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Laila stieß den Ellbogen von sich. Bei jedem anderen, der sich über Tarik lustig gemacht hätte, wäre Laila in Harnisch geraten. Aber sie wusste, dass Hasina es nicht böse meinte. Sie hatte einfach nur ein loses Mundwerk und verschonte niemanden, am wenigsten sich selbst.
»So redet man nicht über andere«, sagte Giti.
»Andere? Wen meinst du damit?«
»Zum Beispiel Kriegsversehrte«, antwortete Giti mit ernster Miene und ging damit der Klassenkameradin auf den Leim.
»Mir scheint, Mullah Giti hat sich in Tarik verguckt. Hab ich’s doch geahnt. Ha! Aber er ist schon vergeben. Hab ich nicht recht, Laila?«
»Ich hab mich nicht verguckt«, entgegnete Giti. »In niemanden.« Die beiden entfernten sich von Laila und gingen streitend weiter.
Laila legte den Rest des Weges allein zurück. Als sie in ihre Straße einbog, bemerkte sie, dass der blaue Benz immer noch vor dem Haus von Raschid und Mariam parkte. Der ältere Mann im braunen Anzug stand jetzt, auf einen Stock gestützt, neben der Motorhaube und schaute auf das Haus.
Plötzlich hörte Laila eine Stimme hinter sich rufen: »He, Gelbhaar. Sieh mal her.«
Laila drehte sich um und blickte in die Mündung einer Pistole.
Die Pistole war rot und hatte einen grünen Abzugbügel. Der Finger am Abzug gehörte Khadim, einem dicken elfjährigen Jungen mit vorstehendem Unterkiefer. Er, der Sohn eines Metzgers, war in Deh-Mazang berüchtigt dafür, Passanten mit den Innereien von Kälbern zu bewerfen. Wenn Tarik nicht in der Nähe war, stellte Khadim Laila in den Pausen auf dem Schulhof nach, belästigte sie mit Anzüglichkeiten und gab wiehernde Geräusche von sich. Einmal hatte er ihr auf die Schulter getippt und gesagt: »Du bist so hübsch, Gelbhaar. Ich will dich heiraten.«
Jetzt winkte er mit der Pistole. »Keine Bange«, sagte er. »Was da rauskommt, sieht man nicht. Nicht auf deinen Haaren.«
»Untersteh dich! Ich warne dich.«
»Womit willst du mir drohen?«, fragte er. »Wirst du mir deinen Krüppel auf den Hals hetzen? ›Oh, Tarik jan, komm bitte nach Hause und erlöse mich von diesem badmash.‹«
Laila wich zurück, doch Khadim pumpte schon am Abzug der Pistole. Dünne Strahlen warmen Wassers trafen Lailas Haar und dann die Hände, als sie damit ihr Gesicht zu schützen versuchte.
Andere Jungen, die sich bislang versteckt gehalten hatten, kamen jetzt herbeigerannt und feixten.
Irgendwann war Laila einmal auf der Straße eine Beleidigung zu Ohren gekommen, die sie nicht so recht verstand, aber offenbar eine derart drastische Wucht hatte, dass sie ihr nun durchaus angemessen zu sein schien.
»Deine Mutter ist eine Schwanzlutscherin.«
»Immerhin ist sie nicht so bekloppt wie deine«, entgegnete Khadim ungerührt. »Und immerhin ist mein Vater keine Memme. Übrigens, willst du nicht mal an deinen Händen riechen?«
Die anderen Jungen johlten: »Riech mal, riech mal!«
Unwillkürlich führte Laila ihre Hände an die Nase, doch bevor sie daran roch, wurde ihr schlagartig klar, was Khadim damit gemeint hatte, dass man das Wasser nicht auf ihren Haaren sah. Sie stieß einen schrillen Schrei aus, was die Jungen zu noch lauterem Gejohle anstachelte.
Laila drehte sich um und rannte kreischend nach Hause.
In hektischer Eile schöpfte sie Wasser aus dem Brunnen, füllte damit eine Schüssel und zerrte sich das Hemd über den Kopf. Sie seifte sich die Haare ein und scheuerte, vor Abscheu wimmernd, die Kopfhaut mit den Fingerspitzen. Mehrmals hintereinander spülte sie die Haare und seifte sie wieder ein. Immer wieder drohte sich ihr der Magen umzustülpen. Heulend und zitternd schrubbte sie mit einem Waschlappen Gesicht und Hals, bis sich die Haut rötete.
Das wäre ihr nie passiert, wenn sie Tarik bei sich gehabt hätte, dachte sie, als sie sich frische Sachen anzog. Khadim hätte es nie gewagt. Natürlich wäre es auch nicht dazu gekommen, wenn Mami sie, wie versprochen, abgeholt hätte. Manchmal fragte sich Laila, warum ihre Mutter überhaupt zugelassen hatte, mit ihr noch einmal schwanger zu werden. Eltern, so fand sie, sollte kein weiteres Kind erlaubt sein, wenn alle Liebe, die sie geben konnten, bereits aufgebraucht war. Voller Wut stürmte Laila in ihr Zimmer und ließ sich aufs Bett fallen.
