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Das Feuer war endlich heruntergebrannt. Marcellus, der unerschrocken zugeschaut hatte, wandte sich ab und wischte sich über die Stirn. Aufatmend hob er den Kopf und entfernte sich von der Seite seiner Mutter, von den feierlich versammelten Sklaven und Knechten, von Tyronius, dem Gutsverwalter, und von dem treuen greisen Clemens, der seinen Herrn nun doch überlebt hatte. Kurz blieb er am Steinaltar stehen und warf eine Handvoll Weihrauch in den bronzenen Feuerkorb. Es zischte und fauchte. Blaue Rauchschwaden stiegen in die kühle britannische Luft und wogten über dem alten Heiligtum mit seinem Säuleneingang und dem schrägen Dach; dann trieb der Rauch davon und zerfaserte zwischen den nahen Pappeln.
Das jüngste der Sklavenmädchen wischte sich die Tränen ab. Marcellus blickte auf, bedachte das Mädchen mit einem knappen Lächeln und drehte sich um, wobei mich ein Blick aus seinen grauen Augen streifte. Ich hatte kaum gewagt, ihn anzuschauen, solange das Feuer toste und den Leichnam seines Großvaters verzehrte. Marcellus’ Gesicht war von der Hitze gerötet, und der Schmerz, der sich in feinen Linien um den Mund zeigte, machte ihn auf seltsame Weise schön.
Ich war ergriffen: Um der anderen willen und seinem Stolz zuliebe hielt Marcellus seine Trauer zurück.
Als wir allein gewesen waren, hatte er gesagt, Weinen sei unangemessen. Aquinus habe ein ehrbares, verdienstvolles Leben geführt. Er habe bewiesen, dass es auf der Welt einen Platz für das Gute gibt; Tränen und Wehklagen hätte er nicht gewollt. In der Tat hatte Aquinus sich der Tyrannei entgegengestellt, hatte die Provinz Britannien gerettet und war in hohem Alter friedlich in seinem Haus gestorben.
Halte niemanden für glücklich, bevor er tot ist und die höhnende Hand des Schicksals ihn nicht mehr treffen kann, hatte Aquinus einmal gesagt.
Ich ging einen Schritt und nickte Marcellus zu. Er nahm es mit leichtem Stirnrunzeln auf, als wollte er sagen: »Jetzt ist es so weit, Drusus. Von nun an müssen wir beide unseren Weg allein finden, so gut wir es vermögen.« Dann wandte er sich wieder der Zeremonie zu, ging zum Einäscherungsplatz zurück, ließ sich auf ein Knie nieder und sammelte die mit Wein heruntergekühlte Asche in einem Alabastergefäß, um es hernach zu denen seiner Ahnen in die Gruft zu stellen.
Als das Gefäß gefüllt war, sagte seine Mutter, die bislang still geblieben war, mit kalter Stimme: »Und damit endet dieses Geschlecht.«
Marcellus stockte. Mein Rücken verspannte sich. Es war der alte Streit zwischen ihnen, und ich war die Ursache.
Für einen kurzen Moment blickte Marcellus auf die Asche in seinen hohlen Händen. Ich sah, wie sein Gesicht hart wurde wie das eines Soldaten in der Schlacht. »Nein, Mutter«, widersprach er ruhig, »es gibt noch mich.«
Ohne aufzusehen, wartete er auf eine Erwiderung. Aber sie sagte nichts mehr, und so beendete Marcellus sein Tun und setzte schließlich den Deckel auf das Gefäß. Dann erhob er sich, nahm von Tyronius das dargebotene Tuch entgegen und wischte sich den Aschestaub von den Fingern. Seine Mutter, die während der Zeremonie starr und kalt geblieben war wie das Girlandenrelief an der Urne, blickte am Altar vorbei in die Ferne, als hätten ihre Worte nicht ins Herz getroffen.
Ich betrachtete sie über den heruntergebrannten Scheiterhaufen hinweg und fühlte Zorn in mir aufwallen. Marcellus hatte diesen Tag angemessen und ehrenvoll begehen wollen, als letzte Gabe an seinen Großvater, doch seine Mutter wollte den Streit nicht ruhen lassen, nicht einmal hier. Ich war der Feind, weil ihr Sohn – der Mann, den ich liebte – ihr versagte, was ihr Herz ersehnte, da er keine Frau ihrer Wahl heimführte und kein Kind zeugte, das für den Fortbestand der Familie sorgen würde. Sogar Aquinus hatte sie zuletzt auf seine sanfte, heitere Art gescholten: Sie übertreibe, hatte er gesagt, und solle auf die Götter und den Lauf der Zeit vertrauen. Doch den Göttern traute sie nicht, und die Zeit hatte ihr früh den Gemahl entrissen. So hatte sie versucht, die Welt nach ihren Wünschen einzurichten, doch die Welt hatte sich widersetzt.
Ich blickte auf das halb verbrannte Wacholderholz, das zu meinen Füßen schwelte. Wer bin ich, dass ich ihr Vorwürfe machen könnte?, fragte ich mich. Schließlich besaß ich, was ich wollte, wohingegen sie durch ihren Schmerz spröde und unnahbar geworden war. Mir hatte ein freundlicher Gott Marcellus beschert, der mein Leben reich machte und mein Herz entflammte. Wen hatte sie, um ihn dem Lauf der Jahreszeiten und dem unerbittlichen Verrinnen der Zeit entgegenzustellen? Ich wusste, dass sie mich verabscheute, und wünschte, es wäre nicht so. Aber hassen konnte ich sie nicht; dafür hatte ich selbst zu viel Trauer und Einsamkeit erlebt.
Ich seufzte und beobachtete, wie mein Atem sich mit der kalten Luft vermischte. Mit dem Einsetzen der Abenddämmerung begann sich alles um uns her mit Reif zu überziehen. Jenseits der Pappeln zog die bleiche Sonnenscheibe den Wipfeln des Waldes entgegen, und der Abendstern stand weiß funkelnd am Himmel.
Ich wandte mich Marcellus zu, der die Altarflamme mit Wein aus einem Silberkrug löschte. Auf der anderen Seite der schwelenden Holzreste, im Gegenlicht, beobachtete ihn seine Mutter unter ihrem Schleier hervor. Plötzlich hob sie den Kopf. Zuerst glaubte ich, sie sähe mich an, weil sie meine Gedanken erraten hatte. Doch sie blickte an mir vorbei übers Land. Dann sagte sie mit ihrer glasklaren Stimme: »Wer sind diese Leute?«
Alle drehten sich um. In dem langen Schatten der Anhöhe kamen Reiter hintereinander den Weg herunter.
