir dabei vor, dass er das macht, es auf meinen Brüsten und meinem Bauch verreibt, mit seinen langgliedrigen Fingern zwischen meinen Oberschenkeln. O Gott. Wieder beschleunigt sich mein Puls. Es fühlt sich so gut an.

»Frühstück.« Er reißt mich mit seinem Klopfen aus meinen erotischen Tagträumen.

»O…kay«, stottere ich.

Ich steige aus der Dusche und winde ein Handtuch im Carmen-Miranda-Stil um meinen Kopf. Hastig trockne ich mich ab und bemühe mich zu ignorieren, wie angenehm das Handtuch sich auf meiner überempfindsamen Haut anfühlt.

Taylor hat nicht nur Jeans und neue Converse-Sneakers für mich besorgt, wie ich mit einem Blick in die Tüte feststelle, sondern auch eine hellblaue Bluse und Socken. Und oh, là, là – einen sauberen BH und einen sauberen Slip, wobei eine so nüchterne und sachliche Beschreibung ihnen nicht gerecht wird. Es handelt sich um exquisite europäische Designerwäsche mit hellblauer Spitze. Wow. Sie flößt mir Respekt und auch ein wenig Angst ein. Und noch erstaunlicher: Sie passt genau. Natürlich. Ich erröte bei dem Gedanken daran, wie Mr. Bürstenschnitt in einem Damenwäschegeschäft die Sachen für mich kauft, und frage mich unwillkürlich, wie seine Stellenbeschreibung aussieht.

Auch die übrige Kleidung passt wie angegossen. Hastig rubble ich mir die Haare trocken und versuche verzweifelt, sie zu bändigen. Doch wie üblich sträuben sie sich. In meiner Handtasche müsste ein Haarband sein, aber wo die ist, weiß ich nicht. Ich hole tief Luft. Zeit, Mr. Verwirrend gegenüberzutreten.

Erleichtert stelle ich fest, dass das Schlafzimmer leer ist. Ich suche nach meiner Handtasche – ohne sie zu finden. Nach einem tiefen Atemzug betrete ich den Wohnbereich der Suite. Er ist riesig. Es gibt eine elegante Sitzecke mit mehreren dick gepolsterten Sofas und weichen Kissen, einen reich verzierten Beistelltisch mit einem Stapel überformatiger Hochglanzbildbände sowie einen Arbeitsbereich mit dem neuesten iMac-Modell und einem riesigen Plasmafernseher an der Wand. Christian sitzt am Esstisch auf der anderen Seite des Zimmers und liest Zeitung. Der Raum ist so groß wie ein Tennisplatz. Nicht dass ich Tennis spielen würde, aber ich habe Kate ein paar Mal dabei zugesehen. Kate!

»Scheiße, Kate«, krächze ich.

Christian hebt den Blick. »Sie weiß, dass du hier und am Leben bist. Ich habe Elliot eine SMS geschickt«, teilt er mir mit einem Hauch von Belustigung mit.

O nein. Ihre Tanzorgie vom Vorabend, um ausgerechnet Christians Bruder zu verführen, fällt mir wieder ein! Was wird sie davon halten, dass ich hier bin? Ich habe noch nie die Nacht woanders verbracht. Sie wird wahrscheinlich denken, dass ich auch einen One-Night-Stand hatte.

Kate hat das in der Zeit, die wir uns kennen, nur zweimal gemacht, und beide Male musste ich hinterher eine Woche lang den scheußlichen pinkfarbenen Pyjama mit den Häschen ertragen.

Christian betrachtet mich mit Gebietermiene. Er trägt ein weißes Leinenhemd, Kragen und Manschetten offen. »Setz dich«, weist er mich an und deutet auf einen Stuhl am Tisch.

Ich gehe zu ihm und nehme wie befohlen ihm gegenüber Platz. Der Tisch ist mehr als reichlich gedeckt.

»Ich wusste nicht, was du magst, also habe ich eine Auswahl von der Frühstückskarte kommen lassen.« Er entschuldigt sich mit einem schiefen Lächeln.

»Opulent.« Ich bin überfordert von dem Angebot, stelle aber fest, dass ich tatsächlich Hunger habe.

»Ja.« Er klingt schuldbewusst.

Ich entscheide mich für Pfannkuchen mit Ahornsirup, Rührei und Speck. Christian bemüht sich, ein Lächeln zu verbergen, als er sich seinem Omelett zuwendet. Das Essen schmeckt köstlich.

»Tee?«, fragt er.

