39704.fb2
In Orscha saß Starschi Leitenant Sergej Petrowitsch Denkow am Ofen und blätterte in den Papieren, die ihm Tanja gegeben hatte. Mittelgroß, schlank, braun wie ein Kaukasier, trug er die abgeschabten und vielfach geflickten Sachen eines armen Kolchosbauern, der sich von den Deutschen überrollen ließ und nun in seiner Hütte mühsam sein Leben fristete. Neben ihm wirkte Tanja Sossnawskaja wie ein Bild altrussischer Ikonenmaler. Ihr schwarzglänzendes, glattes Haar war eng an den Kopf gelegt, ihre leicht hervorstehenden Backenknochen gaben dem schmalen Gesicht mit den großen Augen den Zauber und das Geheimnis östlicher Weiten. Sie trug eine wollene Bluse, eng über die runden Brüste gespannt, und dicke gesteppte Hosen, die in weichen Juchtenlederstiefeln steckten.
Oberleutnant Denkow hatte sie schon eine Weile angesehen.
»Du bist schön, Tanjuschka .«
»Lies die Papiere, Serjoscha.« Sie blies mit gespitzten Lippen in das Feuer des gemauerten Herdes und hörte auf das Summen des Wassers im Kessel. »Ich koche dir einen starken Tee.« Sie sah vom Feuer hoch, ihr Gesicht war von den Flammen gerötet. »Wann mußt du wieder gehen?«
»In zwei Stunden.« Denkow legte die schmalen Hände auf die Papiere. »Woher hast du sie?«
»Von der Kommandantur. Ich wurde - als Putzfrau angestellt. Ein Feldwebel wollte mich auf sein Zimmer nehmen. Er ging, Wein und Schnaps zu holen. Er blieb lange weg - und ich habe die Papiere abgeschrieben und hier verborgen.« Sie zeigte auf ihre Brust und lächelte. »Ich ging, bevor er kam. Sind die Papiere wertvoll?«
»Das weiß ich noch nicht. Die neue Truppe heißt 999. Aber warum tragen sie die Nummer nicht wie die anderen auf den Schulterstücken? Sie haben gar keine Schulterstücke. Merkwürdig ...« Er erhob sich und trat zu Tanja. »Du mußt es erfahren, Mädchen. Aber ohne Feldwebel!«
»Bleibst du heute nacht hier, Serjoscha?« fragte sie leise.
»Es geht nicht. Sie warten im Wald auf mich.«
Noch eine Stunde, und er würde durch die deutschen Nachschubstellen gehen. Ein armer, zerlumpter Bauer, der durch den Schnee zu seiner Hütte stapft, die irgendwo in der weiten Unendlichkeit lag. Der deutsche Posten am Dnjepr, an der Holzbrücke, über die er gehen mußte, würde ihn anhalten: »Halt! Wohin, du krummer Hund?« Und er würde demütig sagen: »Damoi, Brüderchen, damoi ...« Nach Hause. Der Posten würde nicken und ihn über die Brücke lassen - wie immer. Er war irgendein einfältiger Bauer im alten Schafspelz und mit einer hohen Fellmütze. Hinter Orscha stand ein Schlitten. Fedja wartete dort mit zwei Pferden. Sie würden über die Schneefelder fliegen wie Schemen, vorbei an Babinitschi, in einem Bogen um Gorki. Das Land ist weit ... Die Deutschen konnten nicht überall sein. Und dann kam der Wald, die dunkle Wand, die sich von Horizont zu Horizont erstreckte. »Heimat der Wölfe« nannten ihn die Bauern von Gorki und Bolschie Scharipy. Jetzt wohnten darin Menschen - die Wölfe Stalins, die zweite Partisanenkompanie unter Oberleutnant Sergej Petro-witsch Denkow. Tanja bewegte sich. Er erwachte aus seinen
Gedanken.
»Der Tee«, sagte sie leise.
Sie goß eine Kanne voll. Der Samowar stand in der Ecke, es dauerte zu lange, ihn in Betrieb zu setzten. Tanja saß neben ihm und sah ihm zu, wie er aus einer Untertasse den heißen, grünlichen Tee schlürfte.
»Sie wollen mich als Dolmetscherin haben, weil ich ein bißchen Deutsch kann«, sagte sie. »Soll ich, Serjoscha?«
Oberleutnant Sergej nickte mehrmals. »Natürlich! Um so mehr wirst du erfahren!«
»Wirst du dann öfter kommen?«
»Vielleicht ...« Er sah in ihre großen schwarzen Augen. Ihr schmales Gesicht schwamm in der Dämmerung des Raumes. »Du bist schön«, sagte er, »du wirst dich vor ihnen wehren müssen .«
»Ich hasse sie, Serjoscha!«
»Aber sie hassen dich nicht .«
»Sie werden es nie erreichen, nie!«
Sie blickte gegen den Ofen. Sergej verfolgte ihren Blick. Hinter dem Kamin, in einer Wandvertiefung, lag eine geladene und entsicherte russische Armeepistole.
