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"Sternchen schon, aber nicht deins", entgegnete sie, weil sie wieder die alte Mattigkeit, das ungewisse Warten und die Schläfrigkeit spürte.
"Kränkst mich nur immer", sagte er leise, "aber ich bin wie der Hirsch im Herbst. Selbst wenn sein Bauch weh tut, ruft er immer wieder".
"Dein Bauch tut dir sicherlich vor Hunger weh. Hast wahrscheinlich nur Brot gegessen ... du Jäger!"
Von den Feuern, die auf Ziegelsteinen angezündet waren, strömte schon der Duft von bratendem Fleisch herüber.
"Richtig", pflichtete ihr Jurka leicht gekränkt bei, "ich muss mich stärken gehen".
Er stand auf und trat zum Feuer. Von dort kam er mit Natalkas Vater zurück.
Sie brachten beide etwas zu essen. Jurka hielt zwei Scheiben Brot in der Hand, zwischen die ein Stück gebratenes Eberfleisch geklemmt war.
Das rosige Fleisch löste sich, und das Fett durchdrang das frische, großporige Brot.
"Hier, iss", forderte er Natalka auf.
Der alte Danila ließ sich neben Jurka zu Füßen seiner Tochter nieder und zog eine Flasche hervor.
"Nimm einen Schluck, Junge".
"Wandwein", sagte Jurka, nachdem er einen Schluck getrunken hatte, "wenn man den trinkt, geht man die Wände hoch".
Dann machte er sich an das Fleisch. Natalka aß nur wenig; sie musste nur immer den Burschen ansehen.
Jurka aß ohne Gier, obwohl er sehr hungrig war. In seinen Augen funkelte genüssliche Zufriedenheit, und seine Hände schoben geschickt das Brot unter das Fleisch.
Auf einmal ertappte sie sich bei einem unerwarteten und wärmenden Gedanken: Mit dem wäre es sogar schön, aus einer Schüssel zu essen!
Doch gleich darauf schämte sie sich.
Sie waren fertig mit dem Essen. Danila ging. Jurka zog dem Luchs noch das Fell ab, rollte es zusammen und trug es in seinen Kahn.
Warum er nur gegangen ist? überlegte sie. Er hätte doch ruhig auf seinem Platz sitzen bleiben können. Vielleicht kommt er gleich zurück?
Dann schob sie die Gedanken von sich. Was ist mit mir? Da mache ich mir Sorgen, ob er wohl wiederkommt.
Er kam wieder und setzte sich zu ihren Füßen. Ein sanfter Wind kräuselte das Wasser, spielte mit seinen Haaren und den Fransen ihres Tuches.
Zuweilen legte der Wind sich, kehrte dann aber mit schwachen Seufzern zurück. Und wie im Takt zu diesen Seufzern glühten in ihren Augen Myriaden von Funken auf.
Jurka lehnte sich an ihre Knie, und sie spürte, wie sein Herz schlug. Und wieder hinderte sie etwas, ihn zurückzustoßen. Sie rückte ein wenig zur Seite.
"Bleib sitzen", bat er, und ihr gefiel es, dass er gleichsam um ihre Gnade bat. So ein kräftiger und mutiger Bursche, aber vor ihr war er schwach.
Der unruhige und zärtliche Schlag seines Herzens erfüllte allmählich ihre Knie und Hände. Er aber spürte die weichen Fransen ihres geblümten Tuches an seinem Hals. Sie zog das Tuch höher, doch tat es ihr leid, dass die Fransen so umsonst herumbaumelten, und sie zog das Tuch wieder herunter. Er grinste, als er das zärtliche Kitzeln wieder spürte.
Die Kähne schwammen im Blau und Gold dahin. Nur zuweilen wurde das Himmelsblau von der undurchsichtigen Wand eines überschwemmten Waldes verdeckt. Die Augenlider senkten sich, und angenehme Wonne erfüllte den Körper. Blau und Gold, Gold und Blau. Immerfort - ohne Ende.
