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Sie hielten mich mit ihren Waffen in Schach wie ein gefährliches Tier. Die Klingen blinkten in der Sonne, die schräg durch die Kronen der Kiefern fiel.
Ich konnte nicht begreifen, was geschehen war.
Einer der Männer stieß mich energisch mit der Speerspitze an. »Lass dein Schwert fallen«, sagte er.
Ich gehorchte, zog es aus der Scheide und ließ es fallen. Die Männer trugen die Uniformen unseres Reiches und einige Abzeichen, die ich nicht kannte. In meiner Verwirrung dachte ich zunächst, sie wären von unserer Garnison, aber das war ein Irrtum.
»Dein Messer auch«, sagte Rufus und trat von hinten an mich heran, »dein Jagdmesser, das in deiner Tunika versteckt ist. Das Messer, das du von Marcellus bekommen hast.«
Ich blickte ihn finster an; dann zog ich das Messer hervor und warf es hin. Bis dahin hatte ich benommen reagiert, wie jemand, der aus dem Schlaf gerissen wird und nicht weiß, wo er ist. Doch jetzt begann mein Verstand zu arbeiten, wenn auch zu spät.
»Du hast das eingefädelt«, sagte ich zu Rufus. »Warum? Was habe ich dir getan?«
In plötzlicher Wut rief er: »Jetzt wirst du selbst sehen, wie es ist, wenn man alles verliert, was zählt.«
Ich schüttelte den Kopf. Die Soldaten starrten uns an.
»Das ist nicht bloß dein Werk«, sagte ich. »Wer hat dir geholfen?«
»Keiner!«
Doch er konnte meinem Blick nicht standhalten und wandte die Augen ab. »Wir werden nicht gewinnen, das sieht jeder. Wir können nicht gewinnen.«
»Das klingt ganz nach Nevitta.«
»Oh, ich kann selbst denken.«
»Na schön.« Ich deutete mit dem Kinn auf die Speere. »Worum geht es?«
»Das wirst du früh genug sehen. Er hat mir gesagt, es wird eine Einigung geben, wenn ich dich zu ihm bringe.«
»Wer hat das gesagt? Nevitta?«
»Nein! Ein mächtiger Mann, ein Gesandter des Kaisers.« Seine Stimme schwankte, denn er war überreizt und aufgewühlt. Kurz starrte er mich an, dann sagte er zu meinem Entsetzen: »Es ist sein persönlicher Agent, der Notar Paulus. Er sagt, er will nur Frieden.«
Ich blickte ihm in die Augen. »Bei den Göttern, Rufus, begreifst du, was du getan hast? Dieser Mann ist mein größter Feind. Er ist ein Foltermeister und Mörder, und wenn er mich haben will, dann nur, damit er mich töten kann. Man hat dich betrogen. Er will weder Frieden schließen, noch will er eine Einigung. Er hat dich benutzt …«
Der Anführer der Soldaten brachte mich mit einem Speerstoß zum Schweigen. Rufus stieß ein gezwungenes Lachen aus. »Was denn? Hat der tapfere Drusus Angst? Sieht man jetzt den wahren Mann hinter den hehren Worten?«
Ich ging nicht darauf ein. Meine Gedanken waren bereits auf meine Flucht gerichtet. Mir war klar, was der Notar tun würde, sobald er mich in die Finger bekam.
Die Soldaten wussten es ebenfalls. Sie fesselten mich straff mit geflochtenen Lederschnüren und führten mich weg. Wir kamen an einem Toten vorbei, der zwischen den Bäumen lag. Ich erkannte ihn. Es war einer der Späher der Garnison. Er musste der Meute in die Arme gelaufen sein.
Wir gelangten zu einem versteckten Lager, wo Pferde standen. Ich wurde verschnürt wie ein Hirsch, und wir passierten die Schlucht und begannen den Abstieg nach Thrakien.
Nachdem die Männer stundenlang über gewundene Bergpfade gestapft waren, erreichten wir in den Ausläufern des Gebirges ein befestigtes Lager, von wo man über die Ebene schauen konnte. Dort standen mehrere Soldatenzelte; in der Mitte erhob sich ein Pavillon mit der Flagge des Kaisers auf dem Dach. Ich betrachtete den Pavillon düster, da ich erriet, wer sich darin aufhielt.
Unterwegs hatte ich die üblichen Listen ausprobiert. Ich hatte gerufen, ich müsse mich erleichtern; ein andermal hatte ich geklagt, meine Fesseln säßen zu stramm und dass ich keine Luft bekäme, und ob sie dem Notar etwa eine Leiche bringen wollten.
Daraufhin hatten sie meine Fesseln flüchtig geprüft. Doch sie waren keine gemeinen Soldaten, und derlei Täuschungsversuche waren ihnen bekannt. Kein Wunder, dachte ich, wenn sie für den Notar arbeiteten. Sie hatten gewiss schon so manchen um Gnade flehen hören. Nachdem ich diesen Gedanken in ihren harten Gesichtern bestätigt sah, ließ ich davon ab, mich durch Rufen und Betteln weiter zu erniedrigen. Es würde zu nichts führen. Ich versuchte, nicht daran zu denken, was mich erwartete.
Schließlich wurde ich von dem Lastpferd abgeladen. Sie banden mir die Füße mit Lederriemen zusammen. Da hat mich wohl jemand als gefährlich eingestuft, dachte ich mit grimmiger Befriedigung und fragte mich, ob sie mich auch knebeln würden. Aber das taten sie nicht.
Nachdem meine Bewacher zufrieden waren, sollte ich zum Pavillon gebracht werden.
Die ganze Zeit hatte Rufus unruhig dabeigestanden und auf der Unterlippe gekaut. Jetzt wurde er von dem Anführer des Trupps scharf angefahren: »Du kommst mit!«
Beinahe wäre er zurückgewichen. »Ich? Aber warum?«
»Weil er es verlangt«, antwortete der Mann schroff. Alle wussten, was Rufus getan hatte, und kein Soldat hat etwas für Verräter übrig.
Dann gingen wir auf den Pavillon zu: Rufus, der sich unbehaglich umschaute, und ich, gefesselt wie ein Tier und mit einer Schwertspitze im Rücken. Der dunkle Eingang kam mir vor wie der Schlund der Hölle. Es war ein kalter, klarer Tag. Drinnen, zwischen dem dicken Leder der Zeltbahnen, war es düster. In einer Ecke glühten Kohlen in einem Eisenkorb. Es gab einen aufgebockten Tisch und einen Stuhl. Auf diesem Stuhl saß der Notar, reglos wie eine Katze.
Er saß halb vom Eingang abgewandt. Zwischen seinen langen Fingern hielt er einen Griffel. Die Zeltwache hatte uns angekündigt, doch der Notar setzte einen Augenblick lang seine Arbeit an dem Dokument fort, das vor ihm lag. Dann legte er den Griffel mit pedantischer Sorgfalt in einen Ständer aus geschnitztem Elfenbein, schob langsam den Stuhl zurück und erhob sich.
Er musterte mich von oben bis unten, besonders die Schnüre und Lederriemen. Paulus trug eine eng anliegende Filzkappe zum Schutz gegen die Kälte und ein langes, weites Gewand aus schwarzer Wolle. Zwar zeigte er kein triumphierendes Lächeln; dennoch sah ich die Genugtuung in seinem grauen Gesicht.
Sein Blick schwenkte zu Rufus, und ich fühlte, wie er neben mir erschrak. Offensichtlich hatte er mit dem Notar noch nicht persönlich zu tun gehabt.
»Wo ist der andere?«, fragte Paulus.
Rufus schluckte hörbar.
»Es war zu schwierig, sie beide zu schnappen«, antwortete er in flehendem Ton, machte einen Schritt auf Paulus zu und breitete die Hände aus wie ein Bittsteller. »Aber das ist der, den du am dringendsten wolltest … der Mann sagte, dieser sei der Wichtige.«
Der Notar blickte ihn kalt und abschätzend an, sah seine Schwäche und seine Angst. Das Schweigen zerrte an Rufus’ Nerven. Er setzte zum Sprechen an. »Aber ich …«
Scharf wie eine Peitsche schnitt der Notar ihm das Wort ab. »Ich habe beide verlangt, doch du bringst mir nur einen! Nun wird der eine genügen müssen. Geh jetzt! Verlass das Lager. Draußen wird man dir Gold geben, oder was immer du willst.«
Er wartete, bis Rufus davongeeilt war. Dann drehte er sich um. Mit seltsam präzisen Schritten ging er zu dem Feuerkorb mit den glühenden Kohlen. Die Hitze hatte auch das Eisen zum Glühen gebracht.
Kurz hielt er inne und schien sich die Hände zu wärmen. Dann zog er aus der unteren Hälfte des Korbes, wo die Glut am heißesten war, bedächtig eine Eisenstange heraus und hielt sie in die Höhe. Am einen Ende war sie gebogen wie das Hufmesser des Beschlagmeisters, am anderen Ende befand sich ein abgeschirmter Griff, sodass der Benutzer sich selbst nicht versengte.
