39704.fb2 Strafbatallion 999 - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 4

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Kapitel 4

Die Sache mit dem Kaninchen ging wie ein Lauffeuer durch das Bataillon. Auch Oberleutnant Obermeier erfuhr davon und stellte Bevern zur Rede. »Darf ich Sie aufmerksam machen, mein Herr, daß ich der Chef der 2. Kompanie bin und nicht Sie?!« sagte er scharf. »Sie haben als Adjutant des Kommandeurs keinerlei Befehlsgewalt über die Truppe, sondern haben lediglich als Verbindungsmann zu dienen.«

»Dieser Untermensch«, fing Bevern an, aber Obermeier unterbrach ihn barsch:

»Ungeachtet dessen, daß er zu meiner Kompanie gehört, haben Sie sich mit ihm eine verfluchte Schweinerei geleistet!«

»Wollen Sie mir einen Kurs über meine Pflichten geben? -und wie ich sie auszuführen habe?« Bevern ging zum Gegenangriff über. »Ihre Kompanie ist - ein Sauhaufen, Herr Kamerad!«

»Ich werde Sie für diese Worte vor dem Kommandeur zur Rechenschaft ziehen«, sagte Obermeier kalt. »Übrigens verbitte ich mir von Ihnen die Anrede Kamerad. Wären wir jetzt nicht im Krieg, würde ich es darauf ankommen lassen und Sie links und rechts in Ihr dummes Gesicht schlagen!«

»Herr Oberleutnant -!« Bevern wurde bleich. Mit einer schnellen Armbewegung drückte ihn Obermeier zur Seite, ging an ihm vorbei und ließ ihn stehen.

In seiner Stube nahm Bevern aus dem Schrank eine dünne Mappe und machte hinter dem Namen Fritz Obermeier, Oberleutnant, ein Kreuz. Ich werde es dir zeigen, dachte er, ich werde es dir zeigen .! Das tust du nicht mit mir. Nicht mit mir!

Voll unversöhnlichen Hasses schloß er die Mappe wieder ein.

Oberleutnant Bevern war aus bestimmtem Grund im Strafbataillon 999. Er hatte die Aufgabe, alles zu melden, was in dieser Einheit geschah. Insbesondere sollte er sein Augenmerk auf die politische Zuverlässigkeit des Offiziers und Unteroffizierskorps richten.

Am nächsten Tag erfuhren die Soldaten bei der Befehlsausgabe, daß in zwei Tagen das Bataillon abrückte. Oberfeldwebel Krüll wußte es schon am Abend zuvor. Und deshalb betrank er sich.

Er saß auf seiner Stube und soff.

Ein normaler Mensch trinkt. Er kann auch schnell trinken, er gießt also die Flüssigkeit in kleinen, großen, schnellen oder langsamen Schlucken in sich hinein.

Krüll machte von dieser Regel eine Ausnahme. Ob Bier, Schnaps, Wein, er setzte das Glas oder das Kochgeschirr an die Lippen, öffnete den Mund und schüttete den ganzen Inhalt des Gefäßes in sich hinein, ohne daß man ein Schlucken sah oder auch nur eine Bewegung des Kehlkopfes. »Wie ein Schlauch«, stellte Unteroffizier Hefe einmal halb bewundernd, halb neidisch fest. »Der Kerl kann saufen! Ein Wunder, daß es unten nicht wieder hinausläuft!«

Es gab in der deutschen Wehrmacht eine Reihe von Vorschriften gegen das übermäßige Trinken. Doch wie gern er sonst nach Vorschriften lebte, kümmerte sich Krüll um diese nicht, die zu befolgen ihm sicherlich ganz gut täte. Ganz und gar vergaß er sie aber, wenn er wütend war: Dann artete seine Trinkart zu einem animalischen Saufen aus, dem ein tagelanger Katzenjammer folgte.

Und an diesem Abend hatte er Wut. Und Angst. Wut auf Schwanecke, auf Bevern, auf Obermeier, auf alle Soldaten seiner Kompanie und aller anderen Kompanien rund um den Erdball, auf den Erdball selbst und auf das lausige Leben. Angst hatte er vor Rußland. Vor dem Wort allein und vor allem, was ihm dort widerfahren konnte. Es handelte sich ja nicht nur darum, daß die Russen schossen und ihn treffen konnten. Vielleicht bekam das Bataillon Waffen - und was war einfacher für einen Kerl wie Schwanecke, ihn, den Oberfeldwebel Krüll, anstatt einen heranstürmenden Russen zu treffen?

Oh, du lieber Himmel!

Ein ekelhafter Gedanke.

Eine Bande, dachte er beziehungslos. Eine hundsverfluchte Bande! Man sollte sie alle an die nächste Wand stellen, und peng - peng - peng - . Dann wäre Ruhe für immer.

So soff er und stierte mit glasigem Blick aus dem Fenster über den großen, dunklen Platz. »Scheiße«, sagte er laut. »Rußland -!« Und nach einer Weile: »Aus!«

Er hatte keine Freunde, kein Mädchen, und er hatte nur sich selbst und seine Wut und seine Furcht, seine Stimme, seine Autorität - und ‘n Haufen Soldaten, die ihn haßten.

Das ist verflucht wenig für einen Mann. Krüll fühlte es und soff, bis er umfiel.

In der Unterkunft des 2. Zuges der 2. Kompanie sagte Schwanecke: »Paßt auf, Kumpels, in den nächsten Tagen geht’s ab!«

»Wieso?« fragte Deutschmann.

»Das hat man im Gefühl«, sagte das Rattengesicht.

»Wohin?« fragte Deutschmann.

»Zur Mammi«, grinste das Rattengesicht.

»Halt die Schnauze!« fuhr ihn Schwanecke an, und das Rattengesicht duckte sich. »Im Ernst, ich spür’s in allen Knochen: Es geht weg. Todsicher nach Rußland.«

»Und was sollen wir dort?« fragte Wiedeck von seinem Bett her.

»Das kannst du dir denken«, sagte Schwanecke grinsend.

»Rußland -!« sagte Deutschmann leise.

»‘s ist ein verfluchtes Land«, sagte das Rattengesicht.

»Brauchst keine Angst zu haben, Professor -!« Schwaneckes Grinsen vertiefte sich. Er beugte sich vor und stupste den zusammenfahrenden Deutschmann in die Rippen: »Alles halb so

schlimm. Und eins sag’ ich dir -«, jetzt flüsterte er, »‘s gibt ‘ne Menge Möglichkeiten dort für unsereinen, ‘n Haufen Möglichkeiten! Halt dich nur an mich!«

»Was verstehen Sie darunter?« fragte der Oberst. Aber Schwanecke überhörte die Frage. Er kniff die Augen zusammen und sagte: »Du wirst sehen, Professor, ich bin ein altes Frontschwein. Ich weiß Bescheid: Es gibt ‘ne Menge Möglichkeiten. Wir biegen es so hin, daß du aus’m Staunen nicht herauskommst, so wahr ich Karl Schwanecke heiße! Oder glaubst du, Schwanecke hat Lust, für Führer, Volk und Vaterland den Heldentod zu sterben?«

Julia Deutschmann arbeitete fieberhaft, schnell, doch nicht überstürzt. Sie zwang sich, mit all ihren Gedanken bei der Arbeit zu bleiben; allein so würde es ihr möglich sein, in kürzester Zeit Ernsts monatelange Arbeit zu wiederholen.

