40460.fb2 Wen die G?tter lieben - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 6

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ZWEITES KAPITEL

Am nächsten Tag verließen wir unser Zimmer zu einem Spaziergang durch die Zitadelle. Niemand trat uns in den Weg.

Wir waren im ältesten Teil des Gebäudes untergebracht, wo man auf die nackten Quadermauern sah. Woanders gab es neue Anbauten im römischen Stil: hübsch getäfelte Räume mit Mosaikböden, Fresken und Pilastern, die um lauschige Gärten mit Pflaumenbäumen und Buchsbaumhecken angeordnet waren.

Wir schlenderten den Weg zurück und schlugen eine andere Richtung ein, die uns zu einem langen, hohen Saal mit gedrungenen Säulen und schweren, verblassten Wandteppichen führte. Es musste ein herrschaftlicher Raum sein, denn es gab ein Podest mit einem Stuhl mit hoher Lehne am Ende. Das trübe graue Licht des Winters fiel durch hohe, schmale Fenster, und in einer schmiedeeisernen Kohlenpfanne brannte knisternd ein Feuer.

Am anderen Ende befand sich eine gewaltige Flügeltür mit einer kleineren Tür darin. Wir gingen hindurch und gelangten auf einen Balkon, von dem eine Treppe hinunter auf einen gepflasterten Hof führte. An drei Seiten erhoben sich die nackten Mauern der Zitadelle; an der vierten stand ein Steintor, daneben war ein Wächter in kaiserlicher Uniform postiert.

Marcellus blickte stirnrunzelnd vom Balkon hinunter. »Dann lass uns einmal feststellen, ob wir wirklich frei sind.«

Wir gingen hinunter, überquerten den Hof und schlenderten auf das Tor zu. Die Blicke des Wächters folgten uns. Er nickte Marcellus zu und ließ uns ohne ein Wort passieren.

Wir gingen weiter und wagten kaum, uns umzudrehen. Doch bei einem Blick über die Schulter sah ich, dass uns niemand folgte.

Ich atmete erleichtert aus, ohne dass mir bewusst gewesen wäre, den Atem angehalten zu haben. Nach wochenlanger Gefangenschaft, schlaflosen Nächten auf stinkendem Stroh und Tagen voll zermürbender Furcht vor einem plötzlichen, gewaltsamen Tod schienen wir tatsächlich frei zu sein, wie unser fremder Gastgeber es versprochen hatte. Beinahe schämte ich mich, an seinen Worten gezweifelt zu haben. Marcellus jedoch sagte: »Wir mussten uns vergewissern, Drusus. Reden und Tun stimmen oft nicht überein.«

Wir konnten uns ungehindert bewegen. Die Insel mit der Zitadelle ist der älteste Teil von Paris, um den sich die Stadt nach Süden hin ausbreitet. Rings um die Mauern der Zitadelle gab es enge Straßen und schattige, mit Eisengittern versperrte Höfe, und am Flussufer auf der Ostseite der Insel stand etwas erhöht ein alter Tempel. Auf den stießen wir an jenem ersten Tag. Als wir uns näherten, schaute ich zum Giebel hinauf. Dort stand in Bronzelettern, wem er geweiht war: IOVIOPTIMOMAXIMO.

»Der Tempel des Jupiter«, sagte Marcellus, der ebenfalls auf den von Grünspan überzogenen Schriftzug blickte.

Wir stiegen die Marmortreppe hinauf und schlenderten an den mit Akanthuslaub verzierten Säulen entlang, blieben am Rand stehen und schauten auf das rasch dahinfließende Wasser.

»Was hältst du davon?«, fragte Marcellus und kehrte damit zu der Frage zurück, die wir den ganzen Morgen erörtert hatten: Sollten wir bleiben oder abreisen?

Ich beobachtete ein Paar Teichhühner, die übers Wasser flitzten, untertauchten, wie Korken zurück an die Oberfläche hüpften und sich schüttelten.

»Da ist immer noch der Notar«, gab ich zu bedenken.

Jedes Mal gelangten wir an diesen Punkt.

Marcellus nickte. »Ja. Und ich dachte, wir wären ihn los.« Er klang düster und zornig.

»Ich auch. Aber jetzt wissen wir es besser.«

Ich dachte an den Tag zurück, wo ich den furchteinflößenden Mann mit der steinernen Miene als Gefangenen in London auf ein Schiff gebracht hatte, damit er sich für seine Verbrechen vor dem Kaiser verantwortete. Er hatte die Provinz Britannien mit seinen Verratsanklagen entzweit. Sich selbst stellte er dabei über das Gesetz, wie alle schwarz gekleideten Geheimagenten des Kaisers es taten. Marcellus, sein Großvater Aquinus und ich waren ihm schließlich entgegengetreten und hatten dafür gesorgt, dass er aus dem Land gejagt wurde. An jenem Tag am Kai von London hatte er mit einer Stimme, bei der mir das Herz gefror, zu mir gesagt, ich solle hoffen, ihn nie wiederzusehen. Und jetzt war er frei und wieder zu Macht und Einfluss gelangt. So also ist es um die kaiserliche Gerechtigkeit bestellt, dachte ich.

Ich löste den Blick von dem wirbelnden Wasser und schaute in Marcellus’ Gesicht; dann deutete ich nach Süden auf die hügelige grüne Landschaft mit den kahlen Obstbäumen, alten Einfriedungen und schwarzen Weinstöcken an den Hängen. »Er mag von Trier geflohen sein, aber er ist auf freiem Fuß, und der Kaiser hat ihm seine Verbrechen vergeben, oder sie sind ihm gleichgültig.«

Marcellus ballte ein paarmal die Faust, dass die Sehnen am Handgelenk hervortraten. Dann fuhr er sich mit den Fingern durch seinen dichten Schopf, wie er es immer unbewusst tat, wenn ihn etwas beunruhigte. Seine Haare zeigten das schimmernde Braun alter Bronze, das sie jeden Winter bekamen.

»Ich will nicht wie ein Tier im Käfig leben.«

Ich nickte. »Ich weiß.« Das war einer seiner Charakterzüge und einer der Gründe, weshalb ich ihn liebte.

»Wenn wir heimreisen, Drusus, werden wir nie ruhig leben. Wir werden nie wissen, ob er uns holen kommt, er und seine Spitzel und dieser Faustus, der wie ein Dieb im Schatten lauert und darauf wartet, dass unsere Wachsamkeit nachlässt. Er hasst uns zu sehr, als dass er vergisst. Bei jedem fremden Besucher, bei jedem Geräusch in dunkler Nacht …« Er stockte und zog die Brauen zusammen. »Ich frage mich, was Großvater getan hätte.«

Diese Überlegung hatte ich auch schon angestellt. Aquinus war seiner Ehre treu geblieben und hatte getan, was einem edlen Mann geziemt. Nun war er tot, doch sein Vorbild stand uns im Gedächtnis. Er hatte sich nicht bezwingen lassen, weder körperlich noch geistig.

»Dann müssen wir die Sache weiterverfolgen bis zu ihrem Ende, wo immer es uns hinführt.«

Marcellus nickte bedächtig und schaute den Fluss hinunter.

Es war ein grauer Tag gewesen. Doch jetzt kam doch noch die Sonne durch und breitete ein Band aus Purpur und leuchtendem Orange über das regendurchweichte Land.

»Eutherius hat etwas an sich, das mir gefällt«, bemerkte er nach einer Weile. »Er mag sich kleiden wie ein Pfau und sich mit Parfüm tränken, aber er ist kein Dummkopf. Ich vertraue ihm. Du nicht auch? Wenn er so viel von diesem neuen Cäsar hält, sollten wir vielleicht warten und uns ein eigenes Urteil bilden.«

Trauer kann viele Gesichter haben, wie ich in der darauffolgenden Zeit erfuhr.

Manche Menschen weinen und raufen sich die Haare aus; dann ist der Schmerz so schnell vorbei wie ein Sommergewitter. Es ist die Trauer, wie wir sie im Theater sehen: große Gebärden und viel Lärm, damit die Leute gebannt zuschauen. Doch selbst junge Menschen wissen, dass es noch eine andere Art der Trauer gibt. Sie sitzt im Herzen und schwelt dort unbemerkt wie ein mit Sand bedecktes Lagerfeuer.

