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Professor Dr. Purr sprang aus seinem Sessel auf, als ihm der Besuch Frau Dr. Benders gemeldet wurde.
«Das ist doch nicht möglich«, rief er und ging in die Diele seines Hauses. Dort stand Angela, schmal, blaß, übernächtigt, das Kind auf dem Arm. Unter ihren Augen lagen tiefe schwarze Ringe. Sie schien am Ende ihrer Kräfte zu sein.
«Mein Gott! Was ist geschehen?«Professor Purr nahm ihr das Kind aus den Armen und trug es vor sich her ins Herrenzimmer. Dort legte er es vorsichtig auf die Couch, während sich Angela erschöpft in einen der Sessel fallen ließ und mit dem Kopf auf die Lehne sank. Ohne weiter zu fragen, rief Purr seine Klinik an und ließ ein Bett vorbereiten. Dann bestellte er einen Krankenwagen. Das Mädchen mußte starken Kaffee kochen und einige Schinkenbrote herrichten. Dann ging er zu Angela zurück und richtete ihr Gesicht zu sich empor.
Da sah er, daß sie weinte.
«Kann ich Ihnen helfen?«fragte er nur und legte seinen Arm schützend um ihre zuckenden Schultern.
Sie nickte und reichte ihm das zerknitterte Schreiben Dr. Carto-genos hin. Langsam las der Professor Satz für Satz — dann legte er den Brief auf seinen Schreibtisch. Er ging im Zimmer hin und her.»Was soll ich Ihnen sagen, Dr. Bender?«Er rang nach Worten.»Sie wissen es so gut wie ich: das Gift der >Schwarzen Witwe< ist unheilbar. Seien Sie aber glücklich, daß er überhaupt mit dem Leben davongekommen ist. Eine Lähmung beider Beine ist noch längst nicht das schlimmste. Ihm bleibt der Kopf, der Verstand, der Geist.«
«Es ist trotzdem furchtbar. «Angela schlug die Hände vor die Augen.»Perthes gelähmt! Dieser frohe, lebenslustige Mensch! Vernichtet durch einen Spinnenbiß! Auf Krücken schleppt er sich nun durch den Urwald. Wer ihn kennt, der kann das einfach nicht begreifen.«
«Das Schicksal ist für uns Menschen oft unbegreiflich. «Der Professor hörte den Krankenwagen und nahm das Kind von der Couch. Es hatte die ganze Zeit geschlafen. Mit vorgeschobener Lippe, ein Lächeln um den kleinen Mund, so wachte es nicht auf, als der Arzt es in seine Arme nahm.»Es sieht Ihnen ähnlich, Dr. Bender.«
«Er heißt Peter. «Angela erhob sich und nahm das Kind an sich.»Jetzt bin ich doppelt stolz, daß er so heißt wie sein Vater. «Sie küßte den Jungen vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, auf die Stirn. Dünne, seidenweiche Härchen bedeckten den kleinen Kopf.»Wenn es uns nicht gelingt, das Gift zu bekämpfen — er soll es fortführen! Für seinen Vater!«
Sie blickte zu dem Professor auf, der erschüttert die Szene beobachtet hatte.»Ich werde nur noch ein Ziel kennen: Peters Leben wieder froh zu machen!«
Zunächst allerdings befahl ihr Dr. Purr, sich in seiner Klinik von allen Anstrengungen zu erholen. Er verordnete ihr acht Tage strenge Bettruhe, Sonderverpflegung und für das Kind sofortige Umstellung auf Flaschenmilch.
«Sie sind nur noch ein Nervenwrack«, meinte er gutmütig polternd.»Und ich lasse Sie nicht eher bei mir arbeiten, als bis Sie eine geschlagene Stunde lang einen bis zum Rand gefüllten Suppenteller ruhig halten können, ohne daß er überschwappt!«
Angela lachte, aber sie fühlte, daß es kein Scherz war. Voll innerer Ungeduld harrte sie diese Woche im Bett aus und stand am neunten Tag plötzlich im weißen Kittel im Zimmer des Professors.
«Bitte«, sagte sie mit gespielter Fröhlichkeit,»Ihre neue Assistentin meldet sich zum Dienst.«
«Sehr gut!«Professor Purr erhob sich hinter seinem Schreibtisch und kam auf Dr. Bender zu.»Da Sie meine Assistentin sind und somit, dem Brauch aller Kliniken entsprechend, zu unbedingtem Gehorsam bereit sein müssen, ordne ich hiermit an, daß Sie keinen anderen Dienst machen als die beiden täglichen Visiten und eine Aushilfe im Verbandsraum.«
«Herr Professor!«Angela wollte widersprechen, aber der Professor wischte durch die Luft, ihr jedes weitere Wort abschneidend.