»In einem halben Jahr haben wir Witebsk und Orscha zurückerobert«, sagte Sergej. Seine Stimme war heiser vor Erregung. »Dann werden wir heiraten, Tanjuschka. Nur noch ein halbes Jahr ... Wir werden es durchhalten!«
Sie nickte tapfer, wischte sich über die großen Augen und lächelte ihn an.
»Du gehst jetzt?«
»Ja.« Er küßte sie. Ihre Lippen waren kalt.
»Gott schütze dich!« flüsterte sie.
Er verließ schnell das Haus und rannte durch die Dunkelheit über den Hof. Gott, dachte er, wie kommt sie auf Gott? Er nahm sich vor, den Satz zu vergessen. Er war ein Bolschewik, und er kannte keinen Gott und wollte keinen kennen. Sein Gott war die Partei, war Rußland und der abgrundtiefe Haß gegen die deutschen Eindringlinge. Ihnen lebte er, sie waren allgegenwärtig und übermächtig, weit mächtiger als dieser merkwürdige Gott alter Leute ...
Hauptmann Barth meldete sich bei dem Stadtkommandanten von Orscha. Der alte Major, Reservist, der sich in der russischen Einsamkeit völlig fehl am Platze fühlte, sah auf die Papiere, die ihm Barth vorgelegt hatte. Mit wässerigen Augen schaute er über seine Brille.
»999? Welches Regiment, welche Division?«
»Bei dem Bataillon 999 handelt es sich um ein selbständiges Strafbataillon, Herr Major.«
»Strafbataillon?«
»Ja, Herr Major.«
»Hm.« Der Alte musterte Hauptmann Barth mißtrauisch von oben bis unten. War sicher Kavallerist, dachte Barth. So mustert man einen Gaul, der lahmt. Kann ich ihm nicht übelnehmen. Für den bin ich vorerst ein besserer KZ-Aufseher. »Sie sind der Kommandeur?«
»Ja, Herr Major. Meine Truppe ist zur Frontbewährung nach Orscha gekommen.«
»Zur Frontbewährung. Natürlich.« Der Major sah Hauptmann Barth wieder kritisch an. »Sie hören noch von mir. Oder haben Sie Sonderbefehle?«
»Jawohl. Meine Truppe soll im Rahmen des rückwärtigen Frontaufbaues eingesetzt werden. Vor allem in Spezialaufgaben, die außerhalb der Aufgaben anderer Truppenteile liegen«, sagte Barth mit ironischer Stimme.
»Ich verstehe.« Der alte Major bemühte sich nicht, sein fast körperliches Unbehagen über dieses Gespräch zu verbergen. Er sah auf Barths Ordensbänder und schob die Unterlippe vor. »Sie waren schon an der Front?«
»Von Anfang an. Polen, Frankreich und der Vormarsch in Rußland bis 1943. Ich war bei der Panzerspitze, die die Türme von Moskau sehen konnte.«
»Und jetzt 999?«
»Ja, Herr Major. Freiwillig.«
»Freiwillig?« Der Standortkommandant von Orscha legte die Papiere umständlich in eine Mappe, als wollte er seine Überraschung und Ratlosigkeit verbergen. »Ich würde mich freuen, Sie an einem der nächsten Abende zu sprechen, Herr Hauptmann. Bei einem Glas Grog. Ich schicke Ihnen eine Ordonnanz.« »Vielen Dank, Herr Major.« Barth lächelte leicht. Der Köder saß, der Alte hatte angebissen. Oder - kavalleristisch ausgedrückt: Der Gaul keilte, aber scharf auf Kandare geritten, trabte er ganz folgsam. Man wußte nie, wofür das gut war ... Während Hauptmann Barth sein Bataillon anmeldete, saß Deutschmann in seiner Unterkunft und schrieb an Julia. Der kleine Raum in einem halbzerschossenen Bauernhaus war von Kerzen notdürftig erleuchtet. Die zwei schwachen, flackernden Lichter drohten jedesmal auszugehen, wenn jemand durch die Türe kam und der Luftzug von draußen eisig durch die Stube strich. Große verschwommene und dann wiederum scharf um-rissene Schatten tanzten an den rauchgeschwärzten Wänden und huschten über das Papier, auf dem sich langsam Wort an Wort und Zeile an Zeile reihten.
Deutschmann schrieb:
Mein liebes, liebes Julchen,
Du wirst schon lange keinen Brief von mir bekommen haben, Rehauge. Oder ist es gar nicht so lange her? Mir jedenfalls scheint von damals, als ich Dir noch von unserem alten Standort geschrieben habe, bis heute eine Ewigkeit vergangen zu sein. Heute sind wir in Rußland, damals waren wir in Europa.
