51925.fb2 Charlie und der gro?e gl?serne Fahrstuhl - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 4

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Der Präsident

Knapp einen Kilometer entfernt hielten Shuckworth, Shanks und Showler die ganze Zeit die Fernsehkameras auf den gläsernen Fahrstuhl gerichtet. Und Millionen und Abermillionen Menschen überall auf der Welt verfolgten auf ihren Fernsehschirmen gespannt das dramatische Geschehen, das sich dreihundertzehn Kilometer über der Erde abspielte. In seinem Arbeitszimmer im Weißen Haus saß Lancelot R. Gilligrass, Präsident der Vereinigten Staaten, der mächtigste Mann der Erde. In diesem kritischen Augenblick waren alle seine wichtigsten Berater eiligst zusammengerufen worden und verfolgten nun auf dem Riesenfernsehschirm gespannt und aufmerksam jede Bewegung dieser gefährlich aussehenden Glaskapsel mit ihren acht verwegen aussehenden Astronauten darin. Das gesamte Kabinett war zur Stelle. Der Oberbefehlshaber des Heeres hatte sich zusammen mit vier weiteren Generälen eingefunden. Anwesend waren auch die Oberbefehlshaber der Marine und der Luftwaffe sowie ein Schwertschlucker aus Afghanistan, der beste Freund des Präsidenten. Sodann der Chefberater des Präsidenten in Finanzfragen, der mitten im Raum stand und auf dem Kopf den Staatshaushalt auszubalancieren versuchte. Doch er hielt sich nicht im Gleichgewicht und fiel wieder herunter. Unmittelbar neben dem Präsidenten, ihm also am nächsten, stand die Vizepräsidentin, eine große schwere Dame von neunundachtzig Jahren mit Bartstoppeln am Kinn. Sie war die Amme des Präsidenten gewesen, als der noch ein Baby war, und hieß Fräulein Tibbs. Fräulein Tibbs führte das Regiment hinter den Kulissen. Sie ließ sich von niemandem etwas bieten. Manche behaupteten, sie sei immer noch genauso streng mit dem Präsidenten wie zu der Zeit, als er noch ein kleiner Junge war. Sie verbreitete Furcht und Schrecken im Weißen Haus, und sogar dem Chef des Geheimdienstes brach der kalte Schweiß aus, wenn er zu ihr befohlen wurde. Nur der Präsident durfte Tante Tibbs zu ihr sagen. Außerdem befand sich noch Frau Taubsypuss, die berühmte Katze des Präsidenten, im Raum.

Im Augenblick herrschte vollkommene Stille im Arbeitszimmer des Präsidenten. Alle Blicke waren auf den Fernsehschirm geheftet, wo jetzt das kleine Glasding mit seinen Feuer sprühenden Raketen in elegantem Bogen von hinten an das riesige Raumhotel heranglitt.

«Die koppeln an!», rief der Präsident. «Die gehen an Bord unseres Raumhotels!»

«Sie wollen es sprengen!», rief der Oberbefehlshaber des Heeres. «Ich bin dafür, dass wir sie vorher in die Luft jagen, krach-peng-wumm-wumm-wumm!» Der Oberbefehlshaber des Heeres trug so viele Ordensbändchen, dass sie seinen Uniformrock zu beiden Seiten ganz bedeckten und die Hose noch dazu. «Nun mal los, Herr Präsident», sagte er. «Zeigen wir ihnen mal, was so eine richtige Superspezialexplosion ist!»

«Ruhe, Sie dummer Junge!», sagte Tante Tibbs und der Oberbefehlshaber des Heeres verkroch sich in eine Ecke.

«Also», sagte der Präsident. «Es geht um Folgendes: Wer sind die da oben? Und wo kommen sie her? Wo ist mein Chefspion?»

«Hier, Herr Präsident, hier!», sagte der Chefspion.

Er hatte einen falschen Schnurrbart, einen falschen Bart, falsche Wimpern, falsche Zähne und eine Falsettstimme.

«Sagen Sie mir schnell, wer diese Leute da in der Glaskapsel sind», befahl ihm der Präsident.

Der Chefspion schwieg. «Der Präsident hat Sie etwas gefragt», sagte Tante Tibbs mit eisiger Stimme. «Wer sind diese Leute da oben?»

«Äh-hem», sagte der Chefspion und zwirbelte seinen falschen Schnurrbart.

«Soll das heißen, Sie wissen es nicht?»

«Es soll heißen, ich weiß es, Herr Präsident. Ich glaube wenigstens, dass ich es weiß. Also, wir haben gerade das tollste Hotel der Welt auf eine Umlaufbahn um die Erde gebracht. Ja?»

«Ja!»

«Und wer ist so irrsinnig neidisch wegen dieses wunderbaren Hotels, dass er's geradewegs in die Luft sprengen möchte?»

«Tante Tibbs», sagte der Präsident.

«Falsch», sagte der Chefspion. «Raten Sie noch einmal.»

«Hm», sagte der Präsident, während er angestrengt nachdachte. «Könnte es vielleicht irgendein anderer Hotelbesitzer sein, der uns unser schönes Hotel neidet?»

