39755.fb2 Tausend strahlende Sonnen - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 27

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»Ich wollte dich nicht aufregen«, sagte Tarik. »Aber ich… Mit dem Ding fühle ich mich sicherer.«

Er war jetzt ihr Informant. Er schnappte auf, was in den Straßen gesprochen wurde, und gab es weiter an sie. So erfuhr sie auch, dass sich in den Bergen Milizionäre verschanzt hatten, die auf ihre Treffsicherheit Wetten setzten und wahllos auf Zivilisten schossen, auf Männer, Frauen und Kinder. Er sagte, dass sie Raketen auf Autos abfeuerten, Taxis aber aus irgendwelchen Gründen verschonten — was erklärte, warum sich in letzter Zeit viele beeilten, ihre Autos gelb zu lackieren.

Innerhalb von Kabul, so berichtete Tarik, würden sich immer wieder Grenzen und Zonen verschieben. Ihre Straße zum Beispiel gehöre bis zur zweiten Akazie auf der linken Seite dem einen Warlord und die nächsten vier Blocks, die bis zur Bäckerei neben der zerstörten Apotheke reichten, einem anderen. Wenn man von hier aus achthundert Meter nach Westen gehe, sei man im Territorium eines dritten Warlords und dessen Scharfschützen ausgeliefert. So also wurden jetzt Mamis Helden genannt, dachte Leila. Warlords. Oder auch tofangdar, Jäger. Manche bezeichneten sie nach wie vor als Mudschaheddin, wobei sie allerdings eine verächtliche Miene aufsetzten und das Wort wie eine Beleidigung aussprachen.

Tarik ließ das Magazin einschnappen.

»Hättest du das Zeug dazu?«, fragte Laila.

»Wozu?«

»Abzudrücken. Jemanden zu töten.«

Tarik steckte die Waffe hinter den Bund seiner Jeans. Und dann sagte er etwas, das schön und schrecklich zugleich war. »Für dich würde ich’s tun, Laila.«

Er rückte näher an sie heran. Ihre Hände berührten sich, dann noch einmal. Als er vorsichtig versuchte, seine Finger mit ihren zu verschränken, ließ es Laila zu. Und als er sich plötzlich über sie beugte und ihr seine Lippen auf den Mund drückte, war sie auch damit einverstanden.

In diesem Moment hatte das, was Mami über den guten Ruf und Beos sagte, für Laila keine Bedeutung. Ja, es erschien ihr geradezu absurd. Denn in Anbetracht der schrecklichen Gewalttaten und Verwüstungen ringsum war es doch wahrhaftig harmlos, hier unter einem Baum zu sitzen und Tarik zu küssen. Eine durchaus verzeihliche Nachgiebigkeit. Also ließ sie sich küssen, und als er seinen Mund von ihrem löste, beugte sie sich mit pochendem Herzen und heißen Lippen vor, um ihn zu küssen.

Im Juni desselben Jahres, 1992, kam es im Westen Kabuls zu schweren Kämpfen zwischen Sayyafs paschtunischen Truppen und den Hazaras der Wahdat-Fraktion. Granaten rissen Strommasten um und pulverisierten Geschäfts- und Wohnblocks. Laila hörte, dass Milizionäre der Paschtunen in Häuser der Hazaras eindrangen und ganze Familien auslöschten. Die Hazaras übten Vergeltung; sie entführten paschtunische Zivilisten, vergewaltigten paschtunische Mädchen, nahmen paschtunische Nachbarschaften unter Mörserbeschuss und mordeten blindwütig. Tagtäglich fand man Tote, an Bäume gebunden, manche bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Vielen waren die Augen ausgestochen und die Zunge herausgeschnitten worden.

Babi versuchte zum wiederholten Mal, Mami davon zu überzeugen, dass es besser sei, Kabul zu verlassen.

»Sie werden’s schon richten«, sagte Mami. »Die Kämpfe sind bald zu Ende. Dann setzen sich alle an einen Tisch und verhandeln.«

»Fariba, diese Leute kennen nur eins, und das ist Krieg«, entgegnete Babi. »Schon beim Laufenlernen hatten sie in der einen Hand eine Milchflasche und in der anderen eine Waffe.«

»Du meinst, du kannst dir ein Urteil erlauben?«, blaffte Mami. »Hast du am Dschihad teilgenommen? Hast du alles aufgegeben und dein Leben riskiert? Wenn es die Mudschaheddin nicht gäbe, wären wir immer noch Sklaven

der Sowjets. Du willst doch nicht etwa, dass wir sie verraten.«

»Wir sind es nicht, die des Verrats schuldig sind, Fariba.«

»Dann geh doch. Nimm deine Tochter und mach dich aus dem Staub. Schick mir eine Postkarte. Ich jedenfalls werde bleiben und darauf warten, dass Frieden einkehrt.«

Babi stürmte aus ihrem Zimmer.

In den Straßen war es so gefährlich, dass er einen für ihn besonders bitteren Entschluss gefasst und Laila aus der Schule genommen hatte.

Er gab ihr nun selbst Unterricht. Jeden Tag nach Sonnenuntergang kam Laila zu ihm ins Arbeitszimmer, und während im Süden der Stadt Hekmatyar seine Raketen auf Massoud abfeuerte, beschäftigten sich Babi und Laila mit Hafis’ Gaselen und den Werken des großen afghanischen Dichters Ustad Khalilullah Khalili. Babi brachte ihr bei, quadratische Gleichungen abzuleiten, Polynomfunktionen auszudrücken und Kurvenparameter zu bestimmen. Wenn er unterrichtete, war Babi immer wie verwandelt. Inmitten seiner Bücher wirkte er auf Laila um einiges größer. Seine Stimme klang fester, und er blinzelte nicht annähernd so häufig wie sonst. Laila stellte sich ihn vor, wie er früher mit weit ausholenden Bewegungen die Wandtafel saubergewischt oder seinen Schülern väterlich und aufmerksam über die Schulter geschaut hatte.