»Ja, bitte.«

Er reicht mir eine kleine Teekanne mit heißem Wasser und einen Unterteller mit einem Teebeutel Twinings English Breakfast Tea. Er hat sich tatsächlich meinen Lieblingstee gemerkt.

»Deine Haare sind sehr feucht«, rügt er mich.

»Ich hab den Föhn nicht gefunden«, murmle ich verlegen. In Wahrheit habe ich nicht einmal danach gesucht.

Christian presst die Lippen zusammen, verkneift sich jedoch einen Kommentar.

»Danke für die Klamotten.«

»Gern geschehen. Die Farbe steht dir.«

Ich werde rot und starre meine Finger an.

»Du solltest lernen, besser mit Komplimenten umzugehen.« Er klingt vorwurfsvoll.

»Ich sollte dir Geld für die Kleidung geben.«

Er sieht mich finster an, als hätte ich ihn beleidigt.

»Du hast mir die Bücher geschenkt, die ich natürlich nicht annehmen kann. Aber die Sachen zum Anziehen … bitte lass mich sie bezahlen.« Ich versuche es mit einem Lächeln.

»Anastasia, glaube mir, ich kann es mir leisten.«

»Darum geht’s nicht. Warum kaufst du mir die Klamotten?«

»Weil ich es kann.« Seine Augen blitzen dämonisch.

»Dass du es kannst, bedeutet nicht, dass du es sollst«, erwidere ich. Plötzlich habe ich das Gefühl, dass wir über etwas anderes reden, aber ich weiß nicht, worüber. Was mich daran erinnert …

»Warum hast du mir die Bücher geschickt, Christian?«, frage ich.

Er legt das Besteck weg. In seinen Augen lodern so unergründliche Gefühle, dass ich einen trockenen Mund bekomme.

»Als du nach der Episode mit dem Fahrradfahrer in meinen Armen lagst und mich angeschaut hast mit diesem flehenden Blick – ›Küss mich, bitte küss mich, Christian‹ …« Er schweigt kurz und zuckt mit den Achseln. »… hatte ich das Gefühl, dass ich dir eine Warnung schuldig bin.« Er fährt sich mit der Hand durch die Haare. »Anastasia, ich bin kein Mann für Herzchen und Blümchen … Romantik liegt mir nicht. Mein Geschmack ist sehr speziell. Du solltest dich von mir fernhalten.« Resigniert schließt er die Augen. »Leider kann ich die Finger nicht von dir lassen. Aber das hast du vermutlich schon gemerkt.«

Schlagartig ist mein Hunger vergessen. Er kann die Finger nicht von mir lassen!

»Dann lass sie einfach nicht von mir«, flüstere ich.

Er sieht mich mit großen Augen an. »Du weißt nicht, was du sagst.«

»Dann klär mich auf.«

Wir blicken einander an, ohne unser Essen anzurühren.

»Du lebst also nicht sexuell enthaltsam?«, frage ich mit leiser Stimme.

Ein belustigter Ausdruck tritt auf sein Gesicht. »Nein, Anastasia, ich lebe nicht enthaltsam.«

Er gibt mir etwas Zeit, diese Information zu verdauen, und ich werde wieder einmal rot. Die Worte sind ungefiltert aus meinem Mund gekommen. Ist das zu fassen, dass ich sie ausgesprochen habe?

»Wie sehen deine Pläne für die kommenden Tage aus?«, erkundigt er sich.

»Heute arbeite ich ab Mittag. O Gott, wie viel Uhr ist es?« Plötzlich bekomme ich Panik.

»Kurz nach zehn, du hast jede Menge Zeit. Was ist morgen?« Er hat die Ellbogen auf dem Tisch abgestützt, und sein Kinn ruht auf seinen langen Fingern.

»Kate und ich wollen mit dem Packen anfangen. Wir ziehen nächstes Wochenende nach Seattle, und ich arbeite die ganze Woche bei Clayton’s.«

»Habt ihr schon eine Wohnung in Seattle?«

»Ja.«

»Wo?«

»Die Adresse weiß ich nicht auswendig. Irgendwo im Pike Market District.«

»Nicht weit von mir weg. Was willst du in Seattle arbeiten?«

Was bezweckt er mit all diesen Fragen? Die Christian-Grey-Inquisition ist fast genauso nervig wie die von Katherine Kavanagh.

»Ich habe mich um Praktikantenstellen beworben und warte auf Nachricht.«

»Auch bei meinem Unternehmen, wie ich es dir vorgeschlagen habe?«

Ich erröte. Natürlich nicht. »Äh … nein.«

»Was stört dich an meinem Unternehmen?«

»An deinem Unternehmen oder an dir?«, frage ich spöttisch.