Als sie sich halbwegs beruhigt hatte, stand sie auf und klopfte an die Tür ihrer Mutter. Vor dieser Tür hatte sie früher manchmal stundenlang gehockt, ein ums andere Mal zaghaft angeklopft und den Namen ihrer Mutter geflüstert, immer wieder, wie eine Zauberformel, mit der sie einen Bann zu brechen versuchte: »Mami, Mami, Mami, Mami…« Doch Mami hatte die Tür nie geöffnet. So auch jetzt nicht. Laila drehte den Knauf und trat ein.
Mami hatte manchmal auch gute Tage. Dann war sie schon morgens nach dem Aufstehen voller Elan, und die schwere Unterlippe kräuselte sich zu einem Lächeln. Dann nahm sie ein Bad, zog frische Kleider an und tuschte ihre Wimpern. Sie ließ sich von Laila Ohrringe anstecken und die Haare bürsten, was Laila besonders gern tat. Gemeinsam gingen sie dann zum Einkauf in den Mandaii-Basar. Laila brachte sie dazu, mit ihr das Leiterspiel zu spielen, und sie aßen Schokoladenspäne, eine der wenigen Naschereien, für die beide ein Faible hatten. Der für Laila schönste Moment an Mamis guten Tagen war, wenn Babi nach Hause kam, Mami vom Spielbrett aufblickte und lächelnd ihre braunen Zähne zeigte. Dann durchströmte Laila ein unvergleichliches Hochgefühl, denn es vermittelte sich ihr eine Ahnung von jener zärtlichen Romanze, die ihre Eltern früher einmal, als dieses Haus noch voller Leben und Heiterkeit war, miteinander verbunden hatte.
An ihren guten Tagen backte Mami manchmal Kuchen und lud Nachbarinnen zu einer Tasse Tee ein. Laila schleckte die Teigschüssel aus, während Mami den Tisch mit Servietten und dem Geschirr für besondere Anlässe deckte. Wenn dann die Gäste gekommen waren, durfte Laila mit am Tisch Platz nehmen und den Gesprächen der Frauen zuhören, und es machte sie selbst stolz, wenn die Backkunst ihrer Mutter von allen gelobt wurde. Sie hatte in solchen Runden zwar selbst nicht viel zu sagen, genoss es aber, dabei zu sein, vor allem deshalb, weil ihr ein seltenes Vergnügen zuteil wurde: Sie hörte dann Mami mit liebevollen Worten von Babi sprechen.
»Er war ein vorzüglicher Lehrer«, sagte sie. »Seine Schüler haben ihn verehrt. Und das nicht nur, weil er sie im Unterschied zu den anderen Lehrern nie geschlagen hat. Sie haben ihn geachtet, weil er sie geachtet hat. Er war großartig.«
Besonders gern erzählte Mami die Geschichte ihrer Verlobung.
»Ich war sechzehn, er neunzehn. Unsere Familien lebten im Pandschir Tür an Tür. Oh, was war ich vernarrt in ihn, hamshiras! Ich bin fast jeden Tag über die Mauer zwischen unseren Häusern gestiegen, um dann mit ihm im Obstgarten seines Vaters zu spielen. Hakim hatte immer Angst, von meinem Vater Prügel zu beziehen. ›Der wird mir noch den Hosenboden versohlen‹, hat er immer gesagt. Er war ständig auf der Hut und sehr ernst. Und eines Tages habe ich dann zu ihm gesagt: ›Cousin‹, sagte ich, ›wie steht’s? Wirst du um meine Hand anhalten, oder soll ich der khastegari sein, der um dich wirbt?‹ Im Ernst, das habe ich gesagt. Ihr hättet sein Gesicht sehen sollen.«
Mami klatschte vergnügt in die Hände, wenn dann die Frauen und auch Laila lachten.
Solche Geschichten belegten, dass es eine Zeit gegeben haben musste, in der die Eltern glücklich gewesen waren und noch nicht in getrennten Zimmern geschlafen hatten. Laila wünschte, sie hätte diese Zeit miterlebt.