Von Zeit zu Zeit summte Jurka vor sich hin, unbekannte, verträumt-unruhige Lieder.
Der Tag schien endlos, endlos auch der Weg.
Als der träge Nachmittag langsam versank, wurde es noch schöner.
Die Schuppen des Leuchtfisches waren getrocknet.
Auf einmal erstrahlten seine Augen in violettem Licht. Das geschah so unerwartet, dass sich das Mädchen nach vorn beugte und ihre Brüste den Kopf des Burschen berührten, und so verharrte sie auch. Der Widerschein des schwachen Leuchtens lag auf ihren Gesichtern.
Sie seufzte und dachte daran, dass er dieses Wunder ihr, nur ihr, gebracht hatte.
Er flüsterte: "Aus Sehnsucht nach dir werde ich noch mal so vertrocknen wie dieser Fisch. Wärest du mit mir zusammen, würde ich vom Brot nur die verbrannte Rinde nehmen und den Rest dir geben".
"Nicht nötig, Jurka", entgegnete sie, ebenfalls flüsternd.
Die Nacht breitete sich über den Kahn, und am Bug der Hauptbarke wurde eine Leuchtfackel angezündet. Ihr rötliches Licht riss die zitternden Zweige der Bäume und die quirlenden Schaumkronen aus der Dunkelheit. Ringsum war nur Wasser. Das Mädchen warf sich das Tuch um. Beide schwiegen.
Jurka verließ den Kahn erst, als die Karawane festgemacht werden musste. Die Landzunge erstand vor ihnen als dunkle Mauer von Bäumen.
Trauer erfüllte das Mädchen. Könnte sie doch ewig so mit ihm sitzen und seine Nähe spüren!
Seine Stimme aber hallte bereits über alle Barken hinweg.
"Piatrus, was sitzt du da? Mach den Bug fest! Den Bug, sage ich dir! Bist mir ein schöner Arbeiter! Kannst wohl bloß Fliegen fangen? Na, nehmt schon! Und warum gehst du mit den Barken so weit nach links? Na komm, noch mal!"
Dann lag die Karawane schließlich fest auf der Sandbank.
Die Leute banden die Kähne los. Als Natalka versuchte, sich zum Kahn ihres Vaters durchzuarbeiten, legte sich Jurkas Hand auf die ihre. Sie drückte sie leicht, zog ihre Hand aber wieder zurück.
"Nein, nicht. Setz dich in meinen Kahn. Bei euch wird's doch zu eng".
Eigentlich wollte sie es nicht, aber ihre Beine traten von selber über Bord. In seinen Kahn.
Jurka trödelte beim Abbinden des Kahnes. Als letzter stieg Großvater Biaskischkin in einen Kahn.
Erst als sich die letzten Kähne etwa vierzig Klafter entfernt hatten, hörte sie das Wasser am Heck ihres Kahnes rauschen.
Schnell umfing die beiden die Nacht, streichelte mit ihrer kühlen Hand ihre Gesichter und ließ Sternschnuppen aufblinken.
Laut schallten Gesprächsfetzen von den Kähnen über das Wasser. Die beiden aber schwiegen. Ihre Knie stießen zusammen. Sie spürte, wie sich bei jedem Ruderschlag die Muskeln seiner Beine gleichmäßig zusammenzogen.
"Dreh dich nicht um", bat er flüsternd, "halt ein bisschen aus. Ich sag dir schon ... Wir fahren um das Wäldchen herum".
"Ich will mich ja nicht umdrehen".
Er war sehr still. Für einen Augenblick hielt er im Rudern inne und legte ihr die Hand auf die Schulter. Gerade in dem Augenblick schwang sich der erste Glockenschlag über das öligschwarze und schwerfällig sich dahinwälzende Wasser, über die Bäume, über ihren Kahn, der tief im Wasser lag. Sie fing an zu zittern; er spürte ihr Zittern.