39714.fb2 Sudseegeschichten - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 3

Sudseegeschichten - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 3

LEB WOHL, JACK

Hawaii ist schon ein merkwürdiges Fleckchen Erde. Die Gesellschaftsordnung scheint mir gewissermaßen aus den Fugen geraten zu sein. Nicht, daß es nicht korrekt zuginge. Fast wird dabei des Guten zuviel getan. Aber dennoch stehen die Dinge irgendwie kopf. Die allerexklusivste Schicht bildet dort der »Missionarsklüngel«. Wenn man erfährt, daß auf Hawaii der unscheinbare, nach Märtyrertum strebende Missionar zuoberst an der Tafel der Geldaristokratie sitzt, ist man zunächst doch ziemlich überrascht. Aber es ist so. Die bescheidenen Neuengländer, die im dritten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts hier landeten, kamen mit dem hehren Vorsatz, die wahre Religion, die Verehrung des einzig echten und nicht zu verleugnenden Gottes zu lehren. Und so viel Erfolg hatten sie damit sowie mit dem Versuch, dem Kanaken die Zivilisation beizubringen, daß er nach der zweiten oder dritten Generation praktisch ausgestorben war. Während ersteres die Frucht der Verkündigung des Evangeliums darstellte, war letzteres die Frucht der Lenden der Missionare (ihrer Söhne und Enkel) und hatte die Besitznahme der Inseln selbst - des Grund und Bodens, der Häfen, der Städte und der Zuckerrohrplantagen - im Gefolge. Der Missionar, der gekommen war, das Brot des Lebens zu bringen, blieb, um sich den ganzen heidnischen Festschmaus einzuverleiben.

Doch das ist nicht das Merkwürdige an Hawaii, auf das ich eingangs anspielte. Man kann nur nicht über hawaiische Angelegenheiten berichten, ohne die Missionare zu erwähnen. So stammt auch Jack Kersdale, der Mann, von dem ich erzählen wollte, von den Missionaren ab. Das heißt, von seiten seiner Großmutter. Sein Großvater war der alte Benjamin Kersdale, ein Yankee-Händler, der in den frühen Tagen den Grundstock für seine erste Million mit dem Verkauf von billigem Whisky und Wacholderschnaps verdiente. Da haben wir noch eine merkwürdige Geschichte. Die alten Missionare und die alten Händler waren Todfeinde, denn ihre Interessen standen ja im Widerspruch zueinander. Ihre Kinder jedoch setzten sich darüber hinweg, heirateten einander und teilten die Inseln unter sich auf.

Das Leben auf Hawaii ist ein Lied. Wie Stoddard es in seinem »Hawaii Noi« ausdrückte:

»Dein Leben ist Musik - o Schicksal mach’ die Noten lang! Eilande werden Verse und das Ganze ein Gesang.«

Und er hatte recht. Fleisch hat dort die Farbe des Goldes. Jede eingeborene Frau eine sonnengereifte Juno, jeder Mann ein bronzegetönter Apoll. Sie singen und tanzen, und alle sind mit Blumen geschmückt und bekränzt. Und die Weißen, die nicht zu dem gestrengen »Missionarsklüngel« gehören, ergeben sich dem Klima und der Sonne und sind, so viel sie auch zu tun haben mögen, stets dazu aufgelegt, zu tanzen, zu singen und sich Blumen hinter das Ohr und ins Haar zu stecken. Jack Kersdale war einer von ihnen. Er hatte wahrhaftig alle Hände voll zu tun. Er war mehrfacher Millionär. Er war Zuckerkönig, Kaffeepflanzer, Pionier bei der Gummigewinnung, Viehzüchter und Förderer von drei Vierteln aller neuen Unternehmen, die auf den Inseln gestartet wurden. Er war auf allen Gesellschaften zu finden, verkehrte in den Clubs, segelte eine Yacht, war Junggeselle und darüber hinaus ein so gutaussehender Mann, daß er von den Müttern heiratsfähiger Töchter entsprechend hofiert wurde. Außerdem hatte er seinen Universitätsabschluß in Yale gemacht, und sein Kopf war mit mehr wichtigen Statistiken und wissenswerten Einzelheiten über Hawaii vollgestopft als der jedes anderen Inselbewohners, den ich kennengelernt habe. Er bewältigte ein ungeheures Arbeitspensum, und doch sang und tanzte er und steckte sich mit der gleichen Begeisterung Blumen ins Haar wie nur irgendeiner von den Müßiggängern.

