40460.fb2 Wen die G?tter lieben - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 15

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ELFTES KAPITEL

Auf dem großen, von Kolonnaden umschlossenen Platz nahm Julian die Kapitulation der Garnison entgegen. Er beschwichtigte die Soldaten. Sie seien tapfere Männer, sagte er, und er werde sie nach Gallien schicken, wo er sie dringend brauche.

Um sich dem Volk zu zeigen, wie es von ihm erwartet wurde, ließ er am nächsten Tag auf der großen Rennbahn neben dem Palast Wagenrennen veranstalten. Im schweren Purpurmantel und dem Goldschmuck, den er so wenig leiden konnte, gab er sich alle Mühe, begeistert zu erscheinen, wenn die Wagenlenker in Staubwolken an der Tribüne vorbeirasten. Den Zuschauern jedenfalls gefiel es. Sie feuerten die Wagen an und schwenkten ihre Fahnen mit den Farben ihrer bevorzugten Mannschaft.

Am Abend feierten Marcellus und ich mit Kameraden. Wir zogen durch die von Fackeln beschienenen Straßen und machten an jeder Schenke Halt, wo Männer, die wir kannten, uns zujubelten. Jeder wollte unsere Geschichte hören; mein Becher wurde nie leer.

Später verließen wir die anderen und schlenderten, ich vom Wein beschwingt, durch die duftende Nachtluft zum Fluss.

»Heute Nacht sind wir Helden«, sagte ich lachend. »Fünfzehn Mann gegen die Stärke Illyriens, und wir brauchten nicht einmal eine Schlacht zu bestehen.« Ich warf den Arm um Marcellus’ Schultern und zog ihn an mich.

»So hat Julian es haben wollen«, sagte er. »Nur unsere Feinde gewinnen, wenn Römer gegen Römer kämpfen. Aber Constantius hat noch nicht aufgegeben.«

Mit einer heftigen Armbewegung wischte ich seine ernsten Gedanken beiseite und zeigte zum Sternenhimmel hinauf. »Sieh, Marcellus, wie schön sie sind. Genau wie du. Glaubst du, sie halten die Antwort auf die Rätsel der Menschen bereit, wie die Astrologen behaupten?«

Er lächelte. »Nicht ehe wir uns selbst begriffen haben, und das ist schwieriger als alle Sternguckerei.«

Ich lachte und küsste ihn, und als ich wieder zum Himmel schaute, stolperte ich auf den Pflastersteinen.

Marcellus fing mich auf. »Du bist betrunken!«, rief er aus.

»Na und?« Ich küsste ihn wieder. »Wir haben endlich ein Bett, nach Monaten auf feuchtem Stroh, wo einem die Ameisen ins Ohr gekrabbelt sind. Das ist ein Grund zum Feiern.«

Er lachte. »Nach so viel Wein könntest du auf einem Misthaufen schlafen.«

»Und du mit mir.«

So redeten wir weiter albernes Zeug und stützten uns aufeinander, und unsere Stimmen hallten in den dunklen Gassen. Schließlich bogen wir um eine Ecke und gelangten auf die Uferstraße. Dort lehnten wir uns an die Mauer am Fluss. Auf dem glatten schwarzen Wasser spiegelte sich das Licht einer nahen Schenke. Dort gab es eine Terrasse mit Tischen, wo Laternen von den Bäumen hingen.

»Komm, Marcellus«, sagte ich und zeigte hinüber. »Noch einen Krug Wein, nur du und ich. Wir waren heute Abend noch kein einziges Mal allein.«

Wir setzten uns an einen Tisch beim Wasser. Ein hübsches dunkeläugiges Schankmädchen brachte uns Wein und lachte über meine Trunkenheit. Wir schwelgten in Erinnerungen und schauten zwischen den flackernden Lichtern hindurch in die Dunkelheit. Irgendwann ging ich, um mich zu erleichtern. Als ich zurückkam, wollte ich Marcellus etwas entgegenrufen, doch er hielt mich mit einer warnenden Geste zurück.

Still ging ich an unseren Tisch.

»Horch, aber sieh nicht hinüber«, flüsterte er und deutete mit Blicken auf den Nachbartisch, der durch einen Lorbeerbusch vor unseren Augen abgeschirmt war.

Die Männer mussten gekommen sein, während ich fort gewesen war. Ihrer Unterhaltung nach waren es Soldaten, aber keine von unseren. Sie hatten ebenfalls allerhand getrunken, waren jedoch nicht in heiterer Stimmung. Langsam rutschte ich auf meiner Holzbank näher heran.

Einer, der auf die Äußerung eines Kameraden einging, sagte gerade, er könne es ertragen, in der Schlacht besiegt zu werden; im Krieg sei das nun einmal so. Es sei keine Schande, in einem ehrlichen Kampf Prügel zu beziehen. Doch durch Hinterlist und eine unterlegene Streitmacht besiegt zu werden … Er hielt bedeutungsvoll inne und erntete beifälliges Gemurmel von den anderen.

Ein anderer meinte: »Und nun schickt Julian uns nach Gallien wie Gefangene.«

»Er würde uns hierbehalten, würde er uns trauen.«

»Das habe ich ja gesagt.«

»Auf Gnade können wir kaum hoffen. Wir sind erledigt.«

»Aus den Augen, aus dem Sinn«, sagte einer im pathetischen Ton des Kasernenphilosophen.

Ich schaute Marcellus an. Kein Soldat wird gern besiegt. Was hatten sie erwartet? Sie waren zwei Legionen und eine Kohorte Bogenschützen gegen unsere dreitausend Mann, und obwohl Julian dringend Verstärkung brauchte, wagte er nicht, sie so kurz nach ihrer Kapitulation gegen Constantius einzusetzen.

Sie murrten weiter. Lucillian hätte sich wehren müssen, meinten sie. Unseren Pöbelhaufen hätte er mühelos schlagen können. »Und du bist nicht der Erste, der das sagt«, warf ein anderer ein und nannte Freunde in anderen Einheiten, die dasselbe dachten. Dann sagte jemand leise und in gefährlichem Tonfall: »Es ist noch nicht zu spät, um etwas dagegen zu unternehmen … noch nicht.«

Mehr brauchten wir nicht zu hören. Geduckt schlichen wir davon.