»Hast du gedacht, ich würde es vergessen?«, sagte er und drehte sich zu mir um. »Ich vergesse nichts und niemanden. Meine Feinde entkommen mir nicht.«
»Ich hatte Besseres im Kopf.«
»Ach ja, deinen Philosophensohn«, meinte er amüsiert. »Julian. Auch so ein junger Dummkopf, der bald vernichtet wird.«
Er drehte das Werkzeug hin und her und betrachtete es eingehend wie ein Edelsteinschleifer einen kostbaren Stein.
»Ich spüre deine Angst«, sagte er mit seiner geschmeidigen Stimme. »Ich kann sie riechen.«
»Du bist ein Ungeheuer.«
»Ich bin ein Künstler. Und ich bin mächtig. Weißt du, warum? Aber nein, wie solltest du? Du verstehst die Gründe der Macht ja gar nicht. Ich bin mächtig, weil die Mächtigen mich brauchen. Ich bin notwendig. Die Schwachen und Wählerischen wenden den Blick ab. Das ist meine Stärke. Ich bin stark, wo sie nicht hinzuschauen wagen.«
»Und das hat dich zu dem gemacht, was du bist«, erwiderte ich. »Es bereitet dir Lust, und hinterher suchst du nach Worten, um diese Lust zu rechtfertigen. Du bist verdorben. Kein Mensch kann tun, was du tust, ohne dass sein Verstand leidet. Nur Tyrannen brauchen Kreaturen wie dich.«
Vermutlich hatte er erwartet, dass ich um mein Leben flehe, und bestimmt gab ihm selten eines seiner Opfer Widerworte; ich konnte es an seinem Gesicht erkennen. Die Züge um seinen Mund hatten sich verhärtet. Kurz blieb er still; dann riss er mit einer plötzlichen Drehung die glühende Eisenstange hoch und schlug sie mir auf den Oberarm.
Ich schrie auf. Mit zusammengebissenen Zähnen sagte ich: »Willst du damit dir oder mir etwas beweisen?«
»Wie simpel du denkst«, murmelte er. »Ich habe schon viel Stärkere als dich erniedrigt. Glaubst du wirklich, du kannst mir mit deiner aufgesetzten Tapferkeit widerstehen? Ich werde dir deine Würde Schicht um Schicht abziehen, wie eine Haut, und du wirst um den Tod flehen, lange bevor ich mit meiner Arbeit fertig bin. Du ahnst nicht, wie langsam die Zeit vergehen kann.«
Mein Mund war trocken. Ich schluckte. Er beobachtete es lächelnd.
»Dann fang an«, sagte ich.
»Oh ja, das werde ich, aber nicht hier.« Er legte die Eisenstange weg. »Es gibt dringende Angelegenheiten. Wir werden bis Konstantinopel warten, wo ich meine Werkstatt habe. Dort sollst du das ganze Ausmaß meiner Kunst erleben … Wachen, bringt ihn hinaus!«
Ich wurde in einen Käfig auf Rädern gesteckt und angekettet wie ein wildes Tier. Als klar war, dass ich nicht hier und jetzt getötet werden sollte, warf mir einer seiner Henkersknechte eine alte Decke zu und gab mir einen Teller Bohnensuppe.
Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang brachen wir auf und zogen in die Ebene Thrakiens hinunter, die Soldaten im Sattel und der Notar in einem geschlossenen Wagen. Rufus sah ich nirgends.
Wir kamen nach Philippopolis und verbrachten die Nacht in einer Kaserne am Stadtrand. Die Kaserne war so gut wie leer; vermutlich war dies in ganz Thrakien so, bis nach Konstantinopel. Auf Julians Schnelligkeit war der Kaiser nicht vorbereitet gewesen.
Für mich war diese Erkenntnis nutzlos. Meine Bewacher gingen kein Risiko ein. Zweifellos wussten sie, was ihnen blühte, wenn sie in den Augen des Notars versagten.
Ich stellte fest, dass ich von meiner Umgebung jede Kleinigkeit wahrnahm – die Schwalbenschwärme am Abendhimmel, den Schrei des Habichts im Morgengrauen. Ich dachte an den Tod und an die Götter und an Marcellus, den ich nicht wiedersehen würde. Es würde etliche Tage dauern, bis er mein Verschwinden bemerkte, und dann gäbe es keinen Hinweis, wohin ich gegangen sein könnte. Rufus – oder vielmehr sein Anstifter – hatte es klug eingefädelt, als er Marcellus in die Berge geschickt hatte. Ich sah ihn schon die Felsklüfte absuchen, in dem Glauben, ich sei hineingestürzt, und das quälte mich.
Wir reisten weiter auf der Militärstraße entlang des Hebrus.
Bei Hadrianopel kam ein Mann in der Kleidung eines Beamten zu uns und fragte laut und wichtigtuerisch nach dem Notar. Ich konnte nur wenige Worte aufschnappen. Als mein Bewacher mir das nächste Mal Wasser und Essen unter den Gitterstäben durchschob, fragte ich ihn, was der Mann gewollt hatte.
»Nichts, was dich betrifft«, antwortete er im Weggehen. »Regierungsgeschäfte. Halt jetzt den Mund.«
Kurz darauf sah ich den Notar als geschmeidige Silhouette im Schein der Fackeln mit dem Beamten davoneilen. Mein Instinkt sagte mir, dass da etwas Unvorhergesehenes im Gange war. Andererseits war in Gegenwart des Notars niemand ohne Anspannung. Als ich Paulus dann zurückkommen sah und alles weiterging wie bisher, war ich sicher, mich einer falschen Hoffnung hingegeben zu haben, die mein Urteilsvermögen trübte.
Tagsüber redete ich mir ein, ich könne die Folter durchstehen, doch wenn es dunkel wurde, wusste ich, dass das Einbildung war. Selbst meine Bewacher behandelten mich mit respektvoller Furcht und wichen meinem Blick aus, als wäre ich ein schlechtes Omen, ein Vorbote finsterer Schrecken, den man besser von sich fernhielt.
Am nächsten Morgen ging es weiter über eine Zypressenallee zwischen Obstplantagen. Es war noch früh. Ein großer Mond stand tief am wolkenlosen Morgenhimmel. Ich saß gegen die Gitterstäbe meines Wagens gelehnt und dachte an Julian, der einmal gesagt hatte, dass die Himmelskörper ein Abbild der unsichtbaren Götter seien, das unseren Geist berühren kann. An diesem Morgen kam Ruhe über mich, und für eine kurze Weile hellte sich meine Stimmung auf trotz meiner elenden Lage, und ich wusste, dass die Welt des Notars eine Lüge war, trotz all seiner Macht, zu quälen und Schmerz und Tod zu bringen. Seine Welt war das abartige Bruchstück einer Idee, schrecklich und falsch.
Während dieser Gedanken hielt ich den Blick in die Umgebung gerichtet. Ein Stück entfernt kam ein alter Mann mit einem Maultierzug, der mit Körben und Amphoren beladen war, auf einem Seitenweg von den Hügeln herab. Er blieb stehen und betrachtete uns müßig, bis sein Blick an mir hängen blieb. Sein Gesicht war runzlig wie die Rinde einer alten Zeder, doch seine Augen waren voller Kraft und Leben; das spürte ich selbst aus der Entfernung. Unwillkürlich hob ich lächelnd die Hand. Er nickte mir ernst zu; dann blickte er in eine andere Richtung, streckte den Arm aus und zeigte auf irgendetwas.
Ich drehte mich um. Auf der Straße vor uns, aus Richtung Konstantinopel, näherte sich eine Abteilung Reiter auf edlen kappadokischen Pferden mit roten Satteldecken und glänzendem Zaumzeug. Die Männer trugen Uniform, doch der Mann an der Spitze des Zuges war gekleidet wie der Notar, ganz in Schwarz.
Er gab uns ein Zeichen, anzuhalten, und fragte nach Paulus. Der streckte den Kopf aus dem Wagen; dann zogen sich beide Notare ins Innere zurück. Ich konnte nicht verstehen, was sie besprachen, doch einmal drangen erregte Worte aus dem Wagenfenster, und ich hörte Paulus schreien: »Was! Muss das jetzt sein?«
Schließlich stiegen beide mit verkniffenem Gesicht aus dem Wagen. Der Besucher ließ den Blick über meine berittenen Bewacher schweifen bis zu dem Wagen, in dem ich saß. »Ich werde den Gefangenen mitnehmen«, sagte er. Doch Paulus fuhr ihn schroff an: »Nein, er bleibt bei mir.«
Ob der andere Notar ihm untergeordnet war, ließ sich nicht erkennen, doch er war sichtlich eingeschüchtert oder fürchtete Paulus gar.
»Wie du wünschst«, sagte der fremde Notar nach kurzem Stocken.
Meine Bewacher öffneten das große Vorhängeschloss des Käfigs und befahlen mir, herauszukommen, ignorierten mich aber, als ich fragte, was los sei. Nur der, der mir am Abend das Essen gebracht hatte, raunte hinter mir: »Der Notar muss sofort nach Asien reisen, zum Kaiser.«
»Und ich?«
Er zuckte die Achseln. »Du gehst mit ihm.«
Danach wurde ich gefesselt, aber ein wenig lockerer, denn von nun an sollte ich reiten, da der Käfigwagen zu langsam war.