Er war mutig und hatte bereits zwei Duelle ausgefochten -beide Male aus politischen Gründen -, als er kaum mehr als ein unreifer Jüngling war, der seine ersten Schritte in die Politik wagte. Tatsächlich spielte er bei der letzten Revolution, als das eingeborene Herrscherhaus gestürzt wurde, eine überaus ehrenvolle und tapfere Rolle, und er konnte damals nicht älter als sechzehn gewesen sein. Ich betone ausdrücklich, daß er kein Feigling war, damit man die späteren Ereignisse besser verstehen kann. Ich habe ihn auf der Zureitkoppel der Haleakala-Ranch gesehen, als er einen vierjährigen Wildfang bezwang, der zwei Jahre lang von Tempskys besten Cowboys getrotzt hatte. Und noch etwas muß ich erzählen. Es war unten in Kona - oder vielmehr oben, denn die Leute von Kona haben etwas dagegen, in weniger als dreihundert Metern Höhe zu wohnen. Wir befanden uns alle auf dem Lanai, der Veranda von Doktor Goodhues Bungalow. Ich unterhielt mich gerade mit Dottie Fairchild, als es geschah. Ein großer Tausendfüßler

- er war achtzehn Zentimeter lang, denn wir haben ihn später gemessen - fiel von dem Pergolabalken über uns genau in ihre Frisur. Ich muß gestehen, daß ich von dem scheußlichen Anblick wie gelähmt war. Ich konnte mich nicht rühren. Mein Verstand setzte aus. Dort, keinen Schritt von mir entfernt, ringelte sich das häßliche, giftige Ungeheuer in ihrem Haar. Jeden Augenblick drohte es auf ihre entblößten Schultern zu fallen - wir waren gerade vom Abendessen herausgekommen.

»Was ist da?« fragte sie und wollte sich mit der Hand an den Kopf fassen.

»Nicht!« rief ich. »Nicht!«

»Aber was ist es denn?« wiederholte sie und bekam es langsam mit der Angst zu tun, da sie die Angst in meinen Augen und auf meinen stammelnden Lippen las.

Durch meinen Ausruf wurde Kersdale auf uns aufmerksam. Er warf uns einen flüchtigen Blick zu, mit dem er gleichwohl die ganze Situation erfaßte. Dann schlenderte er zu uns herüber.

»Bitte bewegen Sie sich nicht, Dottie«, sagte er ruhig.

Er zögerte nicht einen Moment, überstürzte aber auch nichts und beging keinen Fehler.

»Erlauben Sie«, sagte er.

Und mit einer Hand ergriff er ihren Schal und zog ihn fest um ihre Schultern, so daß der Tausendfüßler nicht in ihr Mieder fallen konnte. Mit der anderen Hand - der rechten - faßte er in ihr Haar, packte das widerwärtige Scheusal so nah wie möglich hinter dem Kopf und hielt es fest zwischen Daumen und Zeigefinger, als er es aus ihrem Haar entfernte. Es war ein so furchtbarer und heldenhafter Anblick, wie man ihn sich nur wünschen konnte. Mich überlief es kalt. Der Tausendfüßler, achtzehn Zentimeter krabbelnder Beine, wand, drehte und krümmte sich um seine Hand, schlang den Leib um Kersdales Finger, grub die Beine in seine Haut und zerkratzte ihn, als er versuchte, sich zu befreien. Das Tier biß ihn zweimal - ich habe es gesehen -, wenngleich er den Damen versicherte, daß er nicht verletzt sei, als er es auf den Weg fallen ließ und im Kies tottrat. Doch ich sah ihn fünf Minuten später im Sprechzimmer, wo Dr. Goodhue die Wunden aufschnitt und mit Kaliumpermanganat spülte. Am nächsten Morgen war Kersdales Arm so dick wie ein Faß, und es dauerte drei Wochen, ehe die Schwellung zurückging.

