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Es gibt kaum eine schlechtere Idee, als ein Buch über Witze zu schreiben. Schlechter wäre nur, kein Buch über Witze zu schreiben. Sie würden dann nur im kleinen Kreis bekannt.
Aufgeschrieben jedoch fehlt dem Witz eine Dimension. Es ist wie beim räumlichen Sehen und bei der Fotografie. Der Witz braucht einen, der ihn erzählt, einen, der ihn hört, und mindestens einen Dritten, der mitlacht. Die drei oder mehr bilden eine geschlossene Gesellschaft. Sie sind Vertraute der Heiterkeit. Das Buch, die Platte oder CD, Fernsehen und Radio können nur zwei Dimensionen bieten. Deswegen haben es Witze dort vergleichsweise schwerer. Sie müssen entsprechend ausgewählt werden.
Es können ja auch nie alle über dasselbe lachen, dieselbe Pointe witzig finden. Wer Witze erzählt hat, kennt das. Was in der einen Runde einen sensationellen Lacherfolg verbucht, fällt in einer anderen durch, als habe der Erzähler chinesisch gesprochen.
Sigmund Freud hat gesagt, Witze mache man nicht, sie ereigneten sich. Das können wir leider nicht bieten. Was wir wollen und hoffentlich erreichen, ist, Witz mit Ereignissen zu verknüpfen. Für uns selber konnten wir dabei diese dritte Dimension schaffen. Wir haben jeden Witz zu dritt laut vorgetragen, in seiner Wirkung überprüft und dann erst aufgeschrieben. Wie sagte die Mottenmutter zu ihren Sprösslin-gen: »Und jetzt zeige ich euch mal, wie man Rotweinflecken entfernt!«
Das Wort Witz kommt von Wissen. Wenn wir noch sagen: »Der Witz der Sache ist ...«, so gehen wir damit auf die ursprüngliche Bedeutung ein. Aber die zwanziger Jahre, als Witze sogar zum Kulturgut gehörten, sind sehr lange vorbei.
Welche Witze wurden erzählt in den jetzt fünfzig Jahren der Bundesrepublik Deutschland? Und wann? Vielleicht wird der eine oder andere sagen, dass er einen Witz, den wir den Jahren nach i960 zugeordnet haben, schon früher gehört hat. Es sei ihm gegönnt. Wir können nur unsere eigenen Hörerinnerungen verwerten. Vielleicht waren wir dann gerade hinter unserer Zeit zurück. Auch die Internationalisierung des Witzes führt gelegentlich zu Zeitsprüngen. Manche Details, die unserer Erinnerung entfallen waren, haben wir dann wie gewissenhafte Restauratoren ergänzt.
Viele beklagen oder bestaunen, wie rasant sich unsere Welt und damit unser Leben verändert. Sie sollten aber auch nicht übersehen, was sich in fünfzig Jahren Bundesrepublik schon alles bewegt hat. Das Fernsehen im Wohnzimmer ersetzte das Familienleben. Das Auto als Verkehrsmittel für jedermann revolutionierte Freizeitgewohnheiten. Der Kunstbegriff wurde völlig neu interpretiert. Wenn wir weitere Beispiele, wie Waschmaschinen, Ölheizungen, Massentouristik und das Zusammenwachsen der Welt durch Flugreisen und nicht zuletzt die »Pille« einbeziehen, hat sich in diesen fünfzig Jahren, in der Zeit eines Menschenlebens, mehr verändert als je zuvor in friedlichen Zeiten.
Es kommt uns nur nicht mehr so vor, weil wir derzeit in der größten technischen Transformation der Menschheitsgeschichte leben und die Wandlungen der Vergangenheit schon für ein behagliches Zwischenspiel halten. Manchmal hört man vom Fortschritt sogar in fröhlichen Verkürzungen, so durch den Freund, der einem erzählt: »Meine Frau hat jetzt Servolenkung!«
Wer 1949 jung war, erinnert sich an »Sonntagsanzüge« und familiäre Hausmusik, an häusliche Essordnungen, die ein Stück Fleisch höchstens für den Sonntag vorsahen und Wurst unter Luxus verbuchten; an den wöchentlichen Waschtag der Hausfrau; an nächtliche Fußmärsche in Nachbarstädte, weil sogar ein Fahrrad als Transportmittel fehlte; an das Erstaunen über den alltäglichen Luxus, der ja zunahm, obwohl so unvorstellbar gespart wurde. Eine Tante, bei der ich als Junge zu Besuch war, rief immer, wenn ich zur Toilette mit der neu installierten Wasserspülung ging: »Zieh nicht ab, ich muss auch noch!«
Verzicht, noch nicht Anspruch, prägte unseren Alltag, Prüderie beengte jeden Versuch auf Freizügigkeit. Fast alles galt als unmoralisch und verwerflich, was wir inzwischen als selbstverständliche Lebensbedingungen einplanen.