Als wir außer Hörweite waren, sagte ich, schlagartig nüchtern geworden: »Sie müssen in der Kaserne isoliert werden. Die Stimmung wird sich sonst ausbreiten wie Feuer im Heuschober.«

»Ja. Komm, wir sollten zu Julian gehen. Bis zum Morgen wird es zur Meuterei kommen.«

In der Nacht, als die Soldaten wieder in der Kaserne waren, wurden in aller Stille Wachen postiert. Viele Befehlshaber hätten in solch einer Lage, wo alles auf dem Spiel stand, die Männer entlassen und jeden hingerichtet, auf den ein Verdacht fiel. Doch Julian sagte zu uns, dass er mit den Männern reden wolle.

Wir alle sprachen uns dagegen aus. Julian hielt uns entgegen, die Männer hätten ihr Wort gegeben. Es sei besser, sagte er, einem Mann Ehre zuzubilligen, obwohl er sie nicht besitzt, als ihn unter seinem Wert zu behandeln.

Also ging er im ersten Morgengrauen in die Kasernen und sprach zu ihnen. Sie hätten keinen Grund, sich zu schämen, verkündete er, und dass er sie dringend in Gallien brauche.

Nach seiner Rede gab es nur ein paar wenige Jubelrufe. Vielleicht hatten die Männer am Vorabend zu tief in den Weinbecher geschaut.

Doch als wir sie bald darauf nach Gallien abmarschieren sahen, ließen sie den Kopf hängen, als würden sie in die Gefangenschaft geführt.

Wir waren froh, sie loszuwerden. Doch wir hatten nicht zum letzten Mal von ihnen gehört.

Wir hielten uns nicht länger in Sirmium auf und waren bald auf der Straße nach Osten unterwegs, zu der Stadt Naïssus.

Naïssus war die letzte Bastion der westlichen Reichshälfte, und sie öffnete uns widerstandslos die Tore. Julian, Marcellus und ich standen auf einer nahen Anhöhe und schauten über das Land. Am Fluss hinter den Bergen lag Thrakien, die erste Provinz des Ostens, und dahinter die große Hauptstadt Konstantinopel – die Stadt Constantins, den die Christen den Großen nennen, weil er sich von den alten Göttern abwandte.

Julian blickte missbilligend auf die neu erbauten Kuppelkirchen, die das Stadtbild sprenkelten. Constantin hatte sie mit dem Gold finanziert, das er aus den Tempeln raubte. Was an ihrer Stelle dort gestanden hatte, war geschleift worden. Die neuen Bauten stachen dunkel heraus wie Mottenlöcher in einem schönen alten Kleidungsstück.

»Ich wäre nicht gern am Hof, wenn Constantius erfährt, dass Naïssus sich so bereitwillig ergeben hat.«

»Nein, wirklich nicht«, pflichtete ich lachend bei. Wir alle wussten, dass sein Vater Constantin dort geboren war. Es war die Stadt seiner Ahnen. Constantius würde den Verlust als bitter empfinden.

Bald sahen wir, dass er seine Beute nicht nur für die Christen und ihre strengen Kirchen ausgegeben hatte. Drei Meilen außerhalb der Stadtmauer, jenseits der Vorstadtvillen, hatte er sich einen Sommerpalast gebaut – ein weitläufiges Bauwerk mit hohen Gewölbesälen, Mosaikböden und Marmorkolonnaden, das bald selbst so groß war wie eine Stadt, und hatte scharenweise Köche und Kammerdiener, Badesklaven, Schreiber, Gärtner und Männer jeden Gewerbes dort angestellt, die er vielleicht nötig haben könnte. Es war eine Stadt voller Diener, die auf einen allzeit abwesenden Kaiser warteten, denn Constantin war nie dorthin gereist.

Der Palast gehörte nun uns, und wir wohnten dort in all der Pracht zwischen Seidenvorhängen, Kaskadenbrunnen und hallenden Marmorsälen und warteten auf die Rückkehr Nevittas.

Anfang November, als die ersten kalten Winde von den östlichen Bergen herabwehten, die Zypressen in den Straßen beugten und das herabgefallene Laub in den Höfen durcheinanderwirbelte, traf Nevitta an der Spitze der Kolonne auf seinem Schimmel ein, gekleidet in gefärbte Pelze und mit Gold behängt. Er sah mit sich zufrieden aus.

»Er erinnert mich an einen barbarischen Eroberer«, sagte ich zu Marcellus.

Er schaute ernst auf die heranmarschierenden Soldaten. »Ja«, sagte er nach kurzem Schweigen. »Aber wir waren es, die Constantius Illyrien unter der Nase weggeschnappt haben. Das wird ihm gar nicht gefallen.«

Ich lachte, doch Marcellus behielt seine düstere Miene bei und kniff die Augen gegen die helle Morgensonne zusammen. Er sprach es zwar nicht aus, aber ich wusste, was er dachte: dass er nun wieder unter Nevittas Befehl stand.

Der brachte uns immerhin Eutherius und Oribasius zurück, und darüber waren wir froh.

Und mit dem Heer kam auch Rufus.

Marcellus sah ihn als Erster am Morgen nach der Ankunft des Heeres. »Ich verstehe das nicht«, sagte er. Er hatte erwartet, Rufus laut prahlend anzutreffen wie die übrigen von Nevittas Klientel. Stattdessen war er mürrisch und in sich gekehrt und sah schlecht aus.

»War er betrunken?«, fragte ich.

»Es war kurz nach Sonnenaufgang«, antwortete Marcellus, doch als er meinen Blick sah, fügte er hinzu: »Nein, ich glaube nicht.«

»Er trinkt zu viel.«

»Ich weiß. Aber das gilt für alle Freunde Nevittas.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, es hat andere Gründe. Es hat nichts mit dem Trinken zu tun. Ich glaube, er weicht Freundschaften aus. Seit wir von den Germanen verschleppt wurden, ist er nicht mehr derselbe. Zuvor war die Welt voller Verheißung für ihn.«

Er wandte sich ab und schaute aus dem Fenster. Draußen auf dem weiten, hellen Hof fegten etliche Gärtner in rot-weißer Livree das Laub aus den Säulengängen.

Ich sah Marcellus an. Er machte sich Sorgen um Rufus und fühlte sich für ihn verantwortlich, da er damals zu seinem Trupp gehört hatte. Er hatte das Edle in ihm gesehen wie Gold in Erz. Nun bedrückte es ihn, Rufus so würdelos zu erleben.

Ich wollte ihm erzählen, was die Barbaren Rufus angetan hatten, ließ es dann aber. Ich hatte ein Versprechen gegeben. Selbst jetzt noch sah ich das zerschlagene, flehende Gesicht vor mir. An dem Tag war in ihm, in seiner Seele, etwas zerstört worden, und darum war ich entschlossen, Wort zu halten. Ich hoffte, die Zeit würde Rufus heilen. Auch deshalb schwieg ich – um einen heilenden Gott nicht zu verscheuchen.