Marcellus hatte seinen Großvater sehr geliebt. Da sein Vater in jungen Jahren gestorben war, hatte Aquinus ihn zu dem Mann erzogen, der er war, und durch sein Beispiel jeden guten, frommen und edlen Zug an ihm geformt. Nachdem die letzte kurze Krankheit Aquinus’ Tod herbeigeführt hatte, hatte Marcellus sich gezwungenermaßen auf seine Pflicht besonnen. Doch er dachte viel an Aquinus, an seine kühle Mutter, an das Gut, die Knechte, den ganzen Haushalt. Alle blickten nun auf ihn, Marcellus, und legten die Bürde ihrer Bedürfnisse auf seine Schultern. Und er trug sie, weil es seine Natur war, so wie Atlas die Welt trägt.

Er war einundzwanzig Jahre alt. Wir hatten gemeinsam gekämpft und uns geliebt, und als ich sah, dass er keinen Anstoß nahm, schaute ich nicht tiefer. Ich sah nicht, was es ihn kostete. Aber jetzt nahm ich eine Veränderung wahr, das erste Aufzüngeln des verborgenen Feuers.

Wie immer, wenn wir mit anderen zusammen waren, legte er eine tadellose Höflichkeit an den Tag. Sie war ihm anerzogen worden; gute Manieren waren ihm so selbstverständlich wie das Atmen. Aber wenn wir allein waren, ertappte ich ihn manchmal, wie er in melancholische Gedanken vertieft in die Lampenflamme oder zum leeren Horizont starrte.

Er war zu großmütig, um mich damit zu belasten; doch ich spürte seine Traurigkeit. Wenn ich dann manchmal in seine Träumerei einbrach, blickte er auf und sagte lächelnd etwas Unbeschwertes, worauf er eine Zeit lang die trübe Stimmung abzuschütteln schien. Doch später holte sie ihn jedes Mal wieder ein.

In der Nähe des Pariser Forums, auf der Südseite des Flusses, hatten wir die Bäder der Stadt und die Palästra ausfindig gemacht, wo die Athleten auf Rasenflächen und in Kolonnadenhöfen übten. Dort vertrieben wir uns die Wartezeit bis zur Ankunft Julians und stählten unsere Körper. Ich hatte noch nie erlebt, dass Marcellus in irgendeiner Sache gescheitert wäre; deshalb nahm ich an, er war sich bewusst, auf was er sich einließ, als er sich Ringern zum Zweikampf stellte, die viel stärker waren als er und deren Leben nur aus Kampf bestand.

Seine Niederlage war jedes Mal vernichtend. Dennoch forderte er sie immer wieder aufs Neue heraus und saß hinterher in grimmigem Schweigen da, während ich seine Schrammen behandelte. Nie jammerte oder klagte er; stets behielt er seine Schmerzen mit zornigem Eigensinn für sich. Vielleicht wirkte die körperliche Gewalt reinigend auf ihn. Wie auch immer, er sprach mit mir nicht darüber.

Nur ab und zu bröckelte seine Maske der Gleichmut, und er wurde wegen irgendeiner Kleinigkeit wütend – ein zerrissener Schnürsenkel, ein Lampendocht, der nicht brennen wollte, oder ein nicht auffindbares Kleidungsstück genügten schon. Manchmal hörte ich ihn nachts im Schlaf stöhnen und sich hin und her wälzen, bis er unvermittelt hochschreckte. Dann sprach ich ihn im Dunkeln an, worauf er nackt zu meinem Bett herüberkam, unter meine Decke kroch und wortlos einschlief.

Um sich am nächsten Morgen zu wundern, wie er dorthin gelangt war.

So vergingen die Tage, und es schien, als käme ich nicht an ihn heran.

Zu der Zeit sahen wir Eutherius häufig. Gekleidet in Orange, Gelb und Malve, bunt wie ein großer exotischer Vogel, erzählte er uns mit melodischer Stimme von seinem Leben in Konstantinopel unter den bestechlichen, selbstsüchtigen Beamten des Konsistoriums, oder er beklagte die Derbheit des nördlichen Galliens, das er für unzivilisiert hielt. Doch stets leuchtete leiser Spott in seinen dunklen Augen, als hätte er schon viel Schlimmeres erlebt.

Und das hatte er in der Tat, wie sich bald herausstellte.

Eines Abends beim Essen erfuhren wir davon. Er erwähnte zufällig, dass er den Tag auf der Straße hinter dem Forum verbracht hatte, wo die Bordelle sind, und fügte hinzu, wobei er den Kopf schüttelte und sein großes, ausdrucksvolles Gesicht verzog: »Ein entsetzlicher Anblick. Selbst den Kurtisanen mangelt es an Kunstfertigkeit. Sie bewegen sich wie Bauernmädchen und bemalen sich das Gesicht, dass sie aussehen wie eine geweißelte Hofmauer; sie stieren und spucken und bohren in der Nase. Ich wundere mich, dass sie sich in dem Gewerbe überhaupt halten können, und kann mir gar nicht vorstellen, wie sie über die Runden kommen … Nicht dass ich einer ihrer Kunden wäre, versteht sich.«

Marcellus und ich versicherten ihm eiligst, dass wir das keineswegs annähmen. Wir hatten bereits unsere eigenen Schlüsse gezogen, was Eutherius’ Geschmack anging – und der hatte nichts mit den Gassenhuren hinter dem Forum zu tun.

»Aber lass dich nicht täuschen, mein lieber Drusus«, fuhr er fort, nachdem er meine Gedanken offenbar erraten hatte. »Man stellt häufig fest, dass die prachtvollsten Pfauen den unscheinbarsten Hennen nachjagen und die anspruchsvollsten Männer insgeheim das Schmutzige, Niedere genießen. Das fällt einem auf – auch wenn man selbst des Vergnügens beraubt ist.«

Ich pflichtete ihm bei, obwohl ich nicht ganz verstand, was er meinte. Er war eindeutig ein begüterter Mann, der sich jedes Vergnügen leisten konnte, nach dem ihm der Sinn stand. Ich warf ihm einen verstohlenen Seitenblick zu, den er jedoch bemerkte, denn er sagte: »Du hast es nicht gewusst?« Und als er meine Verwirrung sah: »Nun, woher auch? Ich hatte allerdings vermutet … aber man soll sich nicht auf Vermutungen verlassen.«

Dann lehnte er sich an seine breite Polsterliege, strich seine Kleidung glatt und erzählte uns seine schreckliche Geschichte.

Er war in Armenien aufgewachsen, in einem wilden Bergdorf am Rand des Reiches, in einer Gegend, die häufig umkämpft gewesen war. Eines Tages, er war gerade acht Jahre alt, kamen Stammeskrieger über das Gebirge, um zu morden und zu plündern. Sie brannten sein Dorf nieder und töteten, wen sie vorfanden, nachdem sie den Frauen Gewalt angetan hatten. Eutherius wäre mit allen anderen umgekommen, doch da er ein hübscher Knabe war, hielt der Plünderer sein Schwert zurück.

Bald jedoch wurde Eutherius klar, dass er nicht aus Mitleid verschont worden war. Der Mann, der ihn gefangen genommen hatte, verkaufte ihn in der nächsten Stadt an einen römischen Kaufmann. »Zuerst verstand ich das nicht, denn ich wurde weder schlecht behandelt noch zu Sklavenarbeit gezwungen und lebte in üppigen Verhältnissen, verglichen mit meiner Herkunft. Doch einen halben Monat später, als ich kräftiger geworden war und nicht mehr den ganzen Tag weinte, kam mein neuer Gebieter, der bis dahin freundlich zu mir gewesen war, eines Morgens zu mir und sagte, ich müsse mit zwei Freunden mitgehen, die im Empfangszimmer warteten.

Und so ging ich. Die Männer verließen mit mir die Stadt und brachten mich zu einem Gehöft inmitten eines Olivenhains. Als wir uns näherten, hörte ich Schreie, wehrte mich aber noch nicht, denn in meiner Unschuld wusste ich nicht, dass man auch Knaben kastriert.«

Marcellus, der getrocknete Aprikosen und Feigen aß, stellte den Teller langsam hin und starrte Eutherius voller Entsetzen an. »Bei den Göttern«, flüsterte er.

