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Als sie ihm sein Essen brachte, tönte die Nationalhymne aus dem Radio.
»Ich habe sabzi gemacht«, sagte sie.
»Stell den Teller ab und sei ruhig.«
Nach der Hymne meldete sich die Stimme eines Mannes, der sich als Generalleutnant Abdul Kadir vorstellte. Er berichtete, dass die Vierte Panzerdivision seit dem Vormittag den Flughafen und strategische Schlüsselpositionen in der Stadt besetzt halte. Eingenommen seien auch Radio Kabul, die Ministerien für Kommunikation und Inneres sowie das Außenministerium. Kabul, so verkündete er stolz, befinde sich nun in der Hand des Volkes.
MIG-Kampfjets hätten den Präsidentenpalast angegriffen; Panzer waren vorgerückt. Aufständische und Daouds Truppen lieferten sich dort noch heftige Gefechte. Überall sonst sei aber die Lage unter Kontrolle, beruhigte Abdul Kadir.
Tage später, als die Kommunisten damit anfingen, Anhänger des Regimes von Daoud Khan im Schnellverfahren hinzurichten und Gerüchte von grausamen Folterungen im Kabuler Pol-e-Charkhi-Gefängnis die Runde machten, hörte auch Mariam von dem Gemetzel, das vor dem königlichen Palast stattgefunden hatte. Daoud Khan war tatsächlich getötet worden, aber zuerst hatten an die zwanzig Mitglieder seiner Familie einschließlich der Frauen und Enkelkinder dran glauben müssen. Manche behaupteten, er habe sich selbst das Leben genommen, andere wollten bezeugen können, dass er in der Schlacht gefallen sei, und wiederum andere beteuerten, man habe ihn gezwungen, das Massaker an seiner Familie mit anzusehen, und ihn danach erschossen.
Raschid drehte die Lautstärke seines Radios auf und rückte näher an den Apparat.
»Die Streitkräfte haben einen Revolutionsrat ins Leben gerufen. Unser watan trägt von nun an den Namen Demokratische Republik Afghanistan«, sagte Abdul Kadir. »Mit der Aristokratie, Vetternwirtschaft und Ungleichheit ist es ein für alle Mal vorbei, Genossen hamwatans. Wir haben Jahrzehnte der Tyrannei an den Wurzeln ausgerissen. Die Macht liegt nun in den Händen friedliebender Menschen. Eine ruhmreiche neue Ära hat für unser Land begonnen. Afghanistan wurde neu geboren. Wir versichern euch, dass ihr nichts zu befürchten habt, Genossen, Afghanen. Die neue Regierung wird den Grundsätzen des Islam und der Demokratie äußersten Respekt entgegenbringen. Wir haben allen Grund zur Freude und zum Feiern.«
Raschid schaltete das Radio aus.
»Ist das jetzt gut oder schlecht?«, fragte Mariam.
»Schlecht für die Reichen, wie es scheint«, antwortete Raschid. »Für unsereins vielleicht nicht ganz so schlecht.«
Mariam dachte an Jalil. Sie fragte sich, ob die Kommunisten ihm nachstellen, ihn und seine Söhne womöglich ins Gefängnis sperren und seine Geschäfte, all seinen Besitz beschlagnahmen würden.
»Ist der auch warm genug?«, sagte Raschid mit Blick auf den Reis.
»War soeben noch im Topf.«
Er brummte vor sich hin und forderte sie auf, ihm den Teller zu reichen.
Während in der Nacht rote und gelbe Blitze am Horizont aufleuchteten, lag Fariba erschöpft, mit verklebtem Haar und schweißnassem Gesicht auf ihrem Bett, den Oberkörper, leicht angehoben, auf die Ellbogen gestützt. Wajma, eine ältliche Hebamme, stand daneben und zeigte Faribas Mann und den beiden Söhnen das Neugeborene. Sie bestaunten das helle Haar des kleinen Mädchens, die rosigen Wangen, die winzigen Lippen und jadegrünen Augen, die sich hinter dem Schlitz der geschwollenen Lider hin und her bewegten. Sie lächelten, als sie sein Stimmchen zum ersten Mal hörten; es erschien zuerst wie das Mauzen eines Kätzchens, schwoll dann aber zu einem gesunden kehligen Schrei an. Noor verglich die Augen mit Edelsteinen. Ahmad, der Frömmste der Familie, sang seiner kleinen Schwester den athan ins Ohr und blies ihr dreimal ins Gesicht.