Wir nahmen die Straße nach Süden und folgten weiter dem Hebrus. Bei allem spürte man die Dringlichkeit, aber auch noch etwas anderes, das mir nicht recht deutlich wurde – Angst vielleicht oder eine Vorahnung, das Gefühl, dass etwas Folgenschweres hinter dem Horizont wartete, von dem nur die beiden Notare wussten. Paulus jedenfalls war nachdenklich und ungeduldig, und ich war fast vergessen, obwohl er von der Spitze des Zuges oft Anweisung gab, meine Fesseln zu prüfen und dass zwei Männer mich in die Mitte nehmen sollten, um mich zu bewachen.
Schließlich erreichten wir die Mündung des Hebrus und das Meer. Dort wartete ein schnelles Schiff auf uns. Während unserer hastigen Einschiffung konnte ich einige Gespräche belauschen und erfuhr, wohin es gehen sollte: nach Tarsus, wo der Kaiser auf seinem Weg von Antiochia nach Konstantinopel eine Rast einlegte. Doch warum der Notar so dringend gebraucht wurde, erfuhr ich nicht. Dem Kapitän wurde höchste Eile befohlen, und drei Tage lang fuhren wir nach Südosten an den Inseln vor der bewaldeten Küste Kleinasiens vorbei.
Als Knidos hinter uns lag, wo wir die dritte Nacht verbracht hatten, drehte der Wind, und durch das kleine vergitterte Fenster meiner Zelle im Frachtraum sah ich lange Finger dunkelgrauer Wolken von Süden ausgreifen. Bald begann das Schiff zu schlingern, und ich hörte die Rudersklaven rufen, dass das Wasser durch die Pforten drang. Doch die Geschwindigkeit wurde nicht verringert.
Bald hörte ich Schritte auf der Leiter, und der Kapitän erschien auf den Stufen. Kurz blieb er stehen, um mich neugierig zu mustern; dann kam er und schaute durch die Gitterstäbe meiner Zelle.
Als man mich an Bord gebracht hatte, war er mir gleich aufgefallen. Er war ein rauer, erfahrener Seemann, wie ich sie als Knabe oft gesehen hatte, wenn ich mit meinem Onkel in London in den Hafen gegangen war, ein Mann, der sein Geschäft verstand und nur sprach, wenn es nötig war. Ich hatte gleich bemerkt, dass er das herrische Auftreten des Notars nicht mochte.
Nun sagte er: »Der Notar meint, du bist gefährlich. Stimmt das?«
»Nur für meine Feinde«, antwortete ich.
Nach einem weiteren abschätzenden Blick fragte er, was ich getan hätte, um den Kaiser zu verärgern. Als ich es erzählte, sagte er: »Es heißt, dass Julian die alten Götter verehrt, obwohl er zum Christen erzogen wurde.«
»Das ist wahr. Die Götter sind zeitlos. Kein kaiserliches Edikt kann sie aus der Welt schaffen.«
Ich erntete einen Blick, der seine Zustimmung ausdrückte. Er hatte Respekt vor den Göttern, wie alle Seeleute. Er hatte genug erlebt, um zu wissen, dass der Mensch die Natur nicht zähmen kann wie ein Pferd mit der Peitsche.
Da er sich nicht abgewandt hatte, fragte ich: »Werden wir in einen Sturm geraten?«
»Möglich – in dieser Gegend kommen Stürme wie aus dem Nichts.« Er schien kurz zu überlegen; dann schloss er meine Zelle auf. »Am besten, du kommst an Deck, mein Freund. Dort bist du sicherer.«
Der Notar stand auf der anderen Seite an der Reling und schaute zornig über die aufgewühlte, bleigraue See. Als er mich bemerkte, schnauzte er: »Warum ist der Gefangene an Deck?«
»Sicherheitshalber«, antwortete der Kapitän mit einem Hauch von Trotz. »Du hast gesagt, er ist wichtig.«
In diesem Moment schlingerte das Schiff. Die Riemen kamen aus dem Wasser, und vom Ruderdeck hörte ich die Männer schreien und fluchen. Der letzte Sonnenstreifen verschwand hinter grauen Wolken. Das Schiff fuhr langsamer.
»Sag ihnen, sie sollen schneller rudern«, verlangte der Notar.
»Ob schnell oder langsam, durch Luft kann man nicht rudern. Ich weiß nicht, wo deine Fähigkeiten liegen, ich jedenfalls verstehe mich auf Seefahrt, und ich sage dir, dass wir bei diesem Seegang den Kurs ändern müssen, sonst sinken wir. Wir werden in Rhodos einlaufen und warten, bis der Sturm sich verzogen hat.«
Der Notar bedachte den Kapitän mit einem kalten, drohenden Blick, da ihm dessen Tonfall nicht passte. Als das Schiff sich auf die Seite legte, musste er sich an der Reling festhalten.
»Also gut. Dann tue, was nötig ist.« Und damit wandte er sich ab.
Obwohl er sich sehr beherrschte, konnte Paulus seine Angst nicht ganz verbergen. Beinahe hätte ich gelacht. Fürchtete er doch den Tod, dieser Mann, der ein grausames Ende zahlloser Menschen herbeigeführt hatte?
Beim letzten Streifen Abendrot liefen wir in den Hafen von Rhodos ein. Ich wurde an Land gebracht und in einen kleinen Wehrturm hinter der Werft gesperrt. Vom Notar sah ich nichts. Im Laufe des Abends kam einer der Matrosen mit einer Schale Fischsuppe und einem halben Brotlaib zu mir. Er war freundlich, darum dankte ich ihm und sagte: »Du könntest glatt vergessen, hinter dir abzuschließen.«
Doch er schüttelte den Kopf und erklärte, dass ringsumher Wachen postiert seien. »Hier wird niemandem getraut«, sagte er. »Iss deine Suppe.«
Der Sturm hielt drei Tage an. In meiner Zelle hörte ich die Brecher an die Hafenmauer krachen. Als wir wieder ausliefen, war der Notar spürbar ungeduldig. Schließlich aber gelangten wir an einem bewölkten Nachmittag in den Hafen von Tarsus mit seiner breiten Arkadenfront, den Steinwerften, Hellingen und Lagerhäusern.
Kaum hatten wir angelegt, eilte der Notar von Bord, und ich stand eine Zeit lang bewacht auf dem Kai. Der Kaiser war offenbar weitergezogen, nach Norden zur Kilikischen Pforte, dem Pass durch das Taurusgebirge, hinter dem das anatolische Hochland liegt.
Unsere Weiterreise verzögerte sich, da Männer durch die ganze Stadt geschickt werden mussten, um Transportmittel zu beschaffen. »Was ist das?«, rief der Notar, als sie mit drei abgezehrten Maultieren zurückkamen. »Muss ich mich denn um alles selber kümmern?«
Doch das riesige Gefolge des Kaisers hatte bereits sämtliche verfügbaren Pferde und Wagen mitgenommen. Und selbst diese elenden Maultiere hatten so viel gekostet wie gute Reitpferde.
Wir machten uns nach Norden auf den Weg und folgten der Straße am Kydnus. Der Notar saß auf einem der Maultiere; die zwei anderen trugen sein Gepäck, das aus Ledersäcken und verschnürten Kisten bestand. Wir anderen stapften hinter ihm her. Ich war an den Handgelenken an einen meiner Bewacher gefesselt.
Hinter den Feldern und Plantagen der Küstenebene erhob sich das Taurusgebirge in graugrünen Falten bis zu den schneebedeckten Gipfeln. Unterhalb, auf einem der fernen Vorberge rings um ein Dorf, breitete sich ein gigantischer Flickenteppich aus Zelten und Wagen aus – das kaiserliche Heerlager.
Bis wir uns ein gutes Stück genähert hatten, war es dunkel geworden. Im Lager wurden die Fackeln angezündet und loderten unter dem dunkelblauen Abendhimmel.
Wir zogen durch die Rauchschwaden tausender Kochfeuer, an Viehpferchen, Pferdekoppeln und Wagen vorbei, die mit sämtlichen Gütern des Krieges beladen waren. Überall standen Zelte; Reihe um Reihe breiteten sie sich nach allen Richtungen aus, bis das Land abfiel und sich dem Blick entzog. Es stank nach Menschenmassen, nach Kot und gebratenem Fleisch. Männer riefen einander zu, Hunde bellten, und irgendwo zwischen den Zelten spielte jemand eine langsame, klagende Weise auf einer Flöte, nicht melodisch, aber gefühlvoll.
Der Notar wirkte beunruhigt und nachdenklich. Ich hoffte, er würde mich in seiner Hast in einem der Zelte lassen oder draußen anketten, wo mir eine Flucht eher möglich zu sein schien. Doch er war nicht so sehr abgelenkt, dass er seinen Hass auf mich vergaß. Wir zogen weiter durch das Lager bis zu dem Dorf in der Mitte. Dort wurde ich in ein kleines Gebäude aus Bruchsteinen gebracht, das wie ein Brunnenhaus aussah.