»Es ist lange her. Man vergisst.«

»Was geschah dann?«, fragte Marcellus. »Wie bist du in den Dienst des Kaisers gekommen?«

Er erzählte es uns. Nach jenem Tag sah er seinen Herrn nicht wieder. Sobald er genesen war, wurde er an Händler verkauft, die ihn auf die lange Reise nach Konstantinopel mitnahmen. Dort erwarb ihn ein Aufkäufer des Kaiserpalasts. Man ließ ihm eine gute Erziehung angedeihen, und da er sich als begabt erwies, teilte man ihm die Arbeit eines Schreibers zu. Er zeichnete sich aus und wurde befördert.

»Weißt du, was ich oft gedacht habe? Wären diese Viehdiebe nicht gewesen, würde ich heute noch Steine aus dem Ackerboden hacken und an einem sonnengedörrten Hang Ziegen hüten wie einst meine Eltern und ihre Eltern vor ihnen. Stattdessen lese ich nun Bücher in vier Sprachen; ich besitze ein schönes Haus, von dem ich über den Bosporus schaue, verfüge über Reichtum und die Freundschaft bedeutender Männer und wohne im Zentrum der Macht. Es war ein Tausch, den kein Mann freiwillig eingehen würde; dennoch war es vielleicht ein guter Handel.«

Darauf ließ sich nichts erwidern.

Marcellus und ich tranken an dem Abend eine beträchtliche Menge Wein. Später, als wir im Dunkeln in unserem Zimmer lagen, flüsterte Marcellus, nachdem er lange geschwiegen hatte: »Weißt du, Drusus, ich bin froh, dass Eutherius heute Abend seine Geschichte erzählt hat. Ich sollte sie wohl hören. Denn ich habe zuletzt aus den Augen verloren, dass es überall Unglück gibt. Kein Mensch kann ihm entrinnen. Es kommt nur darauf an, wie man sich ihm stellt.«

Nach diesem Abend spürte ich eine Veränderung bei Marcellus. Häufig traf ich ihn und Eutherius nun zusammen an. In ein Gespräch vertieft, schlenderten sie gemächlich über die gepflasterten Wege in den Gärten und spazierten zwischen den Buchsbaumhecken oder die Kolonnaden entlang – Marcellus in aufrechter Haltung, wobei er mit kräftigen, wohlgeformten Händen seine Rede unterstrich; Eutherius groß und dick und freundlich wie ein in Seide gewandeter Bär.

Hatte Eutherius tiefer geblickt als ich und Marcellus gegeben, was er brauchte? Ich war nahe daran, eifersüchtig zu werden.

Während Marcellus sich zunehmend für Eutherius erwärmte, entwickelte er bald tiefen Abscheu gegen den neu eingetroffenen Präfekten, einen Mann namens Florentius.

Florentius war ein Mann, der seine eigenen Verdienste keinen Augenblick anzweifelte. Er war im mittleren Alter, hatte ein schmales, hochmütiges Gesicht und einen verfilzten kastanienbraunen Schopf, da er sich von seinen Sklaven die Haare täglich mit einem heißen Eisen kräuseln ließ. Er besaß ein feines Gespür für die eigene Würde, aber nicht den geringsten Sinn für Humor.

Marcellus und ich fanden ihn von Anfang an unerträglich, und wahrscheinlich hätten unsere Wege sich gar nicht gekreuzt – was wir sehr begrüßt hätten –, wäre Florentius nicht der unverrückbaren Überzeugung gewesen, dass jeder Eunuch Ausgangspunkt einer Intrige ist. Und so drängte er sich in Eutherius’ Gesellschaft, entschlossen, alles zu erfahren, was mit ihm zu tun haben könnte.

Florentius nahm die kleinste gegen ihn gerichtete Kränkung wahr, war aber selbst zu äußerster Grobheit fähig. Wen er zu sich befahl, den ließ er einen halben Tag vor seinem Amtszimmer warten; er fuhr anderen über den Mund, fiel ihnen ins Wort und ließ Bemerkungen fallen, bei denen die Leute in ohnmächtiger Wut erröteten. Obwohl er als Präfekt keine militärische Macht besaß, war man doch gut beraten, sich nicht mit ihm anzulegen. Der Kaiser hatte ihn persönlich ernannt, und jedwede Entscheidung des Präfekten würde bei Hof fraglose Zustimmung finden. Innerhalb seines Machtbereichs konnte er nach Gutdünken bestrafen und degradieren, und so lebten seine Untergebenen in ständiger Angst.

Eutherius ließ sich nie anmerken, was er von Florentius hielt; dazu war er zu sehr Diplomat. Doch Marcellus verabscheute ihn und verschanzte sich hinter einer Mauer distanzierter Höflichkeit, sobald Florentius zugegen war.

Jemand, der besser erzogen gewesen wäre als der Präfekt, wäre auf die Ablehnung nicht eingegangen; Florentius aber führte mit Marcellus sinnlose Streitgespräche, fragte ihn nach seiner Meinung, nur um sie dann abzutun, und zwang ihm verbissene Wortgefechte auf, um ihn herabzusetzen. Meistens war er sich dessen nicht einmal bewusst, nehme ich an, doch er war an Schmeichler gewöhnt, und seine empfindsame Nase hatte gewittert, dass Marcellus kein solcher Mensch war.

Doch was den Präfekten mehr als alles andere ärgerte, war die erfolgreiche Laufbahn des neuen Cäsars.

Julian hatte an der Universität in Athen studiert, als sein Vetter, der Kaiser, ihn an den Hof nach Mailand berief, um ihn zum Cäsar zu ernennen und nach Gallien zu entsenden. Zu der Zeit erwartete niemand große Leistungen von ihm, denn wie Eutherius erklärte, wusste jeder, dass Julian sich mehr mit Büchern befasste als mit dem Krieg und nie in einer Schlacht gekämpft, geschweige denn ein Heer befehligt hatte.

Doch er überraschte alle. Er hatte eine Truppe in den Elsass geführt, hatte die Barbaren zurückgeschlagen und die Kastelle entlang des Rheins, die zur Bewachung der ungeschützten Ebenen dienten, wiederaufbauen lassen. Empört, weil ihnen nach Jahren ungehinderten Plünderns Grenzen gesetzt wurden, hatten die germanischen Häuptlinge ihre Heere zusammengezogen, um den vermessenen Römer zu vernichten. Mit einer Horde von dreißigtausend Mann waren sie auf Straßburg vorgerückt, angeführt von dem Gaukönig Chnodomar. Die Germanen hatten ihren Sieg für sicher gehalten. Doch in der Schlacht wurden sie vernichtend geschlagen; Chnodomar wurde gefangen genommen. Sechstausend Barbaren fielen im Kampf, wurden auf der Flucht zertrampelt oder ertranken im Rhein, als sie ihn schwimmend durchqueren wollten. Julian dagegen hatte von seinen dreizehntausend Mann nur zweihundert verloren.

Als die Nachricht von diesem Sieg Paris erreichte, war man dort hocherfreut gewesen. Jeder hatte den jungen Cäsar, der sich so unerwartet als großer Heerführer erwiesen hatte, in höchsten Tönen gelobt – jeder außer Florentius. Er hatte seinen eigenen Werdegang mit Vorsicht gestaltet, war kein Wagnis eingegangen und hatte seine Vorgesetzten niemals verärgert. Um Karriere zu machen, hatte er sich abgemüht wie ein Esel am Wasserrad, und so sah er sich durch Julians raschen Aufstieg persönlich geschmäht. Während alle Welt sich freute, erklärte Florentius säuerlich, Julians Erfolg sei nur Anfängerglück.