Stattdessen sagte ich: »Er hat wohl sein Selbstvertrauen verloren. Deshalb lässt er sich so leicht beeinflussen.«

»Ja, von Nevitta oder seinen nichtsnutzigen Kumpanen. Wir haben beide den wahren Rufus erlebt, und das ist er nicht mehr. Sprich doch einmal mit ihm, Drusus. Vielleicht hört er auf dich.«

Ich behielt meine Zweifel für mich und versprach es. Doch im Stillen dachte ich: Wenn Marcellus nicht an ihn herankommt, schaffe ich es erst recht nicht.

Am nächsten Morgen machte ich mich auf die Suche nach ihm. In seinem Quartier hieß es, er sei zum Stall gegangen. Im Stall hörte ich von den Pflegern, sie hätten ihn noch nicht gesehen.

Ich war schon geneigt, die Sache abzublasen. Dann aber kam ein junger Kavallerist auf mich zu und suchte meinen Blick. »Verzeih, Drusus, wenn es dir taktlos erscheint, aber du wirst ihn wohl in der Stadt finden. Versuche es in den Schenken hinter dem Markt, die schon früh am Morgen öffnen.«

Ich nickte, dankte ihm und ging. Nachdem ich ein paar Schenken abgesucht hatte, entdeckte ich Rufus in einer der Trinkhallen beim Schlachthof, die gern von den Fleischhändlern aufgesucht wurden. Er saß allein an einem grob gezimmerten Tisch und starrte auf den Krug Wein, der vor ihm stand.

In der Nähe des Ausschanks spielte ein halb nacktes Mädchen eine schleppende Melodie auf der Flöte. Die meisten Markthändler waren schon gegangen, sodass die Schenke fast leer war. Vier oder fünf Huren waren geblieben. Sie saßen plaudernd und lachend an einem Tisch.

Rufus hatte mich nicht bemerkt. Ich war in der Tür stehen geblieben. Währenddessen stand eine der Huren von ihrem Hocker auf und ging mit den schleppenden Bewegungen eines Menschen, der widerwillig einen Auftrag ausführt, zu ihm hinüber und sprach ihn an. Ohne aufzusehen, scheuchte Rufus sie zornig davon. Sie zog einen Schmollmund und kehrte zu ihren Freundinnen zurück.

Rufus trug seine schmucke Kavallerieuniform – eine weiße Tunika mit roten Säumen und braunem Ledergürtel. Seine sonst so schlanken, festen Muskeln waren weich geworden, sein junges Gesicht, das unbeschwerte Heiterkeit ausgestrahlt hatte, war mürrisch und gerötet. Doch selbst jetzt war er ein gut aussehender junger Mann, trotz der Auswirkungen des vielen Weins.

Die Huren hatten mich inzwischen bemerkt; darum ging ich über den mit Sägemehl bestreuten Boden zu seinem Tisch.

Er stierte düster in seinen Becher und blickte erst auf, als ich neben ihm stand. Als er mich erkannte, erschrak er, versuchte es jedoch zu überspielen. »Geh weg, Drusus. Lass mich in Ruhe.« Er war betrunken; dabei war es erst vor einer Stunde hell geworden.

»Komm mit, Rufus. Du hast genug.«

»Was geht dich das an?« Trotzig trank er einen großen Schluck, knallte den Becher auf den Tisch, fluchte und sagte noch einmal, diesmal lauter: »Ich habe dir gesagt, du sollst verschwinden.«

Einen Moment lang blickte ich in dem grauen Dämmerlicht auf ihn hinunter. Drüben beim Schanktisch brachen die Huren in Gelächter aus. Eine äffte ihn schrill nach: »Geh weg, geh weg!«

Rufus schoss ihnen einen wütenden Blick zu und nahm seinen Becher. Ehe er ihn an die Lippen setzte, nahm ich ihn weg und schleuderte ihn in die Ecke, wo er zersprang. Dann packte ich Rufus beim Kragen, riss ihn hoch und schob ihn zur Tür, am Tisch der Huren vorbei. Diese waren verstummt, sperrten die geschminkten Münder auf und starrten uns an. Draußen stand eine Pferdetränke. Dort tauchte ich ihm zweimal den Kopf ins Wasser, dass er hustete und spuckte.

»Warum tust du das?«, schrie er.

»Es ist genug, Rufus! Hörst du? Sieh dich an! Wie kannst du dich nur so gehen lassen und vollgesoffen wie ein Kamel in einem Hurenhaus sitzen, während du im Dienst bist? Du solltest dich schämen.«

»Schämen?«, rief er. »Was glaubst du denn, was ich tue? Du weißt doch genau, was sie mit mir gemacht haben, damals im germanischen Wald. Würdest du dich danach nicht schämen?« Er schniefte und wischte sich übers Gesicht. »Ich verabscheue mich selbst, Drusus, wenn du es wissen willst. Ich hasse mich und mein Leben. Ich habe alles falsch gemacht.«

Ich ließ ihn los. Mit triefenden Haaren und hoffnungslosem Blick sah er mich an.

»Wie alt bist du?«, fragte ich.

»Zwanzig.«

»Dann wird es Zeit, dass du aufhörst, dich wie ein Kind zu benehmen. Glaubst du, du bist der Einzige, der Qualen durchlitten hat? Willst du dich ewig daran festhalten? Richte den Blick auf das Gute in dir.«

»Da ist nichts mehr.«

»Muss ich dich noch mal untertauchen? Da ist sehr wohl noch etwas. Jeder hat es gesehen. Ich habe es gesehen, und Marcellus ebenfalls.«

Er blickte auf. Seine Augen schwammen in Tränen.

»Wirklich?«

»Natürlich. Du warst der feinste Kerl in der ganzen Reiterei. Und du wirst es wieder sein.«

Er ließ den Kopf hängen. »Du weißt nicht, wie das ist … du verstehst das nicht. An mir ist nichts Gutes.«

»Nun komm«, sagte ich. »Gehen wir ins Badehaus, da kannst du den Wein ausschwitzen.«

Die Thermen waren ganz in der Nähe, ein schöner Bau mit Säulengängen und Mosaiken mit grünem Papyrus und Seerosen, der von Constantin erneuert und erweitert worden war.