»Kommen sie etwa deinetwegen? Ausgerechnet heute, wo du dich um deine Familie zu kümmern hast?«
»Nein, Mutter, natürlich nicht«, antwortete Marcellus. Er reichte den Krug an Tyronius und verließ den Lichtkreis der Fackeln. Ich trat neben ihn. Unwillkürlich, mit der Gewohnheit des Soldaten, griff ich zur Hüfte, wo gewöhnlich mein Dolch hing. Doch ich war für Aquinus’ Begräbnis gekleidet, nicht für den Kampf. Mein Dolch lag in seiner geflochtenen Lederscheide auf dem Tisch an meinem Bett.
Leise, nur für meine Ohren bestimmt, sagte Marcellus: »Schau, sie sitzen im Sattel wie Soldaten, nur dieser schäbig aussehende Bursche nicht, der Zweite von vorn, der in dem braunen Mantel.«
»Wenn es Soldaten sind, kenne ich sie nicht. Warum sind sie nicht in Uniform? Und wieso kommen sie von Westen über die Felder und nicht von der Straße?«
Marcellus spähte zu den Reitern hinüber. »Sie wollen nicht gesehen werden. Sie haben nicht damit gerechnet, uns hier draußen im Freien anzutreffen.«
»Wir sind nicht bewaffnet«, sagte ich.
Marcellus nickte. »Ich weiß.«
Er warf einen raschen Blick über die Schulter zu der hohen Mauer, die das Haus umschloss, und schätzte die Entfernung ab. Die Mauer war errichtet worden, um in Zeiten wie diesen – Zeiten der Barbarei – ein kleines Heer aufzuhalten. Hinter dieser Mauer wären wir sicher gewesen. Doch die Reiter galoppierten bereits ins Tal.
Marcellus blickte mir in die Augen und machte eine kleine, zornige Geste. »Ich werde nicht davonlaufen wie ein Bauer vor Straßenräubern, schon gar nicht heute.« Damit drehte er sich zu den Hausdienern und Landarbeitern um. Diese waren unruhig geworden und starrten voller Furcht auf die nahenden Reiter. Mit erhobener Stimme sagte Marcellus: »Ruhe bewahren! Wie es aussieht, sind diese Männer Soldaten. Lasst uns abwarten, was sie wollen.«
Und so warteten wir. Was blieb uns anderes übrig? Ich zählte ungefähr dreißig Reiter und fragte mich, wie viele noch hinter dem Kamm verborgen sein mochten.
Im Tal angelangt, fächerten sie aus und machten Halt, blickten argwöhnisch zu uns herüber und berieten sich. Einer zeigte auf das Eichentor in der Mauer, worauf der Mann neben ihm nickte. Das Tor stand offen, seit wir Aquinus auf seinem letzten Weg hierhergeleitet hatten. Ein paar Augenblicke lang wirkten die Reiter ratlos, und ich wusste, dass nun der rechte Moment gewesen wäre, um anzugreifen, hätte ich eine Schar Bewaffneter bei mir gehabt. Doch die Reiter begriffen schnell, dass wir wehrlos und ihnen hier im Freien ausgeliefert waren.
Sie teilten sich auf. Einige schlugen die Richtung zum Haus ein. Die Übrigen – an die zwanzig Mann, angeführt von dem schäbigen Reiter, der sich so schlecht im Sattel hielt – ritten den Weg hinauf zu der Familiengruft, wo wir bei brennenden Fackeln um den Altar standen. Ich spähte angestrengt, um ihre Absichten von den Gesichtern abzulesen, und war auf Gewalttätigkeiten gefasst. Dann regte sich eine Erinnerung. Im Zwielicht der Dämmerung beschirmte ich die Augen gegen den Fackelschein und nahm den heruntergekommenen Reiter genauer in den Blick.
»Was denkst du?«, fragte Marcellus.
»Der Schäbige, der wie ein Sklave reitet … ich kenne ihn.«
Der Mann hatte sich die Kapuze über den Kopf gestreift, doch als er auf dem Weg eine Kehre nahm, fiel der Fackelschein auf sein Gesicht. Natürlich sah er älter aus als damals, doch der Schmerz aus der Kindheit war mir im Gedächtnis haften geblieben. Dieses hinterhältige, selbstgerechte Gesicht konnte ich nicht vergessen.
»Es ist der Handlanger des Bischofs«, sagte ich, »Faustus, der Diakon. Ganz sicher.«
Marcellus’ Gesicht wurde finster, doch uns blieb keine Zeit mehr, auch nur ein Wort zu wechseln. Die Reiter umringten uns, saßen ab und zogen ihre Schwerter. Als sich der Diakon sicher glaubte, stieg er ebenfalls vom Pferd.
»Was willst du, Faustus?«, rief ich.
Er musterte mich mit schmalen Augen, und sein verschlagenes Gesicht nahm einen Ausdruck spöttischen Erstaunens an. »Du bist also auch hier, Drusus, Sohn des Appius! Aber wie auch nicht? Da erwischen wir zwei Täubchen in derselben Falle, wie die Jäger sagen.« Er nickte den Bewaffneten zu und sagte: »Der Sohn des Verräters. Der Vater wurde hingerichtet.« Dann wandte er sich ab und nahm mit großem Gehabe die Umgebung in Augenschein, musterte mit hochgezogenen Brauen den Altar und die Gerätschaften, die offenen Türen der Familiengruft und die Fackeln in den Wandhaltern zu beiden Seiten.
»Was ist das?«, fragte er und zeigte mit dem Finger auf die lodernden Flammen. »Eine Totenbeschwörung? Ruft ihr Geister herbei? Darauf steht die Todesstrafe.«
»Das ist ein Begräbnis, Dummkopf«, sagte Marcellus. Und seine Mutter fragte streng: »Wer ist dieser vulgäre Flegel?«
»Ein Werkzeug des Bischofs«, antwortete ich. »Er heißt Faustus.«
»Das hier ist eine Familienangelegenheit. Dieser Mann stört. Sag ihm, er soll sich entfernen – und seine Leute mit ihm.«
»Das wird nicht möglich sein, edle Frau«, widersprach Faustus, griff in seinen Mantel und brachte schwungvoll ein verknittertes Pergament zum Vorschein. »Ich habe einen Haftbefehl und werde deinen Sohn und seinen Freund mitnehmen. Und nun tritt bitte beiseite. Diese Sache geht nur Männer etwas an.«
»Was für ein Haftbefehl?«, rief Marcellus und trat auf ihn zu. Einer der Soldaten hielt drohend das Schwert dazwischen. »Dazu ist der Bischof gar nicht befugt. Kommt ihr deshalb hierher wie Diebe in der Nacht?«
Faustus bedachte ihn mit einem falschen Lächeln; dann schniefte er, fuhr sich mit den Fingern unter der feuchten Nase entlang und wischte sie am Mantel ab.