«Phantastisch!», rief der Chefspion. «Sie kommen der Sache näher!»

«Herr Savoy also!», sagte der Präsident. «Wärmer, immer wärmer, Herr Präsident!» «Herr Ritz!»

«Heiß, Herr Präsident! Kochend heiß!» «Ich hab's!», rief der Präsident. «Herr Hilton!» «Vortrefflich, Herr Präsident», sagte der Chefspion. «Sind Sie sicher, dass er es ist?»

«Sicher nicht, aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, Herr Präsident. Schließlich hat Herr Hilton Hotels in so ziemlich jedem Land der Erde, nur im Weltraum nicht. Aber wir haben eins. Da muss er ja vor Wut kochen.»

«Kein Problem, das regeln wir!», sagte der Präsident barsch, und schon griff er nach einem von den elf Telefonen auf seinem Schreibtisch. «Hallo», sagte er in die Sprechmuschel. «Hallo, hallo, hallo! Wo ist die Vermittlung?» Er drückte wütend auf den kleinen Knopf für die Telefonzentrale. «Vermittlung, wo sind Sie?»

«Die melden sich jetzt nicht», sagte Tante Tibbs. «Die sehen alle fern.»

«Na, aber hier wird sich jemand melden!», sagte der Präsident und riss den Hörer von einem knallroten Telefon. Das war der heiße Draht zum Ministerpräsidenten der Sowjetunion in Moskau. Der war immer frei und wurde nur im äußersten Notfall benutzt. «Es können mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit die Russen sein wie Mr. Hilton», fuhr der Präsident fort. «Meinst du nicht auch, Tante Tibbs?»

«Es sind ganz bestimmt die Russen», sagte Tante Tibbs.

«Hier spricht Ministerpräsident Rauswienitzky», meldete sich die Stimme aus Moskau. «Was gibt's, Herr Präsident?» «Hören Sie mal zu, Rauswienitzky», sagte der Präsident. «Sehen Sie zu, dass Ihre Astronauten augenblicklich aus unserem Raumhotel da oben verschwinden! Sonst schmeißen wir sie raus wie nix, Rauswienitzky!»

«Diese Astronauten sind keine Russen, Herr Präsident.»

«Er lügt», sagte Tante Tibbs.

«Sie lügen», sagte der Präsident.

«Ich lüge nicht, Herr Präsident», sagte Ministerpräsident Rauswienitzky. «Haben Sie sich diese Astronauten in dem Glaskasten einmal genau angesehen? Ich persönlich kann sie nicht besonders deutlich erkennen auf meinem Fernsehschirm, aber einer von ihnen, der Kleine mit Spitzbart und Zylinder, sieht ausgesprochen chinesisch aus. Ja, er erinnert mich sehr an meinen Freund, den Ministerpräsidenten von China...»

«Mist!», rief der Präsident, während er den Hörer des roten Telefons auf die Gabel knallte und nach einem Porzellantelefon griff. Das verband ihn direkt mit dem Ministerpräsidenten der Volksrepublik China in Peking.

«Hallo, hallo, hallo!», rief der Präsident.

«Lings Fisch- und Gemüseladen in Shanghai», sagte jemand leise, sehr weit weg. «Ling am Appalat.»

«Tante Tibbs!», rief der Präsident und knallte den Hörer auf die Gabel. «Ich denke, die Leitung geht direkt zum Ministerpräsidenten?»

«Geht sie auch», sagte Tante Tibbs. «Versuch's noch einmal.»

Der Präsident nahm den Hörer ab. «Hallo!», brüllte er.

«Hier Wong», sagte jemand am anderen Ende.

«Wer?», schrie der Präsident der Vereinigten Staaten.

«Wong, stellveltletendel Bahnhofsvolstehel, Hauptbahnhof Tschungking, und falls Sie wissen wollen, was ist mit Zehn-Uhl-Zug, Zehn-Uhl-Zug fählt heute nicht. Kessel geplatzt.»

Der Präsident nahm das Telefon und schmiss es quer durchs Zimmer dem Postminister an den Bauch. «Was ist mit dem Ding los?», rief er.

«Es ist sehr schwierig, jemanden in China anzurufen, Herr Präsident», erklärte der Postminister. «Jedes Mal, wenn es wingt, kriegt man andere Wongs.»

«Soll das ein Witz sein?», erkundigte sich der Präsident.

Der Postminister stellte das Telefon auf den Schreibtisch zurück. «Versuchen Sie es bitte noch einmal, Herr Präsident», sagte er. «Ich habe die Schrauben unter dem Apparat festgezogen.»

Der Präsident nahm wieder den Hörer ab.

«Guten Gluß, velehltestel Pläsident», sagte eine leise Stimme in großer Ferne. «Hiel splicht stellveltletendel Ministelpläsident Tschul-mel-An. Was kann ich helfen?»

«Ah, Tschu-mer-An. Holen Sie mir bitte Ministerpräsident Ping-en-Pong an den Apparat.»

