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Kapitel 7

Angela Bender war, nachdem sie Gewißheit über ihr ferneres Schicksal erlangt hatte, von Hof weggezogen und hatte eine verwaiste Praxis in Augsburg übernommen. Ein Onkel, der Medizinalrat war, hatte ihr diese Praxis und die Zulassung zu allen Kassen besorgt, und Dr. Bender übte ihren Beruf so lange aus, bis man ihren Zustand bemerkte und sich das Kommende nicht länger verbergen ließ.

Wenn jede andere junge Frau mit dem Schicksal gehadert hätte, sie biß die Zähne zusammen und nahm sich vor, nie über die Schwere ihres Lebens zu klagen. So verpachtete sie die Augsburger Praxis und verkroch sich in den bayerischen Bergen. Dort, in Schöllang bei Oberstdorf, im Anblick des Nebelhorns, lebte sie auf einer Alp und erwartete ihre große Stunde.

Aber sie war auch hier nicht untätig und legte die Hände nicht in den gesegneten Schoß, nein, sie arbeitete weiter am Studium der Toxikologie. Wozu es gut war, das wußte sie selbst noch nicht. Was es für einen Sinn hatte, sich in monatelangen nächtlichen Versuchen und Berechnungen, im Studieren und Auswendiglernen, mit einer der schwersten Wissenschaften auseinanderzusetzen, darüber dachte sie nicht nach. Peter ist in Südamerika, dachte sie nur. Er hat diese Wissenschaft zum Mittelpunkt seines Lebens gemacht. Und ich trage ein Kind von ihm, ich bin seine Frau geworden. Muß ich nicht wissen, was Peters großer Antrieb ist?

Es war keine Neugier in diesem Studium — oder doch? War es ein Aufgehen in einer fremden Welt, aus der sie sich durch ihren Zorn auf den Zerstörer ihrer Hoffnungen selbst ausgeschlossen hatte? War es doch eine Buße? Sie wußte es nicht. Sie verschloß sich auch vor den Gedanken, die einen Sinn in dem Ganzen suchten.

So saß sie die langen Nächte hindurch, las über Curare und Ura-ri, über Alkaloide und Strychnos toxifera. In die Materie der Pfeilgifte versenkte sie sich vor allem und verbrachte lange Wochen mit

dem Studium der bisher bekannten Gegengifte; so lernte sie die schrecklichen Mordwaffen Upas Radja, den Milchsaft des Baumes Antiaris roxicaria und den fürchterlichen chinesischen Wurzelsaft Tsau-rou kennen. Und je weiter sie kam, je klarer ihr das Bild der toxikologischen Wissenschaft wurde, um so ruhiger wurde sie in ihrem Inneren, um so größer wurde ihr Interesse und um so weniger schwer lastete auf ihrer Seele der Druck, so weit von Peter entfernt zu sein.

Es war eine wunderbare Ruhe um sie und in ihr. Sie lebte mit sich selbst in Frieden, sie hatte die große Prüfung ihres Lebens überstanden. Was jetzt kommen würde, war ein großes Glück, das ihr keiner nehmen konnte. Einmal nur war sie wieder nahe an der Grenze einer Unruhe, die ihr inneres Gleichgewicht zu zerstören drohte.

Das war, als eines Tages der Landbriefträger einen Brief auf ihre Alp brachte. Er kam die Woche einmal in diese einsame Gegend und ruhte sich dann immer bei einem Glas kuhwarmer Milch und einem dicken Faustkäse von der beschwerlichen Kletterei aus. Heute winkte er Angela, die auf der Wiese stand und die letzten Herbstblumen sammelte, schon von weitem zu. Er schwenkte ein blaues Kuvert und hatte vor Aufregung ein hochrotes Gesicht.

«Nachgeschickt haben sie's, dös Schreiben!«rief er schon von weitem.»Von Köln nach Augsburg, dann nach Schöllang! Und a Marken is aufi, dös wär was für mei Bua!«Er gab den Brief Angela Bender, die über einem Blick auf die bunte, große Briefmarke erstarrte. Columbia stand auf der Marke. Sie zeigte einen Urwaldabschnitt mit einem schnellen Kanu auf einem Fluß. Kreuz und quer über die Adresse waren die Nachsendeanschriften geschrieben. Und der Absender war Dr. Peter Perthes, Bogota, Kolumbien, Südamerika, Casa del Aquino.