Ich ging mit Rufus ins Schwitzbad. Er saß stumm auf dem Sims und schämte sich sogar seiner Nacktheit, wie mir schien. War auch das eine Folge des Erlebten, fragte ich mich. Und plötzlich kam mir die Wut hoch – nicht auf Rufus, trotz all seiner Torheit, sondern Zorn auf jene, die ihn für ihre niederen Zwecke missbraucht hatten. Und damit meinte ich nicht bloß die Barbaren, sondern auch Nevitta und seine hohlköpfigen, lärmenden Freunde, die sich für so welterfahren hielten. Sie hatten Rufus die Lebensfreude genommen und sein Vertrauen in die Welt zerstört, das aufrichtig gewesen war. Obwohl noch ohne große Erfahrung, hatte er Trittsicherheit auf dem Weg durch das Leben besessen. Sie war vernichtet worden, zertrampelt wie eine seltene Blume, gedankenlos, unbeachtet, gleichgültig.

Ich hätte gern den Arm um ihn gelegt, aber das hätte nichts genützt. Inzwischen schreckte er vor jeder Berührung zurück.

Ich wischte mir über die Stirn. Für das Bad war es sehr früh, und wir waren allein.

Nach einer Weile sagte ich: »Die Natur lässt die Tiere gebückt gehen und fressen, doch den Menschen hat sie aufrecht erschaffen, damit er zum Himmel blicken kann und seine Seele ihre Heimat erkennt.«

Sein junges Gesicht verzog sich. »Schöne Worte, Drusus. Aber für dich sagt sich das leicht. Schau, was du hast. Jeder schätzt dich und sieht zu dir auf. Du bist wie ein Reicher, der nicht verstehen kann, warum ein Bettler über sein beschwerliches Leben klagt.«

»So ist mein Leben keineswegs«, erwiderte ich, »so ist es nie gewesen.«

Er zuckte bloß die Achseln. Aufgebracht sagte er: »Du willst über Wahrheit reden? Dann sage ich dir, was wahr ist. Wir sind nichts als Tiere, niedrige, erbärmliche Tiere. Das ist der Mensch in Wirklichkeit. Alles andere ist nur ein Traum. Schau dich doch um, Drusus! Was siehst du denn außer Grausamkeit und Selbstsucht?«

Ich sog die heiße Luft in meine Lungen. Leise antwortete ich: »Ja, Rufus, ich weiß. Da braucht man nicht lange zu suchen. Aber es gibt auch Edelmut, Liebe und Schönheit, und es gibt das Gute, das unsere Seele sehr wohl erkennt. In jedem Menschen wohnt ein Tier und ein Gott, und jeder kann sich entscheiden, welchem er folgen will.«

Er stieß ein aggressives Lachen aus. »Fromme Worte! Aber ich war da und du nicht.« Er hielt inne und blickte mich forschend an; dann schaute er weg. In anklagendem Ton sagte er: »Du hast es Marcellus erzählt, nicht wahr?«

»Ich habe es niemandem erzählt. Was damals passiert ist, bleibt unter uns.«

Er zog die Brauen zusammen und schien etwas erwidern zu wollen; stattdessen drehte er den Kopf weg und spuckte aus. Dann stemmte er sich von dem Sims hoch, stand einen Moment still da und blickte geradeaus.

»Ich gehe jetzt. Ich will nicht mehr reden«, sagte er. Seine Stimme hatte alle Kraft verloren; nur Verbitterung und ein gequälter Unterton waren geblieben. »Komm mir nicht nach, Drusus. Du hast gesehen, was ich bin, und das ist schlimm genug. Du hättest mich bei meinem Wein sitzen lassen sollen.«

Durch den wabernden Dampf schritt er davon, eine nackte, verlorene Gestalt.

Am Abend, als ich Marcellus sah, fragte er mich, wie es verlaufen sei.

Ich erzählte es ihm, aber nicht alles. Worte haben Macht, können heraufbeschwören oder zerstreuen. Es schien mir keinen Sinn zu haben, solch düsterer Betrachtung Macht zu verleihen, indem ich sie wiederholte.

Den Vormittag über war ich ernst und nachdenklich gewesen und hatte einige Überlegungen angestellt. Jetzt sagte ich: »Mir scheint, dass man das Leben eines anderen Menschen nicht für ihn gestalten kann, als hielte man Ton in den Händen. Veränderungen müssen aus ihm selbst kommen, weil er sie will, oder durch das Eingreifen eines Gottes. Ich glaube nicht, dass Rufus auf mich hört. Aber vielleicht wird er sich eines Tages erinnern.«

Doch bald schon mussten wir unsere Gedanken auf andere Dinge richten. Lucillians Legionen, die nach Gallien hatten marschieren sollen, hatten rebelliert.

Ich war bei Julian in einem der prächtigen Säle des Sommerpalasts, als der Bote angekündigt wurde. Die Legionen hatten die Festungsstadt Aquileia eingenommen und Constantius ihre Treue ausgesprochen.

Aquileia ist eine ziemlich bedeutende Stadt. Sie liegt an der Straße, die den Osten mit dem Westen verbindet, und herrscht über Norditalien. Deshalb war die Gefahr groß. Die italienischen Städte, die bis dahin noch unschlüssig gewesen waren, würden ihre Tore vor uns verschließen, wenn wir uns jetzt schwach zeigten. Und Gaudentius war noch in Afrika. Wenn Italien sich gegen uns stellte, würde er ungehindert nach Sizilien übersetzen und unsere Flanke angreifen können.

Julian rief seine Offiziere zusammen. »Wie weit ist Jovinus entfernt?«, fragte er.

»Er ist diesseits der Alpen«, sagte Nevitta. »Auf der Straße nach Sirmium. Er wird bis zum Monatsende hier sein.« Er zeigte auf eine Stelle auf der Karte.

Julian blickte kurz darauf; dann ging er unruhig auf und ab. »Jovinus muss umkehren und Aquileia belagern«, entschied er schließlich.

Daraufhin redeten alle durcheinander, Nevitta am lautesten. »Was denkst du dir dabei?«, rief er. »Aquileia wurde noch nie erobert! Die Stadt ist uneinnehmbar. Jovinus kann ein Jahr und länger da sitzen.«

Plötzlich waren alle still. Nevitta sah sich mit schnellen, scharfen Blicken nach Unterstützern um wie ein Mann, der sich ungewollt eine Blöße gegeben hat. In seiner Miene, die er in Julians Gegenwart sonst immer sorgfältig glatt hielt, malten sich Zweifel und Zorn ab.