So lebte sie gleichsam wie ein Deserteur hinter der Front: Angespannt, gejagt von der allzu schnell und doch so fürchterlich langsam verrinnenden Zeit, von Gedanken an ständig lauernde Gefahr gepeinigt, angstvoll auf das Unausbleibliche wartend und zugleich hoffend, es würde nicht eintreten. Sie arbeitete Nächte hindurch und schlief am Tage, und zuletzt gab es für sie keine Tage und Nächte mehr: Sie arbeitete, bis ihre Gedanken vor Müdigkeit zerflatterten und ihr Kopf auf die Schreibtischplatte sank. Sie aß hastig, ohne zu achten, was sie aß, wenn das Gefühl des Hungers zu stark wurde, um es weiter zu ertragen. Und an einem Abend, während sie eine trockene, dünne Brotschnitte mit Margarine bestrich, mitten im Krieg, in einer vom Grauen gepeitschten Welt, in einer dunklen, verzweifelten Stadt, wurde ihr klar, was es bedeutete, bescheiden und ehrfürchtig zu sein und sich einer großen Aufgabe hinzugeben, die scheinbar nicht zu bewältigen war.

Während sie langsam an dem abscheulich schmeckenden Margarinebrot kaute und einen dünnen Pfefferminztee trank, kam eine große Ruhe über sie.

Als sie das Geschirr wegräumte, begannen die Sirenen zu heulen. Vorwarnung. Und schon einige Minuten darauf Fliegeralarm.

Mutterseelenallein saß sie im Keller ihres Hauses, in einem Inferno von Abschüssen und Bombenexplosionen, zitternder Wände und stauberfüllter, trockener Luft, die ihr den Atem ab schnürte und sie zum Husten zwang. Doch auch jetzt noch blieb sie ruhig, als hätte sie von irgendwem, der stärker war als die Bomben, die Zusicherung erhalten, ihr würde nichts geschehen. Sie betete, stumm, mit kaum sichtbar sich bewegenden Lippen, die Hände im Schoß gefaltet, reglos, steif aufgerichtet.

Sie kam davon. In der Nachbarschaft wurden einige Häuser zerstört, in den Zimmern ihrer Wohnung flackerte rötlich der Widerschein naher Brände. Sie schloß die Fenster und zog die Verdunkelungsvorhänge herab. Einige Scheiben waren zertrümmert.

Als sie die Scherben zusammenfegte, klingelte das Telefon.

Sie richtete sich auf, fragend, als verstünde sie nicht, was das schrille, scharfe Läuten bedeutete.

Dann hob sie den Hörer ab.

Am anderen Ende meldete sich Dr. Kukill.

»Ich wollte nur fragen, ob bei Ihnen alles in Ordnung ist?« fragte Dr. Kukill. Seine Stimme klang atemlos, abgehackt und etwas unsicher.

»Warum wollen Sie das wissen?« fragte Julia. Und sie überraschte sich dabei, daß ihr seine Stimme fast wohltat: Es war einfach eine menschliche Stimme, die zu ihr sprach, in dieser gespenstigen, durch einen rötlichen Feuerschein und entferntes Prasseln erfüllten Stille. Egal, wem sie gehörte. Und erst nach und nach wurde ihr bewußt, daß der Mann sprach, der ihr Glück zerstört hatte, durch dessen Schuld sie in diesen alptraumähnlichen Zustand geworfen wurde, in dem sie wie in einer ewigen Nacht ohne Aussicht auf Licht leben mußte.

»Nach diesem Angriff - nun, ich bin froh, daß Ihnen nichts passiert ist, Kollegin.« Jetzt schlug er wieder seinen leichten plaudernden Ton an, an dem das Verwunderlichste war, daß er ihn auch ihr gegenüber so leicht anwenden konnte, als spräche er mit irgendeinem beliebigen Bekannten. »Ist Ihr Haus ganz geblieben?«

»Ja, nur einige Scheiben sind kaputt.«

»Das kann man verschmerzen. Ich schicke Ihnen morgen einen Mann, der neue einsetzen wird. Aber ich glaube doch, es wäre besser, wenn Sie bei einem Fliegeralarm in einen sicheren Luftschutzbunker gingen.«

»Mir passiert schon nichts.«

»Darf ich morgen nach Ihnen sehen?«

»Ich weiß nicht, welchen Sinn es hätte.«

»Darf ich?«

»Bitte nicht, ich bin sehr beschäftigt.«

»Was tun Sie? Etwa ...?«:

Stille.

»Ganz recht. Ich habe es Ihnen ja gesagt.«

Und dann beschwörend: »Machen Sie keine Dummheiten, tun Sie nichts Unüberlegtes. Sie wissen, wie gefährlich das ist, wie könnte ich Sie nur davon abhalten?«

»Es hätte keinen Zweck, mich davon abhalten zu wollen.« Sie lächelte abwesend. Dieses Gespräch war unwirklich, widersinnig und auch ein bißchen komisch. Der Mann, an den sie nur mit Haß im Herzen denken konnte, der Mann, dessen Gutachten Ernst zu verdanken hatte, daß er in das Strafbataillon kam, beschwor sie, vorsichtig zu sein, von der Arbeit abzulassen, nur um - warum eigentlich? Etwa .?

Sie legte auf, ohne auf die verzerrte, aufgeregte Stimme zu achten, die aus dem Hörer kam.

Dann ging sie zurück ins Laboratorium. Zum Glück waren hier die Scheiben ganz geblieben. Sie zündete eine Kerze an und setzte sich hinter den Schreibtisch. Vor ihr war eine lange und jetzt nach dem Angriff hoffentlich auch ruhige Nacht. In anderen Vierteln Berlins aber wüteten Brände ...

Deutschmann fiel um, als er langsam, gemächlich über den Kasernenhof gegen die Küchenbaracke ging, wohin er zum Kartoffelschälen geschickt wurde. Der Schwächeanfall kam plötzlich, ohne vorherige Ankündigung; vor seinen Augen fingen helle Punkte, Kreise und Flecke zu tanzen an, er machte die Augen krampfhaft auf, von den Beinen aufwärts kroch über seinen Körper lähmende Schwäche, er fragte sich überrascht, was das bedeuten sollte - und dann stürzten der Hof vor ihm, die Baracken und die Bäume dahinter empor und begruben ihn unter sich.