»Wer redet vom Bischof?«, erwiderte er voller Genugtuung. »Das ist ein kaiserlicher Haftbefehl, ausgestellt von Paulus, dem Notar.«
»Das glaube ich nicht. Der Kaiser hat Paulus seines Amtes enthoben.«
»Die Notwendigkeit hat ihn ins Amt zurückbefördert. Hast du nicht davon gehört? Nun, dann bin ich der Erste, der es dir sagt. Seine kaiserliche Ewigkeit hat Paulus wiedereingesetzt, damit er sich um die Aufrührer und Verräter in Gallien kümmert. Der Kaiser weiß, wer in diesen widrigen Zeiten seine Freunde sind, und keiner ist ihm treuer ergeben als Paulus. Und der Bischof, versteht sich. Und ich«, fügte er hinzu und tippte sich an die Brust. »Du siehst also, deine Hoffnungen waren übertrieben. Der Notar wartet in Trier – sieh selbst, das ist sein Siegel.«
Marcellus nahm das Schreiben aus Faustus’ ausgestreckter Hand und las es im Fackelschein; dann reichte er es an mich weiter.
»Es ist besser, ihr gehorcht«, sagte der Diakon. »Wir wollen die Herrin des Hauses doch keinen Unannehmlichkeiten aussetzen, nicht wahr? Noch dazu in diesen schwierigen Zeiten, wo niemand sie beschützen kann. Und wenn ihr unschuldig seid, habt ihr nichts zu befürchten.«
»Für den Notar ist niemand unschuldig. Das weiß jeder. Dieser Mann ist ein Mörder.«
Faustus zuckte bloß die Achseln.
»Vermutlich steckt dein Herr dahinter«, sagte ich zu ihm.
»Bischof Pulcher ist ein Mann, der seinen Freunden hilft«, entgegnete Faustus. »Es wäre besser für euch gewesen, ihr hättet dies beizeiten bedacht … Ach ja, beinahe hätte ich’s vergessen. Wo ist Aquinus? Er wird ebenfalls vorgeladen. Ihn will der Notar am dringendsten haben.«
»Da kommst du zu spät«, sagte Marcellus.
»Zu spät? Muss ich dich erst daran erinnern …« Er stockte, als er begriff. Neugierig reckte er den Hals und spähte zu dem weißen Aschebett. »Oh.« Unbehaglich trat er von einem Bein aufs andere und blickte sich um wie ein Mann, dem mit einem Mal bewusst wird, dass er Opfer einer arglistigen Täuschung geworden ist. Mit erhobenem Kopf fuhr er fort: »Das wird dem Notar gar nicht gefallen. Aber daran lässt sich wohl nichts ändern.« Er kratzte sich am Ohr. Dann kehrte sein Selbstvertrauen zurück, und hämisch fuhr er fort: »Ich weiß gar nicht, warum ihr euch wegen der Leiche eines Heiden so viel Mühe macht. Ihr hättet ihn auf den Misthaufen werfen sollen wie einen Hund.«
Seine Begleiter blickten beschämt drein. Ich wandte mich an den, der mich fesselte, aber der Mann murmelte nur, er täte seine Pflicht, und mied meinen Blick.
Ich spürte das Unbehagen der Reiter. Sie wollten nicht bis zum Morgen warten; deshalb brachen wir auf, als ihre Kameraden vom Haus zurückkehrten, und ritten beim Schein der Sterne und des viertelvollen Mondes auf wenig benutzten Wegen.
Alle schwiegen. Nur Faustus plapperte spottend und schadenfroh in seinem leiernden Tonfall. Irgendwann, nachdem er sich lange genug ignoriert sah, verfiel er in Schweigen und verlegte seine Aufmerksamkeit auf sein Pferd, das mittlerweile störrisch geworden war, weil sein Reiter nicht stillsaß und ständig an den Zügeln zerrte.
Wir ritten nach Süden. Als die Lichter einer Ansiedlung in Sicht kamen, verließen wir den Weg, um das Dorf zu umgehen. Wir begegneten niemandem. Im ersten Morgengrauen gelangten wir zu einem verlassenen Weiler an einer schlammigen Gezeitenbucht. Dort befand sich ein alter, halb verfallener Anleger, an dem ein seetüchtiger Kutter festgemacht hatte. Wir stiegen vom Pferd. Faustus’ Humor, soweit vorhanden, hatte sich während der langen kalten Nacht verflüchtigt, und so sagte er ohne jede Verstellung: »Endlich werden wir euch los.« Nach kurzem Innehalten fügte er mit lauter, theatralischer Stimme hinzu: »Wenn dich dein Auge stört, reiß es aus.« Es hörte sich an, als hätte er es vom Bischof aufgeschnappt oder in einem seiner frommen Bücher gelesen. Selbstzufrieden schnippte er mit den Fingern, und unsere Bewacher brachten uns zu dem Schiff.
Der Diakon wusste von dem lodernden Hass, den der Notar für uns hegte. Dem Kapitän jedoch, dem schäbigen Besitzer des schmuddeligen Schiffes, war das gleich, solange er sein Geld bekam. Er inspizierte den Beutel Münzen, den der Diakon ihm reichte, und gab Befehl, uns in den Frachtraum zu bringen. Dort wurden wir sorgfältig angekettet, ganz wie der Diakon es befohlen hatte. Von nun an wurden wir nicht mehr beachtet, bekamen aber auch nichts zu essen oder zu trinken. Wenigstens wurden wir nicht mit den schweren Fesseln über Bord geworfen, wie ich insgeheim befürchtet hatte, denn so etwas gehörte bekanntermaßen zu den Verfahrensweisen des Notars. Doch beruhigend war das keineswegs: Wenn uns das Ertrinken erspart blieb, dann nur, weil der Notar Schlimmeres mit uns vorhatte. Er war im gesamten Reich als Meister der Folter und des langsamen Todes bekannt, und er war stolz darauf.
Von den Barbaren lässt sich selten sagen, dass sie uns Gutes bringen. Das Chaos jedoch, der Feind des geordneten Lebens, ist manchmal auch der Feind der Tyrannen. Als wir in Gallien anlegten, hörten wir als Erstes eine wütende Auseinandersetzung auf dem Kai.
»Was ist denn nun wieder?«, murmelte Marcellus mit grimmigem Blick zu dem verrosteten Gitter über unseren Köpfen. »Ist selbst das Morden schon zu lästig?«
Wir lauschten dem gedämpften Streit. Einmal hörte ich den Kapitän schreien: »Aber das sind die Befehle! Sieh selbst, schau dir das Siegel an!« Eine andere Stimme erwiderte gelangweilt: »Ob Befehl oder nicht, ich kann nicht aus dem Nichts Männer herbeizaubern. Das hätte vorher veranlasst werden müssen.«
Sie stritten weiter. Schließlich polterten Schritte über das Deck, das Gitter flog auf, und das zornrote Gesicht des Kapitäns erschien in der Öffnung.