Es fiel Laila jedoch schwer, seinem Unterricht zu folgen. Sie war immer wieder abgelenkt.

»Wie berechnet man das Volumen einer Pyramide?«, fragte Babi, doch Laila dachte an Tariks volle Lippen, an seinen heißen Atem und ihr Spiegelbild in seinen haselnussbraunen Augen. Nach der Begegnung unter dem Baum hatten sie sich zwei weitere Male geküsst, länger und inniger und, wie sie fand, weniger ungeschickt. Beide Male waren sie heimlich in der engen Gasse zusammengekommen, wo er am Tag von Mamis Party eine Zigarette geraucht hatte. Beim zweiten Mal hatte sie es zugelassen, dass er ihre Brust berührte.

»Laila?«

»Ja, Babi.«

»Das Volumen einer Pyramide. Wo bist du?«

»Entschuldige. Ich war… ehm… Pyramide. Das Volumen ist ein Drittel der Grundfläche mal Höhe.«

Babi nickte und betrachtete sie mit kritischem Blick. Laila dachte daran, wie ihr Tarik mit der Hand über den Rücken fuhr, während sie sich küssten und küssten.

Es war immer noch Juni, als Giti und zwei Klassenkameradinnen auf dem Heimweg von der Schule, nur drei Straßenecken von Gitis Zuhause entfernt, von einer Rakete getroffen wurden. Am Abend erfuhr Laila, dass Gitis Mutter Nila, nachdem sie die schreckliche Nachricht erhalten hatte, an der Unglücksstelle hysterisch schreiend umhergeirrt war und Teile ihrer Tochter in der Schürze eingesammelt hatte. Zwei Wochen später wurde ihr rechter Fuß, der noch in Strumpf und Schuh steckte und schon in Verwesung übergegangen war, auf dem Dach eines der umstehenden Häuser gefunden.

Bei Gitis fatiha tags darauf saß Laila wie benommen in einem Raum voll weinender Frauen. Sie erlebte zum ersten Mal, dass diesem Krieg ein Mensch zum Opfer gefallen war, den sie liebte. Sie konnte nicht begreifen, dass Giti nicht mehr lebte, ihre Freundin, die ihr im Klassenzimmer heimlich Briefchen zugesteckt, sich die Fingernägel poliert und mit einer Pinzette die Augenbrauen gezupft hatte. Giti, die den Torwart Sabir hatte heiraten wollen, war tot. Tot. In Stücke zerrissen.

Laila weinte um sie. Und all die Tränen, die während der Trauerfeier für ihre Brüder ausgeblieben waren, vergoss sie jetzt.

25

Laila konnte sich nicht rühren; sie war wie versteinert. Die an sie gerichteten Worte erreichten sie kaum. Als Tarik sprach, sah Laila ihr Leben wie ein morsches Seil ausfransen, zerfasern und reißen.

Es war ein heißer, stickiger Nachmittag im August 1992. Sie saßen im Wohnzimmer. Mami hatte seit den frühen Morgenstunden so schlimme Bauchschmerzen, dass Babi mit ihr trotz der Raketen, die Hekmatyar aus dem Süden abfeuern ließ, zum Arzt gefahren war. Und nun saß Tarik neben Laila auf der Couch, den Blick gesenkt und die Hände zwischen den Knien.

Er sagte, dass er wegziehen werde.

Nicht nur aus der Nachbarschaft oder Kabul. Er werde das Land verlassen.

Laila konnte es nicht fassen.

»Wohin? Wohin gehst du?«

»Zuerst nach Pakistan. Peschawar. Und danach…, wer weiß? Vielleicht nach Indien. Oder in den Iran.«

»Wie lange…«

»Ich weiß nicht.«

»Ich meine, wie lange denkst du schon daran, wegzugehen?«

»Schon seit einiger Zeit. Ich wollte es dir längst gesagt haben, ehrlich, hab’s aber nicht über mich gebracht.«

»Wann?«

»Morgen.«

»Morgen?«

»Laila, sieh mich an.«

»Morgen.«

»Mein Vater drängt. Er ist krank, wie du weißt. Er kann all das Kämpfen und Morden nicht länger verkraften.«

Laila vergrub ihr Gesicht in den Händen. Das Herz schnürte sich in ihrer Brust zusammen.

Sie hätte es ahnen können, dachte sie. Es waren schon so viele gegangen, und jetzt, nur vier Monate nach Ausbruch der Kämpfe zwischen den Mudschaheddin, begegnete ihr auf der Straße kaum mehr ein bekanntes Gesicht. Hasinas Familie war im Mai nach Teheran geflohen. Wajma hatte sich mit ihrem Clan im gleichen Monat nach Islamabad abgesetzt. Gitis Eltern und Geschwister waren im Juni, kurz nach Gitis Tod, abgereist. Laila wusste nicht einmal, wohin. Es hieß, dass sie nach Mashad in den Iran hatten gehen wollen. Nach dem Auszug der Nachbarn blieben ihre Häuser für ein paar Tage leer; dann zogen entweder Milizionäre oder fremde Zivilisten ein.