Drinnen war ein Gitter in den Boden eingelassen, unter dem es stockdunkel war.
»Da rein!«, befahl mein Bewacher und zog das Gitter hoch, während ein anderer eine grobe Leiter hinabließ.
Mit zögernden Schritten stieg ich in das schwarze Loch. Die Männer zogen hinter mir die Leiter heraus, warfen das Gitter zu und gingen, während sie darüber redeten, was es zum Abendessen geben würde.
Ich spähte angestrengt ins Dunkel. Oben im Eingang brannte eine Fackel, sodass ein schwacher Schein durch das Gitter fiel, das sich eine Speerlänge über mir befand. Ich stand in einem Kellergewölbe, das wie eine Zisterne aussah. Irgendwo hörte ich Wasser tropfen. Die Luft war feucht und stank. Doch wenigstens stand kein Wasser auf dem Boden, wie ich zuerst befürchtet hatte.
Ich lauschte auf die verklingenden Schritte meiner Bewacher; dann hörte ich im Dunkeln jemanden rascheln und husten. Ich fuhr herum. Ich hatte geglaubt, allein zu sein.
»Dein Schicksal ist besiegelt«, sagte eine Männerstimme. »Du musst es annehmen.«
»Zeig dich!«, rief ich und versuchte, etwas zu erkennen.
Für kurze Zeit rührte sich nichts; dann kam eine ausgemergelte Gestalt herangeschlurft. Der Mann bewegte sich wie ein Greis, langsam und gebeugt. Doch als er den Kopf hob, sah ich, dass er gerade erst dreißig Jahre alt sein mochte.
»Es gibt kein Entkommen«, sagte er und deutete mit kraftloser Geste auf das Gitter.
»Wo sind wir hier?«
»Im Gefängnis.«
»Nein, ich meine, was war das hier vorher? Es sieht aus wie eine alte Zisterne.«
Er zuckte die Achseln. »Was spielt das für eine Rolle? Gott hat mich hierhergeführt, damit ich meinen Irrtum einsehe. Ich warte auf seine Gnade.«
Er bewegte die Finger, und ich sah in seiner Hand ein kleines bronzenes Christussymbol, das er drückte und drehte.
»Tatsächlich?« Ich musterte ihn. Seine Kleidung war schmutzig und zerrissen, doch ich konnte die Rangstreifen eines Beamten erkennen. »Nun, ich ziehe es vor, woanders darauf zu warten. Wenn das hier eine alte Zisterne ist, könnte es einen Kanal oder einen Schacht geben. Komm, mein Freund, hilf mir beim Suchen.«
Doch er blickte mich bloß erschrocken an und schlurfte davon, um sich an die Wand zu hocken wie ein Bettler auf der Straße. Dann murmelte er ein Gebet vor sich hin. Mir war klar, dass er nicht von Nutzen sein würde. Er wartete auf den Tod.
Kopfschüttelnd überließ ich ihn seiner Resignation und tastete mich an den feuchten Mauersteinen entlang. Der Boden war schlammig, doch unter dem Schlamm lag harter Fels. Trotzdem trat ich vorsichtig auf. Meine Augen hatten sich ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt, sodass ich große Pfützen erkennen konnte. Unter jeder mochte sich ein Brunnenschacht oder eine Felsspalte verbergen.
Ich folgte dem Klang des tropfenden Wassers. Nachdem ich eine Zeit lang vor jedem Schritt mit Händen und Füßen den Boden abgetastet hatte, stieß ich an einen niedrigen Mauersims. Dahinter hatte sich Wasser in einem Becken gesammelt, und die Luft roch frisch. Ich blickte nach oben.
Licht war keins zu sehen, aber als ich an der Wand hinaufgriff, ertastete ich einen schmalen gemauerten Schacht, der mit rostigen Eisenstreben versperrt war. Ich stieg auf den Sims und zog mit beiden Händen an den Stäben. Einer ließ sich bewegen, und das Knirschen hallte durch das Gewölbe.
»Was war das?«, rief mein Mitgefangener. Als ich es ihm sagte, erwiderte er: »Du wirst deine Lage nur verschlimmern.«
»Sie kann gar nicht schlimmer werden«, widersprach ich. »Denn ich bin Gefangener des Notars Paulus.«
Er gab einen Laut des Entsetzens von sich und nahm eilig sein Gemurmel wieder auf.
Es gelang mir, einen der Stäbe herauszubrechen. Während ich mit dem Nächsten beschäftigt war, rief mein Gefährte erschrocken: »Still! Die Wachen! Oh, was hast du getan! Sie haben dich gehört. Ich sagte doch, das führt zu nichts Gutem.«
Ich ließ mich leise vom Sims herab und eilte zurück unter das Einlassgitter, so schnell ich es wagte.
»Schweig still!«, zischte ich. Ich traute ihm zu, mich zu verraten.
Oben erklangen Schritte. Durch das Gitter sah ich lange Schatten unter das Dach gleiten und hörte leise Stimmen. Dann verstummten sie. Längere Zeit blieb es still.
Ich wartete. Plötzlich bewegte sich das Gitter und schwang auf. Bei schwachem Fackelschein spähten Gesichter herab, dunkle Silhouetten im Gegenlicht.
Ich schaute hinauf und beschirmte meine Augen. Was ging hier vor? Warum verhielten die Wachen sich so leise?
Dann hörte ich eine zaghafte Stimme meinen Namen flüstern. »Drusus? Bist du das?«
»Marcellus!«, rief ich aus.
Neben ihm hielt jemand die Fackel in die Öffnung, und ich sah sein ernstes Gesicht.
»Hast du gedacht, ich vergesse dich?«, sagte er. »Bei allen Göttern, du siehst aus wie eine Ratte in der Gosse.«
Er drehte den Kopf, und ich hörte ihn seine Begleiter fragen: »Wie holen wir ihn raus? Liegt da irgendwo ein Seil?«
»Eine Leiter!«, rief ich. »Sie muss ganz in der Nähe sein.«
Die Köpfe zogen sich zurück. Ich hörte Bewegung, dann senkte sich die Leiter herab.
Ich trat an die Sprossen und hielt inne. »Bist du verletzt?«, fragte Marcellus. »Warte, ich ziehe dich hoch.«
»Nein, es geht. Ich komme schon.« Ich streckte die Hand zu meinem Mitgefangenen aus. »Du steigst zuerst hinauf. Deine Gebete wurden erhört. Du kommst frei.«
Er stierte mich dumpf an, und als ich einen Schritt auf ihn zumachte, wich er wimmernd zurück und drückte seinen christlichen Talisman an sich.
»Wer ist das?«, fragte Marcellus, als ich oben stand.
Ich zuckte die Achseln. »Keine Ahnung … ein Beamter. Ein Sklave. Die Angst hat ihm offenbar den Verstand verwirrt.«
»Soll ich ihn heraufholen?«
»Er wird nicht freiwillig mitgehen. Aber lass die Leiter stehen, falls er sich doch noch anders besinnt.«
Ich schaute Marcellus und dann die Männer an, die ihn begleitet hatten. Ich kannte sie vom Sehen. Sie hatten sich mit Uniformen einer der östlichen Legionen getarnt. »Wie habt ihr mich gefunden?«, fragte ich.
»Durch Rufus.«
»Er hat es euch verraten?«
»Nicht direkt. Er kam vom Succi-Pass zurück und hat sich erhängt. Einer von Nevittas Leuten hat die Leiche gefunden.« Er blickte mir bedeutungsvoll in die Augen. »Nevitta war von allen am meisten überrascht, als Rufus zurückkam. Ich selbst war noch in den Bergen. Aber Decimus war da, und Rufus steckte ihm kurz vor seinem Freitod ein Briefchen zu und bat, ihn mir sofort zu geben und es niemandem zu erzählen.«
Ich fragte, was darin stand.
»Worte voller Selbstmitleid und Reue. Er beschrieb, wo du zu finden seiest.«
Ich nickte und machte ein finsteres Gesicht. »Das war nicht allein sein Werk, Marcellus. Hat er verraten, wer ihm geholfen hat?«
»Er hat keine Namen genannt. Nevitta hat mich dasselbe gefragt … immer wieder.«
Dabei deutete er mit einem Blick aus seinen grauen Augen auf die drei Kameraden hinter ihm. »Keine Namen«, wiederholte er langsam, »und Nevitta ist überzeugt, dass er allein gehandelt hat. Verstehst du?«
Ich verstand. Worte haben Macht, und was die anderen nicht wussten, konnte ihnen nicht schaden. Doch jetzt war nicht der Augenblick, um über unsere privaten Verdächtigungen zu sprechen. Schon zeigte sich das erste Morgenrot über dem Taurusgebirge.
Die Straße draußen war noch verlassen. Die Wachen hatten offenbar befunden, dass ich in dem stinkenden Loch sicher aufgehoben war, und hatten sich an einen angenehmeren Ort zurückgezogen. Wir befanden uns am Rand des Dorfes; ringsumher lagerte das kaiserliche Heer.