All das hat nichts mit meiner Geschichte zu tun, aber ich konnte nicht umhin, es zu erzählen, um zu zeigen, daß Jack Kersdale alles andere als ein Feigling war. Es war der schönste Beweis von Beherztheit, den ich je gesehen habe. Er zuckte nicht mit der Wimper. Das Lächeln wich nicht von seinen Lippen. Und er fuhr mit Daumen und Zeigefinger so unbekümmert in Dottie Fairchilds Haar, als handelte es sich um eine Dose mit gesalzenen Mandeln. Und doch sollte ich es erleben, wie dieser Mann von einer Angst gepackt wurde, die tausendmal schrecklicher war als meine Angst angesichts dieses sich windenden Scheusals in Dottie Fairchilds Frisur, das über ihren Augen und dem Ausschnitt ihres Mieders baumelte.

Ich interessierte mich für Lepra, und wie über jedes andere die Insel betreffende Thema, besaß Kersdale auch hierüber umfassende Kenntnisse. Tatsächlich war die Lepra eines seiner Steckenpferde. Er war ein glühender Verfechter der Kolonie von Molokai, wo alle Aussätzigen der Inseln isoliert wurden. Unter den Eingeborenen gab es viele von Demagogen geschürte und emotionsgeladene Diskussionen über die Grausamkeiten auf Molokai, wo Männer und Frauen nicht nur von Freunden und Familie getrennt waren, sondern in aufgezwungener Isolation bis zu ihrem Tode leben mußten. Es gab keine Begnadigung, keine Revision des Urteils. »Laßt alle Hoffnung fahren«, stand über dem Tor von Molokai geschrieben.

»Ich sage Ihnen, sie sind dort glücklich«, behauptete Kersdale mit Nachdruck. »Und es geht ihnen unendlich viel besser als ihren Freunden und Verwandten anderswo, denen nichts fehlt. Diese Horrorgeschichten über Molokai sind nur dummes Zeug. Ich kann Sie durch ein beliebiges Krankenhaus oder Elendsviertel einer großen Weltstadt führen und Ihnen tausendmal Schlimmeres zeigen. Der lebendige Tod! Die Geschöpfe, die einst Menschen waren! Alles Unsinn! Sie sollten diese lebenden Toten einmal bei ihrem Pferderennen am vierten Juli, dem Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung, sehen. Einige von ihnen haben Boote. Einer besitzt sogar eine motorgetriebene Barkasse. Sie haben nichts anderes zu tun, als sich zu amüsieren. Nahrung, Unterkunft, Kleidung, ärztliche Betreuung, alles wird gestellt. Sie sind die Schutzbefohlenen des Staates. Das Klima ist viel besser als in Honolulu, und die Landschaft ist großartig. Ich selbst hätte nichts dagegen, den Rest meiner Tage dort zu verbringen. Es ist ein herrliches Fleckchen Erde.«

So sprach Kersdale über die fröhlichen Aussätzigen. Er fürchtete sich nicht vor der Lepra. Das waren seine eigenen Worte, und er sagte auch, daß die Chance, diese Krankheit zu bekommen, für ihn oder jeden anderen Weißen nicht einmal eins zu einer Million stünde, wenn er auch später einräumte, daß einer seiner Schulfreunde, Alfred Starter, sich angesteckt habe, nach Molokai geschickt worden und dort gestorben sei.

»Wissen Sie, in alten Zeiten«, erklärte Kersdale, »gab es noch keinen sicheren Lepratest. Irgend etwas Ungewöhnliches oder Abnormes an einem Menschen genügte damals, um ihn nach Molokai zu deportieren. Die Folge war, daß Dutzende von Leuten dorthin gebracht wurden, die ebensowenig vom Aussatz befallen waren wie Sie oder ich. Doch solch ein Irrtum kommt jetzt nicht mehr vor. Die Tests der Gesundheitsbehörde sind unfehlbar. Das Komische daran ist, daß sie damals, als dieser Test erfunden wurde, sofort nach Molokai fuhren und ihn anwandten und dabei eine ganze Reihe von Leuten entdeckten, die keine Lepra hatten. Diese wurden dann sofort von der Insel gebracht. Ob es sie froh stimmte wegzukommen? Beim Verlassen der Kolonie jammerten sie noch schlimmer als an jenem Tag, als sie von Honolulu aus dorthin verfrachtet worden waren. Einige weigerten sich zu gehen und mußten wirklich dazu gezwungen werden. Einer von ihnen heiratete sogar eine Aussätzige im letzten Krankheitsstadium und schrieb dann ergreifende Briefe an die Gesundheitsbehörde, in denen er gegen seine Ausweisung mit der Begründung protestierte, daß niemand so gut wie er für seine arme alte Frau sorgen könne.«

»Was ist das für ein unfehlbarer Test?« fragte ich.