»Höre ich da Spott, Miss Steele?«

Ich habe das Gefühl, dass er amüsiert wirkt, aber genau lässt sich das nicht beurteilen. Ich senke den Blick, weil ich ihm nicht in die Augen sehen kann, wenn er in dem Tonfall mit mir redet.

»An dieser Lippe würde ich gern knabbern«, flüstert er mit rauer Stimme.

Mir verschlägt es den Atem. Das ist das Erotischste, was je jemand zu mir gesagt hat. Mein Puls beschleunigt sich, und ich habe das Gefühl, wie ein Hund hecheln zu müssen, dabei hat er mich nicht mal angerührt. Unruhig rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her.

»Warum tust du’s nicht?«, fordere ich ihn heraus.

»Weil ich dich nicht berühren werde, Anastasia – nicht bevor ich nicht deine schriftliche Einwilligung habe.« Er verzieht den Mund zu einem Lächeln.

Wie bitte?

»Was soll das heißen?«

»Genau das, was ich gesagt habe.« Er schüttelt seufzend den Kopf, belustigt, jedoch auch ein wenig verzweifelt. »Ich muss es dir zeigen, Anastasia. Wann bist du heute Abend mit der Arbeit fertig?«

»Gegen acht.«

»Wir könnten heute Abend oder nächsten Samstag zum Essen zu mir nach Seattle fahren. Da würde ich dich dann mit den Fakten vertraut machen. Es liegt bei dir.«

»Warum kannst du es mir nicht jetzt erklären?«

»Weil ich mein Frühstück und deine Gesellschaft genieße. Wenn du Bescheid weißt, willst du mich vielleicht nicht mehr wiedersehen.«

Wie meint er das? Verschachert er kleine Kinder in irgendeinen gottverlassenen Winkel der Erde? Ist er ein Mafiaboss? Das würde seinen Reichtum erklären. Ist er zutiefst gläubig? Impotent? Bestimmt nicht – das könnte er mir gleich demonstrieren. Nein, so komme ich nicht weiter. Ich möchte das Rätsel Christian Grey lieber früher als später lösen. Wenn das, was er vor mir verbirgt, so krass ist, dass ich nichts mehr mit ihm zu tun haben möchte, wäre das, offen gestanden, eine Erleichterung. Mach dir nichts vor, keift mein Unterbewusstsein, es muss schon ziemlich übel sein, damit du dich aus dem Staub machst.

»Heute Abend.«

»Wie Eva kannst du es anscheinend gar nicht erwarten, vom Baum der Erkenntnis zu kosten«, bemerkt er mit einem spöttischen Grinsen.

»Höre ich da Spott, Mr. Grey?«, frage ich mit zuckersüßer Stimme. Aufgeblasenes Arschloch.

Seine Augen verengen sich. Er greift zum BlackBerry und drückt auf eine Taste.

»Taylor. Ich werde Charlie Tango brauchen.«

Charlie Tango? Wer ist das?

»Von Portland aus, um, sagen wir, zwanzig Uhr dreißig … Nein, Stand-by in Escala … die ganze Nacht.«

Die ganze Nacht !

»Ja. Auf Abruf morgen. Ich fliege von Portland nach Seattle.«

Fliegen?

»Stand-by von zweiundzwanzig Uhr dreißig ab.« Er legt den BlackBerry weg. Ohne Bitte oder Danke.

»Tun die Leute immer, was du ihnen sagst?«

»Wenn sie ihren Job behalten wollen, schon«, antwortet er todernst.

»Und wenn sie nicht für dich arbeiten?«

»Ich kann ziemlich überzeugend sein, Anastasia. Iss dein Frühstück. Dann bringe ich dich nach Hause. Ich hole dich um acht von Clayton’s ab. Wir fliegen nach Seattle.«

Ich blinzle. »Fliegen?«

»Ja. Ich besitze einen Helikopter.«

Ich sehe ihn mit großen Augen an. Mein zweites Date mit dem ach so mysteriösen Christian Grey – von einer Einladung zum Kaffee gleich zum Hubschrauberflug. Wow.

»Wir fliegen mit dem Helikopter nach Seattle?«

»Ja.«

»Warum?«

Er grinst schelmisch. »Weil ich es kann. Iss fertig.«

Wie soll ich jetzt noch essen? Ich fliege mit Christian Grey im Hubschrauber nach Seattle. Und er will an meiner Lippe knabbern … Bei der Vorstellung rutsche ich wieder unruhig auf dem Stuhl hin und her.