Er konnte kaum lange ohnmächtig gelegen haben.

Als in der Dunkelheit, die ihn umgab, wieder die Kreise, Punkte und Flecke zu tanzen begannen und immer heller wurden, als er erstaunt und nicht begreifend die Augen aufriß, sah er ganz nahe vor seinen Augen eine Pfütze. Zugleich fühlte er auf seinem Gesicht nasse Kälte. Er verstand immer noch nicht. Erstaunt, aber auch ein wenig gleichgültig, fragte er sich, wo er sei und wie er hierhergekommen war. Wie kam er dazu, mit der Wange in einer Pfütze zu liegen, und warum gelang es ihm nicht aufzustehen?

Er versuchte, die Beine unter den Leib zu ziehen, doch über seinen Körper lief nur ein langes Zittern.

Dann hörte er schnell näherkommende, trampelnde Schritte.

Erich Wiedeck beugte sich über den regungslos daliegenden

Deutschmann.

»Ernst!« sagte er erschrocken, »Ernst, was ist denn los?«

Er drehte ihn um und knöpfte ihm den Uniformrock auf. Deutschmann starrte ihn aus glasigen Augen, die nichts verstanden, an, machte den Mund auf, als wollte er etwas sagen, doch über seine Lippen kamen nur kleine, lallende Laute.

Wiedeck überlegte nicht lange. Er hob den Freund auf die Schulter und wunderte sich, daß der lange, große Mann so leicht war.

Schnell trug er ihn in den etwas abseits gelegenen Teil des Lagers, wo die Revierbaracke lag.

Es war nichts Ernstes. Ein einfacher Schwächeanfall. Gegen Nachmittag konnte Deutschmann wieder aufstehen. Als er, etwas schwach noch und zitterig in den Beinen, aufstand und durch den schmalen, langen Gang der Revierbaracke zur Toilette ging, sah er unten die Tür aufgehen. Zwei Soldaten schleppten keuchend eine Trage hinein. Hinterher lief aufgescheucht wie ein Huhn der Sanitäter Kronenberg.

Deutschmann drückte sich an die Wand und ließ die Gruppe vorbei. Auf der Trage lag ein Soldat mit erschreckend violett verfärbtem Gesicht. Sein Mund schnappte weit offen nach Luft, seine Hände fuhren unablässig über die Brust zum Hals und wieder hinab, und sein Körper bäumte sich in kurzen Abständen auf, als wollte er aufstehen und in seiner Pein und Atemnot weglaufen.

»Und der Chef ist nicht hier - was soll ich tun - der Chef ist doch nicht hier!« jammerte Kronenberg verzweifelt.

»Du bist der Sani - du mußt es wissen!« keuchte ein Soldat, dessen Hände die Trage umklammerten.

Deutschmann trat hinter ihnen ins Behandlungszimmer. Kronenberg, der sonst wie ein Wachhund aufpaßte, daß kein Unberufener »seine« Räume betrat, wie er das Revier nannte, kümmerte sich nicht um ihn. Hilflos lief er umher, ohne zu wissen, was er tun sollte. Es war ihm nicht zu verübeln: Nach einem Schnellkursus in »Erster Hilfe« wurde er Sanitäter - und dieser Mann, den die Soldaten jetzt behutsam und ängstlich auf das Sofa legten, kämpfte offensichtlich mit dem Erstickungstod. Oder mit etwas anderem - weiß der Teufel, auf alle Fälle sah es so aus, als könnte er jeden Augenblick sterben.

»Wo ist der Chef?« fragte ein Soldat.

»Weggefahren«, sagte Kronenberg, »ich weiß nicht .«

»Dann such ihn halt!«

»Wo soll ich ihn suchen?«

»Was hat er denn?« fragte Deutschmann, trat zum Liegenden und beugte sich über ihn.

»Verstehst du etwas davon?« fragte Kronenberg mit wiedererwachender Hoffnung.

»Ein wenig«, sagte Deutschmann. »Was hat er?«

»Wie soll ich das wissen?«

»Mensch - du bist vielleicht ein Sani!« sagte ein Soldat.

»Du hast ihm doch vorhin eine Spritze gegeben!« sagte der zweite.

»Was für eine Spritze?« fragte Deutschmann.

»Das hat doch damit nichts zu tun - eine Antitetanusspritze hat er bekommen«, sagte Kronenberg. »Er hat sich mit einem rostigen Stacheldraht ...«

»Bringen Sie Adrenalin und eine Spritze!« befahl Deutschmann knapp. »Machen Sie schnell, sonst kann wirklich etwas passieren!«

Jetzt war er wieder dort, wohin er gehörte: in einem nach Medikamenten, Desinfektionsmitteln und kranken Menschen riechenden Raum, neben einem Sofa, auf dem ein Mann mit dem Tode rang. Die Schwäche, Unsicherheit und Unbeholfen-heit waren wie mit einem Schlage von ihm abgefallen. Es war wieder wie damals, in den Jahren nach seinem Doktordiplom, als er in einer Berliner Klinik arbeitete, von einem Kranken zum anderen ging, als er mit dem Tode um seine Patienten rang - dort, wo er Julia kennen- und liebengelernt hatte.

Kronenberg sah ihn groß und erstaunt an und brachte das Verlangte: eine Adrenalinampulle und aus dem silbern glänzenden Sterilisator eine Spritze und Nadeln. Deutschmann streifte dem Liegenden den Ärmel hoch und fühlte nach seinem Puls; er war kaum zu spüren, flatterhaft, manchmal beängstigend lange aussetzend.

»Benzin!« sagte Deutschmann.

Die beiden Soldaten standen dabei und sahen ihm zu, wie alle Menschen in allen Zeit einem Arzt bei der Arbeit zugesehen haben: neugierig, scheu, bewundernd.

Deutschmann schnürte den Oberarm des Liegenden ab, so daß die Adern in der Armbeuge dick und blau hervortraten. Dann rieb er mit einem benzingetränkten Wattebausch die Haut ab und stach die Nadel in die Vene.

»Schock«, sagte er.

»Wieso Schock, was ...«, fing Kronenberg an, aber Deutschmann unterbrach ihn leise und ruhig, während er die Flüssigkeit langsam und ruhig in die Vene drückte:

»Nicht jeder verträgt das Antitetanusserum.«

»Kriegst du ihn durch?« fragte ein Soldat.

»Ich denke schon«, sagte Deutschmann.

Er hat ihn durchgekriegt. Nach langen bangen Minuten, nachdem er alles getan hatte, was zu tun war, und man nur noch warten konnte, wich aus dem Gesicht des Kranken langsam die violette Färbung, er begann wieder zu atmen, sein Puls wurde regelmäßig, obwohl er vorläufig ziemlich schwach blieb.