»Raus!«, befahl er.
Das Schiff hatte an einer langen Kaimauer vor verlassen wirkenden Lagerhäusern festgemacht. Die Türen standen offen; dahinter waren leere Räume zu sehen. An einem Ende des Kais lagen ein paar Fischerboote nebeneinander vertäut, als wären sie nach einem Winter auf dem Trocknen vergessen worden. Ein Stück höher lag eine Stadt, deren Mauern rostrot in der Abendsonne leuchteten.
»Wo sind wir hier?«, fragte ich und rieb mir die aufgescheuerten Handgelenke.
»Bei Boulogne«, antwortete der Kapitän. »Nicht dass es von Bedeutung für euch wäre.« Dann wandte er sich dem Beamten zu, der uns vom Kai aus anstarrte, fuchtelte mit den Armen und fuhr ihn an: »Na los, weiter! Was glotzt du so? Geh und hol sie!«
Der Mann rümpfte die Nase und stolzierte davon.
»Was geschieht nun?«, fragte Marcellus.
»Das geht mich nichts mehr an. Euer Freund, der Diakon, sagte, dass euch hier eine Abordnung des Notars erwartet. Aber dieser Hohlkopf«, er zeigte mit dem Daumen auf den davonschlurfenden Beamten, »weiß nicht, worum es geht. ›Das hätte veranlasst werden müssen!‹« Er äffte den Tonfall des Beamten nach.
Dieser kam bald mit einer Abteilung Soldaten zurück. Es waren keine Männer aus dem kaiserlichen Heer, sondern gehörten der örtlichen Bürgerwehr an – Halbwüchsige in groben Behelfsuniformen, die sich aber mit ungelenkem Stolz bewegten und deren Waffen – Jagdmesser und sonderbare Schwerter – eingeölt und poliert waren. Auf der windgeschützten Seite eines Lagerhauses wurde die Auseinandersetzung weitergeführt. Ich konnte nicht hören, was gesprochen wurde. Ein-oder zweimal blickte der Anführer, ein junger Hauptmann mit breitem Bauerngesicht, finster zu uns herüber. Aber der Kapitän sah schließlich doch noch zufrieden aus. Er war uns losgeworden. Und nach weiterer kurzer Verhandlung wurden wir durch die gemauerte Einfahrt der Lagerhäuser gezerrt.
Man führte uns durch ein heruntergekommenes Viertel. Einst hatten hier Schiffsausrüster, Böttcher und Segelmacher ihre Waren verkauft; nun waren die Läden geschlossen und vernagelt. Es gab nur noch jene schäbigen, von Schmutz starrenden Schenken, wie man sie in jedem Hafen findet. Aus der Tür einer dieser Kaschemmen rief uns eine hagere Straßenhure an und zeigte Marcellus ihre Brüste, ehe sie unsere gefesselten Hände bemerkte. Kaum hatte sie erkannt, dass an uns nichts zu verdienen war, gab sie die Verstellung auf und spuckte kräftig aus.
»Warum ist es hier so still?«, fragte ich den Hauptmann. »Wo sind die Leute?«
Der Hauptmann blickte finster. »Es gibt keine Arbeit. Sie sind fortgezogen.«
Er hatte ein ehrliches Gesicht und machte auf mich den Eindruck, als wäre er nicht allzu froh über die ihm übertragene Aufgabe. Deshalb fragte ich ihn lächelnd, wie die Stadt überleben könne, wenn Handel und Handwerk am Boden lägen.
Er musterte mich argwöhnisch von der Seite, als rechnete er damit, dass ich ihn zu übertölpeln versuchte. Man hatte ihm zweifellos gesagt, ich sei ein gefährlicher Verbrecher. Aber dann antwortete er achselzuckend: »Wir halten uns über Wasser. Und jetzt sei still.«
In dieser Nacht wurden wir in eine alte Zelle in den Arkaden der Stadtmauer eingeschlossen, wo man sonst gemeine Diebe und anderes Gesindel einsperrte. Das Verlies war triefnass, und es stank wie in einer Latrine. Zuvor jedoch nahm der junge Hauptmann uns die Ketten ab und warf uns von einer Pferdekrippe einen Armvoll frisches Stroh ins Verlies. Am nächsten Morgen brachte er uns Ziegenkäse, in ein Tuch gewickelt, dazu Milch und grobes Gerstenbrot, und wir durften nach draußen und uns an der Pferdetränke waschen.
Während ich mir Wasser ins Gesicht klatschte, schaute ich mich um, verstohlen und vorsichtig, denn der Hauptmann hatte seine Leute angewiesen, uns zu töten, sollten wir eine Flucht versuchen, und so waren die Männer angespannt wie ein Rudel Hunde vor der Jagd. Wir befanden uns auf einem gepflasterten Platz am Stadttor, wo sich ringsum ein Wagenzug versammelte. Ich ging zum Fahrer eines Maultierkarrens und fragte ihn, was los sei.
Der Mann beäugte meine Kleidung – ich trug noch dieselben Sachen wie bei Aquinus’ Bestattung, eine dunkelrote schwere Wolltunika, darüber einen schwarzen Mantel – und erkundigte sich, woher ich käme. Nachdem ich geantwortet hatte, sagte er: »Die Straßen sind für Reisende nicht mehr sicher. Ist das in Britannien anders? Ja? Dann habt ihr Glück. Hier geht niemand mehr allein, wenn es sich vermeiden lässt. Die Barbaren liegen auf der Lauer und picken sich die Unvorsichtigen heraus wie Wölfe die Lämmer, und der Kaiser unternimmt nichts!« Zornig trat er gegen das Rad seines Karrens, als wäre er ihm verhasst. Der Karren war mit derben Töpferwaren beladen, die in Stroh gewickelt waren. »Ich war einst ein reicher Mann«, klagte er. »Ich hatte tausend Morgen Land am Rhein. Jetzt besitze ich nur noch das hier.«
»Was ist dir zugestoßen?«, fragte ich.
»Was mir zugestoßen ist?« Er schaute mich forschend von der Seite an, ob ich ihn verspotten wollte. Nachdem er zu dem Schluss gekommen war, dass ich es ernst meinte, antwortete er: »Ich habe die Geschichte schon hundert Mal erzählt. Die Franken kamen aus den Wäldern über den Strom. Sie brannten mein Haus nieder und nahmen mir mein Land.« Um seine Worte zu unterstreichen, pustete er über seine ausgestreckte Handfläche. »Alles weg, alles, wofür ich geschuftet habe. Jetzt bin ich hier. Wir leben hinter den Stadtmauern wie Gefangene. Meine Frau nimmt schlecht bezahlte Näharbeiten an, und ich muss dieses miese Geschirr verkaufen, das jeden Tisch verschandelt.«
Jemand rief ihn, doch ehe er sich entfernte, sagte er noch: »Meine Frau nennt es Schicksal. Sie nimmt es gelassen hin.«
»Aber du nicht?«
»Ein Mann sollte Herr seines Schicksals sein«, antwortete er. »Wir haben unseren gesamten Besitz verloren. Aber ich habe schon genug geredet. Es gilt als Verrat, so etwas auszusprechen.«
Es war weit nach Sonnenaufgang, als wir aufbrachen.