«Frau Dr. Bender — ich dulde an meiner Klinik keine Widerrede. Das sollten Sie wissen. «Er blickte auf die Armbanduhr.»In einer halben Stunde ist Visite. Halten Sie sich bitte bereit. Ich zeige Ihnen die ernsteren Fälle und spreche sie mit Ihnen durch. Danke!«Er nickte. Angela war entlassen.
Auf dem Flur stampfte sie mit dem Fuß auf. Gegen diesen Mann kam sie nicht an. Sie wollte die Erlaubnis erwirken, im Labor mitzuarbeiten, um sich langsam in die Materie der Toxikologie hineinzufinden. Der bloße Klinikdienst war nicht nach ihrem Sinn, und wenn Professor Purr ihn ihr befahl, so nur, weil er ihre Nerven weiterhin schonen wollte.
Es war knapp einen Monat später, an einem Freitag, als ein Schicksalstag für Angela anbrach.
Sie kam aus der Universitätsbibliothek und wollte zurück in die Klinik, als ihr auf dem Gang eine lange, weißgekleidete dürre Gestalt begegnete. Der Mann stutzte erst einen Augenblick lang, dann zupfte er sich an der langen Nase und kam mit raschen Schritten näher.»Is det denn wahr?«rief er laut.»Det Frollein Bender!«Er stockte.»Oder — ick weeß et nich — sin Se jetzt Doktor?«
«Allerdings, Benischek!«Angela lachte und drückte dem langen Mann herzlich die Hand.»Und Sie sind immer noch hier als Laboratoriumsdiener?«
«Ja. Ick kann mir nich umjewöhnen. Meine Meerschweinchen und de Kaninchen… ick habe an ihnen sozusajen Vaterpflichten übernommen!«Er schüttelte den Kopf, als könne er dieses Wiedersehen nicht begreifen.»Un Sie? Wat wollen Sie denn hier?«
«Ich bin Assistentin bei Professor Purr!«
«Ach Jott! Beim Brausepulverkopp!«Er lachte schallend.»Na denn prost!«Er beugte sich über Angela und lächelte.»Det war noch ne Zeit, wat? Als Sie im Labor standen und weiße Mäuse mit de Masern und de Pocken impften! Wat haben wir da über den ollen Purr jelacht! Wenn er in'n Kolleg kam und sagte: >Meine Damen und Herren, ich weiß, daß Sie doch nichts begreifen werden, aber trotzdem will ich Ihnen vorlesen!< Herrjott, det waren Zeiten.«
Benischek war einer von jenen Menschen, die ihr ganzes Leben hindurch mit anderen in einer engen Freundschaft stehen. Wen er einmal in sein Herz geschlossen hatte, für den verstand er es, das Unmöglichste möglich zu machen, und sein primitiver Verstand sagte ihm, daß das Wohlgefallen, das er damit für sich gewann, der Inbegriff seines Daseins war. Angela Bender gehörte seit ihrer Famu-la-Zeit zu den erklärten Lieblingen des Labordieners, und es bedurfte nur eines leise ausgesprochenen Wunsches, um auf die Erfüllung gleich warten zu können.
Das alles fiel Angela ein, als sie sich mit Benischek unterhielt und in alten Zeiten kramte. Die plötzliche Erkenntnis, hier einen Mann vor sich zu haben, der für sie aus der Anatomie ein Skelett stehlen würde, verband sie sofort mit der Nützlichkeit dieser Freundschaft. Plötzlich sah sie einen Weg, der aus der Enge führte, die ihr Professor Purr auferlegt hatte. Ein Weg — zunächst ins Dunkle —, aber doch nur ein Durchschreiten des Heimlichen zu einem großen. leuchtenden Ziel.»Benischek«, sagte Angela und hakte den Riesen unter.»Wir waren doch immer Freunde, nicht wahr?«
«Det will ick meinen, Frollein Doktor«, grinste er.