«Es ist gut«, sagte sie schwach und steckte den Brief in die Schürzentasche.

Der Briefträger sah sie erstaunt an.»So a schöne Marken! Dös wär was für mei Bua, für mei Franzel«, wiederholte er zur deutlichen Einprägung. Angela Bender nickte zerstreut.

«Ich hebe sie Ihnen auf. Wenn Sie das nächstemal kommen, können Sie sie haben.«

Sie wandte sich ab und eilte ins Haus. Der Brief muß sie gar mächtig mitnehmen, dachte der Briefträger und ging kopfschüttelnd zu dem langgestreckten Wirtschaftsgebäude, um sich sein obligates Glas Milch und den Handkäse zu holen.

Den ganzen Abend saß Angela vor Peters Brief und wagte nicht, ihn zu öffnen. Ich habe endlich meine Ruhe gefunden, dachte sie, und jetzt soll dieses gehetzte Leben weitergehen? Dieses Warten? Vorwürfe, Gewissensbisse und Unschlüssigkeit. Nein! Ich habe mit der Vergangenheit gebrochen, um eine neue Zukunft zu erringen. Und es gibt in der Welt, die ich verließ, nichts mehr, was mich zurückholen könnte, auch ein Dr. Peter Perthes nicht. Und auch wenn er der Vater des Kindes ist, das im nächsten Jahr in diese Welt blinzeln und schreien wird — er hat kein Recht mehr, mir von neuem meinen inneren Frieden zu rauben.

Sie ergriff den Brief, löste unter einem dünnen Wasserstrahl aus der Wasserleitung, die durch eine Motorpumpe betrieben wurde, die bunte Briefmarke vom Umschlag und ging dann zum Ofen, der mit seinen großen, gemauerten Steinen eine ganze Ecke des Zimmers einnahm. Dicke Buchenscheite prasselten in den Flammen.

Ob er krank ist? durchzuckte es sie. Vielleicht schreibt er, daß er mit Fieber in Bogota liegt und bald zurückkommt? Vielleicht geht es ihm schlecht in der Fremde? Sie zögerte und sah den Brief wieder an. Soll ich ihn doch öffnen? Nur dieses einzige Mal?

Sie biß die Zähne aufeinander. Nein! Peters Worte kamen ihr in den Sinn, als sie am Anfang ihrer Bekanntschaft über die geplante Forschungsreise sprachen und Angela ihn bat, diesen Plan aufzugeben.»Es gibt im Leben nur zwei Worte für mich: Ja oder nein! Alle Kompromisse, alles Ausweichen ist nur Feigheit vor den Konsequenzen. Ein Mensch, der im rechten Augenblick mit Ja oder Nein antworten kann, wird immer der Bevorzugte sein. «Und sie hatte geantwortet:»Durch ein schroffes Ja oder Nein ist schon vieles zerbrochen worden. Nichts ist härter für eine Frau, als in ein logisches System gepreßt zu werden, das ein ganzes Leben beherrschen soll. Gerade Frauen gegenüber muß man ein wenig kompromißbereit sein. «Und Peter hatte lachend seinen Kopf geschüttelt. Er sah wie ein großer Junge aus, wenn er lachte, und er antwortete:»Beste Kollegin, ich kannte in Mexiko einen Rancher, der zu mir sagte: >Wer ein Wildpferd bändigen will, muß einen festen Schenkeldruck haben. Wer aber eine Frau bändigen will, der muß zwei Hände, zwei Augen und fünf Prozent mehr Elektrizität im Gehirn als ein normaler Mensch haben!<«Da hatte sie geschwiegen, bewußt die Grollende spielend. Schließlich hatte er, der große Theoretiker, nachgegeben und sie versöhnt, indem er mit ihr ein gemütliches Weinlokal besuchte.