Ich hatte angenommen, wir seien die einzigen Gefangenen, doch kurz vor dem Aufbruch wurden sechs alte Männer in Ketten aus der Stadt gezerrt. Sie wirkten gebildet und trugen vornehme Kleidung, die im Kerker allerdings arg gelitten hatte. Offenbar waren sie ehrbare, wohlhabende Bürger gewesen, die das Rückgrat einer jeden Provinzstadt bilden – genau jene Männer also, die der Notar so gern in sein Gespinst aus Lügen und Verrat verwickelte, um ihr Vermögen einziehen zu können. Sie starrten in dumpfer Hoffnungslosigkeit zu Boden und taten, was ihnen befohlen wurde.
Ich konnte nicht mit Marcellus reden, weil man uns getrennt hatte, doch ich fing seinen zornigen Blick auf. Wir hatten in Britannien dieselbe Unterdrückung erlebt, hatten den Notar aber schließlich verjagen können. Hier aber trieb er weiter sein Unwesen.
Die alten Männer wurden auf einen offenen Karren verladen, und wir mussten zu ihnen hinaufklettern. Dann befahl der Hauptmann, das Tor zu öffnen.
Von Boulogne zogen wir nach Osten über ebenes, fruchtbares Ackerland. Doch so fruchtbar der Boden auch war, die Felder waren nicht bestellt, sondern mit hohem Gras und jungen Bäumen überwachsen. Und die wenigen Gehöfte und Dörfer, die wir erblickten, wurden von primitiven, in sichtlicher Eile errichteten Palisaden und Befestigungswällen aus derben alten Mauersteinen geschützt, die von uralten Ruinen stammten. Bei unserer Ankunft vor Reims fanden wir die Stadttore geschlossen, und es herrschte kein Verkehr auf der Straße, obwohl helllichter Tag war.
Wir zogen bis ans Tor; dann rief der Hauptmann an der grauen Kragsteinmauer hinauf. Sogleich schauten vom Torhaus Bürger mit Speeren zu uns herunter. Ob wir verrückt seien, in diesen Zeiten zu reisen, wollten sie wissen, nachdem sie erfahren hatten, wer wir waren. Ob der Hauptmann denn nichts davon gehört habe, dass germanische Stämme von jenseits des Rheins eingefallen seien; angeblich sei sogar die Festungsstadt Köln gefallen. Niemand wisse, wie weit und in welcher Zahl die Barbaren vorgedrungen seien, und es gebe kein römisches Heer, das sich ihnen entgegenstellen könne, sodass die Städte Galliens sich selbst verteidigen müssten.
So blieben wir eine Zeit lang in Reims. Niemand schien zu wissen, was zu tun war. Die Tage verstrichen, doch jede Verzögerung, die uns vom Notar fernhielt, war uns willkommen.
Wir wurden im Obergeschoss eines unbewohnten Stadthauses eingesperrt, auf blanken Dielen zwischen bröckelndem Putz; das Fenster gewährte den Blick auf einen morastigen Hof.
Eines frühen Morgens kam der junge Hauptmann mit der Wache und brachte uns Frühstück. Während wir aßen, lehnte er am Türrahmen, und schließlich sprach er mit uns. Er habe Befehl gehabt, uns nach Trier zu überführen, in die Hauptstadt des westlichen Reiches. Doch nun, da die Straßen nicht mehr sicher seien, habe er beschlossen, uns nach Paris zu bringen, wo er uns den Behörden übergeben könne und die Verantwortung für uns los sei.
Der Hauptmann wirkte verlegen, und als er geendet hatte, trat er unruhig von einem Bein aufs andere. Er war ein einfacher Bauernbursche mit widerspenstigem blondem Lockenschopf, der viel lieber Heuschober gebaut hätte; er besaß immerhin den Anstand, sich dafür zu schämen, dass er Männer gefangen hielt, die seine Großväter hätten sein können.
Da ich spürte, dass es ihn zu reden drängte, fragte ich ihn, ob er mit uns essen wolle. Wie vermutet hatte er auf diesen Wink nur gewartet, auch wenn es ihm vielleicht nicht bewusst gewesen war. Er hockte sich zu uns, und einer der alten Männer schob den Gemeinschaftsteller mit Brot und Käse zu ihm hin, wobei er sich beim Hauptmann nach dessen Familie erkundigte.
Sein Vater, erzählte der Hauptmann, bewirtschafte ein Stück Land unweit von Boulogne – man könne die Felder vom höher gelegenen Teil der Stadt aus sehen, wo der alte Tempel stehe. Er sei der Jüngste von drei Brüdern.
»Ich habe auch einen Sohn«, sagte der alte Mann. »Er ist Soldat und dient dem Kaiser an der persischen Grenze. Ich werde ihn wohl nicht wiedersehen.«
Der Hauptmann stutzte und schaute ihn an. »Das tut mir leid«, sagte er kauend. »Ich verstehe nicht, warum es auf der Welt so zugeht.« Er verfiel in Schweigen und kaute, die Stirn gefurcht. Nach einer Weile sagte er: »Es gibt ein Bad in der Nähe. Wenn ich euch dorthin bringe … versprecht ihr, nicht zu fliehen?«
»Fliehen?«, sagte ein anderer mit bitterem Lachen. »Wohin denn? Wir sind zu alt für eine Flucht. Wir haben kein Geld, und wir sind bereits halb tot. Ich will nicht das letzte bisschen Würde verlieren, das mir geblieben ist.«
So bekamen wir – eine Reihe Nackter – unser erstes anständiges Bad seit vielen Tagen: die unglücklichen alten Männer, der Hauptmann, Marcellus und ich.
Wir fingen ein Gespräch an, wie es zu solchen Gelegenheiten üblich ist, und kamen bald auf die Barbaren zu sprechen.
»Manchmal vergehen Wochen, ohne dass man sie sieht«, sagte der Hauptmann kopfschüttelnd. »Und dann, wenn man sich sicher glaubt, schlagen sie zu.« Er zog den Finger an der Kehle entlang. Er wusste von ganzen Familien – Vater, Mutter, Kinder, Großeltern –, die in Stücke geschnitten auf ihrem Hof gelegen hatten, obwohl sie ebenso gut hätten verschont werden können. Auf einem Gehöft hatte er zwei Kinder gefunden, einen Knaben und ein Mädchen, die hinter der Getreidescheune an einem Baum aufgehängt waren. »Das Mädchen«, erzählte er finster, »war nackt. Sie war erst sechs Jahre alt. Mein Bruder kannte die Familie.«
»Bist du deshalb dem städtischen Regiment beigetreten?«, fragte einer der alten Männer.