Ich weiß, auch der Ort, wo wir uns befinden, liegt auf der Landkarte in Europa. Aber es ist eine so völlig andere Welt, in die wir gekommen sind, es ist alles so neu und furchtbar fremd, daß ich mich manchmal fragen muß, ob ich wirklich noch bin, ob ich das alles wirklich erlebe und nicht nur erträume. Ein »Früher« gibt es fast nicht mehr; die Bilder, die aus meinem Gedächtnis aufsteigen, wenn ich an »früher« denke, sind blaß und konturlos geworden - allein Du bist immer noch so stark in mir wie früher. Mehr noch: stärker, lebendiger als je, manchmal so stark und lebendig, daß ich vermeine, Deine Stimme zu hören und Deinen Hauch an meiner Wange zu spüren ...
Deutschmann setzte ab und sah unwillig zur Tür, die krachend aufging. Unteroffizier Peter Hefe oder der »Gärende«, wie er von den Soldaten genannt wurde, stürmte in den kleinen Raum. »Wiedeck, Schwanecke, Graf Hugo, los fertigmachen! Wir müssen auf Störtrupp gehen.« »Einundzwanzig!« sagte Schwanecke. Er spielte Karten mit Wiedeck und dem Grafen Hugo von Siemsburg-Wellhausen, den alle nur Hugo nannten. Er beachtete Hefe nicht. Dann sah er langsam auf und fragte: »Was is’n los? Was müssen wir machen?«
»Störtrupp«, sagte Hefe. »Die Leitung ist kaputt.«
»Es geht schon wieder los«, sagte Schwanecke und stand seufzend und sich räkelnd auf. »Ich möchte wissen, wann in diesem verfluchten Land mal keine Leitung kaputt ist.«
Daß die Telefonleitung zur 1. Kompanie in Babinitschi gestört ist, hatte Oberfeldwebel Krüll entdeckt.
»Welcher Idiot hat die Leitungen gelegt?« schrie er durch den niedrigen Raum eines halbwegs gut erhaltenen Bauernhauses, wo sich die Schreibstube eingenistet hatte. Auf den Blechkisten und Pappkartons klebten überall Kerzen. »Solche Idioten, nicht einmal ‘ne Telefonleitung können sie legen! Tür zu, ihr Tränen!« schrie er, als über seinen schweißglänzenden Nacken ein eisigkalter Luftzug strich. Dann schnellte er empor, denn die Träne war Oberleutnant Obermeier. »Verbindung zur I. Kompanie abgerissen, Herr Oberleutnant«, meldete er. »Es fängt ja gut an.«
Daß »es gut anfing«, hatte er bereits gemerkt, als sie beim ersten Aufenthalt in Baranowitschi die ganze Kompanie von einem Güterzug in den anderen verladen mußten, weil der Hauptteil der Waggons für die Artilleriemunition abgehängt wurde. Die Kompanie wurde in einige wenige Waggons zusammengepfercht, jeweils 40 Mann in einen. Zudem war Schwanecke nach dem Umladen mit drei Büchsen Thunfisch erschienen und einem kleinen Sack mit Hartkeks.
Krüll hatte es sich abgewöhnt, bei Schwanecke jedesmal »woher?!« zu brüllen. Die Antworten waren stets so dämlich, daß die ganze Kompanie grinste. So hatte er auch diesmal nur gesagt:
»Wenn eine einzige Meldung kommt, daß das Zeug geklaut ist, binde ich dich hinten an den Zug, an die Puffer, und du kannst hinterherlaufen!«
Natürlich war keine Meldung gekommen. Schwanecke hatte Deutschmann angegrinst:
»Wer soll denn das melden? Die haben das Zeug ja selbst geklaut ...«
Oberleutnant Obermeier versuchte es jetzt selbst am Telefon. Er drehte an der Kurbel und lauschte. Nichts. Die Leitung war tot. »Haben Sie das Bataillon erreichen können?«
»Auch nicht, Herr Oberleutnant.«
»Da hilft alles nichts. Ein Störtrupp muß die Leitung abgehen.«
Oberfeldwebel Krüll atmete auf. Ein Störtrupp - das war Aufgabe der Unteroffiziere.
So kam es, daß Unteroffizier Hefe mit sechs Mann über die schneeverwehte Straße von Gorki nach Babinitschi zog.
Schwanecke, der Stärkste, schleppte die Kabelrolle auf dem Rücken. Wiedeck trug das Kontrolltelefon, Schütze Lingmann, ein ehemaliger Feldwebel, der allzugern soff und in seiner Trunkenheit die ganze Welt, einschließlich seiner Vorgesetzten und der »Reichsführung«, beschimpfte, trug die beiden schweren Werkzeugtaschen. Am Ende der kleinen Reihe, die auseinandergezogen durch den Schnee stapfte, ging Hugo, der Graf von Siemsburg-Wellhausen. Er war ein stiller, immer hilfsbereiter, nie auffallender Kamerad, der sein Los mit einer gleichgültigen Wurstigkeit trug. In den Akten von 999 war vermerkt, daß er wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Anstiftung von Sabotageakten am Wehrmachtseigentum verurteilt wurde. Die Wahrheit war, daß er Anfang 1943, als die 6. Armee in Stalingrad sinnlos geopfert wurde, einen kleinen Kreis von Offizieren um sich geschart hatte, mit dem Ziel, Widerstand gegen die Machthaber zu leisten, und wenn möglich, Frieden zu schließen, solange es noch Zeit war. Doch bald schon wurde die Gruppe verraten. Sein Leben hatte er nur dem Umstand zu verdanken, daß sein Bruder, der in Spanien lebte und für die deutsche Abwehr arbeitete, dabei über gute Beziehungen mit maßgebenden Kreisen in New York verfügte und verschiedene Dinge ausplaudern konnte, wenn Hugo getötet werden würde ...