Bald erfuhren wir, dass Julians Sieg auch anderen unwillkommen war. In diesem Winter erhielt Eutherius einen Brief von Julian, in dem er mitteilte, dass er aufgehalten werde. Julian hatte sich mit seinem Heermeister Barbatio überworfen, der seine Anstrengungen während des gesamten Feldzuges unterlaufen hatte, anstatt ihn zu unterstützen. Nun hatte Julian ihn entlassen, und Barbatio war zu Constantius geeilt, um schneller bei Hofe zu sein als der gegen ihn gerichtete Tadel und sich seinerseits über Julians Führung zu beschweren, der seiner Ansicht nach seine Befugnisse überschritt.

»Julian bittet mich, deshalb an den Hof zu reisen und seine Sache beim Kaiser zu vertreten«, erklärte Eutherius. »Es wird sonst niemand für ihn sprechen. Die Intriganten und Verleumder sind bereits am Werk.«

»Traut Constantius denn nicht einmal seinem eigenen Vetter, den er befördert hat?«, fragte ich.

Eutherius schmunzelte wie eine Mutter über ihr liebenswertes, aber naives Kind. »Constantius ist mit Höflingen aufgewachsen. Er traut niemandem. Bedenke das, mein lieber Drusus, dann wirst du ihn verstehen.«

Der Hof, der mit Constantius von Stadt zu Stadt zog, weilte zu der Zeit in Sirmium in Illyrien, eine mehrwöchige Reise entfernt. »Ich Armer«, fuhr Eutherius seufzend fort. »Das wird eine schreckliche Reise – Schnee, Gebirgsstraßen, schlechtes Gasthausessen. Allein schon das Schaukeln der Sänfte bekommt mir nicht. Aber ich hoffe, ihr bleibt, während ich fort bin. Julian plant trotz allem, hierherzukommen, wenn er auch nicht vorhersagen kann, wann dies der Fall sein wird.«

So versprachen wir zu warten. Am nächsten Tag begleiteten wir seine Sänfte bis zum Stadtrand, wo sein Gepäckzug auf ihn wartete. Dort nahmen wir Abschied.

Kaum war Eutherius fort, schritt Florentius zur Tat.

Es war ein paar Tage später am frühen Morgen. Ein Diener pochte an die Tür und teilte kurz und knapp mit, der Sekretär des Präfekten wünsche uns auf der Stelle in seiner Schreibstube zu sprechen. Als wir vor ihm erschienen, blickte er betont gelangweilt auf und sagte: »Ah ja. Der Cäsar Julian wird den Winter in Paris verbringen, wie ihr zweifellos gehört habt. Deshalb bleibt nunmehr kein Platz, euch hier wohnen zu lassen. Ihr müsst euch anderweitig umsehen.« Er lächelte bemüht und wandte sich nach einer matten Geste, mit der er uns entließ, wieder seinen Unterlagen zu – die Rache eines Bürokraten.

Eutherius hatte uns in seiner Güte ein wenig Geld dagelassen. Sein dunkeläugiger Dienstjunge Agatho hatte es uns in einem Kalblederbeutel übergeben, am Tag nach der Abreise seines Herrn. Das Geld hätte für unsere Bedürfnisse gereicht, hätten wir in der Zitadelle bleiben können; so aber war es keine große Summe. Wir besprachen unsere Lage. Nunmehr obdachlos, machten wir uns auf die Suche nach einem Quartier, hörten uns auf dem Forum um und kamen schließlich auf einem heruntergewirtschafteten Bauernhof vor der Stadt unter.

Der Bauer besaß einen Obsthain und ein paar Felder und brauchte Hilfe; als Bezahlung bot er uns Unterkunft in zwei zugigen Räumen in einem kahlen Holzschuppen an, wo die Hühner im Hof gluckten und wo man auf die Apfelbäume schaute. Seine Frau, erzählte er, während er uns herumführte, sei vor ein paar Jahren gestorben, sodass er seine Tochter allein großziehen müsse. Nun sei sie achtzehn und mache ihm mehr Mühe als der ganze Hof. Am Tag unseres Einzugs stand besagte Tochter, die Hände in die Hüften gestemmt, auf der Veranda und musterte uns mit unverhohlenen, dreisten Blicken. Sie hieß Clodia und sollte sich auch für mich als Plage erweisen, was ich zu dem Zeitpunkt aber noch nicht ahnen konnte.

Wir bezogen unser schlichtes Quartier und machten uns an die Arbeit, säuberten Gräben, setzten Trockenmauern instand und beschnitten die Weinstöcke an den flachen Hängen. Dieses Stück Land war genauso vernachlässigt wie das gesamte nördliche Gallien. Viele Feldarbeiter waren vor den vordringenden Barbaren geflüchtet oder vom Militär eingezogen worden und nicht mehr zurückgekehrt. Schlimmer noch als der Mangel an Arbeitern jedoch war der Verlust an handwerklichen Fertigkeiten, was an den vielen verpfuschten oder nur halb erledigten Arbeiten abzulesen war. Das überlieferte Wissen schwand. Es war nicht von den Vätern an die Söhne weitergegeben worden wie in alter Zeit, weil die Väter zu früh gestorben waren oder die Söhne keinen Nutzen darin sahen oder sehen wollten.

Während ich auf den kalten Feldern schwitzte, Bretter zusammennagelte, Zweige aus den Wasserläufen zog oder die Obstbäume ausputzte, brachte Marcellus etwas viel Wertvolleres ein: Ideen und Pläne, die er vom Gut seines Großvaters her kannte, wo die Überlieferung landwirtschaftlichen Wissens nicht abgerissen war. Es muss mühsam erlernt werden, bis es in Fleisch und Blut übergeht. Doch es lebt nur so lange wie der Wissende.

Immerhin bescherte die beschwerliche Arbeit mir außer müden Knochen auch inneren Frieden. Ein Tag verging wie der andere, und ich schlief jede Nacht tief und fest. Und der Bauer war froh, in uns mehr als nur zwei kräftige Arbeiter zu haben.

Nach einiger Zeit, an einem grauen, windstillen Nachmittag, als ich in der Scheune Heuballen stapelte, hörte ich Stimmenlärm von den Feldern. Ich fragte die Knechte, was los sei, und sie riefen mir zu, dass endlich das Heer des Cäsars nahte.

An jenem Tag war Marcellus mit Clodia und deren Vater zum Markt gefahren. Ich sprang vom Heustapel und eilte nach draußen, um mit den anderen auf die Zisterne zu klettern. Schon waren auf den grasigen Hängen jenseits des Flusses die Reiter mit ihren roten Tuniken zu sehen, die an der Mauer des Kastells entlangzogen. Ihnen folgten die Kohorten der Fußsoldaten mit ihren rot-goldenen Drachenkopfschilden. Sie schwenkten ab und teilten ihre Formation, um durch das Tor des Kastells zu marschieren. Getragen von der stillen Winterluft, drangen ab und zu die Klänge ihres Marschliedes zu uns herüber, voller Kraft und Stolz. Ich spürte, wie es mein Herz bewegte. Diese Männer hatten die germanischen Barbaren besiegt, die geglaubt hatten, sie könnten nach Belieben diesseits des Rheins ihre Raubzüge unternehmen. Diesmal aber hatten sie sich eine blutige Nase geholt und waren in ihre endlosen Wälder zurückgejagt worden, wo sie sich eines Besseren besinnen konnten. Warum also sollten diese Männer nicht stolz sein? Sie hatten es sich verdient. Und der junge Gelehrte Julian war offenbar nicht so ein Narr, wie der Präfekt behauptete; wie sonst hätte er trotz seiner Unerfahrenheit siegen und den Stolz dieser Männer wiederherstellen können?

Wir alle spähten angestrengt hinüber und hofften, den jungen Cäsar zu erkennen. Doch aus dieser Entfernung sahen alle Reiter gleich aus; keiner stach in Gold oder Weiß oder Purpur hervor. Vielleicht ritt der Cäsar ja mit einer anderen Truppe, denn das Heer verteilte sich auf verschiedene Winterquartiere.

Nachdem ich zu meiner Arbeit an den Heuballen zurückgekehrt war, keimte Ungeduld in mir auf. Ich wollte bei den Soldaten auf dem Hügel sein und tun, was wirklich wichtig war, anstatt auf dem Land eines Bauern Weinstöcke zu schneiden und Steine zu schleppen. Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte ich an meinen Vater und war froh, dass er nicht sehen konnte, was aus mir und meinem Leben geworden war.