Der Hauptmann zögerte einen Moment, ehe er antwortete: »Ich wollte helfen, die Bürger zu schützen.«
Die alten Männer blickten einander an. Es schien grausam, dem Hauptmann die naheliegende Frage zu stellen, weshalb er hilflose Bürger fern der Heimat bewachte, anstatt sein Gehöft und seine Familie zu schützen. Vermutlich dachte der Hauptmann dasselbe, denn er sagte prompt: »Ich versuche meine Pflicht zu erfüllen. Was soll ich sonst tun?«
Ich fragte ihn, was sich in Gallien zuletzt ereignet habe. Er berichtete, der Kaiser habe im vergangenen Jahr einen Feldherrn mit einem Heer geschickt, damit er die Dinge in Ordnung brächte; stattdessen habe der Feldherr sich zum Augustus ausgerufen. Daraufhin schickte der Kaiser einen anderen Heerführer, um den selbsternannten Augustus abzusetzen. Dann wurde der Präfekt bei einer Verschwörung ertappt und an den Hof zurückbeordert. »Da wundert es wenig«, sagte der Hauptmann und trat mit dem nackten Fuß ins Wasser, »wenn die germanischen Stämme über Gallien herfallen.«
»Und was wurde aus Paulus, dem Notar?«, fragte einer der alten Männer.
Der Hauptmann verzog das Gesicht und warf einen raschen, misstrauischen Blick durch den von Dampf erfüllten Raum. Schmale Streifen winterlichen Sonnenscheins fielen durch die Fenster unterhalb des Kuppeldaches. Es waren keine Fremden zugegen; trotzdem senkte er die Stimme, als er schließlich antwortete. Der Notar, sagte er, sollte in Trier sein, im Palast des Kaisers, wo er sich während seiner Verhöre niedergelassen hatte. Der Hauptmann zögerte erneut; dann fügte er hinzu: »Aber einer meiner Männer hat von einem Schankwirt hier in Reims gehört, dass der Notar geflüchtet ist, als die Germanen Köln einnahmen.«
»Wohin?«
Der Hauptmann zuckte die Achseln. »Wer kann das wissen? Gallien ist wie ein angestochenes Wespennest, in dem es nur so wimmelt.«
Wir tauschten verstohlene Blicke. Marcellus fragte: »Wer ist denn dann in Paris?«
»Der Vetter des Kaisers ist angeblich unterwegs dorthin. Der Kaiser hat ihn zum Cäsar ernannt und nach Gallien geschickt, damit er uns rettet.«
»Was denn – etwa Julian?«, rief der alte Mann neben Marcellus. »Fällt dem Kaiser nichts Besseres ein? Julian ist kaum mehr als ein Knabe. Ein Soldat ist er ganz gewiss nicht!«
»So sagen die Leute. Aber man hört, dass er in letzter Zeit alle in Erstaunen versetzt. Er hat die Barbaren im Süden besiegt und marschiert jetzt nach Norden. Es heißt, er sei ein ehrlicher Mann.«
»Dann ist er so selten wie ein Schmetterling im Winter«, schloss der Alte bitter.
So kam es, dass ich in meinem einundzwanzigsten Winter nach Paris gelangte – eine kleine Stadt, von der ich nie zuvor gehört hatte –, weil Köln gefallen und die Barbaren über den Rhein vorgedrungen waren.
Dies sollte mein Leben für immer verändern.
Es hatte den ganzen Tag geregnet, in grauen böigen Schlieren, die der Westwind vor sich hertrieb. Als wir uns der Stadt näherten, brachen die Wolken auf, und der Himmel entflammte in einem Sonnenuntergang, der sich auf dem Fluss und den nassen Ziegeldächern der Stadt spiegelte. Paris war unbefestigt – die erste Stadt in Gallien, die ich ohne Mauer sah –, doch in der Flussmitte auf einer bootsförmigen Insel stand eine gedrungene, offenbar uralte Zitadelle mit fleckigen Mauern im Abendschein.
Als wir in das tiefe Tal hinunterritten, gabelte sich die Straße. Die östliche Abzweigung führte zu einem Kastell auf dem Hügel, die andere, die wir nahmen, nach Süden zu der Brücke und zur Inselzitadelle.
Bis wir im Innenhof ankamen, brannten bereits die Kohlenpfannen. Wir wurden in einen hohen Gewölbesaal gebracht, der in eiserne Gitterpferche unterteilt war, wie für Schafe oder Rinder. Dort warteten wir, während ein gelangweilt wirkender Schreiber die Einzelheiten des Haftbefehls auf eine Wachstafel schrieb und uns einzeln zu sich rief.
Als ich an die Reihe kam, beäugte er mich, las erneut den Haftbefehl und winkte dann Marcellus von hinten heran.
»Wartet dort drüben!«, befahl er und schickte uns zur Seite.
Von dort beobachteten wir, wie sich ein steter Strom von Beamten in langen dunklen Tuniken mit Schriftrollen und Wachstafeln unter dem Arm voranbewegte; die Männer waren in eifrige Gespräche vertieft oder blickten starr vor sich hin. Alle wirkten beschäftigt; keiner hatte ein Auge für die Gefangenen und Klienten, die darauf warteten, an die Reihe zu kommen.
»So viel Eifer, und trotzdem brennt die Provinz«, bemerkte Marcellus, der für Verwaltungsbeamte nichts übrig hatte.
Irgendwann trat ein adretter junger Mann in grün-roter Livree auf uns zu und bat uns, ihm zu folgen. Er trug einen breiten braunen, silberbeschlagenen Ledergürtel, ein edles, prächtiges Stück. Doch mir fiel auf, dass der Mann unbewaffnet war.
Er schien sehr von sich überzeugt, beinahe hochmütig zu sein, benahm sich aber recht höflich. Er führte uns aus dem Saal über einen der vielen Gänge und schließlich eine alte Steintreppe hinauf, deren Stufen von Generationen ausgetreten waren. Wir stiegen an schmalen Fenstern mit schrägen Laibungen vorbei, durch die man über den Fluss und das Land blicken konnte, und gelangten auf einen hoch ummauerten Hof im oberen Teil der Zitadelle.
In der Mitte stand eine große alte Zeder, die zwischen den Steinplatten Wurzeln geschlagen hatte; schwarz hob sie sich vor dem dunkler werdenden Abendhimmel ab. An einer Seite des Hofes folgte unterhalb der Brüstung ein hölzerner Wehrgang dem Verlauf der Außenmauer. Hier und da waren Fensterschlitze zu sehen, hinter denen aber keine Lampen brannten; auch waren keine Stimmen zu hören, nur das Rauschen des Flusses unterhalb der Mauer und das empörte Zwitschern eines Nachtvogels in den Zweigen der Zeder.