Allen voran ging Peter Hefe, die Maschinenpistole in den Händen.
Die Nacht war eisig und dunkel. Die beiden Männer, die den Draht abgingen, hüpften ab und zu auf der Stelle, um die trotz der Filzstiefel erstarrenden Beine warmzuhalten. An verschiedenen Stellen war die Straße zugeweht. Nur vereinzelte, weit auseinanderstehende Masten zeigten den Verlauf des Weges an.
An einer Buschgruppe standen Mischa Starobin und Pjolr
Tartuchin. Sie hatten sich einen Schneeschutz aus geflochtenen Zweigen gebaut, wie es die Tungusen machen, wenn der Schneesturm über die Steppe heult. Sie kauten Sonnenblumenkerne und starrten in die weiße Nacht.
»Hast du die Leitung richtig durchgeschnitten?« fragte Tartuchin leise. »Sie müßten längst hier sein. Eine deutsche Kompanie ohne Telefon ist wie ein Säugling ohne Mutter.«
»Still!« zischte Mischa. »Hörst du?«
Sie lauschten. Der Wind zog leise singend, pfeifend und raschelnd durch das Gebüsch und über die offene Steppe. Mischa spuckte die Sonnenblumenkerne aus und richtete sich auf. Mitten aus der Nacht kam plötzlich ein Laut, der nicht hierher gehörte: das Klappern der Kabelrolle auf Schwaneckes Rücken, leise, kaum vernehmlich, langsam lauter werdend, und plötzlich ein verhaltener Ruf. Mischa Starobin griff nach hinten. In seiner Hand lag eine russische Maschinenpistole. »Kommen sie von Gorki oder Babinitschi?«
»Ich sehe sie noch nicht.«
»Hörst du sie?«
»Ja, halt jetzt den Mund!« Tartuchin glitt in den Schnee und blieb dort liegen wie ein Bündel Lumpen. Mischa schob ihm die zweite Maschinenpistole zu.
»Dort!« flüsterte Tartuchin. »Von Gorki!«
»Wie viele sind es?«
»Ich sehe sie noch nicht - ich sehe sie noch nicht«, flüsterte Tartuchin, als würde er mit sich selbst sprechen, als hätte er Mischa und die Kälte, den Wind, den Schnee, den dunklen, niedrigen Himmel vergessen, als gäbe es nichts mehr auf der Welt, als nur ihn allein und die fremden Laute, die von Menschen kamen, die er haßte, mehr als er je Menschen gehaßt hatte. Nur er allein war da mit ihnen und mit seiner Maschinenpistole und mit seinem Haß und dem übermächtigen Wunsch zu töten.
Jetzt konnten sie bereits die Stimmen unterscheiden. Sie hörten den Unteroffizier Peter Hefe, der nach hinten rief:
»Alles in Ordnung?«
Und Hugo, am Ende des kleinen Trupps, meldete zurück:
»Alles klar.«
Über Tartuchins vereistes, starres Gesicht glitt ein verzerrtes, schiefes Lächeln und erstarrte zu einer Grimasse.
Die Deutschen waren jetzt ganz nahe vor der Stelle, wo das Kabel zerrissen war. Starobin schob langsam und vorsichtig seine Maschinenpistole auf den kleinen Hügel zusammengescharrten und jetzt steif gefrorenen Schnees, drückte den Kolben an die Wange und visierte die kleine Gruppe an, die auf der Straße anhielt.
»Unterbrechung entdeckt!« Der eine der Sucher hob die Hand. Schwanecke wuchtete die Kabelrolle von der Schulter und wischte sich über das Gesicht. Trotz der schneidenden Kälte schwitzte er.
»Zerrissen?«
»Anscheinend.«
Lingmann stellte die Werkzeugtasche hin. Wiedeck kniete nieder, um das Kontrolltelefon anzuschließen.
»Mach schnell, ‘s ist kalt«, sagte Hugo.
»Mensch, ich hab’ ganz klamme Finger«, sagte Wiedeck.
»Los, beeilen Sie sich!« sagte Peter Hefe.
Schwanecke schnüffelte wie ein witterndes Tier in der Luft. Irgend etwas stimmte nicht. Die Sache war ihm nicht geheuer. Verdammt noch mal, dachte er, wenn ... »Was ist mit dem Draht los?« fragte er.
