40436.fb2 Vom Blau und Gold des Tages - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 4

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"Sieh mal", sagte er.

Sie legte sich zur Seite, aufs Heu, und erblickte eine kleine Insel, die sich aus dem Wasser erhob. Seitlich davon schimmerten auf einer zweiten Insel kahle weiße Birkenstämme. Der Friedhof.

Auf der kleinen Insel, von Lichtern erleuchtet, streckte sich ein weißes Kirchlein wie ein Zelt zum Himmel empor. Von dorther waren die Glockenschläge und der Gesang gekommen.

Vereinzelt blieben die Kähne an der Insel kleben.

Die Leuchtfackeln knisterten. Pech brannte auf kleinen Platten. Ein goldener Widerschein legte sich auf das schwarze Wasser.

Jurka erhob sich und stellte sich ans Heck, gestützt auf sein Ruder. Auch Natalka hatte keine Lust mehr, auf die schweigende Ansammlung von Kähnen und die Lichter auf dem Wasser zu schauen.

Nur ihn wollte sie ansehen.

Hager, mit schmalen Hüften, stand er neben ihr, kupferrot wie ein Indianer. Auf seinem Gesicht wechselten Schatten und Licht. Ein gutes und hartes Gesicht.

Sie fürchtete, bald könne alles vorbei sein und sie würden zum schwimmenden Jahrmarkt zurückkehren. "Lass uns nicht auf das Ende warten. Fahren wir lieber nach Hause".

Gehorsam wendete er den Kahn und ruderte in das Dunkel hinein.

Erleuchtet vom Schein der Fackeln, umgeben vom vielfarbigen Reigen der Kähne, erlosch und versank hinter ihnen die Erscheinung im Wasser. Die Bäume verdeckten sie, das Wasser und die Dunkelheit verschluckten sie, und gleich wurde klar, dass es eine fremde Erscheinung gewesen war, dass es auf viele Kilometer hin nichts weiter gab als die Wasserwüste, das bizarre Nebeneinander der Strömungen, den Schaum der Wasserstrudel, die im Wasser versunkenen Wälder und die Stille.

Über das Wasser, über das ins Wasser getauchte Land glitt allein ihr Kahn dahin, ihre Arche. Irgendwo in der Dunkelheit waren noch die anderen Kähne, für die beiden aber existierte jetzt nichts mehr auf der Welt.

Natalka dachte daran, dass sie zu den Träumen des Tages zurückkehren müsste, dass sie Abschied nehmen müsste von diesem Menschen, der den ganzen Tag mit seiner Schulter ihre Knie berührt hatte.

Sie war froh, und zugleich erschauderte sie, als er das Ruder in den Kahn legte und das Wasser sie gleichsam schwerelos an der vor Anker liegenden Karawane vorbeitrug. Schwach wandte sie noch ein: "Wozu das?"

"Willst du etwa dahin? Bitte, ich bringe dich".

Sie antwortete nicht. Er wartete, setzte sich dann zu ihr, umfasste ihre kräftigen und weichen Schultern.

Er legte sich neben sie ins Heu, das nach Julisonne duftete. Kräftig und zärtlich drückte er sie an sich.

Ihre Haut war noch voll von der Wärme des Tages, und der Bursche, der ihr mit den Fingern durch das Haar fuhr, bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. Am Hals fühlte sie den warmen Luchspelz; sie spürte den warmen Mund des Burschen und seinen angespannten warmen Körper.

Sie zitterte, als wäre ihr kalt, so dass er sich aufrichtete, unter seinen Füßen eine kratzige warme Decke hervorzog und das Mädchen behutsam zudeckte, wobei er die Enden der Decke unter ihren biegsamen Rücken schob.

Doch nur dafür reichte sein Mitleid, denn er sah im Dunkel ihr Gesicht. Und er wusste, einen anderen Weg gibt es weder für ihn noch für sie. Alles führte dahin: das Blau und das Gold des Tages, die Spritzer auf dem Wasser und das violette Leuchten des Fisches im Halbdunkel.

Und diese Schultern, die dort unter seiner Hand zitterten.

"Jurka, Liebster, lass das doch", sagte sie und presste sich noch dichter an ihn. Er verstand alles, und sie tat ihm leid, doch Mitleid konnte er mit ihr nicht haben.

Weil das alles Lüge war.

Ihre Arche jagte dahin, sie schaukelte aus den Wellen, und von oben schauten die Sterne, die das alles schon tausendmal gesehen hatten und trotzdem nicht müde wurden, die Erde um ihre Wärme zu beneiden.

Für einen Augenblick schien es ihm, er habe sich geirrt, es gäbe keine Lüge, und er wandte sich ab. Sie aber spürte seinen Atem, und sie hatte auf der Welt am meisten Mitleid mit ihm. Schüchtern nahm sie seinen Arm und küsste den Verband auf seinem Oberarm. Und nichts weiter war da als der flackernde Widerschein der Sterne in ihren Augen.

Sie bemerkten nicht, dass ihr Boot steckengeblieben war. Die Strömung hatte sie schützend am Abhang eines Hügels, der aus dem Wasser ragte, abgesetzt.

All das war ohne Bedeutung für sie. Es galten nur der Tag, die Nacht, die Küsse.

Fest an sie gepresst, schlief er ein.

"Das ist alles?", fragte sie sich. Und sich selbst Antwort gebend: "Ja, alles. Was willst du noch mehr? Er ist bei dir, und du bist bei ihm".

Und leise, um ihn nicht zu wecken, berührte sie mit ihrem Mund seinen Arm.

Sie schliefen noch sehr tief, als das steigende Wasser ihre Arche anhob und die Strömung hinuntertrug.

Der Mann schlief fest. Die Frau erwachte für einen Augenblick und schmiegte sich enger an den Schlafenden. Auf dem Wipfel eines Baumes krächzten Raben.

"Mit so einem kann es mir nicht schlecht ergehen!", flüsterte sie.

Und als letztes schläfriges Aufbegehren ihrer Gedanken dachte sie: Dumme Raben! Das ist doch nicht das Ende. Das ist der Anfang.

Sie schliefen, und das Boot wurde immer weiter auf dem überschwemmten Land dahingetragen.