Ich muss gestehen, dass es noch etwas anderes gab, das an mir nagte, auch wenn ich mich schäme, davon zu erzählen. Denn dazu muss ich von Liebe und meinen Schwächen reden.

Ziemlich schnell fiel mir auf, dass Clodia mich nicht leiden konnte. Sie war schlank, braunäugig und hübsch, wäre da nicht dieser harte Zug um den Mund gewesen, der sich immer dann einstellte, wenn sie sich unbeobachtet glaubte. Durchtriebenheit ist mir von jeher zuwider gewesen. Immer häufiger bemerkte ich, wie Clodia eine heitere, sorglose Art vortäuschte, sobald Marcellus in der Nähe war, ihre Maske jedoch sofort fallen ließ, nachdem er gegangen war. Für mich machte sie sich nicht diese Mühe.

Zwar achtete ich sehr darauf, stets höflich zu sein, aber vielleicht nahm sie mit dem Gespür der Jägerin trotzdem wahr, was ich von ihr hielt. Was Marcellus in ihr sah, werde ich nie verstehen. Sicherlich unterschied sie sich durch ihre Körperlichkeit und ungehobelten Manieren von den behüteten, hochgeborenen künftigen Bräuten, die Marcellus in London gekannt und die seine Mutter ihm hatte aufdrängen wollen. Jedenfalls bot sie ein gutes Schauspiel dar, wie mir schien, und es wäre meiner Ansicht nach kleingeistig und schäbig gewesen, dies Marcellus zu sagen.

Wann immer er für ihren Vater in der Stadt etwas zu besorgen hatte oder mit dem Maultierkarren auf die Felder fahren musste, fand Clodia einen Vorwand, ihn zu begleiten. Und ich, der das alles sah und sich schämte, dass er es überhaupt bemerkte, fand Gründe, sich anderswo zu beschäftigen. Clodias Annäherungen waren linkisch und plump; mal führte sie wie unbeabsichtigt eine längere Berührung herbei, mal gewährte sie einen scheinbar zufälligen Einblick in ihren Ausschnitt oder schaute Marcellus ein bisschen zu lange lächelnd in die Augen, wobei das Lächeln erstarb, wenn sie meinen Blick bemerkte. Ich ertappte mich bei der Frage, ob sie es miteinander taten. Wenn ja, erwähnte Marcellus es nicht, und ich fragte ihn nicht danach.

So kam es, dass ich seit der Ankunft des Heeres Gründe fand, allein auszugehen. Ich wanderte die Feldwege entlang oder streifte ziellos durch die Stadt, wie früher, als ich noch im Haus meines Onkels in London gewohnt hatte. Ich verfiel in dumpfes Brüten und verstand mich selbst nicht mehr – oder wollte nicht verstehen.

An einem späten Winternachmittag gelangte ich bei einem meiner Spaziergänge zu dem Flecken oberhalb des Flusses, wo der Jupitertempel auf seinem hohen Unterbau aus Quadersteinen steht.

Das Licht des sterbenden Tages ging bereits in eine bleierne Dämmerung über. Eine Zeit lang saß ich am Sockelrand, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und beobachtete müßig die Wirbel und Strömungen auf dem Wasser. Ich weiß nicht, wie lange ich so dasaß, in aufgewühlten Gedanken verloren. Schließlich sah ich am anderen Flussufer die ersten Lampen aufleuchten.

Ich erhob mich und ging zu den Tempelstufen. Unter dem Vordach sah ich, dass einer der bronzenen Türflügel einen Spaltbreit offen stand, während er zuvor geschlossen gewesen war. Zögernd spähte ich hindurch. Drinnen war es noch düsterer. Doch im Innern des Tempels schien sich nichts Bedrohliches aufzuhalten, und da ich es nicht eilig hatte, zum Gehöft zurückzukehren, beschloss ich, hineinzugehen und mir den Tempel anzusehen. So schob ich mich durch den Türspalt.

Die Luft war kühl und still. Es roch nach feuchtem Stein und erkaltetem Weihrauch. Ich gab acht, wohin ich trat, denn überall lagen trockenes Laub und Steinsplitter. Schließlich blieb ich stehen, um meine Augen an das Zwielicht zu gewöhnen. Und dann erblickte ich an der entfernten Wand auf einem Thron aus rotem Granit die Gottheit, eine gewaltige, bärtige Statue von vierfacher Mannshöhe. Das mächtige Gesicht war zerschmettert worden, ebenso eine der marmornen Hände. Sie lag zwischen den Blättern am Fuß des Standbilds, die der Wind ins Innere geweht hatte. Auch der Fries am Sockel war von Schlägen gezeichnet und mit Symbolen der Christen beschmiert.

Seit London hatte ich keinen städtischen Tempel mehr betreten, nachdem ich einmal überfallen und beinahe getötet worden war. Mir kamen wieder Marcellus’ Worte in den Sinn, wonach es unvernünftig sei, allein in einen Tempel zu gehen, nachdem die Christen dazu übergegangen waren, einen Menschen lieber zu töten, als ihm seinen alten Glauben zu lassen. Doch jetzt fühlte ich mich erneut von irgendetwas Altem, Zeitlosem angezogen. Ich fühlte, ich musste an diesem Tag und zu dieser Stunde hier sein, auch wenn ich nicht hätte sagen können, warum das so war.

Ich hob die Hände und sprach ein Gebet in der überkommenen Formel, die ich einmal Aquinus hatte sprechen hören, ein vornehmes, förmliches altes Latein. Danach kniete ich nieder, fegte die Blätter von der abgeschlagenen Marmorhand und hob sie auf. Es erforderte meine ganze Kraft, aber ich legte sie auf den Sockel dem Gott zu Füßen, gewissermaßen als Opfer.

Mein Kraftakt war nicht vollkommen lautlos vonstatten gegangen. Nun aber, da wieder tiefe Stille herrschte, hatte ich plötzlich den Eindruck, dass jemand mich beobachtete, obwohl ich beim Hereinkommen niemanden gesehen hatte. Ich hielt den Atem an und horchte, während es mir im Nacken kribbelte.

Ich hörte ein kurzes Rascheln, gerade so, als hätte sich ein trockenes Blatt verschoben. Ich fuhr herum. Zwanzig Schritte entfernt stand in der Düsternis vor dem Portal ein Mann und musterte mich.

»Wer bist du?«, rief ich zornig und verängstigt zugleich.

Der Mann machte einen Schritt auf mich zu. Dabei sah ich, dass er stämmig und breitschultrig war und den kraftvollen Gang eines Legionärs oder eines Bauern hatte. Unwillkürlich griff ich an meinen Gürtel. Ich hatte kein Schwert bei mir, aber ein altes Jagdmesser, das ich auf dem Gehöft gefunden und gesäubert hatte. Ich schloss die Finger um das abgegriffene Heft aus Birkenholz.

»Verzeih«, sagte der Mann und blieb stehen, wo er war, »ich wollte dich nicht erschrecken.« Seine Stimme war freundlich, und sein Latein hatte den rhythmischen Schwung des Ostens. Er drehte sich um und sprach ein paar rasche Worte auf Griechisch. Ich hörte Bewegung; dann kam ein Mann von schmaler, feingliedriger Gestalt aus dem Dunkeln hervor und trat in das graue Licht, das durch den Türspalt fiel.

Ich behielt beide Männer vorsichtig und sprungbereit im Auge. Der Stämmige hob langsam die Hände, um zu zeigen, dass er keine Waffe trug. »Wir wollen nichts Böses«, sagte er.

»Was wollt ihr dann?«, fragte ich.

Sie kamen näher und schauten zu dem thronenden Jupiter hinauf. Jetzt konnte ich erkennen, dass der stämmige Mann sich seit ein paar Tagen nicht rasiert hatte, und seine Haare waren nachlässig und ungleichmäßig geschnitten. Offenbar war er Legionär. Doch ihm fehlte die Derbheit des gemeinen Soldaten, und sein zierlicher Freund hatte überhaupt nichts Soldatisches an sich. Er blickte auf den Sockel der Statue und runzelte die Stirn beim Anblick der Buchstaben und Kreuzzeichen. »Siehst du, Oribasius?«, sagte er und deutete darauf. Dann wandte er sich an mich. »Wir waren schon hier, als du kamst. Du hast uns erschreckt, sonst hätten wir uns bemerkbar gemacht.« Als ich nichts erwiderte, fragte er: »Bist du mit dem Heer gekommen, Freund?«

»Nein«, sagte ich.