»Wohin jetzt?«, fragte Decimus, den es drängte, von dort wegzukommen.
»Hier entlang«, sagte Marcellus.
Wir liefen durch eine Gasse zwischen hohen Lagerhäusern. Am Ende mündete sie auf einen kleinen gepflasterten Platz mit einem Brunnen. Dort stand auch ein alter Tempel. Auf den Stufen saßen Männer an die Säulen gelehnt, dösten oder wärmten sich an einem Feuerkorb.
Einige von ihnen drehten müßig den Kopf, als wir aus der Gasse kamen. Sowie ich sie erkannte, wich ich zurück und verbarg mich hinter einem Mauervorsprung.
Marcellus und die anderen trugen schlichte Uniformen, ich dagegen meine Reittunika, in der ich entführt worden war. Mit den Bronzebeschlägen und roten Lederstreifen daran stach ich heraus wie ein Fasan unter Hennen. Sie würden mich sogleich bemerken.
»Meine Bewacher sind bei den Männern«, flüsterte ich. »Sie werden mich erkennen.«
Rasch stellte Decimus sich vor die Mauerecke, um ihnen die Sicht zu versperren. Dann hob er seine Tunika an und urinierte an die Mauer. Die anderen standen herum, als warteten sie auf ihn.
»Schauen sie noch herüber?«, fragte er.
»Nein«, sagte Marcellus, »aber wir lassen es lieber nicht darauf ankommen.« Er deutete mit dem Kopf auf eine schmale Gasse zwischen den Lagerhäusern. »Nehmen wir stattdessen die da.«
Betont beiläufig schlenderten wir zurück in die Gasse und gingen unter einem Torbogen durch. Dann endete das Dorf, und das Lager begann.
»Gütige Götter! Wo sind wir hier?«, murmelte Marcellus und blickte zornig die Zeltstraße entlang, wo sich ein bunter Pavillon an den anderen reihte, jeder mit einem breiten Zeltvordach, das sich auf bunte, gedrechselte Holzsäulen stützte. Während wir uns umsahen, kam ein elegant gekleideter Sklave aus einem Pavillon hervor, mit einem ziselierten silbernen Wasserkrug, den er mit beiden Händen trug. Er sah uns, blieb stehen und wollte uns schon ansprechen, doch der Krug war sichtlich schwer, und so besann er sich anders und ging weiter.
»Das sind keine gewöhnlichen Diener«, sagte ich und musterte ihn von hinten. Mir dämmerte, wo wir hingeraten waren. »Constantius muss hier irgendwo sein. Wir sollten verschwinden.«
Wir schlüpften durch eine Lücke zwischen den Pavillons. Als wir auf die nächste Zeltgasse traten, liefen wir einem Trupp Soldaten in die Arme, die aus der entgegengesetzten Richtung kamen, angeführt von einem Offizier in Paradeuniform. Decimus, der gerade zur Seite blickte, trat dem Offizier auf den roten, sorgsam polierten Stiefel.
»Pass doch auf, wo du hintrittst, du Hornochse!«, rief der Offizier und versetzte ihm eine Kopfnuss. »Was tut ihr überhaupt hier? Ihr wisst doch, dass hier der Zutritt verboten ist.«
»Verzeihung«, sagte Marcellus und trat vor, »wir sind falsch abgebogen.«
Der Offizier blickte ihn ungehalten an. Dann fiel sein Blick auf meine Kleidung.
»Wer ist der Mann?«
»Ein Gefangener. Wir haben Befehl, ihn zu verlegen.«
»Tatsächlich?«
»Jawohl.«
»Warum ist er dann nicht gefesselt?«, fragte der Offizier und machte schmale Augen. »Wie heißt du, Soldat? Zu welcher Legion gehörst du?«
Marcellus nannte irgendeinen Namen. »Wir sind bei der Sechsten, bei den Parthern.«
Er trug die Uniform eines gemeinen Soldaten und bemühte sich, entsprechend zu reden. Doch die holprige, ungebildete Redeweise passte nicht zu ihm. Seine Erziehung war ihm deutlich anzumerken, und der vornehm gekleidete Offizier war kein Dummkopf. Außerdem war er bereits misstrauisch geworden.
Er neigte den Kopf zur Seite und blickte Marcellus schräg an. »Bei den Parthern, hm?«
»Ja.«
»Du siehst mir nicht wie ein Parther aus. Sag mir, wo du zuletzt stationiert warst.«
»Wir waren in Antiochia«, antwortete Marcellus und blickte ihm ins Gesicht.
»Da waren wir alle, bevor wir hierherkamen. Wo warst du vorher?«
Marcellus kratzte sich am Kopf, als wäre das Denken eine Anstrengung für ihn. »Ach ja, Verzeihung, davor waren wir natürlich in Syrien. Draußen in der Wüste, dicht an der Grenze. Es war heiß und sandig. Der viele Sand war nichts für mich.«
Der Offizier hörte schon gar nicht mehr hin, sondern wandte sich an Decimus. »Und du? Warst du auch da?«
»Ja, sicher.«
»Und wie gefielen dir die syrischen Mädchen?«, fragte der Offizier und schmunzelte hinterhältig.
Decimus schaute verständnislos, denn der Offizier war ins Griechische gewechselt, und Decimus, der in Gallien aufgewachsen war und seine Heimat erst mit Julians Feldzug verlassen hatte, hatte kein Wort verstanden.
»Decimus hat’s mehr mit Knaben«, warf Marcellus geschickt ein, und einer der Soldaten gluckste leise.
Der Offizier fand das gar nicht lustig. Er blickte Marcellus kalt an, da er spürte, dass der Witz auf seine Kosten ging. Doch er schien es eilig zu haben und dringend weiterzuwollen, und so sagte er nach einem Augenblick drohenden Schweigens: »Seht zu, dass ihr wegkommt! Wenn ich euch noch einmal sehe, könnt ihr was erleben. Ist das klar?«
Ich hatte die ganze Zeit den Kopf eingezogen und atmete jetzt erleichtert auf. Doch gerade als wir abziehen wollten, schallte hinter uns eine Stimme: »Haltet die Männer fest!«
Ich drehte mich entmutigt um, denn ich wusste, wer da rief. Begleitet von mehreren Schreibern und zwanzig bewaffneten Gardisten schritt der Notar Paulus mit seinem geschmeidigen Gang auf uns zu. Seine dünnen Lippen waren weiß vor aufgestauter Wut.
Wir wurden gepackt und zu einem freien steinigen Platz hinter den Pavillons gebracht. Die Gardisten hielten uns an den Armen fest. Als Paulus sah, dass wir hilflos waren, trat er vor. Langsam schritt er unsere Reihe ab und musterte unsere Gesichter wie ein Offizier vor dem Drill.
Vor Marcellus blieb er stehen. »Aha, hier haben wir also Aquinus’ Enkel. Mir scheint, ich habe zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.«
Marcellus erwiderte nichts, starrte Paulus nur verächtlich an.
»Und nun werde ich euch vernichten«, fuhr Paulus fort. »Ich bedaure, dass es schnell gehen muss, aber ich kann keine weiteren Störungen gebrauchen.« Und an den Offizier gewandt: »Deinen Dolch, wenn ich bitten darf.«
Der Offizier griff an seinen Gürtel und reichte Paulus die Waffe. Sie war üppig verziert, mit ziselierter Klinge und Edelsteinen am Heft. Der Notar drehte den Dolch in der Hand. Das Heft mochte protzig sein, die Klinge aber war scharf und tödlich.
Decimus wollte sich losreißen. »Haltet sie fest!«, schnauzte der Notar.
Wieder blickte er Marcellus an, überlegte es sich dann aber anders und ging einen Schritt weiter, sodass er vor Decimus stand.
»Du zuerst«, sagte er scheinbar sanft.
Decimus holte Luft und straffte die Schultern. Er war ein guter junger Soldat. Er wusste, was kam, und war entschlossen, es tapfer zu ertragen.
Selbst jetzt noch überlegte der Notar, sei es aus Gewohnheit oder aus schierem Vergnügen, wie er den größtmöglichen Schrecken erzielen konnte. Es war scheußlich mit anzusehen. Langsam hob er den Dolch und setzte ihn an die weiche Haut unter Decimus’ Kinn. Ich hörte Decimus schlucken. Dann folgte eine schnelle Bewegung, jedoch nicht von der Hand des Notars. Es war Marcellus, der mit dem linken Arm zuschlug – er musste sich losgerissen haben – und den Notar am Handgelenk traf, sodass er den Dolch fallen ließ.
»Ich habe befohlen, sie festzuhalten!«, brüllte Paulus. Marcellus zuckte zusammen, als ihm der Arm auf den Rücken gedreht wurde. Paulus rieb sich sein schmales Gelenk. Der Schlag hatte offenbar wehgetan, sehr zu meiner Freude.