»Gequetscht«, sagte Wiedeck. Er hatte jetzt das Kontrolltelefon angeschlossen. Er kurbelte und lauschte. Dann nickte er zufrieden. Am anderen Ende meldete sich Krülls Stimme.
»Na, gefunden? Was war denn los, ihr Tränen?«
»Der Draht war gequetscht«, sagte Wiedeck.
Aus dem Hörer kam Krülls laute, quäkende, schimpfende Stimme. Unteroffizier Hefe nahm den Hörer aus Wiedecks Hand und nickte ihm grinsend zu.
Tartuchin und Starobin sahen sich kurz an, und Tartuchin flüsterte:
»Du von links nach rechts, ich von rechts nach links ... dann haben wir sie doppelt ...«
Tartuchin drückte den Kolben der Maschinenpistole gegen die Schulter. »Halt in die Mitte, in ihre Bäuche!« flüsterte er. »Ich sage, wann .« Seine Stimme war fast zärtlich.
Karl Schwanecke kniete neben Wiedeck, hob den Draht vor die Augen und glitt mit den Fingerspitzen langsam und prüfend darüber. Und plötzlich fuhr er herum, warf die Arme hoch, sprang mit einem Satz in eine Schneeverwehung und schrie:
»Deckung!«
Wie auf ein Zauberwort lagen die anderen auf der Straße. Im gleichen Augenblick tackten die beiden Maschinenpistolen los. Die Schüsse und die hellzischenden Geschosse kamen irgendwo aus der Nacht - nein, aus dem Gebüsch nicht weit von der Straße entfernt. Im Fallen noch durchjagte Hugo ein dumpfer Schlag gegen seinen Körper, er spürte, wie seine linke Schulter gefühllos wurde. Überrascht fragte er sich, was geschehen war. Schmerzen fühlte er nicht. Doch dann merkte er, wie es warm und naß über seinen Rucken rann. Jetzt erst wußte er, daß er verwundet worden war. »Mich hat’s erwischt, verdammt«, stöhnte er, und in seiner Stimme schwang immer noch die Überraschung mit.
Wiedeck lag neben ihm, den Kopf in den Schnee gedrückt. Er drehte ihn auf die andere Seite. »Wo?«
»In die Schulter.«
»Teufel noch mal - wir können nicht zurückschießen, was sollen wir tun, wir können nicht zurückschießen«, stammelte Wiedeck verzweifelt.
Die Gruppe hatte eine einzige Maschinenpistole, die von Unteroffizier Hefe, der in einer Mulde lag und in die Nacht hineinballerte, in die Richtung, aus der die Schüsse gekommen waren. Er kämmte das Gelände ab. Wie aufgestöberte Füchse lagen Tartuchin und Mischa hinter ihrem Schneehaufen, flach wie ein Stück der verschneiten Erde. Aber die Kugeln pfiffen weit weg und hoch über ihnen durch die Luft. Sie begannen wieder zu schießen.
Schwanecke robbte flach, mit schlangenhaften Bewegungen, zu Peter Hefe. Sein Gesicht war verzerrt. »Der Draht war durchgeschnitten!« sagte er.
»Wir wären alle im Eimer ohne dich.« Unteroffizier Hefe hob den Kopf etwas an und preßte ihn sofort wieder in den Schnee, als knapp über ihn eine Garbe zischte und sofort danach eine zweite den Schnee vor ihnen aufwirbelte. Ohne zu zielen, drückte er den Abzugshahn durch und jagte einen langen Feuerstoß gegen das Gebüsch.
»Mensch - gib her, so kann man das nicht!« sagte Schwanecke ärgerlich. Er war bereits dreimal in Rußland gewesen, er kannte die Gegner, er kannte sie so gut, wie er sich selber kannte.
Peter Hefe gab ihm die Maschinenpistole, als wäre er froh, sie loszuwerden. Als Schwanecke das kalte Metall berührte, ging mit ihm eine plötzliche wunderliche Veränderung vor. Er wurde eins mit der Waffe, als wäre diese zu seinem verlängerten, gefährlichen Arm geworden, mit dem er umzugehen verstand, als wäre er mit einer Maschinenpistole in der Hand geboren worden. Während die anderen zur Mitte sammelten -Wiedeck zog den verwundeten Hugo hinter sich her -, rollte Schwanecke in seine Schneeverwehung und wühlte sich hinein wie ein Schneehuhn, das Gefahr wittert. Sicher und ohne lange zu zielen, schoß er Punktfeuer auf jeden Busch, wechselte das Magazin, schoß wieder. Wie Tartuchin und Mischa war auch er jetzt in seinem Element. Seine Sinne reagierten mit dem Instinkt eines Tieres, blitzschnell, völlig sicher. Er dachte nicht an die Gefahr, die ihm von seinem Gegner drohte. Er wollte nur noch töten.
Er hörte auf zu schießen. Es hatte keinen Zweck, wenn er kein Ziel sah. Still, als sei nichts geschehen, lag die schneeverwehte Straße in der weiten russischen Ebene. Am Horizont stand wie eine schwarze Wand, drohend und geheimnisvoll, der Wald.