»Der bakteriologische Test. Da kann sich niemand herausmogeln. Doktor Hervey - er ist unser Experte, müssen Sie wissen - hat ihn hier als erster angewandt. Er ist ein wahrer Zauberkünstler. Er weiß mehr über Lepra als jeder andere Sterbliche, und falls man je ein Heilmittel dafür finden sollte, dann wird er der Entdecker sein. Der Test selbst ist ganz einfach. Es ist ihnen gelungen, den Leprabazillus zu isolieren und genau zu untersuchen. Jetzt erkennen sie ihn, sobald sie ihn sehen. Sie brauchen nichts weiter zu tun, als dem Verdächtigen ein Stückchen Haut abzuschnipseln und es dem bakteriologischen Test zu unterziehen. Ein Mensch ohne irgendwelche sichtbare Symptome kann voll von Leprabazillen sein.«

»Dann ist es also möglich, daß es in uns jetzt davon wimmelt, ohne daß wir die leiseste Ahnung haben?« meinte ich.

Kersdale zuckte mit den Achseln und lachte.

»Wer weiß das schon? Die Inkubationszeit beträgt sieben Jahre. Wenn Sie irgendwelche Zweifel haben, dann gehen Sie zu Doktor Hervey. Er wird Ihnen ein Stückchen Haut abschnipseln und sofort Bescheid geben.«

Später machte er mich mit Dr. Hervey bekannt, der mich mit Berichten der Gesundheitsbehörde und Broschüren zu diesem Thema überhäufte und mich mit nach Kalihi, der Aufnahmestation von Honolulu, hinausnahm, wo die Verdächtigen untersucht und erwiesenermaßen Leprakranke bis zur Überführung nach Molokai festgehalten werden. Diese Deportationen fanden etwa einmal im Monat statt. Die Aussätzigen wurden dann nach den letzten Abschiedsgrüßen an Bord eines kleinen Dampfers, der Noeau, gebracht und in die Kolonie abtransportiert.

Eines Nachmittags, ich saß gerade im Klub und schrieb Briefe, kam Jack Kersdale herein.

»Sie habe ich gesucht«, war seine Begrüßung. »Ich werde Ihnen den traurigsten Aspekt der ganzen Geschichte zeigen -das Wehklagen der Leprakranken, wenn sie nach Molokai abfahren. Die Noeau wird sie in ein paar Minuten an Bord nehmen. Aber ich warne Sie, lassen Sie sich nicht von Ihren Gefühlen überwältigen. So echt ihr Kummer auch sein mag, so würden sie doch in einem Jahr noch viel schlimmer jammern, falls die Gesundheitsbehörde versuchen sollte, sie wieder von Molokai fortzubringen. Wir haben gerade noch Zeit für einen Whisky-Soda. Ich habe eine Kutsche draußen. Wir sind in weniger als fünf Minuten am Kai unten.«

Wir fuhren also zum Kai. Etwa vierzig unglückselige Geschöpfe hockten mit ihren Matten, Decken und den verschiedensten Gepäckstücken auf der Landungsbrücke. Die Noeau war gerade angekommen und machte an einem Leichter fest, der zwischen ihr und dem Kai lag. Ein gewisser Mr. McVeigh, der Vorsteher der Kolonie, beaufsichtigte das Einschiffen, und ihm wurde ich vorgestellt, wie auch Dr. Georges, einem der Ärzte der Gesundheitsbehörde, dem ich bereits in Kalihi begegnet war. Die Aussätzigen waren eine traurige Schar. Die Gesichter der meisten sahen grauenvoll aus

- zu schrecklich, um sie zu beschreiben. Aber hier und da bemerkte ich recht gut aussehende Menschen ohne sichtbare Anzeichen der grausamen Krankheit. Ein kleines weißes Mädchen fiel mir auf, nicht älter als zwölf, mit blauen Augen und goldblondem Haar. Auf einer Wange jedoch war die typische Leprabeule zu sehen. Auf meine Bemerkung hin, wie traurig und fremd sie sich unter den braunhäutigen Kranken fühlen mußte, antwortete Dr. Georges: »Ach, ich denke nicht.