»Der vergebliche Mut eines Kameraden«, höhnte Paulus, sowie er sich gefasst hatte. »Bis zum letzten Augenblick ein Ehrenmann, genau wie dein lächerlicher Großvater, voll nutzloser Gesten längst untergegangener Tugenden. Damit hast du dein Todesurteil gefällt.«
»Das stand ohnehin fest.«
»Aber nicht die Todesart, oh nein, nicht die Todesart. Nun wird dein Freund – dein Geliebter – zuschauen, wie du stirbst. Ich bin gespannt, ob du schreien wirst. Ob du bettelst und flehst. Nun, wir werden sehen.«
Er bückte sich nach dem Dolch. Dabei sah ich hinter ihm, ungefähr zwanzig Schritte entfernt an der Reihe der Pavillons, einen Mann herankommen, einen dicken Eunuchen mittleren Alters, der mehrere Lagen Stoff in Blau, Weiß und Gold am Körper und eine Filzkappe auf dem großen Kopf trug, dazu ein Juwelenhalsband. Er räusperte sich bedeutsam, sodass der Notar aufblickte. Als er sah, wer da kam, richtete er sich abrupt zu voller Größe auf und ließ den Dolch liegen.
»Was willst du?«, fragte er.
»Ich werde diese Männer mitnehmen«, sagte der Eunuch mit kalter, unechter Höflichkeit.
»Aber sie sind meine Gefangenen!«
»Maßt du dir an, mich in Frage zu stellen, Notar?«
Paulus blickte ihn an. Sein Gesicht war starr geworden, seine Lippen weiß. Er setzte zu einer Erwiderung an, schien sich dann aber zu besinnen. Der geschmacklos herausgeputzte Eunuch strahlte Macht und höchste Autorität aus. Paulus rang sichtlich um Beherrschung; dann antwortete er freundlich, aber mit einer Miene, als hätte er Zahnschmerzen: »Nein, edler Eusebius, nimm sie mit. Ganz wie du befiehlst.«
Ich betrachtete den Eunuchen und musste an Julians Worte denken. Das also war der Kerl, der den Kaiser gedrängt hatte, Julian hinzurichten, anstatt ihn nach Gallien zu schicken. Und er hätte seinen Willen bekommen, hätte die Kaiserin sich nicht für Julian verwendet. Mir fiel auch der Witz ein, den Eutherius in Paris erzählt hatte, wonach Constantius einen gewissen Einfluss auf seinen Oberkämmerer besäße. Und nun sah ich, dass selbst der Notar, der anderen Todesangst einjagte, in Gegenwart dieses Mannes unsicher, ja unterwürfig wurde.
»Ja, ganz wie ich befehle«, sagte der Oberkämmerer mit eisigem Lächeln. »So ist es.«
Der Notar sagte nichts mehr. Er beobachtete zornig, wie wir auf ein bloßes Fingerschnippen weggeführt wurden.
Man brachte uns zu einem großen Kuppelbau jenseits der Pavillons, der an einem kiesbestreuten Platz stand. Dort wurde ich von den anderen getrennt. Drei Gardisten lenkten mich mit blankem Schwert in einen kahlen Raum, wo der ockerfarbene Putz abblätterte und in dem nur eine einzelne Holzbank stand.
»Ausziehen!«, befahl der Gardist.
Ich blickte ihn an. »Ausziehen?«, wiederholte ich argwöhnisch und dachte daran, was Rufus erlebt hatte.
»Ja, ausziehen. Na los!«
Ich legte meine Kleider ab und sagte dabei: »Bist du so tief gesunken? Vergiss nicht, dass du ein Römer bist, und ein Mann. Selbst hier ist ein Gott, der dich sieht.«
Als er begriff, erwiderte er: »Sei nicht albern. Du stinkst. Jetzt runter mit dem Zeug! So kann man dich nicht vor den Kaiser führen.«
Ich stockte, und wahrscheinlich starrte ich ihn offenen Mundes an. »Zum Kaiser?«
»Zum Kaiser«, wiederholte er. »Und jetzt beeil dich.«
Ich zog mich aus. Als ich nackt war, brachten die drei mich in einen angrenzenden Raum mit kaltem Steinboden, hohen, unverglasten Fenstern und einem Brunnen. Sie behielten mich im Auge, als ich mich unter dem Wasserhahn wusch. Anschließend, als ich mich abgetrocknet und saubere Sachen angezogen hatte, führten sie mich nach draußen, wo Marcellus unter Bewachung wartete.
»Sie bringen uns zu Constantius.«
»Ich weiß«, sagte er.
»Hat der Oberkämmerer das angeordnet?«, fragte ich einen Gardisten. Doch der antwortete nur: »Schluss mit der Fragerei. Das werdet ihr gleich selbst sehen.«
Kurz darauf erschien ein reich gekleideter Diener, und wir wurden zu einem nahe gelegenen Haus mit Marmorsäulen und Vordach gebracht.
Es sah aus wie das Domizil eines Provinzkaufmanns, was es zweifellos gewesen war, bevor der Hof es für sich beschlagnahmt hatte. Lange rote Banner mit den Symbolen des Kaisers waren zwischen die Säulen gehängt, und das Atrium war hastig mit kostbaren Teppichen und Zierrat ausgestattet worden, die alle zu groß und prachtvoll für dieses Haus waren.
In einer Ecke neben einem schweren, vergoldeten Lampenständer stand eine Schar wohlbeleibter Eunuchen, die sich flüsternd unterhielten. Sie blickten sich neugierig um, als wir hereinkamen, und verstummten, um uns mit ernster Miene zu mustern.
»Da stimmt etwas nicht«, raunte ich Marcellus zu.
Er drehte den Kopf und sah zu ihnen hinüber, wie sie mit ihren Goldohrringen und bestickten Gewändern dastanden. Ob dieser Dreistigkeit wandten sie sich abrupt ab und setzten ihr Gespräch fort.
»Jedenfalls sind sie nicht unseretwegen hier«, stellte er fest.
Darauf wollte ich fragen, wozu man uns dann hierhergebracht hatte, doch dazu kam es nicht mehr.
Wir wurden in die Obhut von zwei diskret bewaffneten Dienern gegeben, die mit kurzen förmlichen Mänteln aus blauem Damast bekleidet waren. Sie prüften unsere Fesseln und brachten uns in ein Vorzimmer mit persischen Teppichen und einem goldenen Käfig mit einem Distelfinken. Dort warteten wir in Gesellschaft der bewaffneten Diener. Nach kurzer Zeit näherten sich draußen Schritte. Eine Tür ging auf, und der Oberkämmerer kam herein, begleitet von einem Tross Beamter, die hinter ihm herschwärmten wie schüchterne Brautjungfern hinter einer korpulenten Braut.
Der Oberkämmerer blieb stehen und gab vor, den Singvogel auf seinem silbernen Zweig zu betrachten. Er trug dieselbe aufgeblasene Miene zur Schau wie zuvor. Von Nahem sah ich, dass seine Wangen rot geschminkt waren, und seine schwarzen, sorgfältig frisierten Haare waren gekräuselt und geölt.
Die Beamten seines Gefolges warteten, den Blick respektvoll von ihm abgewandt. Doch ich war es leid, herumgeschubst zu werden. In aggressivem Tonfall, der den Singvogel aufschreckte, rief ich: »Warum sind wir hier? Was hast du mit uns vor?«
Eusebius holte empört Luft und drehte sich um. Man konnte ihn für einen gewöhnlichen Palasteunuchen halten, bis man in seine Augen sah. Sie verrieten Scharfsinn und berechnende Klugheit. Wenn man von der Schminke und der übertriebenen Kleidung absah, hatten diese Augen etwas an sich, das einem die Luft nahm wie ein unerwarteter Fausthieb.
Ich biss die Zähne zusammen und erwiderte Eusebius’ Blick. Es hieß, dass dieser hochmütige Beamte sogar den Kaiser beherrsche. Nun glaubte ich diesen Gerüchten. Unter seiner körperlichen Weichheit schlummerte ein Kern aus Stahl, wie eine Klinge in einem Samtetui.
Und ich erlebte noch eine Überraschung, denn er erwiderte mit seiner lieblichen Eunuchenstimme: »Ich möchte wissen, warum der Kaiser dich herbringen ließ.«
Zuerst starrte ich ihn verständnislos an. Dann sagte ich: »Du bist der Oberkämmerer. Wenn du es nicht weißt, woher soll ich es dann wissen?«
Sein weiches Kinn verspannte sich. Widerworte war er nicht gewohnt. Und ich begriff allmählich, dass er keine Ahnung hatte, was Constantius wollte, obwohl er sich im Zentrum der Macht befand.
»Der göttliche Kaiser teilt mir jeden seiner Gedanken mit«, erklärte er, was wahrscheinlich nicht nur an mich, sondern auch an sein Gefolge gerichtet war. »Ihr seid beide Komplizen des Verräters Julian. Er wird euch befragen wollen.«
Er bedachte mich mit einem durchdringenden Blick, als ob mir diese Worte eine Antwort entlocken müssten. Doch ich schwieg und schaute ihn nur an. Einen Augenblick später wiederholte er: »Er wird euch befragen wollen … Ihr müsst jedoch wissen, dass er vorübergehend indisponiert ist. Er leidet an einem leichten Fieber. Nichts Ernstes, denn der Kaiser kränkelt nie. Ihr dürft aber nichts sagen, was ihn ermüdet oder ärgert.«
Danach versuchte er erneut, durch verschieden formulierte und seiner Ansicht nach listige Fragen aus mir herauszubekommen, was der Kaiser von mir wollte. Natürlich konnte ich es ihm nicht sagen, da ich es selbst nicht wusste.