Angela Bender trat an den Ofen und riß die Klappe auf. Die Glut schlug ihr entgegen. Prasselnd warf das Holz Funken auf den Steinboden vor dem Herd. Ohne zu zögern warf sie den Brief ungeöffnet in die Flammen und schloß dann schnell die Klappe, als habe sie Angst, der Brief könne aus der Glut zurückspringen.

Dann ging sie ruhig an den Tisch und suchte aus einem Korb Strickwolle und Nadeln hervor. Es sollte ein Jäckchen für den kommenden kleinen Erdenbürger werden. Ein Jäckchen mit Kapuze und einer Troddel daran. Die Stricknadeln klapperten leise, metallisch.

Habe ich wieder etwas falsch gemacht? dachte Angela. Ob Peter in Kolumbien in Gefahr ist?

In dieser Nacht fiel der erste Schnee. Das Tal wurde weiß und sah märchenhaft aus. Die Holzhäuser bekamen hohe weiße Hauben, in den Öfen krachten die Buchenscheite noch lauter; der Einkauf im Dorf mußte mit Schlitten oder auf Skiern unternommen werden. Gleich waren auch die ersten Wintersportler da, die den Neuschnee in den Allgäuer Alpen als erste genießen wollten. Ihre Bretter zogen tiefe Furchen durch die jungfräuliche Schneedecke. Wie Staub wirbelte es hinter ihnen her, wenn sie sich die Hänge hinabschwangen.

Angela saß, in einen dicken Wollschal vermummt, in diesen Tagen viel auf dem Balkon und genoß die reine, sonnendurchflutete Luft. Ihre blasse Gesichtsfarbe verlor sich, ein wenig Braun zeigte sich auf ihrer Haut. Ab und zu kam aus Köln ein Brief von Paul Sacher, der sich eingehend nach ihrem Wohlbefinden erkundigte und versprach, seinen Urlaub nach Weihnachten in den bayerischen Bergen am Nebelhorn zu verleben. Er erwähnte in seinen Briefen nichts von Peter Perthes, der ihm allerdings schon dreimal geschrieben hatte, zuletzt aus Zapuare, vor seinem Aufbruch in den Urwald. Dr. Sacher hielt auch das Versprechen, das er Angela gegeben hatte: Peter nichts von dem Kind zu schreiben. Es fiel ihm schwer genug, die Fragen seines Freundes nach Angela mit allgemeinen Phrasen zu beantworten.

Langsam rückte das Weihnachtsfest näher. Die Zeit schlich in Angelas Augen dahin, als würde sie auf dem Rücken einer Schnecke getragen. Der Unfall auf der Fürst-Pückler-Straße, der kleine Horst von Barthey, die Erste Hilfe in ihrer Kölner Praxis, die Tage danach in der Klinik, die Einladung im Hause von Barthey. Peters erster Kuß an jenem Abend, an dem sie fühlte, daß Liebe etwas Unaufhaltsames ist. Das alles lag schon zu weit zurück, als daß es stiller Stunden bedurft hätte, um sich daran zu erinnern. Diese plötzliche Erkenntnis erschreckte sie doch sehr. Hatte ihr Peter Perthes so wenig bedeutet, daß sie schon jetzt, nach wenigen Monaten, das Leben hinter sich wie einen Film betrachten konnte, zu dem sie kaum noch eine innere Verbindung hatte? Das konnte doch nicht möglich sein. Oder hatte sich ihr Herz durch den Willen, vergessen zu wollen, so verhärtet, daß dieses Vergessen nun Wirklichkeit geworden war? Sie stand etwas entsetzt vor diesen Erkenntnissen, vor der starken Wirkung ihres Willens.

Am ersten Advent fuhr sie mit ihrer Bauernfamilie in die Kirche nach Schöllang. Der Bauer selbst lenkte den Schlitten — zwei Pferde mit lustigem Schellengeläute zogen den Schlitten in leichtem Trab durch das Illertal.

Der verharschte Schnee knirschte unter den breiten Stahlkufen. Trotz der strahlenden Sonne war es kalt. Sie zogen dicke Schafspelze an und nahmen flauschige Wolldecken mit.