«Und ich habe nun einen großen Wunsch.«
«Heraus damit!«
«Sie sollen Überstunden machen.«
«Wat soll ick?«Benischek glotzte sie dumm an.»Ick habe woll 'nen Jehörfehler? Überstunden?«
«Ja, bei mir, Benischek.«
«Och Sie!«Der alte Mann wurde sichtlich verlegen.»Sie bringen 'nen ollen Krüppel noch zum Rotwerden. Det is doch nich Ihr Ernst?«
«Aber ja. «Angela lachte.»Ich möchte in den Labors arbeiten. Des Nachts, verstehen Sie, Benischek — heimlich!«
«Heimlich? Aber warum denn?«
«Ich bin einem geheimen Mittel auf der Spur. Das Leben von vielen kranken Menschen hängt an diesem Serum! Ich muß es finden, Benischek! Der alte Purr würde mir nie die Erlaubnis geben, in den
Labors zu arbeiten. Er will das nicht. Ich aber muß das Mittel finden!«
Die Tatsache, daß Professor Purr, der >Brausepulverkopp<, Angela nicht das Experimentieren erlaubte, war entscheidend für Be-nischeks Zusage. Er nickte verständnisvoll und beugte sich zu Angela.
«Wann soll et denn losjehn?«fragte er.
«Morgen abend. Ist's recht?«
«Ick kann immer. «Benischek winkte ab.»Ich schlafe doch bei meine Kaninchen. «Er sah Angela groß an.»Ist's auch wirklich een jutes Heilmittel?«fragte er, sich gleichsam sichernd.
«Auf mein Ehrenwort, Benischek. «Angela gab ihm die Hand. Sein Druck sagte ihr, daß sie die erste Etappe gewonnen hatte. Am nächsten Abend, nach dem gewöhnlichen Klinikdienst, packte sie ihren weißen Kittel in eine Aktentasche und schlich sich durch den Krankenhausgarten und ein Pförtchen hinaus auf die Straße. Wenige Straßen weiter lagen die Laboratorien der Universität, von außen unscheinbare Bauten, hinter deren Mauern keiner die große Wissenschaft vermutete, die dort in Retorten und Kolben kochte und siedete.
Friedrich Benischek, von allen nur >Fritze< genannt, wartete schon an der Tür und schob Angela schnell in den dunklen Flur. Dann schloß er sorgfältig hinter sich ab und klapperte mit den Schlüsseln. Das tat er schon zwanzig Jahre lang. Der Klang der aneinanderschlagenden Schlüssel gab ihm stets aufs neue das Gefühl, ein kleiner Herrgott zu sein, ohne dessen Erlaubnis niemand die weiten, weißen, gekachelten Räume betreten durfte — sein Allerheiligstes!
Von diesem Tag ab kannte Angela Bender keine ruhige Minute mehr. In der Klinik hatte sie ihre Visiten und Verbände zu machen, zu Hause wartete der kleine Peter auf sie. Sie spielte mit ihm, gab ihm seinen Brei und erholte sich für ein oder zwei Stunden an Peters Lachen und an häuslichen Verrichtungen. Danach saß sie wieder am Schreibtisch und studierte die toxikologischen Schriften, wäh-rend ein Kindermädchen den Kleinen versorgte, sie sah wieder ihre einzelnen Versuche durch und suchte nach neuen Wegen. Wenn der Abend kam, ging sie zu Benischek und saß die halbe Nacht vor den Brutöfen, Nährböden, Reagenzgläsern und Mikroskopen, impfte Mäuse mit Tropengiften und behandelte die sterbenden Tiere mit einem Blutserum.
Sie kannte keine Zeit mehr. Der Kreislauf ihres Lebens wurde immer enger. Manchmal wunderte sie sich, daß sie an einem Tisch saß und aß. Es kam ihr wie ein Frevel vor, an einem weißgedeckten Tisch zu sitzen und Butterbrot mit Schinken zu essen, während in den Urwäldern Peter von Wurzeln und Tapiokabrot lebte und sich mit den gelähmten Beinen auf Krücken über die ausgehauenen Wege schleppte. Dann kam es vor, daß sie plötzlich aufsprang, den Teller von sich schob und hinüberlief ins Laboratorium, wo Fritz Benischek vor seinen Käfigen saß und Abschied nahm von den vierbeinigen Lieblingen, die zum Versuch an diesem Abend von ihm selbst ausgesucht worden waren.