Unbeweglich warteten sie: Tartuchin und Mischa hinter ihrem Schneehaufen, Schwanecke in seiner Verwehung. Sie belauerten sich, sie atmeten kaum, Tartuchins gelbes Gesicht war starr. Er drehte den Kopf zu Mischa. Die unheimlich nahe liegenden Garben, die knapp über sie gepeitscht waren und in den Schnee vor sie einschlugen, hatten ihn vorsichtig gemacht. Das war nicht der Mann, der zuerst geschossen hatte. »Er hat schon gegen uns gekämpft!« flüsterte er, mit dem Instinkt des Naturmenschen die Gefahr erkennend, die ihm vom unbekannten, unsichtbaren Gegner drohte. »Sie werden Verstärkung bekommen, gehen wir zurück!«
In die Stille der Nacht klingelte schrill das Telefon und unterbrach den Bann der fast unerträglich gewordenen Spannung. Ein Zeichen aus einer anderen Welt. Tartuchin hob den Kopf und spähte in die Richtung des schnarrenden Geräusches.
Erich Wiedeck, der neben dem Apparat lag, streckte den Arm aus und nahm den Hörer ab.
»Ruhe!« zischte er.
Aus dem Hörer kam Krülls wütende Stimme: »Idioten! Wo bleibt die Verbindung zur ersten Kompanie?«
»Im Himmel! Wir werden beschossen. Partisanen! Schütze Siemsburg - verwundet .«
Tartuchins Maschinenpistole ballerte los. Er schoß in die Richtung, aus der das Klingeln gekommen war. Wiedeck legte den Hörer in den Schnee und preßte sich, so tief er konnte, in seine Mulde.
Mit starren Augen saß Oberfeldwebel Krüll am anderen Ende der Leitung auf seiner Blechkiste. Er konnte nicht begreifen, was geschehen war. Und langsam, langsam dämmerte ihm die Erkenntnis herauf, daß er nun tatsächlich in diesem verfluchten Land war, vor dem er sich mehr fürchtete als vor der Hölle. Eine Erkenntnis, die er die ganze Zeit bis jetzt von sich weggeschoben hatte, an die er nicht glauben wollte, um nicht zu einem hilflos zitternden, von Angst gepeinigten Bündel Mensch zu werden. »Sie schießen!« stammelte er. Er hörte deutlich die Abschüsse, dann krachte es im Apparat, und die Verbindung riß ab. »Getroffen!« Krüll warf den Hörer hin, als könnte ein Schuß durch die Leitung sein Ohr treffen. Er war bleich und merkte nicht, daß er zitterte. »Die Partisanen beschießen sie ... Siemsburg ist verwundet .«
»Es ist eben Krieg, Oberfeldwebel!« Obermeier winkte Unteroffizier Kentrop zu. »Mit zwölf Mann ab! Machen Sie schnell, Kentrop! Seien Sie vorsichtig, keine unnötigen Verluste. Nehmen Sie Handgranaten mit! Der Sanitäter - Deutschmann - soll mitgehen.«
»So ein Schwein«, sagte Schwanecke wütend. »So ein verdammtes Schwein!« Er kniete in seiner Verwehung und schoß auf zwei zickzacklaufende, kleine, dunkle Gestalten, die im Ungewissen Licht zwischen den Büschen gegen den Wald hetzten, verschwanden, wieder auftauchten, aber nur sekundenlang, sich hinwarfen - und schließlich in der Dunkelheit untergingen.
Mischa keuchte hinter dem schnellen, wendigen Tartuchin hin. Das stoßweise, böse Rattern der deutschen Maschinenpistole jagte ihm Angst ein. Er warf sich durch das Gebüsch, riß sich das Gesicht an den harten, gefrorenen Zweigen blutig und lag schweratmend im Schnee.
»Mutter Gottes von Kasan«, keuchte er, »das war der Teufel selbst!«
Der kleine Asiate schwieg. Er riß mit den Zähnen ein Verbandspäckchen auf und umwickelte seine linke Hand. Mischa starrte ihn an.
»Hat er dich erwischt?«
Tartuchin schwieg. In seinen zusammengekniffenen Augen stand brennender Haß. Er verband seine Hand und fühlte nicht den Schmerz, der den ganzen Arm ergriff. Der Haß glühte in ihm wie ein übermächtiges Feuer.
»Ich werde ihn töten!« zischte er endlich leise. »Er ist der einzige, der mich bis jetzt getroffen hat, obwohl ich - ich - es wird nicht eher Friede sein, bis einer von uns tot ist. Er oder ich!«
Dr. Kukill sagte:
»Ich glaube, Sie waren schon lange nicht mehr aus - oder irre ich mich?«
»Nein«, sagte Julia.