Und ich, der ich meine eigenen Gründe hatte, auf Nevittas Stimmungen zu achten, sah noch etwas anderes auf seinem Gesicht. Nicht Furcht, wie ich zuerst glaubte, sondern Berechnung. Denn in diesem Augenblick dämmerte ihm zum ersten Mal, dass wir unterliegen könnten und was das für ihn bedeutete.

»Wir haben den Winter«, sagte Julian. »Wir werden Jovinus alles geben, was er braucht. Auch von Troja hieß es einmal, es sei uneinnehmbar, und doch wurde die Stadt erobert. Wir müssen an uns selbst glauben und auf die Götter vertrauen, wo wir nicht mehr weiterwissen.«

Nevitta runzelte die Stirn. Er wusste, was er wusste, und hatte keine Zeit für Philosophie und Gedanken an die Götter. Doch er schwieg; er spürte, dass er schon zu viel gesagt hatte.

Anschließend wurde über Einzelheiten gesprochen – was für die Belagerung vonnöten sei, was Jovinus geschickt werden könne und so weiter. Doch niemand sprach aus, was er an erster Stelle dachte – dass wir in gefährlicher Weise angreifbar waren. Was hätte das auch für einen Sinn gehabt? Wir mussten die Lage nehmen, wie sie war.

Später, als wir draußen in dem großen Hof allein waren, sagte ich zu Marcellus: »Hast du Nevittas Gesicht gesehen? Unlängst hat er noch über unsere Vorsicht gelacht und geprahlt, der Sieg sei uns in den Schoß gefallen wie eine reife Frucht.«

Marcellus zuckte die Achseln. »Ihm ist klar geworden, dass er den Mund hätte halten sollen. Er ist ratlos, deshalb schlägt er um sich. Er ist ein Großmaul. Aber vielleicht ist er diesmal eine Weile still.«

Wolken schoben sich vor die Sonne. Ich rieb mir die Arme, da mir plötzlich kalt war. Schon raschelte Herbstlaub auf dem gemusterten Marmorboden. Bald würde man Mäntel und lange Tuniken tragen müssen. In der gegenüberliegenden Kolonnade näherte sich Eutherius, der von Julians Gemächern kam; sein leuchtender Umhang bauschte sich im Wind. Wir gingen ihm entgegen.

»Wie geht es Julian?«, fragte ich.

»Er ist besorgt, aber entschlossen«, sagte er. »Er ist mit Oribasius gegangen, um Hermes zu opfern. Ich dagegen werde den Gott des Frühstücks ehren, der mir immer gute Dienste geleistet hat. Wollt ihr euch anschließen?«

So begleiteten wir ihn in seine neuen Räume – eine angenehme Zimmerflucht mit einem eigenen geschützten Garten, wo an einer Mauer ein Feigenbaum stand. Wir speisten auf Gitterstühlen auf der Terrasse, wärmten uns in der Sonne und sprachen über die Neuigkeiten aus Aquileia.

Ich fragte, was Constantius nun wohl tun würde.

»Er eilt bereits nach Konstantinopel«, sagte Eutherius, »wo seine übrigen Streitkräfte zusammengezogen werden. Er wird über unser Pech zweifellos erfreut sein. Die Schmeichler und Intriganten werden seine Eitelkeit nähren und ihn erinnern, dass er der Herr der Welt und unbesiegbar ist.«

Er redete in unbeschwertem Ton; die grimmige Laune Nevittas und der anderen schien er nicht zu teilen.

»Aber Eutherius«, sagte ich, »du redest, als ob das gar nicht wichtig wäre. Wie können wir jetzt noch hoffen, ihn zu besiegen? Wir sind nur wenige, und unsere Hoffnung lag in der Schnelligkeit.«

Er stellte seinen Becher auf den weiß gestrichenen Gartentisch.

»Drusus, mein Lieber, wir dürfen uns von der plötzlichen Angst des tapferen Nevitta nicht beunruhigen lassen. Wir haben dieses Unternehmen mit offenen Augen angefasst; wir haben uns entschieden, Julian zu folgen, und Julian blieb gar keine andere Wahl. Er sagt, die Götter wollen es, und wer sind wir, zu behaupten, es wäre anders? So lasst uns auf die Götter vertrauen, da wir mit vernünftiger Überlegung nicht weiterkommen.«

Er sagte es augenzwinkernd, wie immer, wenn er die Götter einbezog, aber nicht respektlos, vielmehr so, als wollte er sagen, dass die Götter ebenfalls lächelten und wir es ihnen gleichtun sollten. Er hielt inne, als ein Distelfinkweibchen angeflattert kam und sich auf einen Ast des Feigenbaums setzte. Es drehte zwitschernd den Kopf hin und her.

»Wir hatten bisher nur Erfolg«, fuhr er fort. »Nun, wo die Umstände gegen uns sind und wir geprüft werden, müssen wir es ertragen, denn im Unglück erkennt der Mensch, was er will, meint ihr nicht? Aber seht euch an! Ihr seid dünner geworden, und da Agatho sich solche Mühe gemacht hat, uns dieses fürstliche Mahl zu bereiten, solltet ihr wenigstens noch einen Honigkuchen essen oder eins von diesen verführerischen Eiern … Was Constantius angeht, er ist zwar stark, aber ängstlich. Seine Furcht kann ihm gefährlicher werden als Julian, und er hat keine wirksame Waffe dagegen. König Sapor wartet an der persischen Grenze auf ihn, und wir nähern uns von Westen. Wir haben Illyrium eingenommen, wo er die meisten Soldaten rekrutiert, ganz zu schweigen von den Gold-und Silberminen, die er gewiss vermissen wird. Darum sollten wir uns wegen der bockigen Städte in Italien keine Sorgen machen, auch nicht wegen Aquileia … Nein, Drusus, dieser Kampf wird anderswo entschieden.«

Er nahm ein Ei aus dem Weidenkörbchen, wo sie mit grünen Kräutern garniert ordentlich aufgehäuft lagen, und drückte es mir in die Hand.

»Da«, sagte er. »Nun iss, und vertrau auf deine Erfahrung.« Dann rief er nach einem Krug Wein und Quellwasser sowie einem frischen Brotlaib und fragte Marcellus nach seinem Pferd.

Im Herbst nahmen wir den Succi-Pass ein, der das Latein sprechende Illyrien von Thrakien trennte.

Die enge Schlucht wird von einer starken Festung bewacht, welche die Passstraße überblickt. Unsere Kundschafter waren mit der Nachricht zurückgekehrt, dass die Festung verlassen sei.