»Es ist gut«, sagte Deutschmann endlich. »Es kann nichts mehr passieren.«

»Wieso kannst du das so gut?« fragte ihn Kronenberg erstaunt und dankbar zugleich. Er hatte auch allen Grund, dankbar zu sein: Langsam dämmerte es ihm, daß der Soldat durch seine Schuld gestorben wäre. Er hatte ihm die doppelte Menge Serum gegeben, weil »doppelt ja besser hält«.

»Ich muß es wohl«, antwortete Deutschmann lächelnd. »Schließlich bin ich ein Arzt.«

»Arzt ...?«: Kronenberg pfiff durch die Zähne. Seinem breiten, schwerfälligen Gesicht war anzusehen, daß er irgend etwas überlegte. Aber er sagte nichts; er sagte nie etwas, bevor er es nicht gründlich und von allen Seiten abgewogen hatte.

Als Deutschmann gegen Abend wieder in seinem Bett lag, kam Kronenberg zu ihm und holte ihn in seine kleine Kammer neben dem Behandlungsraum.

»Hör mal zu«, begann er, nachdem sich Deutschmann auf dem einzigen Stuhl niedergelassen hatte. »Ich hab’ so ‘ne Idee. Aber zuerst trinken wir einen Schnaps. Magst du?«

Deutschmann nickte.

Kronenberg machte seinen Spind auf und holte aus der hintersten Ecke eine Flasche. Deutschmann machte große Augen: Französischer Kognak! Kronenberg grinste ihn an:

»Vom Alten, verstehst du? Vom Stabsarzt. Eine Seele von Mensch! Ich kann ihn um den Finger wickeln, wenn ich will.«

Sie tranken.

Schon nach einigen Schlucken erschien Deutschmann die Welt wieder ein klein wenig erträglicher, ja, beinahe angenehm. Er vergaß den Spieß, die Unteroffiziere, er vergaß seine Krankheit und Schwäche und seine Verzweiflung, die dunkle, hoffnungslose Zeit, durch die er gehen mußte; er und alle anderen, er und Julia, er und Kronenberg und Wiedeck und Bartlitz und Schwanecke - auch Schwanecke und alle, alle ... Bequem setzte er sich auf dem Stuhl zurecht und wartete gespannt, was ihm Kronenberg zu sagen hatte.

»Paß mal auf«, begann dieser, »ich weiß, es ist kein Spaß da draußen!« Mit dem Daumen machte er eine Bewegung gegen das verdunkelte Fenster. »Du verstehst mich?«

Deutschmann nickte.

»Ich hab’ einen Vorschlag. Ich brauche einen Hilfssani, verstehst du? Dann bist du die Brüder los, Krüll und so weiter, keiner kann dir was, und wir machen uns hier eine schöne Zeit.«

»Wie willst du denn das machen?« fragte Deutschmann zögernd. Diese Idee erschien ihm absurd, unwahrscheinlich.

Er, Dr. Ernst Deutschmann, Privatdozent - ein Hilfssani! Sozusagen der letzte Dreck im Sanitätskorps! Dabei wäre er nach einem Jahr mindestens Stabsarzt, wenn er nicht im Strafbataillon wäre. Andererseits - warum eigentlich nicht? Wenn man beim Militär ein Klavier tragen mußte, dann suchte der Spieß Musiker aus; wenn die Unteroffiziere ihre Buden geschrubbt haben wollten, dann beauftragten sie damit besonders gute Schwimmer, weil sie ja keine Angst vor Wasser hätten. Und wenn Kronenberg einen Hilfssani brauchte - warum sollte er dann nicht ihn, den Arzt Deutschmann, nehmen?

»Das überlaß du nur mir!« sagte Kronenberg mit einer großartigen Geste. »Ich habe dir doch gesagt - der Chef und ich -du verstehst?«

»Und - was hätte ich zu tun?«

»Ach so, na, jetzt einstweilen noch Pißpötte ‘raustragen, Thermometer in den Hintern stecken und so weiter. Du verstehst ja was davon. Und nachher in Rußland - weiß der Teufel! Was halt so kommt. Einverstanden?«

»Pißpötte?« sagte Deutschmann.

»Du bist dir wohl zu gut dazu, was? Du kannst ja wieder ‘raus! Du bist gesund - Krüll wartet schon auf dich!«

»Kann ich noch was zu trinken haben?« fragte Deutschmann. Ein kleiner Aufschub. Pißpötte! - dachte er schaudernd.

Thermometer in den Hintern, was halt so kommt ...

Aber er hatte sich schon entschieden.

»Na gut«, sagte er, nachdem er getrunken hatte. »Machen wir.«

Am nächsten Morgen half er bereits dem Sanitäter Kronenberg beim Fiebermessen und rückte anschließend mit einem Arm voll Nachttöpfen auf die Latrine des Reviers, um sie dort zu leeren und zu spülen. Und im Laufe des Vormittags und Nachmittags sah er mit einiger Besorgnis, daß Kronenberg recht gern sprach, aber weniger gern arbeitete. Im übrigen war er jedoch ganz angenehm, gutmütig, schrie nicht, brüllte nicht, man konnte gut mit ihm auskommen - es war immer noch besser, hier zu sein, als vom »Krüllschnitt« über den Appellplatz gejagt zu werden.

So wurde beiden gedient. Deutschmann empfand die Ruhe im Revier, die Gesellschaft der Kranken, den Sanitäter Kronenberg und die Nachttöpfe als eine Wohltat nach den Tagen unter Krüll, und Kronenberg hatte einen echten Arzt als Hilfs-sani, er, der kleine Handwerker aus Westfalen. Einen Mann, der alle Arbeiten machte, zu denen er keine Lust hatte, und der bei Bedarf auch noch mit seinem Wissen einspringen konnte. Ein Idealfall, seltenes Glück - und zugleich doppelte Rückendeckung.

Am Abend sprach Kronenberg mit Stabsarzt Dr. Bergen. Er rückte mit seinen Problemen in der schiefen Schlachtordnung vor und fühlte erst einmal nach der allgemeinen Lage.

»Ist die Herzsache vom Zimmer 3 schlimm, Herr Stabsarzt?«

»Warum?« Dr. Bergen blickte von seinen Notizen auf. Er hatte die pedantische Angewohnheit, über jeden Tag eine Art Rapport zu führen, den keiner las und der in dicken Aktenstößen im Rollschrank verstaubte. »Wieder ein Anfall? Geben Sie ihm Myocardon.«

»Jawohl.« Kronenberg sah auf die Papiere. Appendizitis

Zimmer 4, las er. Überstellung in Reservelazarett Posen I zwecks Ektomie. »Da ist noch was, Herr Stabsarzt.«

»Bitte?«

»Der Schütze Ernst Deutschmann ist recht anstellig. Wir brauchen noch einen Mann fürs Revier. Eine Art Hilfskraft. Durch die Arbeitskommandos ist das Revier so belegt, wie Herr Stabsarzt selbst wissen, daß ich allein ...« Er stockte und verbesserte sich sofort: »Das heißt, ich schaffe es schon allein. Aber das dauert manchmal zu lange bei dringenden Fällen. Und jetzt überhaupt, wenn wir nach Rußland kommen .« Daß Deutschmann Arzt war, verschwieg er wohlweislich.