»Iss«, sagt er in forscherem Tonfall. »Anastasia, ich kann’s nicht leiden, wenn Essen verdirbt … iss.«

»Das krieg ich nicht alles runter.« Ich starre das Essen auf dem Tisch an.

»Iss, was auf deinem Teller liegt. Wenn du gestern ordentlich gegessen hättest, wärst du jetzt nicht hier, und ich müsste meine Karten nicht schon so bald aufdecken.« Er presst verärgert die Lippen zusammen.

Ich runzle die Stirn und wende mich dem kalt gewordenen Essen zu. Ich bin zu aufgeregt zum Essen, Christian. Begreifst du das nicht?, erklärt mein Unterbewusstsein. Aber ich bin viel zu feige, das laut auszusprechen. Er macht so ein mürrisches Gesicht. Wie ein kleiner Junge. Der Gedanke amüsiert mich.

»Was ist so komisch?«, erkundigt er sich.

Ich schüttle den Kopf, weil ich es nicht wage, ihm die Wahrheit zu sagen, und halte den Blick auf das Essen gerichtet. Nachdem ich den letzten Bissen Pfannkuchen hinuntergeschluckt habe, hebe ich den Kopf.

»Braves Mädchen«, lobt er mich. »Ich bringe dich nach Hause, sobald du dir die Haare geföhnt hast. Ich will nicht, dass du krank wirst.«

In seinen Worten liegt ein unausgesprochenes Versprechen. Was soll das heißen? Bevor ich vom Tisch aufstehe, überlege ich kurz, ob ich ihn um Erlaubnis fragen soll, verwerfe den Gedanken aber. Ich darf die Weichen nicht falsch stellen. Auf dem Weg zum Schlafzimmer halte ich inne.

»Wo hast du heute Nacht geschlafen?« Ich wende mich ihm zu. Im Wohn- und Essbereich sehe ich nirgends Bettzeug – vielleicht hat er schon alles wegräumen lassen.

»In meinem Bett.«

»Ach.«

»Ja, für mich war das auch eine Premiere.« Er lächelt.

»Was? Ohne … Sex?« Nun habe ich das Wort ausgesprochen. Natürlich werde ich rot.

»Nein.« Er schüttelt den Kopf und runzelt die Stirn, als würde er sich an etwas Unangenehmes erinnern. »Dass ich mit jemandem in einem Bett geschlafen habe.« Er wendet sich seiner Zeitung zu.

Was um Himmels willen soll das wieder heißen? Dass er noch nie mit jemandem geschlafen hat? Dass er Jungfrau ist? Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich starre ihn ungläubig an. Er ist der rätselhafteste Mensch, den ich kenne. Erst jetzt dämmert mir, dass ich mit Christian Grey in einem Bett geschlafen habe. Ich versetze mir innerlich einen Tritt – was hätte ich darum gegeben, so wach zu sein, dass ich ihn beim Schlafen beobachten und ihn verletzlich hätte sehen können! Mir das vorzustellen, fällt mir schwer. Nun, angeblich wird sich ja heute Abend alles klären.

Im Schlafzimmer entdecke ich in einer Kommode den Föhn. Mithilfe meiner Finger trockne ich meine Haare, so gut ich kann. Als ich fertig bin, gehe ich ins Bad, um mir die Zähne zu putzen. Ich beäuge Christians Zahnbürste. Das wäre, als hätte ich ihn im Mund. Hm … Mit einem schuldbewussten Blick Richtung Tür lasse ich einen Finger über die Borsten gleiten. Sie sind feucht. Er hat sie benutzt. Entschlossen gebe ich Zahnpasta darauf und putze mir die Zähne in rasender Geschwindigkeit. Dabei komme ich mir ziemlich unartig vor. Junge, Junge, wie aufregend!

Ich stecke T-Shirt, BH und Slip vom Vortag in die Einkaufstüte, die Taylor gebracht hat, und kehre zurück in den Wohnbereich, um nach meiner Handtasche und meiner Jacke zu suchen. Gott sei Dank finde ich in meiner Tasche ein Haarband. Christian beobachtet mich mit unergründlicher Miene, wie ich mir die Haare zurückbinde und mich setze. Er spricht in seinen BlackBerry.