Es ist ein glücklicher Tag in ihrem Leben. Sie kommt aus Kauai. Ihr Vater ist ein Scheusal. Und jetzt, wo die Krankheit bei ihr zum Ausbruch gekommen ist, soll sie zu ihrer Mutter in die Kolonie fahren. Ihre Mutter wurde vor drei Jahren dorthin geschickt - ein sehr schlimmer Fall.«

»Man kann nicht immer nach dem Äußeren gehen«, erklärte Mr. McVeigh. »Dieser Mann dort, dieser große Kerl, der so blühend aussieht, als fehlte ihm nicht das geringste, von dem weiß ich zufällig, daß er ein offenes Geschwür am Fuß und am Schulterblatt hat. Und da sind noch andere - dort, sehen Sie die Hand des Mädchens, das eine Zigarette raucht. Sehen Sie ihre verkrümmten Finger. Das ist die mit Schmerzunempfindlichkeit einhergehende Krankheitsform. Sie befällt die Nerven. Man könnte ihr die Finger mit einem stumpfen Messer abschneiden oder auf einer Muskatreibe abhobeln, und sie würde überhaupt nichts dabei spüren.«

»Ja, aber die schöne Frau dort«, fuhr ich fort; »ihr kann doch unmöglich etwas fehlen. Sie sieht einfach zu wundervoll und blendend aus.«

»Ein trauriger Fall«, erwiderte Mr. McVeigh über die Schulter hinweg, da er sich bereits abgewandt hatte, um mit Kersdale den Kai hinunterzugehen.

Sie war eine schöne Frau und eine reinblütige Polynesierin. Nach meiner dürftigen Kenntnis dieser Rasse und ihrer Typen mußte ich zu dem Schluß kommen, daß sie von einem alten Häuptlingsgeschlecht abstammte. Sie konnte nicht älter als drei- oder vierundzwanzig sein. Ihre Gestalt und ihre Proportionen waren prachtvoll, und sie begann eben erst die üppigen Formen der Frauen ihrer Rasse auszubilden.

»Es war für uns alle ein Schlag«, erzählte Dr. Georges. »Sie meldete sich noch dazu freiwillig. Niemand hatte eine Ahnung. Aber irgendwie hat es sie erwischt. Wir waren alle sehr betroffen, das versichere ich Ihnen. Wir haben jedoch dafür gesorgt, daß es nicht in die Presse kommt. Niemand außer uns und ihrer Familie weiß, was aus ihr geworden ist. Ja, wenn Sie irgend jemanden in Honolulu nach ihr fragen würden, so würde er Ihnen antworten, sie sei zur Zeit wohl in Europa. Sie hat darum gebeten, daß wir nichts darüber verlauten ließen. Armes Mädchen, sie besitzt soviel Stolz.«

»Aber wer ist sie?« wollte ich wissen. »So wie Sie von ihr sprechen, muß sie zweifellos eine bekannte Persönlichkeit sein.«

»Haben Sie je von Lucy Mokunui gehört?« fragte er.

»Lucy Mokunui?« wiederholte ich, und irgendwie kam mir der Name bekannt vor. Ich schüttelte den Kopf. »Wenn mir der Name schon begegnet ist, dann muß er mir wieder entfallen sein.«

»Nie von Lucy Mokunui gehört! Der hawaiischen Nachtigall! Ach ja, verzeihen Sie. Sie sind ja ein Malahini, und man kann von Ihnen nicht erwarten, daß Sie sie kennen. Also, Lucy Mokunui war der Liebling von Honolulu - von ganz Hawaii eigentlich.«

»Sie sagen, war«, unterbrach ich ihn.