»Ich werde mit dem Kommandeur sprechen. Welche Kompanie?«

»Die zweite, Herr Stabsarzt.«

»Gut. Lassen Sie mich jetzt in Ruhe, Kronenberg!« Dr. Bergen beugte sich über seinen Rapport, und Jakob Kronenberg entfernte sich zufrieden mit einem zackigen Gruß und einer krachenden Kehrtwendung - aber nicht bevor er sah, daß Dr. Bergen notierte: Anfordern Schütze Ernst Deutschmann, zweite Kompanie, als Hilfssani.

»Man muß die Leute zu nehmen verstehen«, sagte Kronenberg später zu Deutschmann. Sie saßen am Fenster, und der Sanitäter weihte seinen Hilfssani in die Geheimnisse des »17 und 4« ein. »Der Deutschmann kommt zu uns, Herr Stabsarzt«, habe ich gesagt, »oder ich gehe!« Kronenberg sah sein Gegenüber an, um sich zu vergewissern, ob seine Worte Wirkung zeigten. Deutschmann staunte ihn pflichtgemäß an. »Da hat er natürlich sofort ja gesagt!«

Und nach einer Weile knallte Kronenberg die Karten hin: »Einundzwanzig!«

Es war ein schöner Abend.

Am nächsten Tag packten die 1. und 2. Kompanie ihre Sachen. Der erste Befehl war umgeändert worden - zuerst rückten die beiden ersten Kompanien ab. Nach fünf Tagen folgten die 3. und 4. Kompanie mit dem Bataillonsstab und dem Revier, das jetzt den Namen »Lazarett« erhielt. Ernst Deutschmann, als neuer Hilfssani, wurde der 2. Kompanie als Sanitäter zugeteilt, was Oberfeldwebel Krüll mit den Worten begrüßte: »Na, Sie trübe Tasse! Sie haben wohl schon gelernt, wie man sich drückt, was? Sie laß ich noch hüpfen!«

Worauf Deutschmann, der tatsächlich überraschend schnell lernte, still entgegnete: »Darf ich Herrn Oberfeldwebel darauf aufmerksam machen, daß ich allein dem Herrn Stabsarzt und dem Herrn Bataillonskommandeur unterstehe?«

»Schnauze!« brüllte Krüll. Aber er raffte sich zu keinen weiteren Gegenmaßnahmen auf, einerseits weil Deutschmann im Recht war, andererseits, weil es nach Rußland ging. Man wußte nie, ob nicht gerade dieser lausige Intellektuelle derjenige war, der einem den ersten Verband anlegte und die Tetanusspritze gab. Oder gar abschleppte -!

Die Reaktion auf Deutschmanns »Beförderung« in seiner Unterkunft war verschieden. Manche beneideten ihn, manche beglückwünschten ihn, und Schwanecke sagte:

»Du hast den richtigen Dreh ‘raus. Das hast du sehr gut gemacht. Dadurch erhöhen sich unsere Chancen, sag’ ich dir!«

»Wie meinst du das?« fragte Deutschmann verblüfft.

Aber Schwanecke antwortete nicht. Er grinste nur vieldeutig und blinzelte ihm zu.

Jakob Kronenberg blieb einstweilen im Revier und würde in fünf Tagen nachkommen, hieß es. Stabsarzt Dr. Bergen rief jede Stunde bei der Sanitätsersatzstaffel an, beschwor den Oberarzt und verlangte den Generalarzt zu sprechen. »Ich brauche einen Assistenten!« schrie er. »Was soll ich allein in Rußland? Bisher hatte ich ein Revier, aber an der Front, bei dem Anfall von Verwundeten! Ich garantiere für keinerlei vorschriftsmäßige ärztliche Versorgung, wenn keine Hilfe kommt!«

In Posen sah man das ein und versprach ihm einen Unterarzt. Aber Dr. Bergen wußte im voraus, daß das wahrscheinlich nur ein Versprechen war wie immer.

Unterdessen packte die Schreibstube der 2. Kompanie die Akten, die Wehrpässe und die wichtigen Schriftstücke in große Blechkisten. Die transportable Einrichtung wurde in Kartons und Holzkisten verstaut, die mit Draht und dicken Bindfäden umwickelt wurden. Darauf kam, mit Tusche gemalt, das taktische Zeichen und die Ziffern 2./999./Ia oder Ib.

In die Schreibstube kam Oberleutnant Obermeier. »Was Neues, Krüll?« fragte er.

»Nein, Herr Oberleutnant. Packen geht planmäßig weiter. Kompanie steht um 20.00 Uhr abmarschbereit.«

»Um 19.00 Uhr Fassen der eisernen Rationen. Alle Unteroffiziere und Feldwebel erhalten Pistolen, Munition und jeder Zug zwei Maschinenpistolen. Wir fahren drei Tage durch Partisanengebiet. Sie sehen so rot aus, Krüll. Haben Sie etwas?«

»Nein, Herr Oberleutnant, nichts.«

Die Schreiber grinsten. Unteroffizier Kentrop rieb sich die Nase. Aber Krüll sah es nicht. In diesen Tagen und Stunden lebte er wie in einem Nebel. Hilfssanitäter Ernst Deutschmann packte seine Ambulanztasche zusammen. Kronenberg half ihm dabei mit fachlichen Ratschlägen und steckte schließlich eine Flasche Kognak zwischen die Medikamente. »Falls dir mal schlecht ist oder gegen Magenschmerzen. Und wenn der >Krüllschnitt< Magenschmerzen hat - die hat er immer, wenn er gesoffen hat, dann gibst du ihm einen großen Eßlöffel Superga-stronomia.«

»Supergastronomia?«

»Rizinusöl heißt das auf deutsch. Der Name stammt von mir.

Krüll hat einen großen Respekt vor ihm. Seinen flotten Durchmarsch schiebt er dann immer auf schlecht gebrannten Schnaps.«

Lächelnd stapelte Deutschmann die Verbandspäckchen und Schnellbinden in der großen Ledertasche, zählte die Leukoplastrollen und die verschiedenen Scheren und Pinzetten. Kopfschüttelnd erinnerte er sich an das Instrumentarium und an all die modernen Geräte, die ihm in Berlin zur Verfügung gestanden hatten. Was soll er im Ernstfall mit diesen paar Pinzetten und Scheren anfangen?

Stabsarzt Dr. Bergen kam in den Raum.

»Haben Sie alles zusammen?« fragte er Deutschmann.