«Tut sehl leid, abel Ministelpläsident Ping-en-Pong im Augenblick nicht hiel, Hell Pläsident.»

«Wo ist er?»

«Er flickt gelade dlaußen einen Leifen an seinem Fahllad, das hat Plattfuß.»

«O nein, das tut er nicht», sagte der Präsident. «Sie können mich nicht zum Narren halten, Sie hinterlistiger alter Mandarin! In diesem Augenblick geht er an Bord unseres großartigen Raumhotels - mit noch sieben anderen Schurken -, um es in die Luft zu sprengen!»

«Um Velzeihung bitten, Hell Pläsident. Sie sind in übelgloßem Illtum... »

«Ganz und gar nicht!», schrie der Präsident. «Und wenn Sie die jetzt nicht sofort zurückkommandieren, sage ich meinem Oberbefehlshaber des Heeres, er soll sie allesamt in die Luft jagen! Dann kriegen die keinen Schuh mehr an, Tschu-mer-An!»

«Hurra!», sagte der Oberbefehlshaber des Heeres. «Alles in die Luft jagen! Peng-peng! Rums-bum-bum! Bumm!»

«Ruhe!», schrie Tante Tibbs.

«Ich hab's geschafft!», rief der Chefberater in Finanzfragen. «Alle mal hergucken! Ich habe den Staatshaushalt ausbalanciert! Er ist im Gleichgewicht!» Und tatsächlich! Er stand stolz mitten im Raum und balancierte den gewaltigen 200-Milliar-den-Dollar-Haushalt wunderschön auf seiner Glatze. Alles klatschte. Da meldete sich plötzlich die Stimme des Astronauten Shuckworth aufgeregt aus dem Arbeitszimmer des Präsidenten. «Sie haben angekoppelt und gehen jetzt an Bord!», rief Shuckworth. «Und sie nehmen auch das Bett mit -ich meine, die Bombe!»

Der Präsident holte tief Luft. Dabei geriet ihm eine Fliege in den Mund, die gerade vorbeiflog, und er verschluckte sich daran. Tante Tibbs klopfte ihm auf den Rücken. Er schluckte die Fliege herunter. Jetzt fühlte er sich besser, aber er war sehr zornig. Er griff nach Papier und Bleistift und fing an zu zeichnen. Dabei knurrte er vor sich hin: «Ich dulde keine Fliegen in meinem Arbeitszimmer!» Seine Berater warteten gespannt. Sie wussten, dass der große Mann nun sehr bald der Welt eine weitere seiner genialen Erfindungen schenken würde. Die letzte war der Korkenzieher für Linkshänder gewesen, den Linkshänder im ganzen Land als eine der größten Segnungen des Jahrhunderts bezeichnet hatten.

«Hier!», sagte der Präsident und hielt das Blatt Papier hoch. «Das ist die Gilligrass-Patent-Fliegenfalle!» Alle drängten sich um ihn, um besser sehen zu können.

«Die Fliege klettert hier links die Leiter hoch», erläuterte der Präsident. «Sie geht auf dem Steg entlang. Sie bleibt stehen, schnuppert. Sie riecht etwas Gutes. Sie späht über den Rand und entdeckt den Zuckerwürfel. <Aha!>, ruft sie aus. <Zucker!> Schon will sie an dem Bindfaden hinunterklettern, um zu dem Zuckerwürfel zu gelangen, da sieht sie die Schüssel mit Wasser darunter. <Ho-ho!>, sagt sie. <Wenn das keine Falle ist! Da soll ich wohl reinfallen!> Also spaziert sie weiter und denkt noch, was für eine schlaue Fliege sie ist. Aber, wie Sie sehen, habe ich in der Leiter, über die sie wieder abwärts steigt, eine Sprosse ausgelassen. Sie stürzt also ab und bricht sich das Genick.»

«Großartig, Herr Präsident!», riefen alle. «Phantastisch! Ein genialer Einfall!»

«Ich bestelle hiermit sofort hunderttausend Stück für das Heer», sagte der Oberbefehlshaber des Heeres.

«Danke schön», sagte der Präsident und notierte sich die Bestellung sorgfältig.

«Ich wiederhole», dröhnte Shuckworths aufgeregte Stimme aus dem Lautsprecher, «sie sind an Bord gegangen und haben die Bombe mitgenommen.»

«Halten Sie sicheren Abstand, Shuckworth», befahl der Präsident. «Es hat keinen Zweck, dass Ihre Jungs mit in die Luft gehen.»

Und nun warteten die Millionen Zuschauer überall in der Welt voller Spannung vor ihren Fernsehapparaten. Auf ihren Schirmen erblickten sie in leuchtenden Farben das riesenhafte Raumhotel mit dem fest angekoppelten unheimlichen kleinen Glaskasten unterm Bauch. Es sah aus, als klammerte sich ein Tierbaby an seine Mutter. Und als die Kamera näher heranfuhr, war deutlich zu erkennen, dass der Glaskasten vollständig leer war. Alle acht Piraten hatten das Raumhotel geentert und ihre Bombe hatten sie mitgenommen.