Als sie vor der Kirche aus dem Schlitten stiegen, stutzte ein Herr in einem eleganten Gehpelz und trat neben das Kirchenportal, um besser sehen zu können. Dann schüttelte er den Kopf, folgte Angela Bender, dem Bauern, der Bäuerin und dem Großknecht in die Kirche und stellte sich hinten unter der Orgelbühne so lange in eine Ecke, bis die Messe zu Ende war. Dann eilte er als erster aus der Kirche und stellte sich neben den Pferdeschlitten.

Einen Augenblick lang erschrak Angela, als ein großer Herr den Hut zog und sie fragte:»Ich bitte sehr um Verzeihung — aber sehe ich recht? Frau Dr. Bender?«

Sie schaute zu ihm empor, sah ein von Kälte gerötetes Gesicht mit einem kleinen, eisgrauen Spitzbart, einer großen Goldbrille, unter langen weißen Haaren eine hohe Stirn. Ein freudiger Schreck durchfuhr Angela.

«Herr Professor Purr?«Sie streckte ihm beide Arme hin.»Sie — in Schöllang?«

«Ich muß zurückfragen: Sie?«Er schaute sie prüfend an.

Angela trat mit dem Professor zur Seite, während der Bauer mit seiner Familie zum nächsten Gasthaus fuhr, um dort zu warten und einen heißen Grog zu trinken.

«Wie lange haben wir uns nicht gesehen?«fragte Professor Purr.

«Warten Sie einmal: Sie famulierten damals in Erlangen bei mir. Dann machten Sie Ihr Staatsexamen und Ihre Promotion mit einer Arbeit über die spinale Kinderlähmung. Wirklich eine ausgezeichnete Arbeit! Ich habe es damals sehr bedauert, daß Sie uns verließen und diese Assistenz in Köln annahmen.«

Dr. Bender zuckte mit den Schultern.»Was sollte ich tun, Herr Professor? Ich hatte mein Studium beendet, nun mußte ich Geld verdienen. Die Sorge aller jungen Ärzte! Bei Ihnen konnte ich nicht bleiben, die Universitätsklinik zahlte zu schlecht.«

«Sie waren eine meiner liebsten Schülerinnen«, unterbrach er sie wohlwollend. Er blickte an ihr herunter und bemerkte trotz des Pelzes ihren Zustand.»Ist Ihr Gatte ein Kollege?«fragte er.

«Nein. «Angela sah ihm frei in die Augen.»Ich bin nicht verheiratet.«

«Oh, Verzeihung!«Professor Purr biß sich auf die Lippen.»Hm — sind Sie zur Erholung hier?«Er wartete ihre Antwort gar nicht ab, sondern plauderte weiter:»Ich habe mir mal eine Woche Pause gegönnt. Auch ein Ordinarius für Medizin muß mal ausspannen. Ich fahre nächsten Freitag nach Erlangen zurück. Kann ich irgend etwas für Sie tun?«

Angela Bender schüttelte den Kopf.»Sehr nett von Ihnen, Herr Professor. Ich habe alles.«

«Wirklich alles?«Er sah sie groß an.

«Ja, Herr Professor.«

«Dann ist es gut. «Er wechselte das Thema.»Praktizieren Sie noch in Köln?«

«Jetzt nicht mehr. Ich werde ein Jahr aussetzen müssen.«

«Und dann?«

«Das weiß ich noch nicht. Wenn man mich wieder zuläßt. «Sie hob die Arme.»Irgendwo wird sich schon eine Praxis finden. Oder eine Kinderklinik.«

Professor Dr. Purr wischte mit der Rechten durch die Luft.»Nichts da! Jetzt habe ich Sie! Sie wissen also nicht, was wird. - Wenn Sie wieder anfangen wollen, kommen Sie zu mir. Ich werde Ihnen in Erlangen eine Praxis besorgen und dazu ein paar Betten in der Universitätsklinik. Und um manches zu vergessen — «er stockte,»ich darf doch als väterlicher Freund so zu Ihnen sprechen? — werden wir beide uns auf die spinale Kinderlähmung stürzen und unseren alten Feind aufs neue bekämpfen. Wir haben da übrigens schon einige neue Wege entdeckt, aufbauend auf Radioaktivität und Atomenergie. «Er reichte Angela die Hand.»Dr. Bender, versprechen Sie mir: Sie werden zu mir nach Erlangen kommen!«