»Jawohl, Herr Stabsarzt.«

»Wenn Sie genau wissen, wo das Lazarett hinkommen soll, versuchen Sie schon, Quartier zu suchen.«

»Wenn Herr Oberfeldwebel mir das erlaubt.«

»Oberfeldwebel?« Dr. Bergen richtete sich auf. »Sie haben von mir den dienstlichen Befehl, für das Lazarett Quartier zu suchen. Mit der 2. Kompanie haben Sie nur verwaltungstechnisch zu tun. Befehle haben Sie nur von mir entgegenzunehmen! Übrigens - was sind Sie - was waren Sie früher von Beruf?«

»Arzt«, sagte Deutschmann.

Dr. Bergen fuhr herum. »Arzt?« fragte er überrascht. »Wieso ... warum?« Er wirkte auf einmal unbeholfen.

»Jetzt bin ich hier«, sagte Deutschmann trocken.

»Ja - jetzt sind Sie hier, jetzt sind Sie hier«, sprach Dr. Bergen hilflos und gab sich schließlich einen Ruck. Jetzt war er wieder so, wie ihn alle kannten: kühl, ruhig, abwesend. »Also tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe.«

»Jawohl, Herr Stabsarzt.«

Deutschmann exerzierte das gleich durch, als er auf die Stu-be kam, wo er Wiedeck und Schwanecke traf. Er packte die Kognakflasche aus und ließ sie kreisen. Und wie stets im unrechten Augenblick tauchte auch diesmal Krüll überraschend auf.

Der Oberfeldwebel zwinkerte überrascht milden Augen, als er die drei Soldaten um den Tisch sitzen sah; offenbar wollte er sich vergewissern, ob ihm seine aufgeregten Sinne nicht nur irgend etwas vorgaukelten. Aber es stimmte: Auf dem Tisch stand eine Flasche Kognak.

»Schütze Deutschmann«, schrie er, »was haben Sie da?«

»Kognak, Herr Oberfeldwebel.«

»Kog.« Krüll machte ein paar Schritte in die Stube und starrte auf die Flasche. Ein guter Dreistern, ein vollendeter, reiner Kognak! Bei diesen drei Schurken! Ein echter Kognak bei Soldaten von 999! »Her damit!« brüllte Krüll auf. »Wo haben Sie den Kognak her? Schwanecke - geklaut, was? Das gibt einen Tatbericht!« Er wollte die Flasche sicherstellen, aber Schwanecke war schneller, griff hämisch grinsend nach der noch halb gefüllten Flasche und gab sie Deutschmann, der sie in seiner Tasche verschwinden ließ.

»Die Flasche ist Eigentum des Reviers, Herr Oberfeldwebel«, sagte Deutschmann erklärend. »Ich wurde gerufen, weil -weil Schütze Schwanecke einen Schwächeanfall bekam. Kognak ist dagegen das beste Mittel.«

Krüll wurde weiß im Gesicht. »Eine Frechheit - Sie - Sie auch - und der Schütze Wiedeck, he?« fragte er gefährlich leise. »Hatte Sodbrennen, Herr Oberfeldwebel. Auch dagegen verordnete ich einen Schluck Kognak.«

»Geben Sie sofort die Flasche her!« Krüll beugte den roten Kopf vor. Doch Deutschmann sah ihm fest in die zusammengekniffenen Augen.

»Darf ich den Herrn Oberfeldwebel noch einmal darauf aufmerksam machen, daß ich der Kompanie nur zugeteilt bin und nur Befehle des Herrn Stabsarztes entgegennehme. Denn ich habe ausdrückliche Weisung des Herrn Stabsarztes.« Seine Stimme zitterte leicht. Und noch während er redete, fragte er sich, über sich selbst erschrocken, woher er den Mut nahm, mit Krüll so zu sprechen. Er wollte sich mitten in der Rede stoppen, die Flasche aus der Tasche nehmen und sie dem wütenden Spieß geben. Aber er tat es nicht, er sprach weiter, als würde jemand anders aus ihm sprechen, über den er keine Gewalt hatte.

Schwanecke sah Deutschmann bewundernd an, als wollte er sagen: Mensch, das habe ich dir aber nicht zugetraut, alle Achtung!

Und Krüll? Er war wie ein aufgeblasener Ballon. Er konnte schreien und seine Untergebenen schinden und schikanieren wie kein zweiter, aber er hatte kein Gewicht. Er gab nach. Sicher hätte er es nicht getan, hätte er alle drei über den Appellplatz gejagt - wenn auf ihm nicht die Gewißheit lasten würde -Rußland. So aber ging er und ließ die drei mit der Kognakflasche allein.

Um 19.00 Uhr empfingen die Unteroffiziere ihre Pistolen und Karabiner und jeder Zug zwei Maschinenpistolen. Die ausgegebene Munition wurde dreimal durchgezählt und dreimal quittiert. Außerdem bekam jede Gruppe einen Kasten mit zwölf Stielhandgranaten. Der WuG - Unteroffizier für Waffen und Geräte - schüttelte den Kopf, als er sie über den Tisch hinwegschob und die unterschriebenen Empfangsbescheinigungen einsammelte.

»Als ob ihr damit die Partisanen aufhalten könnt, wenn sie einmal losgehen!« Er war viermal verwundet, hatte beide Eisernen Kreuze und blieb - garnisonsdienstfähig geschrieben -in Posen, um die Waffen und Geräte des Ersatzbataillons zu übernehmen. Peter Hefe, aus den seligen Gefilden Frankreichs nach Posen gekommen, betrachtete beklommen die Waffen auf den Tischen. Sie blinkten schwach, gut gepflegt, geölt, vorbildlich.

»Bekommen wir keine MGs?«

»Zwei pro Kompanie.« Der WuG lochte die Empfangsbescheinigungen und heftete sie in einem Ordner ab. »Aber nur unter Verschluß. Freigegeben nur im Notfall. Was wollt ihr mit MGs, wenn ihr doch nur an die Front kommt, um den ganzen Mist wegzuräumen, der da ‘rumliegt?«

»Also ein besserer Bautrupp?«

»Besser - ist gut!« sagte der WuG gleichgültig. »Die Arbeit, die ihr kriegt, mein Lieber, faßt kein Bautrupp mit der Zange an.«

Peter Hefe und die anderen schwiegen bedrückt. Der WuG war der einzige unter ihnen mit großer Rußlanderfahrung. Auch Krüll hatte die Worte gehört, als er in die Waffenkammer kam, um nachzusehen, wo seine Gruppenführer blieben.

»Und was bekomme ich?« fragte er.

»Eine 08 und 50 Schuß.«

»50 Schuß? Wohl verrückt! Was soll ich mit lächerlichen 50 Schuß?«

»Hör mal zu -«, der WuG schob Krüll die Pistole mit einer Tasche, zwei Magazinen und den Patronenschachteln über den Tisch, »ehe du die 50 Schuß im Ernstfall verfeuerst, fliegst du als Englein schon längst über die Wolken .«

Oberleutnant Obermeier studierte die Marschbefehle. Wernher, der Chef der 1. Kompanie, stand neben ihm.