Die Frauen am Tisch kamen unweigerlich auch darauf zu sprechen, welcher junge Mann und welche junge Frau ein gutes Paar abgäben. Wenn Afghanistan von den Sowjets befreit wäre und die Söhne nach Hause zurückkämen, würden sie wohl heiraten wollen, und so überlegten die Frauen, welche Mädchen aus der Nachbarschaft Ahmad und Noor gefallen könnten. Wenn von ihren Brüdern die Rede war, fühlte sich Laila immer ausgeschlossen, und ihr war, als würde man sich über einen besonders schönen Film unterhalten, den sie nicht gesehen hatte. Sie war zwei Jahre alt gewesen, als Ahmad und Noor ins Pandschir-Tal gezogen waren, um sich den Streitkräften Ahmad Schah Massouds anzuschließen und im Dschihad zu kämpfen. Laila hatte kaum eine Erinnerung mehr an sie. Ein glänzender Allah-Anhänger an Ahmads Halskette und ein Büschel schwarzer Haare auf einem von Noors Ohren. Das war alles.
»Wie war’s mit Azita?«
»Die Tochter des Teppichwebers?«, fragte Mami und gab sich in gespielter Empörung einen Klaps auf die Wange. »Die hat doch einen noch dichteren Schnurrbart als Hakim.«
»Oder vielleicht Anahita. Es heißt, sie sei die Klassenbeste in Zarghoona.«
»Habt ihr mal ihre Zähne gesehen? Regelrechte Grabsteine. Sie hält einen Friedhof hinter ihren Lippen versteckt.«
»Dann wären da die Wahidi-Schwestern.«
»Diese beiden Zwerge? Nein, nein, nein. Die kommen für meine Söhne nicht in Betracht. Nicht für meine Sultane. Die verdienen Besseres.«
Während die Frauen miteinander schwatzten, hing Laila eigenen Gedanken nach, die letztlich immer zu Tarik wanderten.
Mami hatte die gelblichen Vorhänge zugezogen. In dem verdunkelten Zimmer roch es nach Schlaf, ungewaschenen Laken, Schweiß, schmutzigen Socken, Parfüm und dem qurma vom Vorabend. Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, durchquerte sie den Raum. Ihre Füße verhedderten sich in den Kleidern, die auf dem Boden verstreut lagen.
Laila zog die Vorhänge auf. Vor dem Fußende des Bettes stand ein alter metallener Klappstuhl. Sie nahm darauf Platz und beobachtete den Wulst unter den Decken.
Die Wände ringsum waren voller Fotos von Ahmad und Noor. Laila sah sich von lächelnden Fremden umgeben. Hier hockte Noor auf einem Dreirad, dort kauerte Ahmad betend neben einer Sonnenuhr, die er im Alter von zwölf Jahren mit Babis Hilfe gebaut hatte, und an anderer Stelle saßen die Brüder Rücken an Rücken unter dem alten Birnbaum im Hof.
Unter dem Bett erkannte Laila eine Ecke von Ahmads Schuhkarton, in dem er, wie sie wusste, alte Zeitungsausschnitte und Flugblätter von Aufständischen und Widerstandsgruppen aufbewahrte, die in Pakistan ihren Stützpunkt hatten. Laila erinnerte sich, dass darin auch das Zeitungsfoto eines Mannes lag, der ein langes weißes Gewand trug und einem kleinen Jungen ohne Beine einen Dauerlutscher schenkte. Die Bildunterschrift lautete: Sowjetische Landminen zielen auf Kinder. In dem Artikel dazu hieß es, dass die Sowjets auch bunte Spielzeuge mit Sprengstoff füllten, die, wenn ein Kind sie in die Hand nahm, explodierten und ihnen die Hand oder sogar den Arm abrissen. Die Väter solcher Opfer konnten am Dschihad nicht teilnehmen, weil sie zu Hause bleiben und sich um ein verkrüppeltes Kind kümmern mussten. In einem anderen Artikel kam ein junger Mudschaheddin zu Wort, der davon berichtete, dass sein Heimatdorf von den Sowjets mit Giftgasen angegriffen worden sei, die den Bewohnern die Haut verätzt und viele blind gemacht hätten. Er habe mit eigenen Augen gesehen, wie seine Mutter und seine Schwester, aus dem Mund blutend, zum Fluss gerannt seien.
»Mami.«
Der Wulst rührte sich. Durch die Decken drang ein Stöhnen.
»Steh auf, Mami. Es ist schon drei Uhr.«
Noch ein Stöhnen. Wie das Periskop eines U-Bootes tauchte ein Arm auf, der aber sogleich wieder fallen gelassen wurde. Jetzt kam etwas mehr Bewegung in den Wulst. Die Decken raschelten. Nach und nach kam die Mutter darunter zum Vorschein, zuerst das zerzauste Haar, dann das weiße verquollene Gesicht mit den zusammengekniffenen Augen, eine Hand, die nach dem Bettpfosten langte. Ächzend richtete sie sich auf. Vom hellen Licht geblendet, schlug sie die Hand vors Gesicht und ließ den Kopf auf die Brust fallen.
»Wie war’s in der Schule?«, murmelte sie.
Es war jedes Mal das Gleiche. Eintönige Fragen, nichtssagende Antworten. Beide gaben sich nur wenig Mühe in diesem lustlos absolvierten alten Spiel.