»Hier entlang«, sagte der junge Mann.
Kurz darauf blieb er vor einer eisenbeschlagenen Tür stehen, drückte auf die Klinke, bedeutete uns, einzutreten und erklärte, dass bald jemand zu uns käme.
Dann ließ er uns allein.
Seltsam, dachte ich und sah mich stirnrunzelnd um. Das Zimmer war lang, weiß getüncht und schmucklos und besaß ein schmales Fenster mit Mittelpfosten. Jemand hatte eine Lampe für uns angezündet. Sie brannte flackernd in einer Wandnische. Es gab zwei Betten mit sauberen Laken und Kopfpolstern; an einer Wand standen ein Tisch und ein Waschtisch.
Ich wollte dazu gerade eine Bemerkung zu Marcellus machen, denn nach meiner Erfahrung gab es keine Gefängniszellen, die so möbliert waren. Doch ehe ich etwas sagen konnte, rief er mir vom Fenster aus zu: »Komm einmal her, Drusus, und sieh dir das an!«
Er hatte den Fensterladen geöffnet und betastete den Mittelpfosten. »Hier sind keine Gitterstäbe. Es ist schmal, aber wir könnten durchpassen.«
Ich trat neben ihn. »Ja, gut möglich«, sagte ich und klopfte gegen die Steinstrebe. Dann hielt ich stirnrunzelnd inne, als mir klar wurde, was mich so verwunderte. »Sag mal, hast du hier irgendwo Schlüssel oder Schlösser gesehen, Marcellus?«, rief ich aus. »Hast du Wächter einen Riegel vorschieben hören?«
Er sah mich an, doch ich eilte bereits an ihm vorbei zur Tür und drückte die schwere schmiedeeiserne Klinke. Die Tür schwang auf.
Ich spähte über den dunklen Hof. Marcellus, der neben mich getreten war, tat es mir gleich.
»Das verstehe ich nicht«, sagte er, »es sei denn …«
Ehe er den Satz zu Ende bringen konnte, fasste ich ihn am Arm und bedeutete ihm, still zu sein. Gegenüber hatte sich eine Tür geöffnet, in der sich jemand im Gegenlicht zeigte. Wir zogen uns zurück und schlossen leise unsere Tür. Bald erklangen draußen Schritte auf dem Pflaster. Jemand klopfte an; dann bewegte sich die Klinke, und zwei Diener kamen herein, jeder mit einem Armvoll Handtüchern, obenauf eine ordentlich gefaltete Tunika.
»Ich bitte um Verzeihung, dass wir euch haben warten lassen«, sagte einer. »Ihr müsst von der Reise müde sein. Gewiss wollt ihr euch waschen und umkleiden. Ich habe nach warmem Wasser geschickt. Es wird gleich gebracht.«
Ich schaute ihn verblüfft an. Nach einer höflichen Pause ging er an mir vorbei und legte die Handtücher auf den Waschtisch, während sein Begleiter die Tuniken auseinanderfaltete und aufs Bett legte. Sie waren aus feinem weißem Leinen und mit einer grünen Wasserblattbordüre bestickt.
Als der Mann meinen Blick sah, meinte er bedauernd: »Ich weiß, Herr, und bitte um Verzeihung. Ich konnte so schnell nichts Besseres finden. Wenn du für heute damit vorliebnehmen willst, werde ich bis morgen etwas Passenderes finden.«
Ich starrte zuerst auf die Tuniken, dann auf den Mann. Er lächelte und räusperte sich höflich. Offenbar hielt er mich für einfältig.
»Mein Herr Eutherius bittet um Verzeihung, dass er euch noch nicht selbst begrüßen konnte«, fuhr er fort. »Doch er hofft, dass ihr später mit ihm zu Abend esst.«
Ich blickte ihn nur an, aber Marcellus blieb nicht stumm. »Mit Vergnügen«, sagte er im liebenswürdigsten Tonfall.
Wie gut, dass er da war. Ich hätte wahrscheinlich kein Wort herausgebracht.
In meinen zwanzig Lebensjahren hatte ich schon einiges erlebt, aber nichts hatte mich auf Eutherius vorbereitet.
Wir hatten uns entkleidet und gewaschen und die feinen neuen Sachen angelegt, die man uns gebracht hatte. Später kam der Diener zurück, um uns durch die Zitadelle zu eskortieren, über düstere Gänge, durch Gewölbesäle und Steintreppen hinunter, bis wir in einen Teil der weitläufigen Festung gelangten, die eher wie die Residenz eines reichen Mannes aussah.
Schließlich wurden wir in einen Raum geführt, den ich für das Privatgemach einer vornehmen Dame hielt. Er war mit Seidenvorhängen in Zinnoberrot und Rosa ausgeschmückt. Silberne Lampen in Form von Schwänen brannten an Ketten, die an einem schmiedeeisernen Ständer aufgehängt waren. An einer Seite standen drei gepolsterte Liegen um einen niedrigen Tisch, darauf Feigen und süßes Gebäck in grünen Glasschalen und kleine gekochte, mit Kräutern garnierte Eier.
»Bitte sehr«, sagte der Diener und bat uns mit höflicher Geste, Platz zu nehmen. Sein Herr Eutherius werde gleich zu uns kommen.
Wir setzten uns, und der Diener entfernte sich. So warteten wir allein und unbewacht, betrachteten den Vorhangschmuck und die Glasschalen und blickten uns erstaunt an.
Nach einer Weile waren draußen Stimmen zu hören. Die Flügeltür wurde geöffnet, und ein großer Mann mittleren Alters eilte zu uns herein.
»Verzeiht!«, rief er und breitete in einer bittenden Geste seine dicken, fleischigen Hände aus. »Ihr müsst mich für unhöflich halten, weil ich euch so lange habe warten lassen.«
Er war bekleidet mit einer knöchellangen Tunika in Purpurrot und Taubenblau mit bestickten Säumen und einem Gürtel aus gewebtem Gold. Ein süßer Apfelduft haftete ihm an. »Nein, nein, behaltet bitte Platz!«, rief er, als wir uns erheben wollten, und ließ sich auf der Liege gegenüber nieder. »Ich musste mich unerwartet um ein Amtsgeschäft kümmern. Der neue Präfekt ist soeben eingetroffen, viel früher als erwartet.«
Der Mann sprach ein präzises Latein, allerdings mit einem Hauch griechischer Sprachmelodik. Er strich sich die Kleider glatt und schob seinen gewaltigen Leib auf der Liege zurecht. »Ihr hattet eine beschwerliche Reise, nehme ich an; deshalb soll euer Wohlempfinden durch nichts mehr gestört werden.« Lächelnd drehte er sich zu einem dunkelhäutigen, erlesen gekleideten Knaben um, der mit ihm hereingekommen war und sich im Hintergrund gehalten hatte. »Wir werden nun unseren Wein trinken, Agatho. Und wenn unsere Gäste nichts dagegen haben, kannst du dem Koch Bescheid geben, dass wir jetzt so weit sind.«
Während Marcellus und ich auf den Diener gewartet hatten, waren wir überein gekommen, in dieser Nacht die Flucht zu versuchen. Die unverriegelte Tür hielten wir für eine dumme Nachlässigkeit, oder man hatte uns im Durcheinander unseres Eintreffens schlicht mit jemandem verwechselt. Was auch der Grund sein mochte – wir wollten uns aus dem Staub machen, bevor der Irrtum entdeckt wurde.