Und von neuem saß sie, gebeugt über das Mikroskop, an den langen Tischen, umgeben von Glaskolben, Retorten und siedenden Tiegeln. Säuredämpfe wallten durch den Raum, in Porzellangefäßen zischten feindliche Elemente aufeinander. Zeit und Raum und Wirklichkeit versanken um sie herum — es blieb nur das kleine, runde, helle Sichtfeld im Okular des Mikroskops übrig. Ein heller Fleck, belebt mit Kristallen, Viren, Bazillen und wunderlich geformten Gebilden unerbittlicher Vernichtung. Gift!
Die Versuchsreihen gingen voran. Nach drei Wochen nervenaufreibender Arbeit war Angela Bender endlich so weit vorgedrungen, daß sie die Giftstoffe in winzigsten Mengen von allen anderen Substanzen lösen konnte. Sie hob das nackte, das reine Gift aus dem verseuchten Blut heraus. Welch ein Gefühl, dachte sie, unmittelbar dem Tod gegenüberzustehen! Da hält man eine Schüssel in der Hand, eine kleine runde Porzellanschüssel. In ihr eine schwachgelbe Flüssigkeit, nur wenig, vielleicht knappe dreißig Kubikzentimeter. Der Boden der Schüssel ist knapp bedeckt. Und man sieht diese Flüs-sigkeit an und denkt, es sei schmutziges Regenwasser. Und weiß, daß diese geringe Menge genügen würde, zehntausend Menschen qualvoll sterben zu lassen. Sterben unter entsetzlichen Schmerzen, rettungslos verloren. Zehntausend Menschen, eine kleine Stadt, hingemetzelt durch ein wenig schmutziges Wasser auf dem Boden einer kleinen Porzellanschüssel.
Dr. Bender wischte sich über die Augen. Der Morgen graute schon vor den heruntergelassenen Rollos. Wieder war eine Nacht vorüber, eine Nacht mit dem Blick auf die kreisrunden Flecken im Okular. Stunden des Wartens, des Beobachtens, des Staunens, der Verbissenheit, des Triumphes, aber auch des Fehlschlagens! Eine Nacht im Zwiegespräch mit dem Tod. Es war eine erschütternd einseitige Unterhaltung — sie fragte ihn, und er… schwieg!
>Fritze< lag auf einem Sofa in der Ecke und schnarchte laut. Er hielt die Nächte nicht mehr wachend durch. Seine Nerven waren mürbe geworden. Wenn Angela Bender die Impfserien auswertete, war es für ihn das Signal, sich aufs Sofa zu legen und brummend einzuschlafen. Nur wenn seine Tiere ihre Injektion erhielten, dann war er wach. Er hielt den Kaninchen die Köpfe fest und sprach den Tieren zu wie einem kranken Kind. Jeder Stich der Spritze traf ihn ins eigene Herz. Aber es mußte ja sein, er verstand es schon, wenn er auch seit zwanzig Jahren die Grausamkeit der Menschen verfluchte. Bis die Tiere dann starben, blieb er immer neben den Käfigen sitzen. Traurig, voller Mitleid. Ein Bild des Jammers.
Erst wenn seine Tiere von Dr. Bender seziert wurden, legte er sich auf das Sofa und schnarchte weiter, im Traum noch seine vollpelzigen Lieblinge streichelnd.
Nach vier Wochen Kampf mit den Giften ließ sich Dr. Bender unter dem Namen Professor Purrs vom Hamburger Tropeninstitut drei Nährböden mit dem Gift der >Schwarzen Witwe< schicken. Es kam aus dem Zoologischen Garten von London, der zu Forschungszwecken einige Exemplare der giftigsten aller Spinnen besaß.