Mitten in seinen Bemühungen kam ein Diener herein und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Marcellus nahm die Gelegenheit wahr und raunte mir zu: »Krank ist die Bestie am gefährlichsten. Sei auf der Hut, Drusus.«
Dann wandte Eusebius sich uns wieder zu. »Der Kaiser ist nun bereit«, sagte er. Und zu unseren Bewachern: »Löst ihre Fesseln. Bringt sie hinein.«
Der angrenzende Raum war behelfsmäßig zum Audienzsaal hergerichtet worden. Da lagen schwere Teppiche, und an der hinteren Wand stand ein Stuhl mit hoher Lehne unter einem purpurroten Baldachin mit vergoldeten Pfosten. Doch es hielt sich niemand dort auf.
Wir durchquerten ihn und folgten einem Säulengang in einen hoch ummauerten Garten. Zwischen vergessenen Pflanztöpfen und Sträuchern standen große, mit Bronze beschlagene Reisetruhen und anderes Gepäck. Das Haus war groß, aber nicht groß genug für das Gefolge des Kaisers. Unweit der Mauer, wo ein Zitronenbaum wuchs, hatte sich eine kleine Schar von Beamten und Haussklaven versammelt. Sie unterhielten sich mit ernsten Mienen und warfen sich unruhige Blicke zu.
Welche Angelegenheiten des Hofes sie auch beschäftigten, wir hatten unsere eigenen Sorgen. Mir fielen die Geschichten über Constantius’ schreckliche Wutausbrüche ein, und ich bezweifelte, dass wir den Tag überleben würden. Wie es aussah, waren wir dem Notar entkommen, um nun etwas noch Schrecklicherem entgegenzusehen. Was das sein könnte, wollte ich mir gar nicht erst ausmalen, und so schob ich den Gedanken entschlossen beiseite.
Wir gelangten an eine Tür, die von Gardisten mit Speeren bewacht wurde. Auf einen Wink des Oberkämmerers trat einer der Männer beiseite und klopfte an. Die Tür wurde von innen geöffnet, und man ließ uns ein. Drinnen war es dunkel.
Ich blieb stehen und schaute angestrengt, versuchte, etwas zu erkennen. Es war stickig und heiß; es roch nach Duftöl und scharfen Heilkräutern. Sämtliche Fensterläden waren geschlossen, das einzige Licht stammte von mehreren abgeschirmten Lampen auf Wandkonsolen, die zwischen rot-goldenen Vorhängen standen.
Ich sah mich weiter um und stellte erschrocken fest, dass überall zwischen den Möbeln Leute standen, schweigende Gestalten, die sich undeutlich aus dem Dunkel abhoben – Leibdiener, niedere Beamte, ein Bischof mit einem schweren, juwelenbesetzten Kreuz, Offiziere in ihrer besten Uniform, schwarz gekleidete Notare und mitten unter ihnen eine junge Frau mit großen Augen und blassem Gesicht in einem schimmernden grünen Kleid mit Goldlitze, der zwei Dienerinnen zur Seite standen.
Kurz begegneten sich unsere Blicke. Ihre kleine weiße Hand ruhte auf dem vorgewölbten Bauch; sie erwartete ein Kind. Sie wandte die Augen ab, als ob mein Blick sie beleidigte, und schaute vor sich auf die gepolsterte Liege.
Und da endlich sah ich ihn.
Er lag zwischen dicken Tagesdecken aus roter changierender Seide. Sein Kopf ruhte auf einem hohen, bestickten Polsterkissen. Sein Gesicht war blass, rundlich und glatt rasiert; die schwarzen Locken klebten ihm an der Stirn.
Zuerst glaubte ich, er schliefe. Doch dann regte er sich hustend und drehte sich, sodass er mich anschauen konnte. Halb erschrocken, halb ehrfürchtig erwiderte ich seinen Blick. Hier lag der Mann, der sich gern als Herrn der Welt bezeichnete. Auf dem Krankenbett sah er aus wie ein grämliches Kind, umgeben von Purpur und Gold.
Er keuchte und begann wieder zu husten. Ein Arzt trat von hinten heran, wurde jedoch mit kraftloser Geste weggescheucht. Als ich den Kaiser so sah, verstand ich das erregte Geflüster der zusammengescharten Höflinge: Es war offensichtlich, dass dies keine vorübergehende Krankheit war. Die riesige Regierungsmaschine stand still und wartete auf diesen einen Mann.
Er richtete sich auf.
»Es scheint«, sagte er mit heiserer Stimme, »dass wir mit unserer Familie kein Glück haben. Unser Vetter Julian hat uns viel Sorge bereitet. Haben wir wirklich eine so schlechte Menschenkenntnis?«
Seine Augen waren verschattet und erschöpft, und während er sprach, sah er mich nicht an. Sein Blick war auf eine Stelle über meinem Kopf gerichtet, als spräche er zu einer fernen Zuhörerschar. Das war verwirrend, aber vermutlich seine Gewohnheit.
»Nein, durchaus nicht«, antwortete ich. »Julian hast du richtig beurteilt. Du hättest auf ihn und nicht auf seine Feinde hören sollen, die dich umringen. Sie sind es, nicht Julian, die dir so viel Ärger beschert haben.«
Bei meinen Worten erhob sich ringsumher Gemurmel. Constantius machte eine ungeduldige Geste und hob die Stimme. »Julian ist anmaßend. Er hat ein paar unbedeutende Siege über schlecht bewaffnete Barbaren errungen und hält sich nun für unbesiegbar. Wir haben ihn aus der Verbannung geholt; wir haben ihm ein hohes Amt gewährt; wir haben ihn mit Gunst und Ehre überhäuft, doch er wendet sich gegen uns …«
Er bekam einen Hustenanfall. Die Arzt näherte sich wieder, wurde aber erneut davongescheucht.
»Uns wurde berichtet«, fuhr der Kaiser fort, »dass er den Bart des Philosophen trägt wie ein heidnischer Grieche. Hält er sich gar für einen Gelehrten? Und neuerdings heißt es, dass er sich erdreistet, die alten Götter öffentlich anzubeten, gegen unseren ausdrücklichen Befehl und gegen das göttliche Gesetz.«
Daraufhin fauchte der Bischof aus dem Dunkeln: »Abtrünniger! Sein Name wird auf ewig verflucht sein.«
»Ja, ja«, murmelte der Kaiser mit ermatteter Stimme. Sein Zorn kam nicht von Herzen; er klang gekünstelt. Nun seufzte er, wischte das Thema mit einer schroffen Handbewegung beiseite und blieb ein paar Augenblicke still. Man hörte nur seinen pfeifenden Atem.
Mit träger, gedämpfter Stimme, als ob ihn seine ganze Umgebung langweilte, sagte er dann: »Es heißt, du seist sein Freund.«
»Das ist wahr.«
»Stehst du auch jetzt noch zu ihm?«
»Ja«, sagte ich.
Daraufhin sah er mich zum ersten Mal an und musterte überrascht mein Gesicht. Er wirkte wie eine Matrone, die überlegt, ob sie beleidigt sein soll oder nicht. Aber ihm war noch etwas anderes anzumerken: eine gewisse Wehmut oder Neid, als hätte ich ihm ein früheres, besseres Ich ins Gedächtnis gerufen, das seit langer Zeit verschüttet war.
Nach kurzem Zögern sagte er: »Wir haben versucht, milde und gerecht zu herrschen, doch wir werden verachtet. Warum wendest du dich gegen uns?«
Er schwieg und wartete auf Antwort. Also sagte ich: »Ich war noch nicht geboren, als du die Herrschaft ergriffen hast. Aber als ich ein Knabe war, wurde mein Vater verhaftet und zu Unrecht hingerichtet; und als ich ein Jüngling war, hast du deinen Notar geschickt, damit er uns foltert und vernichtet. Was ein Mann befehlen darf, hat Grenzen, ganz gleich, wie groß seine Macht ist. Niemand wird mit der Berechtigung zu herrschen geboren; er erwirbt sie durch das, was er aus sich macht. Vielleicht hast du diese Berechtigung einst besessen. Aber du hast dich von Schmeichlern und Intriganten in die Irre führen lassen. Du bist kein legitimer Herrscher mehr. Du bist ein Tyrann geworden. Es ist Zeit, dass du die Herrschaft aufgibst.«
Von allen Seiten wurde Empörung laut. Über die aufgeregten Rufe hinweg hörte ich Constantius mit angestrengter, schriller Stimme schreien: »Du wagst es, so mit uns zu sprechen!«
»Mein Leben ist bereits verwirkt«, erwiderte ich. »Darum höre es von mir, denn die anderen werden es dir nicht sagen. Du liegst im Sterben. Ich glaube nicht, dass einer von uns beiden den morgigen Tag noch erleben wird. Darum lass uns bei der Wahrheit bleiben. Julian hatte nicht den Wunsch, zu herrschen. Du hast es ihm aufgezwungen. Seine Feinde hier wollten ihn scheitern sehen. Als dies nicht geschah, flüsterten sie dir ein, er hätte sich gegen dich verschworen. Aber so war es nicht. Julian strebte nicht nach Macht, aber er strebt nach Gerechtigkeit. Und darum, so scheint mir, ist er ein besserer Herrscher als du.«
»Bringt ihn hinaus und köpft ihn!«, hörte ich Eusebius schreien. Und ich vernahm es mit Ruhe, denn ich war zu sterben bereit und hatte gesagt, was ich sagen wollte. Die junge Frau in dem grünen Kleid weinte. Tränen strömten ihr über die Wangen und glänzten im Lampenschein. Einer unserer Bewacher packte mich am Arm. Ich schüttelte ihn ab und blickte ruhig zu Constantius auf seiner Liege. Der schaute mich seltsam und verwundert an.