Julian rief die Kundschafter zu sich, um sie persönlich zu befragen, denn er konnte es kaum glauben. Eine Garnison von hundert Mann konnte an dieser Stelle eine ganze Legion aufhalten; es schien irrsinnig, dass Constantius die Festung aufgegeben hatte.

Wir machten uns auf den Weg durch das Flusstal, um uns selbst davon zu überzeugen, zogen nach Osten auf die steilen, schneebedeckten Gipfel des Haemus und der Rhodopen zu und stiegen die Straße zwischen Obstbauterrassen und Ziegenweiden hinauf. Und tatsächlich: Wie die Kundschafter berichtet hatten, war die Festung über dem Pass verlassen.

Während unsere Männer sie sicherten, die Tore instand setzten und auf den Maultierzug warteten, ritten wir mit Julian über einen Ziegenpfad zum Gipfel hinauf. Als der Pfad zu steil wurde, ließen wir die Pferde stehen und gingen zu Fuß weiter, bis wir endlich zu einer hohen Felsnase aus schwarzem Gestein gelangten, an der Flechten wuchsen und kleine weiße Gebirgsblumen blühten. Ich kletterte hinauf und duckte mich gegen den böigen Wind. Marcellus, der schon dort war, nahm meine Hand und zog mich auf den flachen Felsüberhang.

Als ich oben stand, hielt ich den Atem an. Weit unten breitete sich die thrakische Ebene wie ein blaugrüner Teppich aus, geteilt durch den Hebrus, der wie ein silbernes Band in der Sonne glänzte.

Julian kam zu uns herauf.

»Seht da drüben!«, rief er in den brausenden Wind. »Das ist Philippopolis.«

Die weißen Mauern der Stadt wanden sich über baumbestandene Hügel. Zwischen den Häusern konnte ich das Stadion, das Theater und die Tempel erkennen.

Julians Augen leuchteten. »Das ist der Schlüssel zu Thrakien«, sagte er. »Wenn wir diese Stadt eingenommen haben, steht nichts mehr zwischen uns und Konstantinopel.«

Ich schaute ins Tal hinunter. Jenseits der fernen Stadt erstreckte sich die Ebene bis nach Asien. Julians Begeisterung war ansteckend. Es schien, als könnten wir alles erreichen, wenn wir es nur versuchten.

Doch später in der Festung kam Nevitta zu mir, als ich allein war und mein Pferd in den Stall stellte. Er schlich sich von hinten an, sodass ich ihn nicht hörte.

»Ich verstehe nicht, wieso Julian so strahlt«, sagte er. Seine kleinen, verschlagenen Augen forschten eindringlich in meinem Gesicht.

Ich blickte ihn an und fragte mich, was er im Schilde führte. Er hatte mich noch nie allein aufgesucht. Wie immer war er viel zu vornehm gekleidet und trug einen schweren Mantel mit Pelzkragen und einer kunstvollen Goldbrosche.

Da ich nicht antwortete, redete er weiter. »Constantius hat genügend Soldaten in Thrakien, auch wenn sein Hauptheer in Asien ist. Es ist verrückt zu glauben, dass er Philippopolis so einfach hergibt.«

Der Zauber und der optimistische Tatendrang, den ich auf dem Gipfel empfunden hatte, verließen mich. Stattdessen beschlich mich etwas, das ich nicht benennen konnte. Mir fiel ein, was Marcellus einmal über Nevitta gesagt hatte: Dieser Mann vernichtet Träume.

»Vielleicht hast du recht, Nevitta«, erwiderte ich vorsichtig. »Vielleicht ist es verrückt. Doch wir haben Illyrien eingenommen und jetzt auch den Pass. Auch da hätte man vorher sagen können, dass es verrückt ist, und dennoch stehen wir jetzt hier.«

Ich wandte mich ab und löste die Schnallen am Geschirr in der Hoffnung, er würde fortgehen. Stattdessen trat er einen Schritt näher. Dicht neben mir sagte er mit gesenkter Stimme: »Julian hört auf dich. Er nennt dich seinen Freund.« Er verlieh dem Wort einen hässlichen Klang.

Ich hielt inne und schaute finster auf den Lederriemen in meiner Hand. »Wir alle sind seine Freunde, oder nicht, Nevitta?«

Er lachte kalt. »Du weißt genau, was ich meine. Manche sagen, es sei Zeit, Constantius erneut herauszufordern, andere meinen, dass wir nicht gewinnen können.«

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er mich beobachtete und auf ein Zeichen der Zustimmung oder Komplizenschaft wartete. Ich merkte, dass mir vor Wut die Hände zitterten. Ich ließ das Zaumzeug los und drehte mich um.

»Ich werde Julian nicht zu etwas überreden, von dem ich nicht überzeugt bin«, sagte ich mit so harter Stimme, wie ich sie ihm gegenüber noch nie angeschlagen hatte. »Lass diese Leute selbst mit ihm sprechen. Warum tun sie es eigentlich nicht? Schämen sie sich? Oder sind sie nur feige?«

Er schnappte nach Luft. Meine Antwort war deutlich genug, sogar für ihn. Es gab weniges, was diesen eitlen Rohling mehr beleidigt hätte.

Ich kehrte ihm den Rücken zu und tätschelte mein Pferd, um mich zu beruhigen.

Es war niemand in der Nähe. Vermutlich wusste er das genau, denn er war gerissen wie ein Straßendieb. Wollte er mich aushorchen oder prüfen? Wie auch immer, er konnte es nachher mühelos abstreiten.

Er trat noch einen Schritt näher.

»Pass auf dich auf, Drusus«, raunte er mir ins Ohr, so nah, dass ich seinen warmen Atem spürte. »Hier gibt es keine Feiglinge.«

Mehr sagte er nicht. Er hatte nicht bekommen, was er gewollt hatte. Nachdem er noch einen Moment lang drohend bei mir stand, zog er brummend ab.

Als er fort war, dachte ich nach. Ich bereute nicht, was ich gesagt hatte. Aber ich hatte mich von meiner Wut überwältigen lassen, und ich hatte seine Verstellung aufgedeckt.

Es war zu spät, um in diesem Jahr noch über das Gebirge nach Thrakien zu marschieren. Julian ließ eine starke Garnison am Succi-Pass zurück und begab sich für den Winter nach Naïssus. Dort machte er sich daran, an die Städte des Reiches zu schreiben und sich für sein Vorgehen gegen Constantius zu rechtfertigen. Er gab sich große Mühe mit den Formulierungen, da er glaubte, die Städte würden ihn unterstützen, sobald sie die Wahrheit kannten. Weder Eutherius noch Oribasius waren überrascht, als keine oder nur ausweichende Antworten kamen. Der römische Senat schrieb sogar, Julian solle dem Mann, dem er so viel zu verdanken habe, mehr Respekt entgegenbringen.