Der Witz überlebt solche hektischen Zeiten wie in einem Museum, scheint als Kunstform vor Verfall geschützt zu sein. Über die meisten Witze der fünfziger Jahre können wir auch heute noch lachen. Lediglich Scherze über vergilbte Gesellschaftsformen haben sich überlebt. Schnoddrige Offiziere, Dienstboten und alte Jungfern, die Jungfräulichkeit als Wert, das waren einmal bevorzugte Themen. Witzblätter des vorigen Jahrhunderts und der zwanziger Jahre beweisen, welch »andere Zeit« damals war.
Vor allem ein Thema hat die fünfzig Jahre unverändert aktuell überstanden: »Thema eins« des Witzes war immer der Sex. Mit Potenzprotzen und Nymphomanie (deutsche Übersetzung: »zwangsläufig«), Ehebruch und Entdeckung, Heimlichkeit und Verbot. Die Tabugrenzen haben sich nur insoweit geändert, als solche Witze heute in aller Öffentlichkeit erzählt werden.
Einen Toleranzschub können wir alle fast auf ein Datum genau festlegen: Die Diskussion um die Potenzpille »Viagra« hat auch Witze über das vorher tabuisierte Thema an den Familientisch geholt.
Wie Witz auf Zeitströmungen reagiert, auf Pille, abstrakte Kunst, Computer und moderne Technik, auch daran erinnern wir uns vielleicht noch alle. Auch an die Dummenwitze, an Ostfriesen, Manta-Fahrer, Blondinen etc. Aber solche Scherze gab es auch schon bei den alten Griechen. Und das beeinträchtigt ihren zeitgeschichtlichen Wert.
Die meisten Witze warten irgendwo wie unsterbliche Wegelagerer auf ihre Opfer. Viele Jahre und Jahrzehnte lang bleiben sie verschollen, bis sie sich plötzlich an eine Person oder Situation binden, mit der sie wieder ins Leben zurückkehren. Wirklich neue Witze hören wir selten. Auch wenn Friedrich Torberg vielleicht übertrieben hat, wenn er versichert, es gebe überhaupt nur zehn bis zwölf »Fundamentalwitze«. Sie würden stets aus einem aktuellen Anlass »neu eingekleidet«. Sie tun nur wie neu. Vorurteile helfen ihnen dabei. Der Besucher sagt dem Beamten am Schreibtisch: »Sie haben aber viele Fliegen hier.« - »Ja«, erwidert der, »374.«
Je größer die Übereinstimmung mit der aktuellen Situation zu sein scheint, desto schwerer können die Lacher erkennen, dass sie denselben Witz in einem anderen Zusammenhang schon einmal gehört haben. Über das >Neue Deutschlands die Parteizeitung der DDR, wurde z.B. behauptet, sie veranstalte ein Preisausschreiben für den besten politischen Witz. Erster Preis: zehn Jahre Zwangsarbeit. Dieser Witz wurde aber schon über das nationalsozialistische Parteiblatt >Das Reich< erzählt und auch über die Moskauer >Prawda<.
Witze über Diktatoren erhalten sich oft ohne Namen. Die können dann einfach eingefügt werden. Der Kabarettist Werner Finck erzählte die Geschichte von dem Mann, der einen verhassten Tyrannen vor dem Ertrinken rettet. Gefragt, welchen Wunsch er zur Belohnung erfüllt haben möchte, antwortet er: »Sagen Sie ja niemandem, wer Sie gerettet hat!«
Dass dieser Text inzwischen auch Helmut Kohl zugeschrieben wurde, beweist, wie wenig sich manche Witzsucher um Treffsicherheit bemühen. Die Gefahr des primitiven Nachplapperns ist beim politischen Witz besonders groß.
Es wurde schon mal die Frage gestellt: »Welches ist das dünnste Buch der Welt?« Die Antwort lautete: »Zweitausend Jahre deutscher Humor«.
Haben wir Deutschen Humor? Der Vorwurf, keinen Humor zu haben, beunruhigt vor allem den Teil unseres Volkes, der Humor besitzt. Wer keinen Humor hat, vermisst ihn auch nicht. Der Wiener Kritiker und Schriftsteller Alfred Polgar urteilte: »Der deutsche Humor trägt eine Tarnkappe. Immerzu schreit er: >Hier bin ich!<, und keiner sieht ihn.«
Der polnische Romancier Thadäusz Nowakowski erzählte, er sei, als er 1956 von London nach Deutschland kam, von Heinrich Böll gewarnt worden: »Erzählen Sie nur keinen Witz bei uns. Zuerst wird er mit herzlichem Beifall quittiert, aber kurz danach wird jemand im Saal aufstehen und die Frage stellen: >Was wollten Sie eigentlich damit sagen?<«
Was uns fehlt, ist vermutlich der englische »sense of humour«, der den ganzen Alltag prägt und schon in der Schule eingeübt wird. Er schafft in Debatten und Unterhaltungen jene besondere Atmosphäre, in der keiner mehr übelnimmt und den Saal verlässt, sondern in der Bonmots und Treffer der anderen Seite mit beklatscht werden.