»Und das meine ich auch. Es ist vorbei mit ihr.« Er zuckte mitleidig die Achseln. »Ein Dutzend Haoles - Verzeihung, Weiße - haben irgendwann einmal ihr Herz an sie verloren. Und ich zähle dabei nicht die große Masse. Das Dutzend Männer, das ich meine, waren Haoles von Rang und Namen.

Sie hätte den Sohn des Oberrichters heiraten können, wenn sie gewollt hätte. Sie finden sie schön, nicht wahr? Aber Sie sollten sie erst singen hören. Die wundervollste eingeborene Sängerin auf ganz Hawaii. Ihre Kehle ist pures Silber und eingeschmolzener Sonnenschein. Wir beteten sie an. Sie machte ihre erste Tournee durch Amerika mit der Royal Hawaiian Band. Danach hat sie allein noch zwei Rundreisen gemacht und Konzerte gegeben.«

»Ah!« rief ich aus. »Jetzt erinnere ich mich. Ich habe sie vor zwei Jahren im Konzertsaal des Bostoner Symphonieorchesters gehört. Das ist sie also. Jetzt erkenne ich sie.«

Eine tiefe Traurigkeit lastete plötzlich auf mir. Das Leben war etwas so Nichtiges, bestenfalls. Zwei kurze Jahre nur, und dieses herrliche Geschöpf, auf dem Gipfel ihres wunderbaren Erfolges, gehörte jetzt zu der Schar der Aussätzigen, die auf ihre Deportation nach Molokai warteten. Die Verse Henleys kamen mir in den Sinn:

»Der arme alte Vagabund rechtfertigt seine armen alten Schwären. Das Leben, mein ich, ist nur Schmach und Pfuscherei.«

Mich schauderte vor meiner eigenen Zukunft. Wenn dieses furchtbare Schicksal Lucy Mokunui traf, was würde dann mein Los sein - oder das der anderen? Mir war sehr wohl bewußt, daß wir mitten im Leben vom Tod umfangen sind. Aber vom lebendigen Tod umfangen zu sein, zu sterben und doch nicht tot, eines von diesen Geschöpfen zu sein, die einst Männer, ja, und Frauen waren wie Lucy Mokunui, der Inbegriff aller Reize Polynesiens und obendrein eine Künstlerin und von der Männerwelt angebetet - ich fürchte, ich muß meine Bestürzung verraten haben, denn Doktor Georges beeilte sich, mir zu versichern, daß sie in der Kolonie alle sehr zufrieden seien.

Es war alles zu unbegreiflich, zu schrecklich. Ich konnte ihren Anblick nicht ertragen. Nicht weit entfernt, hinter einem von einem Polizisten bewachten Seil standen die Verwandten und Freunde der Leprakranken. Sie durften nicht näher herankommen. Es gab keine letzten Umarmungen, keine Abschiedsküsse. Sie konnten sich nur noch etwas zurufen -letzte Botschaften, letzte Liebesworte, letzte wiederholte Anweisungen. Und die hinter dem Seil blickten mit angestrengter, schrecklicher Unverwandtheit hinüber. Zum letzten Mal würden sie die Gesichter ihrer Lieben sehen, denn sie waren lebende Tote, die auf dem Begräbnisschiff zum Friedhof Molokai geschafft wurden.

Doktor Georges gab den Befehl, und die unglücklichen Geschöpfe kamen mühsam auf die Beine und wankten langsam unter der Last ihres Gepäcks zu dem Leichter und an Bord des Dampfers. Es war ein Leichenzug. Auf einmal fing das Wehklagen hinter dem Seil an. Es ließ einem das Blut in den Adern gerinnen, es war herzzerreißend. Nie zuvor hatte ich solches Klagen vernommen, und ich hoffe, nie wieder so etwas zu hören. Kersdale und McVeigh standen noch am anderen Ende des Piers und waren in ein ernstes Gespräch vertieft -über Politik natürlich, denn beide waren mit Herz und Seele dabei. Als Lucy Mokunui an mir vorbeiging, betrachtete ich sie verstohlen. Sie war wirklich schön. Auch nach unserem Maßstab war sie schön - eine dieser seltenen Blumen, wie sie nur einmal in vielen Generationen erblühen. Und von allen Frauen war gerade sie dazu verurteilt, nach Molokai zu gehen. Wie eine Königin schritt sie über den Leichter geradewegs an Bord und nach achtern auf das offene Deck, wo sich die Aussätzigen an der Reling drängten und jetzt ihren Lieben am Ufer zujammerten.