»Zuerst nach Warschau«, sagte Obermeier, der mit dem Finger vergleichend über die Landkarte fuhr, »dann weiter nach Bialystok und Baranowitschi. In Baranowitschi zwei Tage

Aufenthalt und Verladen. Dann weiter nach Minsk und Boris-sow.«

»Borissow an der Beresina«, sagte Oberleutnant Wernher sinnend. »Am 26.11.1812 überschritt Napoleon die Beresina. In Geschichte war ich schon immer gut.«

»Und am 10.11.1943 das Strafbataillon 999. Du kannst das später einmal in deinen Memoiren als einen Markstein deines Lebens verwenden. Auf Napoleons Spuren ...«

»Hoffentlich ergeht es uns nicht so wie ihm«, seufzte Wernher.

Obermeier beugte sich wieder über die Karte und den Zugplan.

»Von Borissow geht es nach Orscha weiter. Dort werden wir endgültig ausgeladen.«

»Hoffentlich kommen wir auch an!«

»Das halte ich für sicher. Entlang der ganzen Strecke sollen in Bunkern bulgarische Truppen als Sicherung liegen. Der Mist beginnt erst hinter Orscha. Dort sickern Sowjets laufend durch unsere Stellungen und verstärken die Partisanen. Um Gorki herum soll ein intaktes, mit allen Waffen ausgerüstetes Bataillon der Partisanen in den Wäldern liegen. Übrigens - hast du eine Ahnung, was für einen geheimnisvollen Auftrag wir dort übernehmen sollen?«

»Keine Ahnung. Barth hüllt sich in Schweigen. Allerdings bezweifle ich, ob er es selber weiß.« Oberleutnant Wernher richtete sich auf und zupfte seinen enganliegenden, eleganten Uniformrock gerade. Er besaß eine Bilderbuch-Reiterfigur. »Die Schrecken zu erfahren, verschieb, solang du kannst«, zitierte er. »Wann sollen wir abrücken?«

»Neuester Befehl: Morgen früh sieben Uhr.« Obermeier lächelte. »Ich würde dir raten, gleich zu deiner Witwe zu reiten. Oder hast du schon Abschied genommen?«

»Halb und halb. Es wird für lange Zeit die letzte Frau sein, die ich sehe«, maulte Wernher. Aber er blieb und machte sogar den Appell seiner 1. Kompanie mit.

Die Angetretenen betrachteten dies als einen endgültigen Beweis, daß es tatsächlich ernst wurde.

Oberfeldwebel Krüll meldete Punkt 20.00 Uhr die angetretene 2. Kompanie. Er hatte seine 08 umgeschnallt, den Stahlhelm auf den dicken Kopf gestülpt und trug eigene Reithosen, die in langen schwarzglänzenden Stiefeln steckten. Er sah sehr kriegerisch aus.

Die Kompanie stand feldmarschmäßig: mit gepackten Tornistern, gerollten Decken und Zeltplanen. Spaten waren das einzige Gerät, das sie bei sich trugen. Schulterstücke und Kragenspiegel fehlten. Sie waren grau in grau, eine Masse Mensch, die in drei Reihen aufgebaut war und auf das Kommando »Dieeee Augen - links!« die Köpfe mit einem Ruck zur Seite warf.

»2. Kompanie, 24 Unteroffiziere und 157 Mann, angetreten, 6 Mann im Revier, 3 Mann abkommandiert.« Krülls Stimme klang laut über den Platz.

Oberleutnant Obermeier ließ rühren und überblickte seine Kompanie.

Der lange Oberst von Bartlitz im ersten Glied war blaß, sein Gesicht war ruhig und unbeweglich wie immer. Hinter ihm der Major - wie hieß er gleich? - ein tollkühner Draufgänger und Ritterkreuzträger, dessen schnelle Karriere einst verblüffte. Wiedeck und Schwanecke hatten gleichmütige Mienen wie fast alle die anderen, und fast alle waren alte Landser. Sie kannten das. Ihnen konnte man nichts vormachen. Sie wußten, wohin sie fuhren, sie machten sich keine Illusionen - aber tief in ihnen steckte wohl immer noch ein Rest der Hoffnung, die in jedem Menschen steckt, solange er lebt: Vielleicht - vielleicht komme ich durch ...

Am Ende der Kompanie, gewissermaßen als Schlußlicht, stand ein wenig vornübergebeugt Ernst Deutschmann mit einer Rote-Kreuz-Armbinde und seinem Ambulanzkasten. Der Arzt als Hilfssani! Und als er daran dachte, kurz bevor er die kurze Ansprache an seine Kompanie begann, durchfuhr Oberleutnant Obermeier der Gedanke an den Widersinn des Ganzen: Alte, hohe Offiziere, die mehr von Kriegführung verstanden als alle die »Jetzigen«, die sich anmaßten, Armeen zu führen und den Krieg zu gewinnen, standen hier, um an die Front zu fahren und dort als der letzte Dreck den Tod zu finden. Spezialisten, über deren Mangel man klagte. Verbrecher, die in keine Armee der Welt gehörten. Ein Arzt als Hilfssani - und dabei der Mangel an Ärzten. Was war es nur, was da nicht stimmte?

Doch Obermeier riß sich zusammen.

»Soldaten«, rief er laut, »ihr wißt, daß es nach Rußland geht. Ich brauche da nichts mehr zu sagen. Wir werden unsere Pflicht tun, wohin wir auch gestellt werden. Morgen früh um 7.00 Uhr rücken wir ab. Der 3. Zug zuerst. Er bereitet auf dem Güterbahnhof die Waggons vor, bis der Rest der Kompanie kommt. Ich brauche für den Küchenwagen noch zwei Mann. Bartlitz und Vetterling vortreten!«

Hauptmann Barth, der den Appell durch das Schreibstubenfenster beobachtete, trat jetzt zurück. Bei der 1. Kompanie hielt jetzt Oberleutnant Wernher die obligate Ansprache. Elegant, drahtig stand er vor der Dreier-Reihe und ermahnte mit heller Kommandostimme seine Leute. Beste Kadettenschule, dachte Barth. Der Obermeier denkt zuviel. Wieso jetzt wieder dieser Unsinn mit dem ehemaligen Oberst von Bartlitz und dem Professor Vetterling. Küchenwagen! Als ob er sie dort am Leben erhalten konnte! So ein Unsinn, dachte er, so ein Unsinn ...

Über den Appellplatz rollten die ersten Lastwagen mit dem Bataillonstroß zum Bahnhof.