»Und was meinen sie, wie viel Respekt ich dem Mörder meines Vaters entgegenbringen soll? Oder haben sie das vergessen?«, fragte Julian.

Eutherius verdrehte die Augen, blickte an die gewölbte, mit Lapislazuli verzierte Decke und sagte: »Ach, der Senat! Unter dem Deckmantel von Prinzipien liegt reiner Eigennutz. Sie glauben, sie könnten sich mit ihrem zahnlosen Biss bei Constantius einschmeicheln. Aber wenn Aquileia fällt, werden die Senatoren über ihre eigenen Füße stürzen wie eine Herde verschreckter Schafe, weil sie gar nicht hastig genug zu dir überlaufen können.«

»Solche Freunde nützen mir nichts! Wo ist ihre altberühmte Würde? Wo ist die Achtung vor ihrem Amt, die Achtung vor den bedeutenden Männern, in deren Fußstapfen sie laufen?«

»Vergangen, mein lieber Julian, alles vergangen. Angst und Speichelleckerei verändern die Menschen. Ihre Würde ist seit Langem dahin. Sie sind Kriecher, die den Boden küssen, auf dem der Kaiser wandelt.«

Doch eine Stadt sicherte ihre Unterstützung zu – sein geliebtes Athen, und das machte alles andere wett.

Den Winter über befasste er sich mit Regierungsgeschäften, die ihm stets am Herzen lagen.

Wie in Gallien hatte Constantius den Illyrern lastende Steuern auferlegt, die sie nicht zahlen konnten. Julian hob die Steuern auf, und diesmal gab es deswegen keine Auseinandersetzungen mit Bürokraten. Constantius und vor ihm Constantin hatten alle Macht an sich gezogen. Julians Absicht war es dagegen, den Städten ihre Freiheit zurückzugeben. Er wollte ihnen erlauben, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln und ihre Geldmittel zu beschaffen, wie sie es für richtig hielten. »Wie kann ein Mann stolz sein, wenn er nicht sein eigener Herr ist?«, sagte er immer wieder. »Und was für den Einzelnen gilt, gilt auch für Städte. Sie kennen ihre Bedürfnisse besser als die fernen Beamten des Hofes.«

Zur selben Zeit verkündete er Maßnahmen, die die Bürger ermutigen sollten, wieder den Stadträten beizutreten; er ordnete an, die Theater, Bibliotheken, Basiliken und Bäder wieder zu öffnen; er gab Mittel frei, um die verfallenden Aquädukte instand setzen zu lassen, die die Städte mit Wasser versorgten und erbaut worden waren, als die Menschen noch an die Idee Roms glaubten.

Der Winter schritt voran. In Naïssus wehte ein eisiger Wind von den Bergen durch das Flusstal, und wir froren in der vergoldeten Pracht von Constantius’ Palast. Die hohen, luftigen Räume waren gebaut, um in der Sommerhitze für Kühle zu sorgen, nicht um Kälte fernzuhalten.

Die Belagerung Aquileias zog sich hin. Irgendwie machte sich die Ansicht breit, Julian habe sich übernommen; er hätte die zwei Legionen Lucillians lieber umbringen sollen, als sie in den Westen zu schicken. Das waren törichte Gedanken, doch sie hielten sich so hartnäckig wie ein Winterfieber. Marcellus hörte sie zuerst von Rufus, den er so oft wie möglich mit Aufgaben betraute.

»Er redet, als wären wir schon besiegt«, sagte er, als er mir davon erzählte.

Ich zuckte die Achseln. »Spricht da Nevitta aus ihm oder er selbst?«

»Wie soll man das wissen? Ich nehme an, er hat es von Nevitta, wie das meiste.«

Nevitta konnte keine Ruhe geben. Den Winter über hielt er sich mit sinnlosen Dingen beschäftigt und warf seinen Untergebenen Trägheit vor, wenn sie nicht das Gleiche taten. Ob er es dabei meinetwegen besonders auf Marcellus abgesehen hatte, war mir nicht ganz klar. Jedenfalls schickte er ihn mit allen möglichen Aufträgen aus – ließ ihn im Hochland bei bitterer Kälte Übungen abhalten oder Kuriere mit Depeschen zum Succi-Pass oder nach Serdica eskortieren, das auf halber Strecke lag.

Als ich begriff, was Nevitta tat, erzählte ich Marcellus von dem Unheil verkündenden Gespräch im Stall. Ich hatte ihn nicht damit belasten wollen, doch da ich nun Nevittas kleinliche Bosheiten sah, schloss ich, dass ich die Ursache war.

»Ja«, sagte Marcellus stirnrunzelnd, »aber lass ihn so weitermachen und halte dich von ihm fern. Er stiftet nur Unruhe. Er mag sich wie ein König kleiden, aber unter seinem Pelz und dem Geschmeide steckt ein Krämergeist.«

Ich fragte ihn, wie er das meinte.

»Er kümmert sich nur um sich selbst, dabei kennt er sich nicht einmal genügend, um zu wissen, was für ihn gut wäre. Ich fürchte, am Ende strebt er nur nach Macht und Reichtum. Alles andere, was Julian etwas bedeutet, wie Weisheitsliebe, ein harmonischer Geist oder die Kunst des Regierens, geht über seinen Verstand. Nun, du hast gesehen, wie er weghört, sobald Julian von solchen Dingen spricht. Im Grunde ist er ein Plünderer. Er hat kein Verständnis für die Tugenden eines Staatsmannes.«

Dann, an einem kalten, windigen Morgen, kam Rufus zu meinem Erstaunen in mein Arbeitszimmer – einen hallenden, lächerlich großen Raum mit Malachitsäulen und vergoldeten Kapitellen, in den leicht hundert Mann gepasst hätten.

Ich sprach gerade mit einem jungen Offizier namens Ambrosius, um alles für eine Lieferung Wintervorräte an die Garnison am Succi-Pass zu veranlassen. Ich war mit Marcellus zu einem Ausritt verabredet. Er hatte sich endlich ein paar Tage Urlaub gesichert, und wir wollten zusammen zum Pass hinauf.

Rufus wartete unruhig neben der Flügeltür, bis ich mit Ambrosius fertig war. Ich rief ihn herein und fragte, wie es ihm gehe.