»Dann bist du von hier?«

»Auch nicht.« Meine Antworten waren kühl, beinahe unfreundlich. Ich war nicht in der Stimmung für belanglose Plaudereien. Außerdem war ich wütend, weil die Männer mich heimlich beobachtet hatten, während ich mich allein wähnte. Überdies hatten sie etwas Verstohlenes an sich, als hielten sie irgendetwas vor mir verborgen oder als wollten sie sich über mich lustig machen.

Ich deutete mit dem Daumen auf den von Hammerschlägen gezeichneten Fries und fragte schroff: »Seid ihr Christen?« Wenn sie auf Streit aus sind, sagte ich mir, können sie ihn haben.

»Das ist nicht unser Werk«, antwortete der Stämmige vorsichtig, ohne mich aus den Augen zu lassen. »So etwas würde ich nicht tun. Das ist ein Sakrileg.« Er hielt kurz inne. »Aber sag … Wenn du nicht mit dem Heer gekommen bist, zu wem gehörst du dann?«

Um das Gespräch zu beenden, antwortete ich: »Wenn du es unbedingt wissen willst: Ich bin Gast eines gewissen Eutherius, ein Freund des Cäsars Julian. Von dem habt ihr gewiss schon gehört.«

Der Stämmige zog die Brauen hoch, und ich sah, wie er einen verstohlenen Blick mit seinem zierlichen Gefährten wechselte. »Das haben wir in der Tat«, erwiderte er dann. Der andere, den er Oribasius genannt hatte, sagte: »Wir meinen es wirklich nicht böse. Wie heißt du? Es könnte sein, dass wir schon von dir gehört haben.«

Das bezweifelte ich zwar, aber da ich nicht sah, was es schaden könnte, antwortete ich: »Ich heiße Drusus.« Zu meiner Überraschung fragte Oribasius daraufhin: »Dann hast du vielleicht einen Freund namens Marcellus?«

Ich starrte ihn sprachlos an. Doch sein stämmiger Freund lachte und sagte: »Du siehst, wir sind ebenfalls mit Eutherius befreundet … Aber der Präfekt gab an, ihr hättet die Zitadelle verlassen.«

»So ist es. Er hat uns vor die Tür gesetzt. Angeblich gab es keinen Platz mehr für uns.«

»Tatsächlich?« Er runzelte die Stirn, und wieder wechselten die Männer einen Blick. »Und was werdet ihr jetzt tun?«, fragte er dann.

Achselzuckend erwiderte ich, wir hätten gehört, dass der Cäsar nach guten Männern suche, und würden vielleicht unser Glück versuchen, sobald Eutherius zurückgekehrt sei.

»Nun, das ist wohl wahr, doch Eutherius wird noch einige Zeit fortbleiben.«

»Dann werden wir warten müssen.«

Er überlegte und rieb sich das Stoppelkinn. »Vielleicht ist das gar nicht nötig«, meinte er dann. »Ich könnte etwas für euch tun. Bist du bereit, morgen zu mir in die Zitadelle zu kommen, du und dein Freund?«

Ich schmunzelte verstohlen. Dieser Mann war zweifellos ein junger Offizier, der sich wichtig machen wollte und glaubte, bei seinem Kommandanten ein offenes Ohr zu finden. Allerdings hatte er ein ehrliches Gesicht, und da wäre es flegelhaft gewesen, abzulehnen. Ich erklärte mich also bereit, am nächsten Tag bei ihm vorzusprechen, brachte es aber nicht über mich, laut anzuzweifeln, dass man uns überhaupt durchs Tor lassen werde, da der Präfekt uns feindlich gesinnt war.

Er nickte und bedachte mich mit einem knappen, würdevollen Lächeln. Offensichtlich war er ein Mann, der nur selten lächelte.

»Gut«, sagte er. »Dann also bis morgen.« Er wandte sich zum Gehen.

»Warte!«, rief ich. »Nach wem soll ich fragen?«

Meine Frage überraschte ihn offenbar. Ratlos schaute er seinen schlanken, dunkelhaarigen Freund an. Der antwortete schließlich: »Sag, du willst Oribasius sprechen. Ich werde bei ihm sein.«

Bis ich das Gehöft erreichte, war es Nacht. In unserem Schuppen brannte keine Lampe mehr, und zuerst dachte ich, Marcellus sei nicht da. Aber als ich hineinging, traf ich ihn im Dunkeln sitzend an, auf einem dreibeinigen Hocker vor dem Ofen. Er stützte das Kinn in die Hand und starrte düster in die Glut.

»Marcellus!«, rief ich aus und wollte sogleich erzählen, was ich erlebt hatte.

Erschrocken hob er den Blick. Seine Wangen waren von der Hitze des Feuers gerötet, und er wirkte aufgewühlt. Doch es war etwas anderes, das mich stutzen ließ. Ich drehte mich um und ahnte schon, was ich sehen würde. Außerhalb des Lichtscheins der Glut hatte die Bauerntochter es sich auf der Liege bequem gemacht. Auf einen Ellbogen gestützt lag sie da und betrachtete mich. In ihren Augen spiegelte sich der rote Schein aus dem Ofen. Dann richtete sie sich auf und warf zornig ihre Haare zurück. Ihr Kleid war an der Schulter geöffnet und ließ die Brust sehen, auf die sie so stolz war. Wenigstens war sie noch bekleidet, denn mir dämmerte mit einem Mal, in was ich hineingeplatzt war.

Mit kalter Stimme sagte sie: »Du störst. Hast du vergessen, wie man anklopft?«

Ich spürte, wie ich errötete; zugleich stieg Wut in mir auf. »Ich bitte um Vergebung, Clodia, aber ich wusste nicht, dass du hier bist, und es ist dunkel. Aber keine Angst, ich gehe.«

Ich hatte bereits nach dem zweiten Hocker gegriffen, um mich neben Marcellus zu setzen, und hielt ihn noch in der Hand. Als ich ihn abstellte, packte Marcellus mein Handgelenk. »Nein, Drusus, bleib. Es friert draußen.«

Ich zögerte kurz, da in seiner Stimme irgendetwas mitschwang – keine zornige Enttäuschung, wie ich erwartet hätte, sondern Melancholie. Ich musterte ihn forschend, doch in dem schummrigen Licht entging ihm meine stumme Frage. Hinter mir hörte ich Clodia ungeduldig Luft holen. Mein Magen zog sich zusammen, und ich fragte mich: Was sieht sie in mir? Einen Rivalen? Was, bei allen Göttern, hatte Marcellus ihr erzählt? Es drängte mich, ihn danach zu fragen, doch ich hielt meine Zunge im Zaum. Lieber wäre ich gestorben, als Clodia mein nacktes Herz zu zeigen.

Ungestümer als beabsichtigt zog ich meinen Arm weg, denn ich wollte allein sein, wollte weg von den beiden. Marcellus rief mir hinterher, aber ich war schon an der Tür und floh in die Nacht hinaus.

Erst zwischen den schwarzen Stämmen der Apfelbäume hielt ich an. Während ich gegen Grasbüschel trat und meinen Verstand zusammenklaubte, kam eine der Hündinnen des Bauern angelaufen. Ich hockte mich nieder und kraulte ihr die Ohren. Dann ging ich weiter, flankte über die niedrige Mauer und folgte dem Karrenweg zwischen den Feldern.

Marcellus hatte recht: Es fror, und in meiner Hast hatte ich meinen Mantel liegen lassen. Nun, auch dafür ist es jetzt zu spät, dachte ich sarkastisch. Ich rieb mir die Arme und ging weiter. Am Himmel standen lange silberne Wolkenstreifen, angestrahlt von einem verborgenen Mond. Der Wind hatte sich gelegt, und knackiger Frost setzte ein. Ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, gelangte ich bald darauf in die Flussauen. Ein Nebelteppich hatte sich auf das Land gelegt, der sich vor mir teilte und mir um die Beine waberte.