Doch dieser Eutherius schien uns erwartet zu haben. Und nachdem der Wein eingeschenkt und von dem hübschen Knaben herumgereicht wurde, wandte Eutherius mir seine klugen dunklen Augen zu und sagte: »Wie ich höre, junger Mann, hattest du einen Zusammenstoß mit unserem Freund, dem Notar.«
Ich schluckte. Der Wein war süß und schwer; ein Wein, wie mein Onkel ihn für seine reichen Kunden aus den Rheingegenden importieren ließ, doch nun kam er mir plötzlich bitter vor. Wie töricht, dass ich mir Hoffnungen gemacht hatte. Ich hätte mir denken müssen, dass der Notar nicht mit einem raschen Tod zufrieden war. Er würde mir das Messer im Leib umdrehen wollen; schließlich hatte er das langsame, qualvolle Sterben anderer zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Die Folter war seine Kunst.
Ich stellte meinen vergoldeten Pokal ab. »Dann weißt du es also …«, begann ich bedächtig, als unvermittelt die Türen aufflogen und eine Gruppe livrierter Diener mit Platten voller Speisen hereinkam, die sie zuerst Eutherius zur Begutachtung und dann vor uns hinstellten: Pilze in Honig, Hühnchenragout, Meeräsche mit Mandeln und roten Beeren, glasiertes Schwein am Spieß und andere Delikatessen in kleinen abgedeckten Töpfen.
»Ausgezeichnet! Wundervoll!«, rief Eutherius beim Anblick der silbernen Platten überschwänglich aus. Doch Marcellus räusperte sich. Allmählich war ihm die Anspannung anzusehen. »Verzeih, Eutherius, sind wir nicht als Gefangene hier? Du aber behandelst uns wie Ehrengäste.«
»Das seid ihr auch«, antwortete er.
Marcellus blickte ihm abwartend ins Gesicht. Nach den Strapazen der Reise war er mit seiner Geduld am Ende. Unser Gastgeber schien dies zu bemerken. Seufzend stellte er den Teller, den er sich genommen hatte, wieder ab und sagte: »Ich sehe schon, ich werde wohl einiges erklären müssen, wenn ich unser Bankett nicht verderben möchte. Aber bitte, esst doch, während ich rede.«
Der Notar Paulus, erfuhren wir, war nicht der Einzige, der von Spionen Gebrauch zu machen verstand. Es sei eine traurige Erkenntnis, dass auch Spione und deren Auftraggeber bespitzelt würden – einschließlich des Notars. »So ist es nun mal. Spitzel werden bespitzelt und Bewacher überwacht.« Und nach dem Desaster, das Paulus in Britannien angerichtet hatte – und das, konstatierte Eutherius nickend, Marcellus und ich am eigenen Leib erfahren mussten –, habe Constantius befunden, dass Paulus seine Befehle in verbrecherischer Weise überschritten habe, worauf er ihn an den Hof zitiert hatte. »Der Kaiser«, fügte Eutherius mit nüchternem Blick hinzu, »hat klugerweise versichert, dass er für die Fehler seiner Untergebenen keine Verantwortung trägt.«
Er aß einen süßen Pilz; dann fuhr er fort: »Zufällig hielt ich mich gerade am Hof in Mailand auf, als Paulus eintraf. Er kam per Schiff mit allem Pomp und Gefolge und großtuerischer Dienerschaft – so gar nicht, was der göttliche Constantius sehen wollte, nachdem er die Nachricht von einer weiteren Rebellion erhalten hatte. Wirklich, es war ein höchst unüberlegter Zug vonseiten des Notars.« Er kräuselte die Lippen und betrachtete uns mit großen Unschuldsaugen. »Was euch betrifft, so ist uns bekannt, dass ihr verhaftet wurdet, doch wo, wussten wir in all der Verwirrung nicht. Dann brachten meine … äh, Kontaktmänner in Reims eine Nachricht. Ihr werdet bemerkt haben, dass eure scheußliche Reise danach ein wenig angenehmer wurde. Nun hört doch auf, so zu starren, und esst etwas. Ihr seid mager wie streunende Hunde.«
Wir taten wie geheißen, und als sich meine Aufgewühltheit legte, merkte ich erst, wie hungrig ich war.
Während wir aßen, redete Eutherius weiter. »Ganz unter uns, auch ich bin schon gelegentlich mit unserem geschätzten Notar aneinandergeraten. Er ist …« Er hob einen Finger und zog ein Gesicht, als hätte er Essig geschluckt. »Nun, vielleicht sollte ich nicht allzu offen über einen Mann von solchem Ruf sprechen. Sagen wir einfach, der Notar kann … streitlustig sein.«
Marcellus, der abwesend, beinahe mechanisch aß, beobachtete Eutherius aufmerksam wie ein Windhund. Agatho trat heran und füllte meinen Pokal nach. Ich trank ihn zügig aus.
»Wie immer man die Sache betrachtet«, fuhr Eutherius fort, »der Kaiser wurde schlecht beraten. Britannien befindet sich im Aufruhr, und Barbaren durchstreifen Gallien nach Lust und Laune. Darum hat er seinen jungen Vetter Julian zum Cäsar ernannt, und darum bin ich hier.« Er steckte sich eine Beere in den Mund und neigte den Kopf Marcellus zu. »Um auf deine Frage zurückzukommen – ihr seid keine Gefangenen. Ihr könnt die Zitadelle nach Belieben verlassen, sogar während dieses Mahls. Den Unglücklichen, die bei euch waren, wurde bereits die Heimreise angeboten. Ihr könnt mit ihnen gehen, wenn ihr es wünscht. Doch sobald ihr erkennt, dass alles wahr ist, was ich sage, werdet ihr möglicherweise in Erwägung ziehen, eine Weile zu bleiben. Julian wird diesen Winter hierherkommen. Ich möchte euch ihm gern vorstellen.«