»Oh - es wird Ihnen sicher gefallen, ich hoffe, der Abend wird hübsch werden ... Kennen Sie den >Bosnischen Keller<?«
»Nein.«
»Er ist nicht groß, aber recht nett«, plauderte Dr. Kukill, während er seinen Wagen durch den spärlichen Verkehr lenkte. »Ich habe dort einen Tisch bestellt, weil ich dachte, daß Sie kaum Lust hätten, in einem großen, feudalen Lokal zu Abend zu essen, wo es vor Uniformen wimmelt. Ist doch recht so, oder?«
Julia nickte.
»Ich kenne den Besitzer des Lokals ziemlich gut. Wir sind sozusagen befreundet - oder das, was man mit dem Besitzer eines Gasthauses eben sein kann. Er scheint über gute Beziehungen zu verfügen - ein Balkanmensch. Bei ihm gibt es sogar das, was es sonst, wo die >hohen Herren< verkehren, nicht mehr gibt. Natürlich nur für seine Freunde. Sie werden sehen, der Mann ist ein Original.« Die Worte flossen leicht plaudernd von seinen Lippen, gerade so laut, daß man sie durch das Geräusch des Motors hören konnte, ohne sich anzustrengen. Hin und wieder sah er zur Seite und lächelte Julia an. In seiner Brille spiegelten sich die spärlichen blauen Lampen der Straßenbeleuchtung.
Julia saß in die Ecke gedrückt und hörte kaum zu. Seine Worte plätscherten an ihren Ohren vorbei, drangen nur halb in ihr Bewußtsein, wie das Gemurmel eines Baches, neben dem man eine lange Zeit sitzt. In den vergangenen Tagen hatte Kukill sie oft angerufen, manchmal zweimal täglich - und sie war immer ans Telefon gelaufen. Aber nicht seinetwegen. Immer, wenn es scharf und durchdringend durch die Wohnung klingelte, dachte sie: Jetzt, jetzt - und hinter diesem Jetzt verbarg sich die Erwartung an etwas, das kommen mußte, das sicher kommen würde, eine Nachricht von Ernst oder von irgend jemandem, der von Ernst kam. Oder noch mehr. Vielleicht meldete er sich selbst. Sie wußte, daß diese Hoffnung unsinnig und vergeblich war. Aber nichts ist so unsinnig und nichts so vergeblich, als daß der Mensch das letzte Fünkchen Hoffnung verlieren könnte.
Sie lebte in ständiger Erwartung. Irgend etwas mußte geschehen, so konnte es nicht weitergehen, ein erlösendes Wort mußte fallen, mußte gesprochen werden, sonst konnte sie diese andauernde Spannung, in der sie lebte, nicht länger ertragen.
Aber niemand außer Kukill hatte angerufen. Es schien, als hätte es die Menschen, die früher, vor Ernsts Verurteilung, in ihrem Hause ein- und ausgingen, nie gegeben. Freunde ... Wenn sie an dieses Wort dachte, dann lief über ihr Gesicht ein kurzes, bitteres Lächeln. Freunde ... und sie dachte daran, wie wahr es ist, daß ein Mensch, der ins Unglück geraten war, oder schlimmer noch: der plötzlich auf der Liste der Feinde des allmächtigen Regimes stand, keine Freunde mehr hat. Sie hatte es bislang nicht glauben wollen, daß es so sein könnte; vielleicht weil sie, genauso wie Ernst, bereit war, zu den Menschen, mit denen sie in Freundschaft verbunden war, unter allen Umständen zu halten. Jetzt aber sah sie, daß ihre gemeinsamen »Freunde« anders dachten. Das erfüllte sie mit Bitterkeit und Trauer.
Dr. Kukill hatte sie lange bestürmt, mit ihm auszugehen. »Sie müssen mal was anderes sehen, gnädige Frau«, hatte er am Telefon immer wieder gesagt. »Sie dürfen nicht immerzu in Ihren vier Wänden bleiben - und Sie dürfen nicht immerzu an Sachen denken, die Sie doch nicht ändern können. Sie gehen dabei zugrunde, glauben Sie mir!«
Schließlich hatte sie eingewilligt. Sicher war Dr. Kukill der letzte, mit dem sie sonst ausgehen würde, »um ihren vier Wänden zu entfliehen«. Aber sie sagte sich, daß sie in diesem Falle ihre Feindschaft und ihre Antipathie beiseite schieben mußte: Er war der Mann, der trotz allem eine Revision des Verfahrens und damit Ernsts Rehabilitierung erreichen konnte. Sonst niemand. Und deswegen durfte sie ihn nicht vor den Kopf stoßen nicht allzusehr. Aber wie weit sollte sie gehen? Seine Nähe war ihr von allem Anfang an widerlich gewesen, er erfüllte sie mit einem Gefühl körperlichen Unbehagens. Allerdings überraschte sie sich dabei, daß sie in der letzten Zeit seine Anrufe fast erwartete. Nicht, daß sich in ihrer Einstellung ihm gegenüber etwas verändert hätte. Im Gegenteil, zu dem Widerwillen gesellte sich auch Furcht, denn sie sah, daß ihr Dr. Kukill keineswegs aus selbstloser Sympathie helfen wollte. Er begehrte sie. Sie war zu sehr Frau, um das nicht zu sehen. Und irgendwann mußte der Augenblick kommen, wo er ihr das sagen würde ...