Dann machte er eine Handbewegung, und der Stimmenlärm endete. Der Bewacher ergriff erneut meinen Arm, doch Constantius sagte: »Lass ihn los.« Dann hob er den Arm von der seidenen Decke und nahm die Hand der trauernden Frau.
»Wir sind einsam gewesen«, sagte er leise. »Selbst unsere Gemahlinnen leben nicht lange. Wir hatten schlechte Träume.«
Zärtlich berührte er ihren Leib. »Ich werde mein Kind nicht sehen.«
»Nicht doch! Du wirst bald wieder gesund sein!« Das kam vom Oberkämmerer, und ein Chor von Stimmen pflichtete ihm bei.
»Du siehst«, sagte Constantius und blickte mir in die Augen, »selbst jetzt noch lügen sie mich an. Du hast recht: Julian wollte nie ein hohes Amt. Ich hätte ihn bei seinen Büchern lassen sollen, wo er zufrieden war. Vielleicht sollten gerade die Männer herrschen, denen die Macht gleichgültig ist, so sagen die Philosophen.«
»Julian ist ein Verräter«, warf der Oberkämmerer ein.
»Ist er das? Das behauptest du ständig. Und was bist du, Eusebius?«
Der Oberkämmerer wich erschrocken zurück. Constantius drehte den Kopf auf dem Kissen und schaute in das verzweifelte Gesicht seiner Gemahlin.
»Sie ist unschuldig«, sagte er.
Ich verstand nicht gleich, was er meinte. Aber dann erinnerte ich mich, wie er seine Herrschaft begonnen hatte – mit einem Blutbad unter Julians Familie und allen, von denen er annahm, sie könnten sich gegen ihn wenden.
»Ich glaube«, sagte ich, »jetzt weißt du, wie dein Vetter wirklich ist.«
Zuerst erwiderte er nichts, und in der Stille hörte man die Kaiserin leise weinen.
»Ja«, bekannte er schließlich und sah mich mit fiebrigen Augen an. »Ja, das weiß ich wohl.«
Wieder schwieg er. Dann sagte er: »Am Ende sind die großen Entscheidungen ganz einfach. Sag Julian, ich vertraue ihm meine Frau und mein ungeborenes Kind an. Ihm wurde Unrecht angetan, und das kann ich durch nichts wiedergutmachen. Lass ihn herrschen, obwohl es ihm widerstrebt. Ihm übertrage ich das Reich.«
»Nein!«, rief der Oberkämmerer. »Das darf nicht sein!«
»Genug! Ich habe gesprochen, und du wirst diesem Mann gehorchen. Lass es von den Schreibern niederschreiben, denn das ist mein Testament.« Dann sah er mich noch einmal an und fügte mit freundlicherer Stimme hinzu: »Und es ist zugleich meine Beichte. Wirst du Julian das sagen? Er wird es verstehen.«
»Ja, das werde ich.«
Constantius nickte.
Dann wandte er sich seiner Gattin zu und sagte: »Fürchte nichts, Faustina. Er ist ein Freund Julians. Er wird dich mit Achtung behandeln.«
Ich traf den Notar in seinem Pavillon an. Bei ihm war ein grau gekleideter Sklave, der Schriftrollen und andere Dokumente in eine Reisetruhe packte. Paulus saß an einem Klapptisch; vor ihm stand ein offenes Kästchen, in das er behutsam kleine verstöpselte Flaschen einsortierte.
Als ich eintrat, drehte er sich um. »Du kommst allein«, stellte er mit amüsiertem Unterton fest. Sein Blick fiel auf den Dolch an meinem Gürtel. »Du bist kein Gefangener mehr, wie ich sehe. Dann ist Constantius tot?«
»Ja. Er ist tot.«
Er neigte leicht den Kopf.
Der Sklave hatte seine Tätigkeit unterbrochen. Ohne ihn anzusehen, sagte Paulus: »Lass uns allein, Candidus, wir haben etwas Persönliches zu besprechen.« Und nachdem der Sklave hinausgeeilt war: »Ich kenne dich besser als du dich selbst. Das ist meine Stärke. Du wirst mich verschonen, im Namen deiner törichten Auffassung von Rechtschaffenheit.«
»Da irrst du dich.«
Er lächelte. »Das glaube ich nicht. Außerdem scheint mir, dass ich dir jetzt diene – dir und deinem Freund Julian. Eben noch Verräter, nun ein Kaiser. Namen bedeuten so wenig und doch so viel. Du siehst, mein junger Freund, welche Lehre sich hier erschließt: Das einzig Wahre ist die Macht. Wie man sie gewinnt und wie man sie behält.«
»Ich habe keine Verwendung für dich. Und Julian auch nicht.«
»Du täuschst dich, du weißt es nur noch nicht. Du bist wie ein armer Mann, der eine große Erbschaft macht. Du siehst das viele Gold und spürst seine Verheißung, aber du weißt nicht, wie du es ausgeben sollst. Das ist der Grund, weshalb du allein zu mir gekommen bist. Hast du nie gehungert? Ich bin der Mann, der diesen Hunger stillen kann. Hast du nie Verlangen gespürt? Ich kann Wünsche befriedigen, die du dir nicht einmal hast träumen lassen. Denk darüber nach, denn die Welt steht dir offen. Du kannst dir nehmen, was du willst. Lass dich von mir verführen. Greif zu mit deiner jungen, zögerlichen Hand und schwelge in der Macht.«
Er lehnte sich zurück und sah mich an.
»Was ist in den Fläschchen?«, fragte ich.
»In diesen hier?« Er drehte sich um und machte ein freudiges Gesicht wie ein Goldschmied in seiner Werkstatt. Mit seinen langen Fingern zog er behutsam eines heraus. »Dieses enthält Eisenhut.« Er hielt die hellblaue Phiole hoch. »Es versengt die Eingeweide und hinterlässt keine Spuren; ein nützliches Werkzeug. Und darin«, er zeigte auf eine braune Flasche mit gerillten Seiten, »ist Bilsenkraut, und in dem hier ist Eibenauszug. Jedes hat seine Verwendung, je nach Notwendigkeit.«
»In allen ist Gift?«, fragte ich.
»Oh ja, in allen. Und alle sind tödlich. Nur die Art des Todes ist unterschiedlich. Eines wird auch für Faustina und das Kind taugen … dieses hier vielleicht. Du brauchst dich mit der Sache nicht selbst zu belasten. Ich werde mich darum kümmern.«
Draußen ging der Tag zu Ende. Der Notar saß still da und sah mich starr an wie eine Eidechse auf einem Stein.
»Deshalb sollten wir zusammenarbeiten«, fuhr er fort, als ich nichts sagte. »Du und ich. Du als das öffentliche Antlitz der Macht, ich als das verborgene. Beide sind notwendig.«
»Nein«, sagte ich.
Er hob den Kopf. »Nein?«
»Deine Gifte stehen vor dir. Ich lasse dich allein, damit du deine Wahl treffen kannst. Entweder tust du es, oder du wirst für deine Verbrechen vor Gericht gestellt. Du weißt wohl, wie das Urteil ausfallen würde.«
Es folgte ein kurzes Schweigen.
»Du kannst die Hydra nicht töten«, hielt er mir streng entgegen. »Ich handle lediglich, wie die Natur es gebietet, und andere werden es mir nachtun, bis ans Ende der Zeit.«
»Vielleicht hast du recht. Aber auch ich handle, wie die Natur es gebietet. Und bis ans Ende der Zeit wird es Menschen geben, die dir widerstehen.«
Der Notar seufzte. Langsam nahm er eine seiner Phiolen, betrachtete sie, zog den Wachsstopfen heraus und leerte sie in ein kleines Glasgefäß.
»Diese Menge kann zehn Menschen töten«, sagte er und hob das Glas, wie um mir zuzuprosten. »Aber bedenke, ich bin dein Schatten … deine Rache macht dich zu meinesgleichen.«
Ich ließ mir mit der Antwort Zeit. Doch als ich sprach, war meine Stimme fest und klar.
»Nein, das stimmt nicht.«