In der Nacht vom 18. zum 19. Juni 1951 begann Dr. Angela Bender mit der ersten Versuchsreihe der >Schwarzen Witwe<. Systematisch impfte sie in verschiedenen Dosierungen einige Kaninchen, vier Ratten und einen kleinen Affen. Nach genau vierundachtzig Minuten starben die Ratten und die Kaninchen. Der kleine Affe fieberte noch weitere zwanzig Minuten, wurde nach vier Stunden gelähmt und starb nach sieben Stunden gegen Morgen. Von allen Stadien wurden ihm Blutproben entnommen. Benischek, der nun nicht mehr schlafen durfte — er knurrte drei Tage deswegen —, führte gewissenhaft ein Tagebuch. Am Morgen, bevor die anderen Laboratorien sich bevölkerten, hatte er alle Mühe, sämtliche entliehenen Geräte an die richtigen Stellen zurückzuschaffen. Niemand sonst wußte von dem kleinen Labor. Einmal nur meinte Professor Dr. Purr in diesen Wochen:»Wo waren Sie denn gestern, Dr. Bender? Ich wollte mit Ihnen einen Fall durchsprechen. Ihr Kindermädchen sagte am Telefon, Sie seien nicht zu Hause. Vorgestern war es genauso. Gehen Sie nicht zuviel aus? Sie sollten mehr Ihrer Gesundheit leben!«Er lachte.»Das ist der gute Rat eines alten Mannes — na, nichts für ungut!«Von den Kollegen in der Klinik sonderte sich Angela ab. Sie hatte keine Zeit für Geselligkeiten, sie besuchte kein Kino, sie schlug die anfangs zahlreich eingehenden Einladungen mit dem Hinweis auf ihr Kind ab und wunderte sich auch nicht darüber, daß man sie bald in Kollegenkreisen als absonderlich betrachtete und keine Anstrengungen mehr unternahm, sie in die lustige Gemeinschaft der anderen Ärzte und Ärztinnen aufzunehmen. Ihre Freizeit, ihre Abende gehörten den Giften. Sie baute sich aus den Retorten und Kolben eine neue Welt, in der es nur das eine Ziel gab: den einsamen Mann in den Urwäldern von Amorua zu retten.
Das vom Gift der >Schwarzen Witwe< verseuchte Affenblut wurde zur Grundlage einer umfassenden Forschung. Unter dem Vorwand, zur Regelung einiger Angelegenheiten aus ihrer ehemaligen Praxis nach Köln fahren zu müssen, nahm sie sich drei Tage frei und saß nun drei Tage und drei Nächte bei Benischek hinter den Experimentiertischen.
>Fritze< hatte den Raum von außen verschlossen, um Überraschungen zu vermeiden. Wenn es einmal an der Tür klopfte, verhielt sich Angela still. Erst wenn sich die Schritte entfernten, beugte sie sich von neuem über ihre Präparate. Das Fehlen verschiedener Geräte in den einzelnen Labors entschuldigte Benischek jeweils mit Reparaturen oder notwendig gewordenen Reinigungen. Wenn sein Feierabend gekommen war, rannte er in die Stadt, kaufte ein, kochte für Angela in seiner kleinen Küche ein Abendessen und servierte es ihr auf einem riesigen Tablett.
Nun gab es keine Ruhe mehr, keinen Schlaf, keine Stunde Freizeit. In diesen Stunden und Tagen gewöhnte sich Angela das Rauchen an. Die Zigarette in den Mundwinkeln, saß sie am Mikroskop, und ihre Augen brannten. Starker Bohnenkaffee dampfte auf einem Nebentisch. Zwischen zwei Schlucken schob sie neue Objektträger auf den Objekttisch und beobachtete die Wirkung der beigegebenen Sera. In den Nächten benutzte sie dann das große Elektronenmikroskop im Hauptlabor und ließ die Gifte in vieltausendfacher Vergrößerung vor ihren Augen tanzen. Sie starrte gebannt auf das Spiel der tödlichen Kräfte.
Dann rannte sie zurück in ihr Labor und mischte, kühlte ab, destillierte und analysierte. Aus dem Blut der toten Kaninchen zog sie die Leukozyten ab und verwandte sie zu neuen Mischungen. Damit bespritzte sie die Giftkeime im Affenblut und setzte es in einen Brutschrank. Benischek schwitzte. Das Tagebuch füllte sich, Seite um Seite. Ihm fielen die Augen zu, er wankte im Sitzen. Da schob ihm Angela Bender Zigaretten und Kaffee hin.»Nicht schlappmachen, Fritze«, sagte sie.»Wir müssen es schaffen!«Da riß sich der alte Mann zusammen und schrieb weiter, was sie diktierte.
Sie hat keine Nerven, dachte er. Das ist ein Weibsbild! Kräfte wie ein Herkules! Diese schmale kleine Frau. Es ist unglaublich; es ist, als ob sie besessen wäre! Zwei Tage und drei Nächte ohne Unterbrechung! Da brechen ja harte Männer zusammen. Und sie sitzt da und arbeitet weiter. Blaß, nach vorn gebeugt, in ihrem weißen, bespritzten Mantel.