Die Leinen wurden losgeworfen, und die Noeau entfernte sich langsam vom Pier. Das Wehklagen wurde stärker. Welcher Kummer, welche Verzweiflung! Ich hatte gerade beschlossen, nie wieder der Abfahrt der Noeau beizuwohnen, als McVeigh und Kersdale zurückkehrten. Kersdales Augen sprühten, und seine Lippen konnten ein erfreutes Lächeln nicht ganz unterdrücken. Offenbar war ihre politische Unterredung ganz zu seiner Zufriedenheit verlaufen. Das Absperrungsseil war nun gelöst worden, und die wehklagenden Verwandten drängten sich jetzt rechts und links von uns auf der Landungsbrücke.

»Das ist ihre Mutter«, flüsterte Doktor Georges und deutete auf eine alte Frau neben mir, die hin- und herschwankte und mit tränenblinden Augen auf die Reling des Dampfers starrte. Ich bemerkte, daß Lucy Mokunui ebenfalls weinte. Plötzlich hörte sie auf und blickte zu Kersdale herüber. Dann streckte sie mit dieser anbetungswürdigen, sinnlichen Geste, mit der Olga Nethersole ihr Publikum gleichsam umfängt, die Hände aus. Und mit ausgebreiteten Armen rief sie:

»Leb wohl, Jack! Leb wohl!«

Er hörte den Ruf und sah zu ihr hin. Nie wurde ein Mensch von so vernichtender Furcht übermannt. Er taumelte auf dem Steg, sein Gesicht wurde weiß bis zu den Haarwurzeln, und er schien einzuschrumpfen und in seinen Kleidern zusammenzufallen. Er warf die Hände empor und stöhnte: »Mein Gott! Mein Gott!« Dann bekam er sich mit großer Anstrengung wieder in die Gewalt.

»Leb wohl, Lucy! Leb wohl!« rief er.

Und er blieb auf dem Kai stehen und winkte ihr mit beiden Händen zu, bis die Noeau schon weit fort war und die an der Achterreling aufgereihten Gesichter verschwammen und ihre Konturen verloren.

»Ich dachte, Sie wüßten es«, sagte McVeigh, der ihn neugierig beobachtet hatte. »Gerade Sie hätten es doch wissen müssen. Ich dachte, daß Sie deshalb hier wären.«

»Jetzt weiß ich es«, entgegnete Kersdale mit ungeheurem Ernst. »Wo ist der Wagen?«

Schnell ging er - rannte beinahe - zu ihm hin. Ich mußte selbst fast laufen, um mit ihm Schritt zu halten.

»Fahr zu Doktor Hervey«, befahl er dem Kutscher. »Fahr so schnell du kannst.«

Keuchend und nach Luft ringend ließ er sich in den Sitz fallen. Sein Gesicht war noch bleicher geworden. Er hatte die Lippen zusammengepreßt, und der Schweiß stand ihm auf Stirn und Oberlippe. Er schien von einer entsetzlichen Todesangst gepackt.

»Um Gottes willen, Martin, laß die Pferde laufen!« brach es plötzlich aus ihm heraus. »Gib ihnen die Peitsche! - Hörst du? - Gib ihnen die Peitsche!«

»Sie werden durchgehen, Sir«, wandte der Kutscher ein. »Und wenn schon«, erwiderte Kersdale. »Ich werde deine Geldbuße zahlen und die Sache mit der Polizei regeln. Gib’s ihnen. So ist es recht. Schneller! Schneller!«

»Und ich habe nichts gewußt, nichts gewußt«, murmelte er, als er auf den Sitz zurücksank und sich mit zitternden Händen den Schweiß abwischte.

Die Kutsche schüttelte uns durch, schwankte und bog in so rasendem Tempo um die Ecken, daß eine Unterhaltung unmöglich war. Und es gab ja auch nichts zu sagen. Aber immer wieder hörte ich ihn murmeln: »Und ich habe nichts gewußt, ich habe nichts gewußt.«