Einen Augenblick lang zögerte Angela, dann schlug sie ein und drückte herzlich die Hand ihres alten Lehrers.»Ich werde kommen«, sagte sie leise.»Nur wann — das weiß ich noch nicht. Es könnte länger dauern, als Sie hoffen.«

«Einmal werden Sie aber auf jeden Fall kommen. Und das ist für mich ein Zeichen, daß Ihre Seele gesund geworden — oder geblieben ist!«

Professor Purr begleitete Angela bis zu dem Wirtshaus, wo der Schlitten wartete. Die Pferde dampften in der kühlen Luft und fuhren mit schnaubenden Nüstern in den Pulverschnee, der auf einer Treppenbrüstung lag. Beim Abschied versprach Dr. Purr, Angela vor seiner Abreise auf der Alp zu besuchen, am Freitag. Dann sah sie ihn, hinter einer Gardine am Fenster des Gasthofes stehend, zu seinem Auto gehen, das auf dem Marktplatz stand.

Nach Erlangen, dachte sie froh. An die Klinik von Professor Dr. Purr. Das war eine Ehre für eine so junge Ärztin, eine große Auszeichnung! Wo internationale Größen der Medizin die Klinik mit ihren fortschrittlichsten Einrichtungen besuchten, durfte sie arbeiten, unter den Augen eines der besten Kinderärzte Europas. Sie fühlte ihr Herz schlagen. O Peter, dachte sie, wenn du das jetzt hören könntest. Und sie erschrak wieder, weil sie doch immer wieder an Peter Perthes denken mußte.

In der Kölner Lindenburg saßen Professor Window und Dr. Sacher über einem Brief, der amtlicherseits aus Villavicencio gekommen war. In nüchternen, knappen Worten wurde mitgeteilt, daß dem Bezirksamt Meta, der Provinz, zu der Zapuare gehörte, von dort gemeldet worden sei, daß die Expedition des Dr. Perthes aus Köln in das Quellgebiet des Cuno Nacuri seit vier Wochen überfällig wäre. Mit Dr. Perthes würden vermißt: Dr. Fernando Cartogeno aus Bogota, ein indianischer Dolmetscher und fünf eingeborene Lastenträger mit insgesamt drei Booten.

Da Dr. Perthes das Bezirksamt im Falle eines Unglücks gebeten habe, dieser Adresse in Köln Nachricht zu geben, frage das Amt jetzt an, was mit den zurückgebliebenen Kisten und Geräten unternommen werden solle. Dann folgte noch eine Schilderung des Anfangs der Expedition, aus der zu entnehmen war, daß Dr. Per-thes und seine Männer drei Wochen lang in San Juan geblieben waren, nachdem vorher ein Träger durch einen Giftpfeil aus dem Hinterhalt getötet worden war. Wie die Bewohner von San Juan aussagten, habe viele Wochen hindurch des Abends ein Konzert von Baumtrommeln stattgefunden, das unter den kultivierteren Indianern eine Art Panik auslöste. Es sei jedoch nicht zu erfahren gewesen, was dieses Trommeln, das weit im Umkreis aus dem Urwald zu hören war, bedeutete. Die Indios schwiegen verstockt, sie schienen Angst zu haben. Nach drei Wochen sei dann die Expedition Dr. Perthes' trotz zahlreicher Warnungen aufgebrochen und den Rio Guaviare hinabgefahren bis Sitio, wo die Boote alsdann in den Rio Inirida einbogen. Bei Cardonocoa habe man zum letztenmal gesehen, wie die drei Boote in schneller Fahrt gegen den Strom gerudert wurden, mitten im Fluß, an der Spitze Dr. Perthes in seinem weißen Tropenanzug. Von da an fehle jede Spur. Eine Suchaktion von Sitio aus den Rio Inirida hinauf sei ohne Erfolg verlaufen und abgebrochen worden.

Dr. Paul Sacher stand von seinem Stuhl auf und lief wortlos im Zimmer hin und her. Seine Hände auf dem Rücken waren ineinander verkrampft.