Vor einem unscheinbaren Haus in einer Seitenstraße zum Kurfürstendamm parkte Dr. Kukill den Wagen. Über die Gehsteige hasteten abgehärmte, farblose, vermummte Gestalten. Berlin nach vier Jahren Krieg. Es schien, als hätte es die lebensfrohe, lichtüberflutete, heitere und leichtsinnige Stadt, wie sie noch kurz vor dem Krieg war, nie gegeben.
Die Garderobiere schien Dr. Kukill zu kennen. Sie war sehr dienstbeflissen und freundlich, eine Eigenschaft, die man zu dieser Zeit immer seltener traf. Und genauso war es mit dem alten Kellner, der sie im ersten trüberleuchteten Raum in Empfang nahm, durch die Hintertür und durch einen langen Gang in den Hinterraum begleitete, der anscheinend nur für die Freunde des Hauses reserviert war.
Der Raum war nicht groß, weich beleuchtet, an den Wänden hingen farbenfrohe Teppiche, die Tische waren klein, meistens für zwei Personen, mit schneeweißen Tischtüchern bedeckt. Und es gab sogar Servietten.
»Zuerst wollen wir etwas für unseren Appetit tun«, sagte Dr. Kukill aufgeräumt und nickte dem Kellner zu, der sie hier bedienen sollte. Der brachte, ohne zu fragen, zwei bauchige Gläser, angefüllt mit goldgelbem Sliwowitz, als wüßte er genau, was Dr. Kukill wünschte.
»Das ist kein Schnaps, gnädige Frau, jedenfalls kein gewöhnlicher Schnaps«, plauderte Kukill, während er sein Glas langsam an seiner Nase vorbeiführte. »Es scheint, daß die Balkanbauern, die den Schnaps brennen, auf irgendeine Art die Sonne und den Geruch nach warmer Erde, Gras und Zwetschgen auffangen und konservieren können. Wie machen sie das wohl?« Sein Gesicht hatte die Strenge und die verkniffene Schärfe verloren. Er war gelöst und schien glücklich. Kein
Wort über Ernst oder über Julias Arbeit, über ihr selbstmörderisches Unterfangen, das Experiment ihres Mannes zu wiederholen und es vielleicht mit einem Selbstversuch abzuschließen, war bisher gefallen. Aber Julia wußte, daß Kukill alles, was in seiner Macht stand, tun würde, um es zu vereiteln. Sie wußte es, und sie dachte daran, daß dieser Mann vor nichts zurückschrecken würde, um das zu erreichen, was er wollte. Sie mußte sich beeilen. Wer weiß, wozu er imstande war. Sie mußte sich beeilen - und sie saß hier, ihm gegenüber und hörte das Geschwätz über Sliwowitz und über die Fähigkeit der Bosnia-ken, die Sonne - und was sagte er noch? - in diesen Schnaps einzufangen.
Sie gab sich Mühe, ihre Ungeduld zu verbergen, aber er merkte es wohl. Insgeheim lächelte er.
Ich habe sie soweit, daß sie hier sitzt und mit mir Schnaps trinkt, dachte er. Ich hab’ sie soweit, daß sie in mir nicht mehr das Untier sieht, das sie noch vor einigen Tagen gesehen hatte. Ich werde sie noch weiter bringen. Ich werde ihr diesen verdammten Deutschmann ausreden. Sie ist schön. Trotzdem sie mager geworden ist, aber vielleicht ist sie deswegen noch schöner weil ihr Gesicht und ihr Lächeln traurig sind. Ich werde ... dachte er, und er sagte:
»Versuchen Sie es zu vergessen - wenigstens für eine kurze Zeit, und glauben Sie nicht, daß ich Ihnen irgend etwas ausreden will, was Sie sich in den Kopf gesetzt haben ...«
»Das versuchen Sie doch schon die ganze Zeit ...«
»Nicht mehr«, erwiderte Dr. Kukill. »Ich will Ihnen nur sagen, daß Sie dann um so besser arbeiten können, wenn Sie das Ganze wenigstens für einige Stunden vergessen. Versuchen Sie abzuschalten. Sie werden stärker dadurch.«
»Vielleicht haben Sie recht, vielleicht sollte ich es wirklich versuchen«, sagte Julia und tat damit genau das, was er wollte.
»So ist es recht, trinken Sie, es wird Ihnen bestimmt gut schmecken. Nachher werden wir essen - ohne Lebensmittelmarken und solchen Unsinn, was wir wollen, und dann - wollen wir dann tanzen gehen?«
»Tanzen? Wieso tanzen, ich dachte .«
»Das gibt es auch noch, obwohl es offiziell verboten ist. Wollen wir?«
»Nein, ich glaube nicht.«
»Auf Ihr Wohl! Vielleicht werden Sie sich’s noch überlegen.«