Das »Volk der Dichter und Denker« sei zu ernst für Humor, habe ich oft gehört. Bei uns prallen immer gleich Weltanschauungen aufeinander, gilt jemand, der lustig ist, nicht als seriös. Dabei meinte schon Schopenhauer: »Je mehr der Mensch des ganzen Ernstes fähig ist, desto herzlicher kann er lachen.«
Und die deutsche Literatur ist gewiss nicht humorlos. Heinrich Heine, Jean Paul, Wilhelm Busch, Karl Valentin, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz und Eugen Roth waren brillante Humoristen, von Karl Kraus und Kurt Tucholsky gar nicht zu reden.
Marcel Reich-Ranicki hat mal versichert, er halte den Mephisto im >Faust< für die am stärksten mit Humor gesegnete Figur der Weltliteratur. Manche möchten einwenden, es handele sich eher um Ironie und Witz. Aber wenn Humor die Fähigkeit ist, über sich selber zu lachen, sich selber witzig zu finden, dann kann man diese Wertung verstehen. Obwohl ich die Iren immer noch um Shaw und Oscar Wilde beneide.
Deshalb ist in unserem Team der Engländer Chris Howland als Sammler und Autor persönlicher Erfahrungen dabei. Und deswegen soll dieses Buch auch ein Versuch sein, der deutschen Ernsthaftigkeit und dem weltanschaulichen Ballast eine vergnügliche Perspektive zu geben.
Sie sollten dann allerdings auch darüber lachen können, dass dem Amt Blank in Bonn, dem Vorläufer des späteren Verteidigungsministeriums, bis 1953 die Telefon-Nummer 1870/71 zugeteilt worden war. Es war die Jahreszahl des einzigen Krieges, den das deutsche Reich gewonnen hat.
Was unterscheidet Witz und Humor? Humor heißt lateinisch Feuchtigkeit, ist einer der Körpersäfte, die Temperament und Charakter bestimmen. Otto Julius Bierbaum wird gern zitiert mit seinem Spruch: »Humor ist, wenn man trotzdem lacht.« Demnach wäre Humor nicht viel mehr als Resignation.
Jean Paul jedoch sieht im Humor das »umgekehrt Erhabene«. Das ist eine Definition, die auch für den Witz zutrifft. Und schon Karl Kraus hat ja festgestellt: »Es gibt keinen Humor ohne Witz«.
Horaz witzelt in seinen Satiren: »Lieber einen guten Freund ver-lieren als einen guten Witz.« Wie entsteht Witz? Vor allem durch die Fähigkeit, Ereignisse aus einer inneren Distanz zu sehen, ruhig zu beobachten, wie sich andere aufregen. Man darf sich nur nicht selber aus der Fassung bringen lassen. So werden schreiende Vorgesetzte zu komischen Figuren, wandelt sich Hektik zu Slapstick-Szenen, wird man selber überlegen.
Der Mann, der das Telefon abhebt, als es klingelt, und gefragt wird: »Ist da Rothschild?« Er antwortet: »Meine Güte, haben Sie sich verwählt!«
Das Lachen gleiche dem Triumphgeschrei der Gänse, meinte der Verhaltensforscher Konrad Lorenz. Cicero hielt Lachen für Hochmut. Nietzsche sagte, der Mensch leide so tief, dass er darum das Lachen erfinden musste.
Lacht der Mensch künftig allein am Computer, wenn er übers Internet Witze abruft? Oder bleibt dann nur noch eine Dimension von den drei gewünschten übrig, und als trauriger Rest ein Konsument, dem das Lachen vergangen ist?
Kommen Witze als Kunstform deswegen aus der Mode? Das wäre schade, und ich glaube es auch nicht. Wie sagte der Betrunkene, der für jeweils fünfzig Pfennig das 38. Brötchen aus dem Automaten zog: »Stören Sie mich ja nicht! Wo ich gerade so schön am Gewinnen bin!« Ich kenne einen berüchtigten Witzeerzähler, dessen Erfolg vor allem darin besteht, dass er selber immer am stärksten über die Pointe lacht, sooft er sie erzählt. Er brüllt so lauthals und mitreißend los, dass er die Zuhörer ansteckt wie ein Lachsack. Das kann dann auch schlechten Scherzen zum Erfolg verhelfen. Diese Chance haben wir nicht. Unser Lachen bleibt ungedruckt. Wenn wir den Geschmack unserer Leser nicht treffen, können wir auch die Frivolität des Erzählten nicht mehr schönlachen.
Über Geschmack lässt sich nicht streiten, heißt es im Sprichwort. Aber das ist sprichwörtlicher Unsinn, denn über nichts wird so viel gestritten wie über Geschmacksfragen. Deswegen haben wir uns bei unserer Auswahl streng an Fritz Kortner gehalten, von dem der Ausspruch stammt: »Sie haben einen Adlerblick für das Unwesentliche!«