Professor Window nickte schwer und lehnte sich zurück.»Ich habe ihn oft genug gewarnt, Paul. Er wollte nicht auf uns hören. Angela Bender hat ihn angefleht, aber er setzte sich über sie und seine Liebe hinweg. Wie eine Verblendung war es doch über ihn gekommen, wie ein Rausch, ein Wahn! Jetzt ist das eingetroffen, was wir immer befürchteten: Der Urwald hat ihn behalten.«

«Du denkst immer das Schlimmste. «Dr. Sacher wollte es noch nicht wahrhaben, was er selbst fürchtete.»Er kann einen anderen Weg genommen haben. Wenn du dir die Karte ansiehst: Es gibt vom Rio Inirida siebenundzwanzig größere Nebenflüsse und drei Seen! Es ist wie ein Netz, das den Urwald durchzieht. Vielleicht hat es sich Peter anders überlegt, er ist weitergefahren, oder er durchforscht einen anderen Seitenarm des Flusses!«

Professor Window winkte müde ab.»Du kennst doch unseren Pe-ter! Er hat seinen Plan, und den führt er durch mit einer Hartnäckigkeit, die an Sturheit grenzt. Wenn er angegeben hat: Cuno Nacuri, dann ist er auch dorthin gefahren. Findet man ihn dort nicht, dann ist etwas geschehen! Und das ist hier der Fall!«

Er erhob sich gleichfalls und steckte den Brief in den Umschlag zurück.»Das einzige, was wir im Augenblick tun können, ist, mit Herrn von Barthey Verbindung aufzunehmen, denn ihm gehören schließlich die Ausrüstungsgegenstände. Dann müßten wir die kolumbianische Regierung ersuchen, die Expedition durch das Militär suchen zu lassen.«

«Ich werde selbst hinüberfliegen«, verkündete Dr. Sacher laut.

«Verrückt!«Professor Window winkte ab.»Was Peter nicht gelang, ist für dich undurchführbar! Man müßte Peter in einem Waldgebiet suchen, das größer ist als das gesamte Nordrhein-Westfalen! Wälder, die nie eines Menschen Fuß betreten hat!«

Er wischte sich resignierend über die Augen.»So weh mir das tut — ich habe keine Hoffnungen mehr.«

Paul Sacher rannte wie ein gefangenes Tier im Zimmer herum und rauchte in hastigen Zügen.»Da sitzen wir, Tausende von Kilometern weit weg, und drüben, in der Hölle der Tropen, verreckt unser bester Freund. «Er hieb auf den Tisch.»Professor, das ist doch eine glatte Schweinerei!«

«Er hat das Schicksal herausgefordert, Paul. Er wußte, was ihn erwartete.«

«Er wollte der Menschheit helfen, das ist alles. Er opferte sich. «Dr. Sacher lehnte sich gegen das Fenster und wurde ruhiger.»Ich schäme mich, daß ich hier im weichen Sessel sitzen kann, zweimal am Tag Visite mache mit einem Rattenschwanz von Assistenten und Schwestern, während Peter irgendwo in den Urwaldsümpfen liegt und elendiglich an Pfeilgift zugrunde geht. Er ist ein Held — wir sind armselige Handwerker unseres Berufes — ohne Mut!«

Der Professor schwieg. Er teilte die Meinung Dr. Sachers nicht, aber er fühlte wie er, daß ihn die Erschütterung über den Inhalt dieses Briefes sichtlich ergriff. Er dachte auch an Angela Bender, die in den bayerischen Bergen ihrer schweren Stunde entgegensah und vielleicht in tiefster Seele noch insgeheim hoffte, daß Peter zu ihr und seinem Kind zurückkehrte.