»Also nennen wir sie Laila, oder?«, fragte Hakim, seine Tochter wiegend.
»Laila«, sagte Fariba mit mattem Lächeln. »Nachtschönheit. Das passt.«
Raschid langte mit den Fingern in den Reis, formte ihn zu einem kleinen Kloß und führte die Hand zum Mund. Kaum hatte er davon probiert, verzog er das Gesicht und spuckte aus.
»Was ist?«, fragte Mariam mit ängstlicher Stimme, worüber sie sich selbst ärgerte. Sie spürte, wie sich ihr Puls beschleunigte und sich die Nackenhaare aufrichteten.
»Was ist?«, äffte er sie nach. »Der Reis ist wieder mal nicht durch, das ist.«
»Aber ich habe ihn fünf Minuten länger kochen lassen als sonst.«
»Lüge.«
»Ich schwöre…«
Er schüttelte die Reiskörner von den Fingern und schob den Teller so wütend von sich, dass die Hälfte von Reis und Sauce auf die sofrah schwappte. Dann stürmte er aus dem Wohnzimmer, verließ das Haus und schlug die Tür hinter sich zu.
Mariam ging in die Knie und machte sich daran, das verschüttete Essen auf den Teller zurückzuschieben, musste aber innehalten, weil ihre Hände zu sehr zitterten. Der Schrecken war ihr in die Glieder gefahren. Sie versuchte, tief durchzuatmen. Zufällig fiel ihr Blick auf ihr bleiches Spiegelbild in der Fensterscheibe. Sie schaute weg.
Wenig später ging die Haustür wieder auf. Raschid kehrte ins Wohnzimmer zurück.
»Steh auf«, zischte er. »Steh auf und komm her.«
Er zerrte sie in die Höhe und drückte ihr Kieselsteine in die Hand.
»Steck sie in den Mund.«
»Was?«
»Steck. Sie. In den Mund.«
»Lass gut sein, Raschid, ich…«
Um sie zu zwingen, den Mund zu öffnen, quetschte er ihr mit seiner Pranke die Kieferknochen. Mariam wehrte sich, kam aber nicht gegen ihn an und musste geschehen lassen, dass er ihr einen Kieselstein nach dem anderen in den Mund stopfte.
»Und jetzt kau«, verlangte er, die Oberlippe höhnisch verzerrt.
Die Zunge voller Sand und Steine, flehte sie ihn brabbelnd an. Tränen traten ihr in die Augen.
»KAU!«, brüllte er und stieß ihr einen Nikotinschwall ins Gesicht.
Mariam kaute. Im hinteren Teil des Mundes knackte etwas.
»Gut«, sagte Raschid. Seine Wangen bebten. »Jetzt weißt du, wie dein Reis schmeckt. Jetzt weißt du, was du mir als Ehefrau bietest. Ungenießbares Essen und sonst nichts.«
Dann war er wieder verschwunden. Mariam blieb zurück und spuckte Steine, Blut und die Trümmer zweier Backenzähne aus.
Kabul, Frühjahr 1987
Laila, inzwischen neun Jahre alt, konnte es schon morgens nach dem Aufstehen kaum erwarten, ihren Freund Tarik zu sehen. Heute aber würde sie, wie sie wusste, nicht mit ihm zusammen sein können.
»Wie lange wirst du wegbleiben?«, hatte sie ihn gefragt, nachdem er ihr erzählt hatte, dass er mit seinen Eltern nach Ghazni in den Süden fahren werde, um den Onkel väterlicherseits zu besuchen.
»Dreizehn Tage.«
»Dreizehn Tage?«
»Die sind schnell rum. Kein Grund, so ein Gesicht zu machen.«
»Was mach ich denn für ein Gesicht?«
»Du wirst doch nicht etwa heulen?«
»Quatsch. Wegen dir schon gar nicht. Nicht in tausend Jahren.«