Reagenzglas um Reagenzglas füllte sich in den Ständern — miß-lungen! Nicht reagiert, zu schwach, mißlungen! Dreiundneunzigmal mißlungen! Ohne Wirkung.
Es war zum Verzweifeln. Benischek verlor die Nerven und begann zu heulen.»Machen Sie Schluß!«rief er und warf das Tagebuch auf den Boden.»Ick halte det nich mehr aus! Wir jehen ja vor de Hunde!«
Und von neuem schob Dr. Bender ihm die Zigaretten und den Kaffee hin, und Benischek hob das Tagebuch auf und schrieb weiter.
Versuch 103 — mißlungen.
Versuch 117 — ohne Befund.
Versuch 132 — mißlungen.
Der dritte Tag kam. Er ging vorüber wie die beiden vorangegangenen. Nur die Hände begannen jetzt zu zittern, die Augen lagen tief in den Höhlen, die Wangen waren eingefallen. Auf dem Gehirn lastete ein Druck, als lägen Zentner auf dem Kopf. Jeder Atemzug schmerzte. Der Rücken war krumm, man schrie, wenn man aufstand.
Mikroskop. Blutproben. Säuren. Basen. Sera. Mikroskop.
Versuch 156 — ohne Befund.
Versuch 175 — mißlungen.
Es war ein Wettlauf mit dem Tod. Ein Wettrennen der Kräfte. Jetzt aufhören würde Untergang bedeuten. Nie würde der Körper noch einmal seine letzten Reserven hergeben, nie würde sich wieder eine Frau mit der Kraft der Verzweiflung aufrecht halten.
Mischen. Kochen. Mischen. Versuchen. Mischen. Einspritzen.
Die Blutmasse des kleinen Affen ging zu Ende. Das Gift der >Schwarzen Witwe< war verbraucht.
Die letzten Versuche.
Der Tag wurde fahl. Die Dämmerung kroch ins Zimmer. Die Lampen gingen von neuem an. Die Nacht kam. Die letzten Versuche!
Es war die Nacht vom 22. zum 23. Juni — ein Freitag.
Angela Bender saß über dem Mikroskop und hielt den Tubus umklammert. Vor ihr, im runden Lichtfeld des Okulars, lag der Versuch Nr. 194.
Mit einer Hohlnadel tropfte sie eine winzige Menge eines vor drei Stunden entwickelten Serums auf die Giftkristalle.
Vor ihren Augen flimmerte es. Sie stützte den Kopf auf das Gerät und schloß die Lider. Am Ende, dachte sie. Ich muß ein Ende machen. Ich kann nicht mehr. Es wird zuviel. Ich schaffe es nie. Jetzt weiß ich es, daß ich es nie schaffen werde. Es war Verblendung, Versuchung des Schicksals. Die kleine Bender will den Tod bekämpfen.
Sie richtete sich auf und sah Benischek an. Er saß am Tisch, war aber ein wenig eingenickt. Als sie sich jetzt rührte und ihr Stuhl knackte, fuhr er aus dem Schlummer hoch.
«Versuch — mißglückt?«fragte er monoton und zu Tode matt. Sie blickte in das Okular. Und plötzlich schrie sie auf, grell, und stieß den Stuhl zurück.
Benischek war aufgesprungen und stürzte zu Angela hin. Jetzt ist sie wahnsinnig geworden, durchzuckte es ihn. Aber dann stand er starr.
Denn Dr. Angela Bender tanzte wie wild um ihren hingefallenen Stuhl herum, stürzte dann Benischek an die Brust, küßte ihn auf die sprachlosen Lippen, wühlte sich die Haare durcheinander und lehnte dann tiefatmend an der Tür.
Ihre Augen waren weit aufgerissen, eine hektische Röte überzog ihre blassen, eingefallenen Wangen.
«Das Serum löst die Kristalle auf«, stammelte sie, als könne sie es nun nicht mehr fassen.»Fritze, guter Fritze. Begreifen Sie es? Das Serum löste die Kristalle auf.«
Benischek umklammerte sein Tagebuch, als müsse er daran Halt suchen.
«Sie haben das Gegenmittel gefunden?«fragte er leise. In dieser Minute sprach er hochdeutsch, er vergaß für eine Sekunde, daß er Berliner war.