Mischa Serkonowitsch Starobin saß vor der Erdhütte im Schnee und suchte in seinem Pelz nach Läusen. Die Sonne schien, der Schnee funkelte, an der Front war es still. Ein schöner ruhiger Tag. Um ihn herum lag die Einsamkeit russischer Wälder. Selbst die Wölfe waren weitergezogen, ostwärts, dem Ural und der Mongolei zu. In ihrem alten Revier hausten Soldaten, und die Erde brach auf unter den Granaten. Die Wölfe wurden vertrieben und rannten dem Wind entgegen, der über die unendliche Weite zog; die Zungen weit heraushängend, die Körper nahe am Boden, die kalten, gelben Augen zusammengekniffen. Nur ihre Höhlen blieben zurück, die Dickichte, die verfilzten Wälder, die Urstämme, an denen sich der Sturm brach und in denen der Frost sich verbiß. Jetzt lebten Menschen dort: wieselflinke, erdbraune, wimmelnde Gestalten, gierig wie die Wölfe vor ihnen, doch weitaus gefährlicher.

Manchmal ging ein Flüstern durch die Wälder bei Gorki und Bolschie Scharipy. Es flog von Höhle zu Höhle, von einer eingegrabenen Hütte zur anderen. Wenn dann die Nacht kam, zogen Schemen durch das Unterholz wie große, gepanzerte Ameisen - zum Waldrand, zu der Straße nach Babinitschi, zum Flusse Gorodnia. Aus der Dunkelheit heraus flammte es dann auf, vielfältig, verderbend, den Tod um sich streuend, die Stille der Wälder zerreißend. Menschliche Stimmen schrien auf und verebbten stöhnend, helle Kommandos, Scheinwerfer, die unter Schüssen erloschen, Schatten, die durch den Schnee hetzten und im Waldesdunkel untergingen, als seien sie nie dagewesen. Dann schneite es, und die Flocken bedeckten jegliche Spur des nächtlichen Spuks. Die Sonne an den nächsten Tagen beschien nur kleine Hügel, aus denen eine Hand ragte oder ein gelbblasses Gesicht oder ein Bein in einem derben Stiefel. Oder sie sah einen Menschen, der langsam und schwerfällig über das Schneefeld kroch, die Beine hinter sich herziehend, um Hilfe schreiend ...

»Es ist ein neues Bataillon gekommen, Annaschka«, sagte Mischa und schüttelte den Pelz. »Weiß es der Starschi Leite-nant?«

Anna Petrowna Nikitewna kroch aus der Höhle und schaufelte Schnee in einen zerbeulten Kochtopf. Sie hatte die derben Knochen mittelrussischer Bäuerinnen und das lange, schwarzsträhnige Haar der Mongolinnen.

»Sergej ist bereits in Orscha«, sagte sie.

»Der Satan hole die Deutschen! Sie werden Sergej fangen!« Mischa Starobin erhob sich und zog seinen Pelz an. Er war groß und stark wie ein Bär, mit leicht geschlitzten Augen, einem buschigen Schnurrbart und Beinen, die wie Säulen durch den Schnee stapfen.

»Er wohnt bei Tanja, seinem Täubchen.« Anna Nikitewna lachte.

»Die Neuen haben keine Nummer.« Mischa sah zu, wie Anna den zerbeulten Kessel über das Feuer hing. Der Schnee schmolz langsam. In das Schneewasser würde sie Kapusta tun, ein Stückchen Fleisch - Flügelchen und die Brust einer Krähe. »Gott beschütze Sergej - die Neuen sind verflucht schlimm.«

Mischa sagte Gott, und Anna lachte darüber. Wenn Mischa von Gott sprach, hatte er Angst. Der große, starke Mischa Starobin! Wie kann er Angst haben? dachte sie und rührte in dem Schnee. In die Wälder von Gorki kommt kein Deutscher. Zweimal sind sie um sie herumgezogen. Dort, wo die Wölfe lebten, ist meistens auch der Mensch sicher.

Durch das Dickicht kroch ein kleiner krummbeiniger Mann in einem langen, alten Schafspelz. Seine Fellmütze mit den Ohrenschützern war schneeverkrustet. Als er Mischa und Anna sah, winkte er und arbeitete sich durch den kniehohen Schnee zu der Erdhöhle.

»Brüderchen Pjotr!« Mischa Starobin lachte breit. »Was macht die Kolchose? Von Deutschen besetzt, ha?« Er reichte dem Kleinen die Hand entgegen und zog ihn heran.

Pjotr Sabajew Tartuchin blinzelte mit seinen kleinen, listigen Augen. Er sah mongolischer als ein Mongole aus. Seine gelbe Haut zog sich faltig und pergamentartig über das runde Gesicht, in dem die Nase wie ein Knopf mit zwei Löchern saß. Seine überlangen Arme baumelten am Körper herab, als gehörten sie nicht zu ihm, und seine Schultern waren unverhältnismäßig breit.

»Draußen laufen die Deutschen herum!« Er trat gegen Annas Kessel, warf ihn um und schaufelte mit dem Stiefel Schnee auf die Feuerstelle. Zischend erlosch die Flamme. »Man sieht den Qualm, ihr Holzköpfe! Freßt den Kapusta kalt!«

Anna Petrowna Nikitewna holte den Kessel aus dem Schnee und warf ihn in die Erdhöhle. »Sie werden nicht wagen, in den Wald zu kommen. Sind es viele?«

»Nein, aber wenn sie den Rauch sehen, wissen sie, wo wir stecken.« Pjotr wischte sich über die Augen und über das gelbe, vor Kälte starre Gesicht. »Starschi Leitenant läßt sagen, daß heute nacht Sammeln ist.«

»Och - verflucht!« sagte Mischa und dachte an den verlorengegangenen Kapusta. »Heute nacht?«

»Wir müssen einen Mann der Neuen fragen. Sie haben keine Nummern, nicht einmal Schulterstücke. Vielleicht ist es ein Sonderkommando, um uns zu fangen?«

»Unsinn, wer soll uns fangen?«

»Sie sind ganz frisch aus Deutschland gekommen, junge und alte. Sergej sagt, es sei eine merkwürdige Truppe. Sie haben kaum Waffen ...«

»Und da wollen sie uns fangen?« Mischa lachte dröhnend.

»Sie sollen Geheimwaffen haben, du Esel! Sie kommen noch nach, sagt Sergej.« Tartuchin hauchte in die Hände und schob dann den Kragen seines Pelzes höher gegen das Gesicht. »Wo sind die anderen?«

»Wo sollen sie sein?« Mischa zeichnete einen Kreis in die Luft. »Im Wald natürlich. Du wirst sie treffen, Brüderchen.«

Fluchend stapfte Tartuchin weiter durch den Schnee. Hinter einem Busch verschwand er in der Unergründlichkeit des Waldes. Ab und zu hörte man den Schnee dumpf klatschend von den Bäumen fallen. Dann erstarb auch dieser Laut.

»Heute nacht, Annaschka«, sagte Mischa Serkonowitsch leise, als fürchte er, daß seine Stimme die tiefe Stille stören könnte. »Wenn wir Glück haben, erbeuten wir Büchsenfleisch und Zwieback.«