«Ich werde zu Herrn von Barthey gehen«, sagte er leise.»Schick ein Kabel nach Bogota, man soll versuchen, ein Suchflugzeug von Zapuare aus loszuschicken, falls man das noch nicht getan hat. «Er stockte.»Willst du Angela benachrichtigen?«

Paul Sacher schüttelte schwach den Kopf.»Nein, sie darf es jetzt noch nicht erfahren. Es könnte ihr sehr schaden. Wenn alles vorbei ist… nächstes Jahr… dann will ich es ihr sagen. «Er ging vom Fenster weg und ballte die Fäuste.»Ist es nicht eine Schande, wie schnell man einen Menschen auslöschen kann?«fragte er bitter.»Da ist doch ein Fehler in der göttlichen Vorsehung, nicht?«

Am nächsten Tag gingen viele Telegramme und Telefonate zwischen Bogota und Köln hin und her. Wolf von Barthey, den die Hiobsbotschaft beinahe aus der Fassung brachte, telegrafierte mit der halben Welt, um Kräfte, die Peter Perthes noch helfen könnten, zu mobilisieren.

Er erreichte, daß von der kolumbianischen Regierung aus Truppen in Motorbooten die Flüsse und Seen absuchten, drei Hubschrauber flogen, dicht über den Baumwipfeln schwebend, die riesigen Urwaldgebiete nach Rauchzeichen oder Bootstrümmern ab, von Zapuare und Pajarito aus drangen Hilfsexpeditionen mit Raupenschleppern, Räumschleppern und Flammenwerferpanzern in den Urwald ein, eine breite Schneise in die grüne Hölle fressend.

Die zurückgebliebenen Boote und die Ausrüstung in Zapuare wurden vorläufig von der Regierung beschlagnahmt, das gesamte bisher gesammelte wissenschaftliche Material von zwei Tropenärzten aus Bogota untersucht und zusammengestellt. Es ergab sich, daß Dr. Perthes einem neuen Gift auf der Spur war, das er bereits in winzigen Kristallen vorliegen hatte und das bei Ratten und Meerschweinchen, demnach auch beim Menschen, schon in den kleinsten Mengen von 0,008 g sofort tödlich wirkte.

Nach vier Tagen gab als erste die Hubschraubergruppe die Suchaktion auf. Sie hatte das in Frage kommende Urwaldgebiet systematisch nach Planquadraten abgesucht, ohne auch nur auf die geringste Spur zu stoßen. Zum Teil waren die Urwaldflüsse so verfilzt oder so stark mit Bäumen überhangen, daß eine einwandfreie Sicht gar nicht möglich war. Auch die Motorboote der Regierungstruppen kehrten nach einer Woche mit dem Ergebnis zurück, daß es oberhalb des Cuno Ato unmöglich wurde, den Fluß zu befahren, weil Sandbänke, Stromschnellen, Untiefen und Riffe es unmöglich machten.

Die motorisierte Kolonne wurde daraufhin zurückgerufen, es war sinnlos, einen Urwald von mehreren hundert Quadratkilometern umzupflügen, man würde Jahre dazu brauchen.

Zum erstenmal tauchte nun der Name Dr. Perthes in der Weltpresse auf. >Life< brachte einen Bildbericht, die großen Zeitungen in den Hauptstädten der Welt widmeten der Expedition auf der zweiten Seite einen Drei- oder gar Vierspalter. Erzählungen über Urwälder schlossen sich in den nächsten Tagen an, Berichte über andere Expeditionen, geschichtliche Betrachtungen, wirtschaftliche Rückblicke, Essays über das Leben großer Forscher. Man hatte für eine Woche genügend Stoff, die Zeitungsseiten interessant zu füllen. Der Urwald war für kurze Zeit >in<.

Dann wurde es still um ihn. Ein anderes Ereignis füllte das Denken der Welt aus. In der UNO sagte Gromyko sein 35. Veto; ein Flugzeug stürzte über dem Atlantik ab, und die Toten konnten nicht geborgen werden.

Dr. Peter Perthes wurde vergessen. Nach einem Monat war sein Name selbst den Redakteuren unbekannt. Die Menschen hatten andere Sorgen.

Professor Dr. Window, Dr. Paul Sacher und Wolf von Barthey vergaßen Dr. Perthes nicht. Sie glaubten nicht an seinen Tod und hofften im stillen, daß er in einem Winkel des Urwaldes gefunden werde würde. Aber er blieb verschollen. >Life< hatte eintausend Dollar demjenigen geboten, der ihn finden würde. Und auch die tausend Dollar wurden vergessen. Das Schweigen der grünen Hölle deckte sich über Dr. Perthes und seine mutige Expedition.