Einige Zeit später erreichte ich einen kleinen grasbewachsenen Hügel, eine Stelle, die ich kannte. In dieser hellen Nacht erhob er sich wie eine leuchtende Insel aus einem Nebelmeer. Ich stapfte hinauf, setzte mich trotz der bitteren Kälte hin und blickte auf die fernen Lichter der Stadt und der Zitadelle.

Ich sagte mir, das Mädchen sei nicht wichtig, aber mein Herz widersprach. Dieser eigentlich unbedeutende Vorfall zeigte mir, dass ich nicht Herr meiner selbst war, und das bekümmerte mich sehr. Ich schüttelte den Kopf und versuchte nachzudenken, wollte meine Gedanken auf heitere, unbeschwerte Dinge richten. Doch wie ein Bergsteiger, der sich in den bewaldeten Vorbergen verlaufen hat und plötzlich durch die Wipfel den sonnenbeschienenen Gipfel strahlen sieht, erkannte ich, dass hier eine Wahrheit lag, der ich mich stellen musste.

Lange Zeit saß ich da, zwischen Vernunft und Verlangen hin und her gerissen, sprach mit mir selbst oder richtete laute Vorwürfe an den Mond. Und tatsächlich schien es mir, als gäbe Luna mir zur Antwort: Warum beklagst du dich? Ich habe dir den Weg gezeigt, Drusus. Nun ist es an dir, ihm zu folgen. Beherrsche deine Wünsche, oder sie beherrschen dich. Erst dann wirst du dich selbst kennen. Das ist die Freiheit, die Gott dir gegeben hat. Wenn du es nicht willst, ein anderer kann es nicht.

Ich besann mich darauf, was ich im Innersten wusste: Dass man von einem anderen Menschen nicht Besitz ergreifen darf, sonst stirbt einem in den Händen, wonach man sich sehnt. Die Liebe muss frei sein, oder es ist keine Liebe, sondern etwas Niedrigeres. Und Verlangen, das nicht von Vernunft beherrscht wird, ist wie ein Feuer, das verzehrt und erlischt.

Und so saß ich allein unter der funkelnden Himmelskuppel und versengte meine Seele. Die Zeit verstrich, ohne dass ich es bemerkte. Als ich mich das nächste Mal rührte, war der Mond untergegangen, und das Gras und meine Kleidung waren mit Reif überzogen. Schaudernd stand ich auf und machte mich mit neu gewonnener Ruhe auf den Rückweg über die Felder.

Das Haus lag dunkel vor mir. Das Feuer im Ofen war erloschen. Leise schloss ich die Tür und schlich auf Zehenspitzen zu meinem Bett. Ich zog mich aus und vergrub mich unter dem Haufen Decken. Ich hatte geglaubt, Marcellus schliefe, doch dann hörte ich ihn aus dem anderen Bett flüstern: »Ich habe dich gesucht.«

»Ich bin hier«, sagte ich.

Ich spürte Bewegung und ein Zupfen an meiner Decke. »Du bist ganz kalt«, sagte er leise. »Komm herüber, hier ist Platz für zwei.«

Am Morgen berichtete ich von der sonderbaren Begegnung im Jupitertempel und der Einladung in die Zitadelle.

»Dann sollten wir hingehen«, sagte Marcellus. »Vielleicht kann dieser Soldat tatsächlich etwas für uns tun, wenn er ein Freund von Eutherius ist.«

Ich dachte an den unrasierten, verlegenen, ein wenig seltsamen jungen Mann. »Mag sein, aber rechne nicht damit«, riet ich. »Ich bezweifle, dass er solchen Einfluss hat – außer in seinen Träumen.«

Wir saßen auf der Kante meines Bettes, die Decken um uns gezogen. Marcellus’ Körper war warm, das Zimmer jedoch war bitterkalt, und unser Atem bildete weiße Wölkchen.

Ich bemerkte Marcellus’ raschen Seitenblick. »Und dann ist da noch Clodia«, sagte er langsam.

Ich holte tief Luft und beobachtete ein Rotkehlchen, das neugierig auf dem Fensterbrett saß. Bisher hatten wir über den gestrigen Abend nicht gesprochen. Marcellus drehte den Kopf zu mir und zog unter der Decke die Knie an die Brust. Sie stießen gegen meine und verharrten.

»Drusus«, sagte er, »ich brauche deinen Rat. Du warst bei den Soldaten in London. Ich nehme an, dass du über diese Dinge mehr weißt als ich.« Er zögerte und rieb sich das Gesicht, um sich gleich darauf durch die zerzausten Haare zu fahren. Um seinen Mund zeigten sich Sorgenfalten. Ich sah, dass er ein bisschen rot geworden war. »Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was ich wegen Clodia tun soll.«

Er blickte mir vertrauensvoll ins Gesicht. Ich kam mir grausam und gemein vor und spürte einen Kloß im Hals.

»Sie ist nicht wichtig«, sagte ich. »Es hat keine Bedeutung.«

Er zog die Stirn kraus. »Clodia ist sehr beharrlich.«

Ich schluckte. »Nun, das ist wohl ihre Art.«

Eine Pause entstand. Schließlich öffnete ich den Mund, um Marcellus zu sagen, er könne sich ein Mädchen nehmen, wann immer er wolle, es werde unsere Freundschaft nicht beeinträchtigen. Doch er kam mir zuvor und meinte: »Ich weiß, Drusus, aber darum geht es mir nicht.« Er starrte auf das blinde Fensterglas und seufzte. »Als du gestern Nacht gekommen bist, stritt sie gerade mit mir. Sie beschuldigte mich, du wärst mir wichtiger als sie.«

Ich lachte. »Und? Stimmt das?«

»Das kann man nicht vergleichen. Du weißt, wie das ist. Am Ende, als sie gar nicht mehr aufhörte, habe ich gesagt, sie solle glauben, was sie will. Und da kamst du herein.«

Ich sah ihr Gesicht vor mir, wie sie mich vorwurfsvoll und bissig anblickte. »Sie ist nicht wichtig«, wiederholte ich. »Es waren meine eigenen Dämonen, die ich niederringen musste.«

Unvermittelt sagte Marcellus: »Sie verlangt, dass ich sie heirate.«

»Was?«, rief ich aus und blickte ihn verblüfft an. »Aber warum? Ist sie schwanger?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, nichts dergleichen. Sie hat es sich genau überlegt. Sie redet von Geschäften und dass wir mein Land und ihres zusammen bewirtschaften sollten. Sie meint, Britannien würde ihr gut gefallen.«

Ich starrte ihn an und fragte mich, was seine Mutter wohl von Clodia halten würde. Ich hätte schallend gelacht, wäre Marcellus nicht so ernst gewesen.

»So, so«, meinte ich schließlich.

»Aber das will ich nicht. Jetzt noch nicht. Ich weiß gar nicht, wie das alles plötzlich gekommen ist, Drusus. Es ist nicht so, als ob … nun ja, sei’s drum. Ich fürchte, ich verstehe die Frauen nicht.«

Ich verstehe diese Frau gut genug, dachte ich, sagte aber laut: »Frauen sind ein Mysterium. Und wir sind noch jung.«

»Ja.« Er nickte. »Aber sie hätte nicht so zu dir sprechen sollen, das habe ich ihr gesagt … Ich liebe dich, Drusus. Wir gehören zusammen. Es ist mir egal, was sie davon hält.«

»Ich werde immer da sein. Das weißt du.« Und dann, mit einem Grinsen, weil mir das alles viel zu ernst gewesen war: »Aber du darfst den Stammhalter nicht vergessen, sonst bin ich am Ende schuld.«

Das war ein alter Scherz zwischen uns. Er lächelte, lachte schließlich und versetzte mir einen Stoß an der Schulter, dass ich in den Berg aus Decken fiel.

Und dann, als hätte ich ihm ein unerwartetes Geschenk gebracht, küsste er mich.

Später überquerten wir die Brücke zur Zitadelle.