»Zwei? … Wie viel wird das kosten? … Okay, und welche Sicherheitsmaßnahmen sind bereits getroffen? … Über Suez?  … Wie sicher ist Ben Sudan? … Wann kommen sie in Darfur an? … Okay, dann machen wir das so. Halten Sie mich auf dem Laufenden.« Er beendet das Gespräch. »Fertig?«

Ich nicke und frage mich, worum es in der Unterhaltung ging. Er schlüpft in ein marineblaues Jackett mit Nadelstreifen, schnappt sich die Autoschlüssel und macht sich auf den Weg zur Tür.

»Nach Ihnen, Miss Steele«, murmelt er und hält mir lässig die Tür auf.

Ich verharre einen Augenblick, um seinen Anblick zu genießen. Dass ich die letzte Nacht im selben Bett verbracht habe wie er, nach dem ganzen Tequila und der Kotzerei … und er ist immer noch da. Und will sogar mit mir nach Seattle. Warum ich? Ich begreife es nicht. Ich trete mit einem Echo seiner Worte im Ohr hinaus – Ich kann die Finger nicht von dir lassen –, tja, das beruht auf Gegenseitigkeit, Mr. Grey!

Schweigend gehen wir zum Aufzug. Beim Warten riskiere ich einen verstohlenen Blick auf ihn. Er beobachtet mich aus den Augenwinkeln. Ich lächle, und seine Lippen zucken.

Als der Lift kommt, steigen wir ein. Wir sind allein. Plötzlich verändert sich die Atmosphäre zwischen uns, vielleicht weil wir auf so engem Raum so nahe beieinander stehen. Gespannte, freudige Erwartung liegt in der Luft. Meine Atmung und mein Puls beschleunigen sich. Er dreht mir den Kopf ein wenig zu; seine Augen schimmern wie flüssiges Silber. Ich beiße mir auf die Lippe.

»Ach, Scheiß auf den Papierkram!«, knurrt er, packt mich und drückt mich gegen die Wand des Aufzugs. Ehe ich mich’s versehe, hebt er meine Hände in schraubzwingenähnlichem Griff über meinen Kopf und presst seine Hüften gegen mich. Mein Gott! Mit der freien Hand packt er meine Haare und zieht meinen Kopf hoch, und schon berühren seine Lippen meine. Es ist hart an der Schmerzgrenze. Ich stöhne auf und öffne den Mund so weit, dass seine Zunge meinen Mund erforschen kann. So bin ich noch nie geküsst worden. Meine Zunge gleitet vorsichtig über seine und beginnt einen langsamen, erotischen Tanz mit ihr. Er umfasst mein Kinn und hält mich fest. Ich kann mich nicht rühren, weder Hände noch Gesicht, und seine Hüften drücken mich fest gegen die Wand. Ich spüre seine Erektion an meinem Bauch. Wow … Er begehrt mich. Christian Grey, der griechische Gott, begehrt mich, und ich begehre ihn, hier … jetzt, im Aufzug.

»Du. Bist. Der. Wahnsinn«, bringt er keuchend hervor.

Als die Lifttüren sich plötzlich öffnen, löst er sich in Windeseile von mir. Drei Männer in Business-Anzügen mustern uns spöttisch. Mein Puls ist auf hundertachtzig; ich fühle mich, als wäre ich einen Berg hinaufgerannt. Am liebsten würde ich mich nach vorn beugen und die Hände auf den Knien abstützen, aber das wäre zu offensichtlich.

Ich schaue Christian an. Er wirkt kühl und ruhig, als hätte er gerade das Kreuzworträtsel der Seattle Times gelöst. Wie unfair. Bringt ihn meine Gegenwart denn gar nicht aus der Fassung? Er sieht mich aus den Augenwinkeln an und atmet deutlich hörbar aus. Aha, ganz spurlos ist die Sache doch nicht an ihm vorübergegangen. Meine winzig kleine innere Göttin wiegt sich triumphierend im Sambarhythmus. Die Geschäftsleute steigen im ersten Stock aus, wir müssen noch eine Etage weiter.

»Du hast dir die Zähne geputzt«, stellt er fest.

»Mit deiner Zahnbürste.«

Er verzieht den Mund zu einem kleinen Lächeln. »Anastasia Steele, was soll ich bloß mit dir machen?«

Als die Lifttüren im Erdgeschoss aufgehen, ergreift er meine Hand und zieht mich hinaus.

»Was haben diese Aufzüge nur an sich?«, murmelt er, mehr zu sich selbst als zu mir, während er mit seinen langen Beinen das Foyer durchquert. Ich habe Mühe, mit ihm Schritt zu halten, weil ich in Gedanken noch in Aufzug Nummer drei des Heathman Hotels bin.