«Ich hoffe es, Benischek, ich hoffe es!«Sie rannte wieder zu dem Mikroskop und blickte noch einmal hindurch.»Das Blut ist rein«, stotterte sie.»Rein, Fritze — das Gift ist aufgefressen! Das Gift ist weg. Das Gift.«
Nun schlug sie die Hände vor die Augen und weinte. Ein Schluchzen schüttelte ihren Körper. Sie sank auf Benischeks Sofa und ließ sich in die Polster fallen. Benischek lief in die Küche, um neuen Kaffee zu kochen. Dabei sah er auf die Uhr. 1 Uhr 23 Minuten!
Sonnabend, der 23. Juni 1951.
Ein Tag, den er nie vergessen würde.
Als er mit der Kanne frischen Kaffees zurück ins Labor kam, saß Angela schon wieder vor ihren Apparaten. Sie wiederholte den Versuch gewissenhaft zehnmal. Und zehnmal verschwand das Gift aus dem Blut.
Ein Sieg! Ein voller Sieg!
Der Tod durch das Gift der >Schwarzen Witwe< gehörte der Vergangenheit an.
Bis zum Morgen arbeiteten Dr. Bender und Fritz Benischek weiter. Sie berechneten genau die einzelnen Dosierungen des Serums, seine Zusammensetzung, seine chemischen Formeln, seine Beständigkeit bei Hitze und Kälte, seine Löslichkeit im Wasser, Alkohol, Äther.
Der erste Weg war gegangen. Jetzt begann die Erprobung. An mehreren hundert Versuchen mußte festgestellt werden, wie hoch man dosieren durfte, mußte — wie man injizieren konnte, wie der Körper reagieren würde, wie die Begleiterscheinungen waren. Gab es negative?
Dies zu erproben würde die Sache anderer Wissenschaftler sein. Für Angela Bender war das große Ziel erreicht. Sie konnte Peter Perthes die Heilung schicken! Sie konnte den einsamen Krüppel im Urwald von Amorua von seinen Krücken erlösen.
Noch in derselben Nacht füllte Angela zehn Ampullen mit einer dreifachen Dosierung wie bei dem kleinen Affen in Ampullen und verschloß sie mit Wachs. Einen kleinen Karton legte sie mit Watte aus und bettete die Ampullen darein.
Als der Morgen graute, gab sie Benischek die Hand.
«Sie müssen mir jetzt eines versprechen. Fritze: Schweigen! Ab-solutes Schweigen! Was auch kommen mag, was man Sie auch fragen wird — Sie wissen von nichts!«
Benischek nickte.»Ick weeß von nischt.«
«Wenn mein Serum ein Sieg ist, dann werden Sie zu mir kommen, Benischek. Ich vergesse Sie nicht. Ohne Sie hätte ich es nie geschafft.«
«Aber Frollein Doktor, ick habe doch bloß jepennt!«
Fritz Benischek kratzte sich schüchtern und verlegen den Kopf. Sein langes Gesicht lag in tiefen Falten. Er sah Angela nach, wie sie, müde und nach vorn gebeugt, mit schleichenden Schritten den Raum, das Haus verließ.
«Ein einmaliges Weib«, sagte er laut und wischte sich über die Lippen.»Ick möchte fuffzig Prozent von der haben!«
Mit der Morgenpost ging das Päckchen per Flugzeug nach Za-puare in Kolumbien.
Dr. Angela Bender erschien an diesem Tag nicht zur Visite.
Professor Purr rief an, man schickte in die Wohnung. Dr. Bender lag mit schwerem Nervenfieber zu Bett. Ihr Puls ging schwach. Eine tiefe Ohnmacht hielt sie umfangen.
Der Professor bat den Internisten der Universitätsklinik in Angelas Wohnung, der die erste Diagnose — akutes Nervenfieber — voll bestätigte. Dr. Bender wurde sofort in die Klinik eingeliefert.
Nun lag sie in einem weißen, stillen Zimmer. Ihr Atem war kaum hörbar. Ihr Gesicht war wie die Maske einer Toten.
Professor Dr. Purr kümmerte sich rührend um die Patientin. Immer wieder saß er an ihrem Bett. Um diese Frau war ein Geheimnis, ahnte er.
Voll Staunen hörte er, daß Dr. Bender in ihrem Kurzurlaub gar nicht in Köln gewesen war. Drei Tage in der Dunkelheit.
Der Professor schüttelte den alten Kopf. Es war ein Rätsel, das er nicht zu lösen verstand.
Er beugte sich über die Bewußtlose und strich ihr die schweißverklebten Locken aus der Stirn.