»Ich habe mich gefragt, wer den Versorgungszug zum Succi hinaufbringt«, sagte er und blickte dabei auf einen Korb mit Schriftrollen, der auf meinem Schreibpult stand.

»Marcellus und ich. Warum fragst du?«

»Ich habe Marcellus am Stall getroffen. Er muss mit einem Trupp in die Berge.«

»Weißt du das genau? Er hat nichts dergleichen erwähnt.«

»Ja, Drusus, es kam überraschend. Ein Befehl von Nevitta. Es ist etwas Dringendes. Er wird ein paar Tage fort sein. Er hat mich gebeten, es dir zu sagen.«

Ich zuckte die Achseln und verfluchte Nevitta im Stillen. »Gut«, sagte ich, »dann muss ich allein gehen.« Ich dankte ihm, dass er es mir ausgerichtet hatte.

Doch anstatt zu gehen, blieb er stehen und wirkte dabei steif und förmlich. Seit dem Morgen in den Thermen hatte er nicht mehr mit mir gesprochen.

Ich legte die Papiere beiseite. »Ist noch etwas?«, fragte ich und klang dabei wohl ziemlich kühl. Deshalb lächelte ich ihn an, um ihm sein Unbehagen zu nehmen.

»Ich habe mir überlegt, dass ich mitreiten könnte, da Marcellus nun nicht zur Verfügung steht«, sagte er und errötete leicht. »Nevitta erlaubt es, und ich habe nichts anderes zu tun.«

Ich schaute ihn überrascht an. »Ja … ja, gewiss. Aber bist du entsprechend vorbereitet? Wir reiten schon am Mittag.«

»Ja.«

»Also gut, abgemacht. Geh mit Ambrosius und kümmere dich um den Maultierzug.« Dann fügte ich hinzu: »Es freut mich, dass du mitkommst.«

Er nickte ernst, drehte sich um und eilte davon.

Kurze Zeit später ritten wir unter grauem Himmel durch das Flusstal und in die Vorberge des Haemus.

Rufus war höflich, wenn er mit mir sprach, ansonsten aber sehr still. Ich überließ ihn seinen Gedanken. Seine Schimmelstute war lahm; deshalb ritt er einen kräftigen Falben wie die einfachen Soldaten, und das Tier war genauso mürrisch wie er.

Doch ich sagte mir, dass es gut für ihn sei, mitzukommen. Seine Laune würde sich bald bessern.

Wir erreichten den Pass ohne Zwischenfall. Am Abend, als wir beim Essen saßen, erwähnte der Garnisonshauptmann, ein junger Mann, der mit mir in Gallien gekämpft hatte, dass einer seiner Späher Bewegungen gemeldet habe. »Wahrscheinlich nur Hirten aus dem Umland«, meinte er. »Wir sehen sie oft entlang der Wege. Manchmal kommen sie ans Tor, um uns eine Ziege oder ein Schaf zu verkaufen.«

Rufus schien begierig zu sein, den Pass zu sehen, und sagte: »Wir sollten der Sache morgen selbst nachgehen.«

»Ja, warum nicht?«, sagte ich. So machten wir uns am nächsten Morgen nach einem guten Frühstück bei dem Hauptmann und seinen Männern zu zweit auf den Weg und stiegen zwischen den Bäumen zu dem felsigen Gipfel hinauf.

Über Nacht waren die Wolken fortgezogen. Der Morgen war klar und kalt, und es roch nach Kiefern. Hoch oben schwebte ein Adler am Himmel und hielt nach Beute Ausschau.

Wir stapften schweigend voran und hörten nur die eigenen Schritte und das Säuseln des Windes in den Zweigen. Ich drängte Rufus kein Gespräch auf, sah ihn vor sich hin brüten und spürte, dass er etwas zu sagen hatte. Ich wollte warten, bis er zu reden bereit war.

Es dauerte nicht lange, bis die Kiefern sich ausdünnten und wir auf eine felsige Lichtung gelangten, von der man in die steile Schlucht blicken konnte. Ich blieb stehen und schaute über den endlosen Himmel. Mir war klar gewesen, dass hier oben keine feindlichen Soldaten lauerten; ich hatte zum Vergnügen hier hinaufsteigen wollen. Auf Berggipfeln fühlte ich die Gegenwart der Götter, und nun kehrte der Optimismus zurück, den ich in Julians Beisein empfunden hatte; die ganze Welt schien voller Möglichkeiten und Verheißungen zu sein.

Ich atmete tief die kalte Luft ein. Von irgendwoher war ein Wasserfall zu hören, und weit unten pfiff der Wind durch die Schlucht. »Das ist eine prachtvolle Aussicht«, sagte ich zu Rufus, der hinter mir stand. »Siehst du dort die Stadt am Fluss? Das ist Philippopolis, und dahinter liegt Thrakien, das bis ans Meer und nach Konstantinopel reicht.«

»Ich habe etwas gehört!«, sagte er plötzlich.

»Wahrscheinlich nur ein Vogel oder ein Luchs.«

»Nein, da unten in der Schlucht.«

Ich trat einen Schritt näher an den Rand und schaute, während ich mich über seine angespannte Stimme wunderte. Unter mir sah ich nur dichte Bäume und Felsspalten mit Schnee darin. Ich wollte ihm sagen, er solle sich keine Sorgen machen, doch er entfernte sich schon und meinte: »Wir brauchen nur ein kleines Stück weiterzugehen, dann können wir besser hinunterschauen.«

Widerstrebend wandte ich mich von der Aussicht ab und folgte ihm.

»Hier entlang!«, rief er einige Schritte vor mir und verschwand hinter einem Felsen.

Ich weiß noch, wie ich mich wunderte, weil er mit einem Mal unternehmungslustig wirkte. Halb im Scherz rief ich ihm nach: »Wo bleibt deine Ausbildung, Rufus? Du hast nicht einmal dein Schwert gezogen.«

Dummerweise hatte ich meines auch nicht gezogen. Hinter der Felsschulter kam ein dichtes Gebüsch. Rufus war nicht zu sehen. Ich ging noch einen Schritt und rief nach ihm.

Plötzlich nahm ich eine schnelle Bewegung wahr; dann drückte sich etwas Spitzes an meinen Rücken. Ich brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass es eine Klinge war.

»Es tut mir leid, Drusus, aber es geht nicht anders«, sagte Rufus.

Dann rief er laut, und aus der Deckung des Gebüschs kamen Männer mit Speeren hervor und umringten mich.