Am Tor nannte ich Oribasius’ Name und erwartete, abgewiesen zu werden. Stattdessen straffte der Wächter die Schultern, nannte mich »edler Herr« und rief seinen Vorgesetzten. Ein livrierter Diener führte uns durch den Innenhof mit seinen überdachten Säulengängen, den Buchsbaumhecken und Pflaumenbäumen und dann einen breiten, lichten Gang entlang, dessen Wände mit Garten-und Jagdszenen bemalt waren. Marcellus berührte mich am Arm und murmelte: »Hast du nicht gesagt, dein Freund sei ein Niemand?«

Achselzuckend verzog ich das Gesicht. Ich hatte geglaubt, man werde uns ins Soldatenquartier bringen.

Schließlich gelangten wir in einen hellen Raum mit hohen Fenstern und Kassettendecke. Niemand war da. Bevor der Diener uns allein ließ, sagte er: »Der Cäsar wird sogleich kommen.«

»Augenblick!«, rief ich und wäre ihm beinahe hinterhergerannt. »Wieso Cäsar? Das muss ein Irrtum sein. Ich bin nicht gekommen, um den Cäsar zu sprechen. Er kennt mich gar nicht. Ich möchte zu Oribasius.«

Der Diener musterte mich, als würde ich wirres Zeug faseln. Ehe ich noch etwas sagen konnte, näherten sich Stimmen. Ich überlegte, wie ich dem Vetter des Kaisers meine Anwesenheit erklären sollte. Anstelle eines kaiserlichen Prinzen sah ich jedoch inmitten seines Gefolges denselben Mann, dem ich im Jupitertempel begegnet war.

»Drusus!«, rief er aus und kam sofort auf mich zu. »Siehst du, Oribasius? Er ist gekommen, wie ich gesagt habe. Und du musst Marcellus sein. Seid gegrüßt. Ich freue mich, dass ihr endlich da seid.«

Er wandte sich ab, um dem Diener eine Anweisung zu geben, und erst als dieser mit »Ja, Cäsar« antwortete, wurde mir die Wahrheit deutlich. Er hatte sich zurechtgemacht, wenn auch nicht allzu sehr; er trug eine abgetragene hellbraune Tunika mit rotem Mäandermuster und war auf kunstvolle Weise frisiert. Er sprach mit Marcellus, fragte ihn, ob man uns unverzüglich vorgelassen habe, und erklärte, wir müssten sofort wieder in der Zitadelle wohnen. Marcellus, selbstsicher wie immer, antwortete mit der gewohnten wohlerzogenen Höflichkeit – er war durch Autorität und Titel nie eingeschüchtert.

Inzwischen füllte der Raum sich mit Höflingen, Dienern und Offizieren. Plötzlich wurde es laut im Vorzimmer, und dann kam auch schon der Präfekt zu uns herein.

Seine kastanienbraunen Haare waren in kleine kunstvolle Locken gelegt. Er trug einen feinen dunkelblauen Mantel, der an der Schulter mit einer edelsteinbesetzten Brosche aus Goldfiligran zusammengehalten wurde. Die Anwesenden unterbrachen ihre Gespräche und betrachteten ihn. Man hätte tatsächlich meinen können, er sei der Cäsar. Er sprach mit seinem Sekretär, dem Mann, der uns aus der Zitadelle geworfen hatte, wobei er den Blick in die Runde schweifen ließ, um festzustellen, wer anwesend war. Als er in meine Richtung schaute, stockte sein schweifender Blick für einen winzigen Moment, und ich wusste, dass er mich erkannt hatte, obwohl er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Er ging auf Julian zu, der von einer Beamtenschar umringt war; doch bevor er zu ihm durchkam, wandte Julian sich ab und rief mir und Marcellus zu: »Kommt, gehen wir an einen ruhigeren Ort, wo wir uns unterhalten können!«

Ich sah, wie Florentius abrupt innehielt, ehe er sich wieder seinem Sekretär zuwandte. Julian bemerkte davon nichts.

Wir begaben uns in ein angrenzendes Zimmer. Oribasius folgte uns und schloss die Tür. Der Raum war klein und schmucklos. Unter dem Fenster standen ein Tisch und ein paar schlichte Eichenstühle; an der Wand sah ich einen Bücherschrank mit Gittertüren. Bis auf die Bücher hätte dies ein Raum in einer Schenke sein können.

»Ich hoffe, du verzeihst mir wegen gestern Abend«, sagte Julian. »Vermutlich hast du uns mehr erschreckt als wir dich. Es gefiel mir gar nicht, mich im Schatten zu verbergen, während du dich allein wähntest. Es war schändlich, das gebe ich zu, aber ich musste vorsichtig sein.« Er blickte Oribasius an; dann fügte er mit dem Hauch eines Lächelns hinzu: »Weißt du, es wäre nicht gut, wenn bekannt würde, dass der Vetter des großen Constantius sich im Tempel des Jupiter herumtreibt.«

Er ging an den Tisch und zog einen Brief unter einem Onyxklotz hervor. »Der kam von Eutherius. Er schreibt, er sei am Hofe aufgehalten worden.«

»Das tut mir leid zu hören«, sagte ich. Die Enthüllung, wer der Mann im Tempel tatsächlich war, machte mir noch immer zu schaffen, und ich hatte mich an meine schroffen Worte bei unserer Begegnung erinnert, doch sie schienen ihm nichts auszumachen. Als ich meiner Bemerkung den Titel »Cäsar« anfügte, winkte er ab und sagte: »Nenn mich Julian. Unter Freunden soll das genügen.«

Er bedachte mich mit einem unbeholfenen, ein wenig verlegenen Lächeln, als wäre er ein schüchternes, aber höfliches Kind. Dann, wieder ernst geworden, hob er den Brief und zeigte auf einen kleinen Riss in einer Ecke. »Seht ihr?«, sagte er. »Hier haben die Hofspione das Siegel erbrochen. Sie haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, es zu verschleiern.«

Er folgte meinem Blick und nickte, als er sah, dass ich verstand.

»Wahrscheinlich seid ihr entsetzt, aber man gewöhnt sich an solche Dinge. Eutherius wird damit gerechnet und seine Worte entsprechend gewählt haben. Hört zu …« Kurz überflog er das Schreiben, dann las er vor: »Außerdem kann ich zu meiner Freude berichten, dass der göttliche Constantius sich weiterhin von den besten Köpfen des Reiches beraten lässt.« Lachend sah er auf. »Das ist seine Art, mir mitzuteilen, dass der Oberkämmerer Eusebius noch immer die Politik bestimmt – sehr zu meinem Nachteil!«

Er wollte fortfahren, doch Oribasius, der bisher schweigend an der Tür gestanden hatte, räusperte sich unauffällig. Julian blickte zu ihm hinüber und schien sich zu besinnen. »Aber«, sagte er nach kurzem Innehalten, »es ist nicht nötig, euch mit dem Oberkämmerer zu langweilen.« Er schaute wieder in den Brief. »Was ich eigentlich gesucht habe, ist die Stelle, wo er schreibt, ihr würdet hier in Paris warten und dass ihr Freunde seid und ich euch trauen kann … Ah, da ist es ja.« Zufrieden las er die Worte vor, wie man ein Kompliment weitergibt. Als er geendet hatte, legte er das Blatt beiseite und stellte den Briefbeschwerer darauf.

»Weißt du«, sagte er, wobei er sich vom Tisch herumdrehte, »ich glaube, bei unserer Begegnung hatte ein Gott seine Hand im Spiel. Meinst du nicht auch? Es muss einen höheren Sinn haben, dass wir uns in diesem Tempel getroffen haben, den sicherlich seit einem Jahr keine Menschenseele betreten hat.« Er blickte seinen Freund an. »Jetzt sag mir nicht, das hätte nichts zu bedeuten, Oribasius!«

Aus dem großen Empfangsraum drang das Stimmengewirr herein. Julian starrte finster auf die Tür.

»Jetzt sollte ich wohl besser zu ihnen gehen«, sagte er. »Bitte verzeih mir die kleine Irreführung im Tempel, Drusus. Und auch du, Marcellus. Wollt ihr heute Abend mit mir speisen?«